Nächtliche Vorkommnisse von William Gay

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2006 unter dem Titel Twilight, deutsche Ausgabe erstmals 2009 bei Arche.

  • San Francisco: MacAdam/Cage Pub., 2006 unter dem Titel Twilight. 224 Seiten.
  • Zürich; Hamburg: Arche, 2009. Übersetzt von Joachim Körber. 288 Seiten.

'Nächtliche Vorkommnisse' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Die Geschichte spielt 1951 in einem Kaff in Tennessee: Den Geschwistern Corry und Kenneth Tyler stockt der Atem, als sie herausfinden, was Bestattungsunternehmer Fenton Breece mit dem Leichnam ihres Vaters angestellt hat. Sie beschließen, Breece zu erpressen. Woraufhin der Bestatter einen Mann anheuert, ihm die Geschwister Tyler vom Hals zu schaffen. Dieser Mann achtet kein Gesetz, hat kein Gewissen und kennt nur ein Mittel: Gewalt. Eine Hetzjagd ohne Erbarmen beginnt – quer durch ein nächtliches Niemandsland, in dem sich die Abgründe versehrter Seelen öffnen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Hurricane in der Twilight Zone« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

Fenton Breece graut es vor Menschen, doch noch mehr Menschen grauen sich vor ihm. Dass der Beerdigungsnehmer ein unsympathischer Misanthrop ist, ist in dem kleinen Kaff im Overton County, Tennessee kein Geheimnis. Dass er Leichen schändet und als Teile eines absurden Schauspiels zu seinem Vergnügen missbraucht und fotografiert, soll ihm zum Verhängnis werden. Jedenfalls wenn es nach dem jungen Kenneth Tyler geht, der eines Nachts gemeinsam mit seiner Schwester Corrie das Grab seines Vaters und anschließend weitere Gräber aushebt, um das abnorme Treiben des Bestatters zu entlarven. Bei einem Einbruch in dessen Haus entwendet Kenneth zudem kompromittierende Fotos, die Breece beim bunten Spiel mit frisch Verstorbenen zeigen. Doch entgegen seinem Rat die Bilder der Polizei zu überlassen, beschließt Kens Schwester, Fenton Breece zu erpresssen.

Keine gute Idee, denn anstatt zu bezahlen, engagiert der Bestatter den sinistren Granville Sutter, ihm die Bilder wieder zu beschaffen. Sutter ist kein Laufbursche im üblichen Sinn. Vielmehr benimmt er sich wie der finstere Schnitter höchstpersönlich. Und so finden sich Corrie und Ken bald auf der Flucht wieder, erbarmungslos gejagt von einem mitleidlosen, grausamen Killer.

Was vor allem Corrie nicht gut bekommt. So muss der junge Tyler sie zurück lassen und flieht allein ins »Harrikin«; jene unwirtliche Gegend, in der die Natur über durch Menschenhand geschaffene Zeichen des Eisenerz- und Phosphat-Abbaus triumphiert. Er findet Unterschlupf bei einigen der verstreuten Bewohner das Harrikin, doch lange verweilen kann er nirgendwo, denn Sutter folgt ihm wie sein Schatten und hinterlässt eine blutige Spur. Derweil sitzt Fenton Breece in seinem düsteren Palast und vergnügt sich mit einer toten Geliebten zu Seifenopern im Radio. Ein makabres Idyll mit begrenzter Haltbarkeitsdauer.

In einer der stimmungsvollsten Szenen des Romans findet sich Tyler in einem Waldstück wieder, das von unheimlichen Mobiles nur so wimmelt, in dem tote Tiere an Bäumen hängen und Fallen auf ihre Opfer warten. Die ganze Szenerie erinnert nachdrücklich an das Blair Witch Project – ohne hysterisches Geraune – und an jene Märchen, in denen sich unbescholtene Kinder im tiefen, dunklen Wald verirren. Und richtig – es dauert nicht lange bis Tyler auf eine Hexe stößt. Allerdings eine der guten Sorte. Sie hilft ihm und lässt es nicht zu, dass Sutter ihren Weg kreuzt.

