Pforte des Todes von Willi Voss

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 bei Pendragon.

  • Bielefeld: Pendragon, 2009. ISBN: 978-3865321541. 416 Seiten.

'Pforte des Todes' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Einen solchen Fall haben weder Hauptkommissar Reineking noch die LKA-Experten erlebt: Vor dem Sockel des Kaiser-Wilhelm-Denkmals an der Porta Westfalica ist ein Mensch bis zur Unkenntlichkeit verbrannt worden. Augenzeugen behaupten, das Opfer sei brennend auf das Denkmal zugelaufen. Aber wer ist er überhaupt? Und welche Bedeutung hat das antike Medaillon, das bei ihm gefunden wurde? Als Hauptkommissar Reineking herausfindet, dass das Opfer vor seinem Tod versuchte, sowohl einem Journalisten als auch dem Vatikan eine Geschichte über eine dubiose Sekte zu verkaufen, ist er auf der richtigen Spur. Denn der geheimnisvolle Tote hatte den Guru der Sekte, zu deren Riten angeblich blutige Menschenopfer gehören, überfallen und den Schlüssel einer Kapelle und besagtes Medaillon gestohlen. In der Kapelle erwartet die Ermittler ein grausiger Fund: der Leichnam einer offenbar rituell getöteten jungen Frau. Ihr vernarbter Körper gibt der Polizei weitere Rätsel auf. Hinter den rätselhaften Toten im idyllischen Westfalen scheinen mächtige, dunkle Mächte am Werk zu sein. Ist die Sekte wirklich im Besitz uralter Dokumente, die das geheime Wissen bergen, um aus dem Jenseits zurückzukehren? Die Kirchenvertreter sind davon überzeugt und es beginnt eine umbarmherzige Jagd auf den Sektenführer.

Das meint Krimi-Couch.de: »Durch’s Feuer ins Licht – ein überraschendes Comeback« 83°

Krimi-Rezension von Jochen König

Die kärglichen Überreste einer verbrannten Leiche am Kaiser Wilhelm-Denkmal. Hauptkommissar Reineking und seine Mitarbeiter stehen vor einem Rätsel. Wer war der Tote, wie genau ist er verbrannt? Welche Bedeutung hat das Medaillon, das in der Asche des Toten gefunden wurde?

Doch weder die Spurensicherung des LKA, noch mühsam ermittelte Zeugen bringen Licht ins Geschehen. Erst ein rühriger Journalist und seine Assistentin kommen der Wahrheit so nahe, dass es lebensgefährlich wird.

Denn hinter dem rätselhaften Tod im idyllischen Ost-Westfalen sind mächtige und dunkle Kräfte am Werk. Eine Geschichte, die bis zu den Anfängen des Templer-Ordens reicht, abtrünnige Priester und ein kirchlicher Geheimdienst führen Reineking und seine Kollegen in eine düstere Welt, in der das ewige Leben herausgefordert werden soll; in der religiöser Wahn den Antrieb bietet, die Natur und ihre Gesetze herauszufordern. Der Templer-Orden und altägyptischer Götterglaube geben sich ein Stelldichein, dass für den einen Tod, für den anderen ewiges Leben bedeuten soll.

Willi Voss ist zurück. Siebzehn Jahre nach seinem letzten Holger Fleestedt-Roman »Bluthunde« legt er mit »Pforte des Todes« einen lang erwarteten neuen Roman vor. Der es in sich hat und mit 416 Seiten erstaunlich füllig geraten ist; war Voss früher doch eher ein Meister der ganz knappen Form. Zumindest in seinen Polizei-/Privatdetektivromanen um den Hamburger (Ex-)Kommissar Fleestedt.

Doch »Pforte des Todes« ist kein reiner Polizeiroman. Obwohl dieser Part breiten Raum einnimmt wird er um eine mystische Komponente erweitert. Pater Jakob, ein abtrünniger Priester und aktueller Guru mit treuer Gefolgschaft, und Verrätern im Gepäck, möchte mittels eines alten Ritus, der auf die ägyptische Mythologie UND den Templerorden verweist, die Grenze zwischen Leben und Tod durchbrechen. Dass er dabei besonders von seinen ehemaligen Arbeitgebern misstrauisch beäugt wird, versteht sich von selbst. Mit der ersten Leiche beginnt dann auch alles aus dem Ruder zu laufen.

Doch während sich Reineking und seine Kollegen mit der Ermittlung der Brandursache schwer tun, kommen sie in allen anderen Bereichen schnell zu ersten Ergebnissen. Und so gerät Jakob und die seltsame, gewalttätige Ermittlungsbrigade der katholischen Kirche immer mehr in den Blickpunkt der Polizei und der begleitenden Journaille. Was für den ein oder anderen zu bösen Konsequenzen führt.

