Bitter Lemon von Wolfgang Kaes

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2010 bei C. Bertelsmann.

  • München: C. Bertelsmann, 2010. ISBN: 978-3-570-01120-1. 352 Seiten.

'Bitter Lemon' ist erschienen als Hardcover E-Book

In Kürze:

David Manthey und der Gastarbeitersohn Zoran Jerkov waren in ihrer Kindheit beste Freunde. Fast zwei Jahrzehnte später wird Manthey, inzwischen Ex-Polizist, von seinen Kölner Kollegen reaktiviert: Er soll Zoran aufspüren. Der ist gerade aus dem Gefängnis entlassen worden, wo er zwölf Jahre unschuldig gesessen hat. Nachdem er Rache geschworen hat, ist er untergetaucht. Und tatsächlich sterben nun Menschen, die mit seinem Fall zu tun hatten. Aber ist Zoran auch der Mörder? David Manthey kann es nicht glauben und will auf eigene Faust ermitteln.

Das meint Krimi-Couch.de: »Menschen- und Sklavenhandel – hier und heute, mitten unter uns« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Zwölf Jahre saß Zoran Jerkov unschuldig im Gefängnis. Nach Recherchen der Journalistin Kristina Gleisberg wird er freigelassen und soll noch am gleichen Abend im Fernsehen auftreten. Doch kaum ist Jerkov aus dem Gefängnis raus, stellt er sich den wartenden Reportern und kündigt vor laufender Kamera an, dass er Rache nehmen werde. Fast im gleichen Moment fährt ein Unbekannter mit einem Motorrad vor und Jerkov verschwindet mit diesem spurlos. Nur wenige Tage später wird Heinz Waldorf, Jerkovs zwielichtiger Rechtsanwalt bei dem damaligen Prozess, ermordet in seiner Wohnung aufgefunden.

Unterdessen läuft im Kölner Polizeipräsidium die Suche nach Jerkov auf Hochtouren. Ein hochrangiges, dreiköpfiges Gremium um den geheimnisvollen Uwe Kern hat zur Jagd gerufen. Ausgerechnet der Ex-Polizist David Manthey soll bei der Suche nach seinem ehemaligen Jugendfreund behilflich sein. Doch Manthey, der vor zwei Jahren einen Bestseller über die Drogenszene und deren Einfluss auf die deutsche Politik schrieb, ist bei der Polizei als vermeintlicher Nestbeschmutzer unten durch und hat den Job geschmissen. Zurückgezogen lebt er seither auf Formentera und willigt nur unter Druck ein, bei der Suche nach Jerkov behilflich zu sein. Dabei ahnt Manthey von Beginn an, dass offenbar der Geheimdienst seine Hände im Spiel hat und taucht kurz nach seinem Gespräch mit Kern ebenfalls unter.

Gleisberg und Manthey entdecken, dass Jerkov vor zwölf Jahren das Opfer einer perfiden Intrige eines international agierenden Menschenhändlerringes war und erneut zur Zielscheibe zu werden droht. Mit Hilfe einiger alter Freunde versuchen Gleisberg und Manthey zu verhindern, dass Jerkov andere Menschen tötet oder gar selbst getötet wird. Die Zeit drängt, denn nicht nur Kern und sein Team erhöhen das Tempo. Auch Milos Kecman, 1991 im jugoslawischen Bürgerkrieg der »Schlachter von Vukovar« und heute einer der einflussreichsten Menschenhändler Europas, hat allen Grund sich vor Jerkov zu fürchten.

Dem Journalisten Wolfgang Kaes gelingt mit Bitter Lemon (der doppeldeutige Titel bezieht sich vorrangig auf das gleichnamige Getränk) ein außergewöhnlicher Roman, der aus der Masse der aktuellen Thrillerromane herausragt. Dabei ist der Einstieg zunächst gewöhnungsbedürftig, da der Leser mit Fragen überschüttet wird. Warum saß Jerkov zwölf Jahre im Gefängnis, wo er doch seine Unschuld problemlos hätte beweisen können? Für welche geheime Organisation ist Uwe Kern tätig und – vor allem – was sind deren Ziele? Und so weiter. Zunächst einmal bleibt vieles im Dunklen, erst nach und nach erfahren die Journalistin Gleisberg und der Ex-Polizist Manthey die erschreckenden Hintergründe von Jerkovs Lebens- und Leidensgeschichte. Diese hat es wahrlich in sich und selbst ein hoch angesehener TV-Star steht plötzlich in völlig neuem Licht dar.

Ohne zu viel inhaltlich vorweg nehmen zu wollen, so soll doch erwähnt werden, dass Wolfgang Kaes einen allzu weiten Bogen spannt, der das Buch teilweise überfrachtet. Mit zunehmender Lektüre wird der Überblick allerdings leichter, wobei das natürlich immer so eine Sache ist, wenn der Geheimdienst mit im Spiel ist. Dessen Scharaden sind naturgemäß nicht immer durchsichtig und so gibt es im Verlauf der Handlung einige Überraschungen. Inhaltlich geht es – unter anderem – um so heikle wie (leider immer noch) hochaktuelle Themen wie moderner Menschenhandel und Sklavenarbeit. Wohlgemerkt nicht »irgendwann damals«, sondern im 21. Jahrhundert. Genauer gesagt, gerade jetzt. Hier und heute, mitten unter uns. So erhält man umfangreich recherchierte Informationen über den skrupellosen Handel mit jungen Frauen, die vor allem aus osteuropäischen Staaten mit großen Versprechungen nach Deutschland gelockt werden, um dann hierzulande vorrangig im Rotlichtmilieu zu enden. Weitere mitunter ausführlich behandelte Schwerpunkte sind der Völkermord im ehemaligen Jugoslawien, das Organisierte Verbrechen im Allgemeinen und die damit einhergehende Ohnmacht (besser gesagt »Unfähigkeit«) der Politik, vor allem aufgrund der bestehenden internationalen Verflechtungen in der Welt der Großfinanz.

Wolfgang Kaes hat ein wahrlich »dickes Fass« aufgemacht, in dem die erwähnten Themen schonungslos und kenntnisreich angesprochen werden. Daneben entwickelt sich ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel zwischen Jerkov sowie den Teams von Kern, Kecman und Manthey. Wer solide Spannung und gleichzeitig einen zum Nachdenken anregenden Thriller sucht, findet mit Bitter Lemon einen sehr lesenswerten Roman mit einem dem Inhalt angemessenen Finale. Die auf Dauer nervige Lieblingsformulierung des Autors »Sein Herz schlug ihm bis zum Hals« (so und ähnlich zu finden auf den Seiten 50, 108, 261, 277 und 347) führt zu einem kleinen Punktabzug ebenso wie die etwas überladen wirkende Geschichte und einige klischeehafte Figuren.

Jörg Kijanski, September 2010

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Peter Hesseler zu »Wolfgang Kaes: Bitter Lemon« 28.09.2010
Kijanski hat Recht: sehr guter Stoff, eher ein Vodka-Bitter-Lemon. die paar wiederholungen stören gar nicht. Ich habe sie nicht einmal bemerkt. Und die klischeehaften Figuren sind doch eher zum Schmunzeln – gefunden, beobachtet und hervorgegangen direkt aus Köln. Es gibt dort solche Typen. Und zwar nur dort. Und das Grellgeschminkte ist doch ein Beleg für Kaes' rheinisch-robusten Humor und sein entsprechendes Naturell. Es ist doch bemerkenswert, dass wir den düsteren Normannen-Krimis etwas Lebendiges und trotzdem Brisantes, Seriöses und zugleich Kritisches entgegen zu setzen haben.
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