William Gay spielt in Nächtliche Vorkommnisse mit Märchenmotiven, baut sie gekonnt in seine Version eines Southern-Gothic Romans ein, in dem es von schrägen Gestalten nur so wimmelt. Hier ist alles überlebensgroß, gerade Granville Sutter ist mit geradezu mythischer Kraft ausgestattet. Ein seelenloser Killer, dem die Justiz aus unerfindlichen Gründen nichts anhaben kann (oder will) und der über Kenneth Tyler kommt wie der Hurricane, der das nach ihm benannte Harrikin verwüstete – aber nicht zerstörte. Sutter ist Tylers persönliche Nemesis, seine Prüfung, die er in den letzten Tagen seiner Kindheit und Jugend bewältigen muss. Manchmal sieht Tyler in Sutter sogar sein dunkles alter ego, jenen Tyler, der die Ausgeburt der delirierenden Alpträume seines ständig besoffenen Vaters sein könnte. Weil das so ist, wird der Kampf für Sutter wesentlich härter, als er sich das vorgestellt hat.

Eine genaue Abbildung realistischer Gegebenheiten ist nicht das Hauptanliegen der Nächtliche(n) Vorkommnisse. In Gays gotischem Opernhaus am Ende der Zivilisation geben sich Wahnsinn und Verderbtheit die Hand und schicken den Lauteren auf eine apokalyptische Reise, in der er erst sein dunkles Ich überwinden muss, bevor er mit gewachsenem und gewandeltem Bewusstsein in die Welt jenseits der »Twilight Zone« hinaus treten kann.

[...] und in dem veränderten Licht sah er einen neuen Tyler, älter, vielleicht weiser, vertrauter mit dem tolldreisten Wirken einer tolldreisten Welt, als hätte er eine unheilvolle, zehn Jahre ältere Version seiner selbst angehalten.

Die Vergleiche mit Cormac McCarthy und William Faulkner, die Gays Roman »Provinzen der Nacht« anscheinend herauf beschwor, sollte und kann man sich im Zusammenhang mit Nächtliche Vorkommnisse allerdings schenken. Wobei nach dem ersten Eindruck die Verfilmung von McCarthys The Road stimmungsmäßig tief im Harrikin steckt.

Aber derartige Vergleiche hat der Roman auch nicht nötig, denn Gays Mischung aus Coming-of-Age-Story und horriblem Thriller vor winterlicher Kulisse, überzeugt kraft seiner Sprache (auch in der starken Übersetzung Joachim Körbers) und der herauf beschworenen Bilder des Verfalls und schleichenden Wahnsinns auf spannende Art allein.

Jochen König, Juli 2009

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M.Albrecht zu »William Gay: Nächtliche Vorkommnisse« 11.11.2011
Also, angetan von einem Buchtipp aus einen renommierten Hörsender wurde ich auf das Buch aufmerksam, da von überragendem Schreibstil und ungeheure Spannung die Rede war.Auch die eigentl. Idee , daß ein Bestatter etwas mit seinen Angetrauten veranstaltet veranlasstem mich zum Lesen.
Doch was bekam man geboten-eine perversen Bestatter, der einen Headhunter ansetzt.Darum dreht sich leider alles im Buch-die unendlich schlechte Story eines Nachlaufens, in der mal eben Zivilisten, die fehl am Platze sind weggemordet werden.
Der größte Clou und das zugleich schlechteste am Buch ist "das alte Mütterchen" in Form vom bösen Sutter; da hab ich doch gleich an Rotkäppchen gedacht, der die Großmutter verspeist hat.Nun, da soviel niedergebrannt wird an Häusern-kann ich nur empfehlen dies auch mit dem Buch zu tun.Grauenvoll-wobei aus dem Stoff an sich wirklich was zu machen wäre-hier wurde allerdings nur Bullshit draus gemacht
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