Man darf sich nicht täuschen lassen vom Mystery-Teil des Buches. Voss geht es nicht um die Aufdeckung einer weltumspannenden Verschwörung á la Dan Brown. Sein Roman spielt nicht umsonst in der westfälischen Provinz. Seine Figuren sind keine überragenden Wissenschaftler (na ja, vielleicht mit einer Ausnahme), keine überlebensgroßen Assassinen, die unlautere Ziele verfolgen.  Bei Voss geht es um kleinliche und allzu menschliche Beweggründe wie Machtverlust, Neid, Bewahrung des Status Quo und schlichte, alltägliche Gewalttätigkeit. Lediglich der seltsame Pater Jakob sticht aus diesem Konglomerat materialistisch orientierter Zeitgenossen hervor: er glaubt an seine Sache, an seine Fähigkeiten. Kein Guru aus Berechnung, sondern aus reiner Obsession. Willi Voss lässt offen, ob diese mythenumrankte Zelebrierung eines Traums, tatsächlich eine Lebens-Alternative darstellen kann.

Denn das Hauptthema der Pforte des Todes ist die Ungewissheit. Das schummerige Gefühl, nicht mehr zu wissen, was wahr ist; sogar nicht einmal Klarheit über bereits vergangene Geschehnisse zu besitzen.

Diese Unsicherheit hat auch Reineking und seine Kollegen im Griff. Sie können Ursache und Wirkung nicht mehr dezidiert benennen, und so schwimmen die Rationalisten im Trüben, machen Fehler, übersehen Wesentliches, werden aber auch ausgebremst durch eine latente Bedrohung: Freund und Feind sind nicht mehr auseinander zu halten.

Voss schildert das nicht plakativ,  er zeigt frustrierende Polizeiarbeit, menschliche Limitationen, Kommunikationslöcher, Reduktionen überall: der Horizont wird nicht mehr erweitert, sondern soll eingeschränkt werden. Die Geschichte(n) dazu liegt in der Hand von Menschen, die gerne im Schatten agieren. Doch auch die begehen Fehler, und so können Reineking und seine Mitarbeiter am Ende einige der gesponnenen Fäden entwirren. Beileibe nicht alles wird aufgeklärt, auch hier bleibt Voss ganz realistisch; anderes bleibt der Fantasie des Lesers überlassen. Vor allem das Ende bietet eine überraschende Volte: Fiebertraum eines enttäuschten Liebenden, die Einkehr des Magischen ins profane Leben oder einfach nicht tief genug geschnitten? Der Leser darf wählen und Willi Voss zum eigenwilligen und gelungenen Comeback gratulieren.

Jochen König, Dezember 2009

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piatee zu »Willi Voss: Pforte des Todes« 12.12.2009
Lieber Jochen, Danke für diese sehr informative Rezension. Ich bin wie Du der Meinung, dass man sich bei diesem außergewöhnlichen Roman wirklich "nicht vom Mystery-Teil täuschen lassen" soll, aber Deine Annahme, es gehe darin nur "um kleinliche und allzu menschliche Beweggründe wie Machtverlust, Neid, Bewahrung des Status Quo und schlichte, alltägliche Gewalttätigkeit", wird in meinen Augen der Geschichte nicht ganz gerecht.
Nachdem ich mehrere Kommentare und daraufhin das Buch zum zweiten Mal
gelesen habe, bestätigt sich mein Eindruck, es mit mehr als einem
„Thriller“ zu tun zu haben.
Dieses Mehr findet man zwar nicht sofort in dem zugegebenermaßen sorgfältig
recherchierten und sehr spannend aufgearbeiteten Stoff. und seinem
kunstvoll komponierten Handlungsverlauf. Aber es offenbart sich ganz eindeutig in den Figuren selbst, die - so oder so - im Spannungsverhältnis des Sinns oder Unsinns der
Religionen stehen. Deshalb sehe ich das Mystery-Element des Romans als
geglückten Versuch den Leser mit der Gefahr des Sektenunwesens und der spannenden Frage nach der Verführbarkeit durch Glauben zu konfrontieren. Dabei bleibt es dem Leser trotzdem selbst überlassen, ob er diesen Roman als reinen Thriller genießt, oder dieses zum Nachdenken anregende "Mehr" als Auseinandersetzung mit Glaubensfragen aufnimmt.
Insoweit, glaube ich, ist es dem Autor mit diesem Roman gelungen, etwas Neues in die Welt des Krimis zu setzen.
Liebe Grüße,
Piatee
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