Der Monddiamant von Wilkie Collins

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1868 unter dem Titel The moonstone, deutsche Ausgabe erstmals 1914 bei Lutz.

  • Leipzig: Tauchnitz, 1868 unter dem Titel The moonstone. 2 Bände. 342 Seiten.
  • Stuttgart: Lutz, 1914 Der Mondstein. Übersetzt von Margarete Jacobi. 355 Seiten.
  • Zürich: Fraumünster, 1942 Der Mondstein. Übersetzt von O. C. Recht. 224 Seiten.
  • Berlin; Hamburg: Hera, 1949. Übersetzt von Siegfried H. Engel. 282 Seiten.
  • Berlin: Neues Leben, 1963 Der Mondstein. Übersetzt von Günter Löffler. gekürzt. 358 Seiten.
  • Düsseldorf: Droste, 1966. Übersetzt von Siegfried H. Engel. 308 Seiten.
  • München: Heyne, 1968. Übersetzt von Siegfried H. Engel. 252 Seiten.
  • München: dtv, 1973. Übersetzt von Inge Lindt. ISBN: 3423009055. 491 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Groverts-Krüger-Stahlberg, 1974. Übersetzt von Gisela Geisler. ISBN: 3774004447. 590 Seiten.
  • Stuttgart: Engelhorn, 1990. Übersetzt von Margarete Jacobi. ISBN: 3872030825. 496 Seiten.
  • München: dtv, 2013. Übersetzt von Inge Lindt. ISBN: 978-3423142823. 560 Seiten.

'Der Monddiamant' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Zu ihrem einunzwanzigsten Geburtstag erhält Lady Rachel Verinder ein ungewöhnliches Geschenk: den geheimnisumwobenen Monddiamanten. Der kostbare Stein stammt aus einem indischen Heiligtum. Ein Verwandter der Verinders brachte ihn durch einen Mord in seinen Besitz. Rachel kann sich nur eine Nacht an dem Schmuck erfreuen – dann ist der Stein spurlos verschwunden. Die Suche nach dem Monddiamanten setzt sofort ein, aber rätselhafterweise weigert sich Rachel, dabei zu helfen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Melodramatische Sensation im Fortsetzungsroman« 88°Treffer

Krimi-Rezension von Almut Oetjen

Bei der Erstürmung der indischen Stadt Srinrangapattam erbeutet der britische Offizier John Herncastle im Jahre 1799 den gelben Diamanten, der im 12. Jahrhundert aus der Stirn der indischen Mondgott-Statue gebrochen und gestohlen wurde. Seitdem versuchen Generationen von brahmanischen Priestern, den angeblich fluchbeladenen Stein zurückzuholen. Der brutale Herncastle kehrt nach England zurück, wo er, von seiner Familie geschnitten, ein moralisch zweifelhaftes Leben führt. Den Diamanten deponiert er in einem Safe. Um sicher zu gehen, dass er von den Priestern nicht ermordet wird, verfügt er, dass der Stein im Falle seiner Ermordung zerschnitten und damit auf immer zerstört wird. Aus Rache für eine Schmähung, die ihm seine Schwester, Lady Julia Verinder, zufügt, vererbt er deren Tochter Rachel den Stein. Herncastle stirbt eines natürlichen Todes.

An ihrem folgenden Geburtstag im Juni 1848 bekommt Rachel in Anwesenheit ihrer Gäste den Stein von ihrem Cousin Franklin Blake überreicht. Als der Diamant am nächsten Morgen aus ihrem Zimmer verschwunden ist, fällt der Verdacht zunächst auf drei Inder, die sich als Gaukler ausgeben und sich auf dem Schlossgelände herumgeschlichen haben. Doch sie besitzen ein Alibi. Da Inspector Seegraves Ermittlungen stocken, bittet Franklin den berühmten Inspector Cuff von Scotland Yard um Hilfe.

Multiperspektivisches Erzählen

Der Monddiamant erschien als Fortsetzungsroman in All the Year Round von 4. Januar bis zum 8. August 1868 und ist nach Die Frau in Weiß Collins’ berühmtester Roman. Das Handlungslabyrinth um den Diamanten setzt sich aus einer Sammlung von Berichten zusammen, erzählt aus verschiedenen Perspektiven. Jeder Erzähler berichtet nur das, was er selbst beobachtet hat, jeder weiß etwas mehr, jeder weiß etwas anderes. Mit jedem Wechsel dringt der Leser weiter ins Zentrum des Geheimnisses vor, wobei Collins es glänzend gelingt, die Auflösung des Falls spannungssteigernd hinauszuzögern.

In Auftrag gegeben und zusammengestellt werden die Berichte von Franklin, der als Amateurdetektiv das Verbrechen aufklären will, um sich zu entlasten und Rachel schließlich doch noch heiraten zu können. Bisweilen kommentiert er die exakt übernommenen Berichte und fügt außerdem Tagebuchaufzeichnungen sowie Briefe hinzu. Ein Epilog mit den Aussagen eines Polizeibeamten und eines Kapitäns sowie der Brief des Indienforschers Murthwaite komplettieren die Geschichte und klären den Leser über das weitere Schicksal der Inder und des Diamanten auf.

Jeder Erzähler hat ein persönliches Profil, insbesondere stechen der so loyale wie skurrile Hausverwalter Betteredge sowie die altjüngferliche Cousine Rachels, die religiöse Fanatikerin Drusilla Clack, heraus, deren Bericht die Vermutung nahelegt, dass sie, ohne sich dessen bewusst zu sein, in Godfrey verliebt ist. Auch sonst gibt ihr Bericht einiges über sie preis, was ihr unangenehm sein muss. Die aus Armadale bekannte Ironie fehlt völlig, allerdings tritt hier mit Godfrey Ablewhite ein besonders perfides Exemplar des Heuchlers auf, der eine Doppelexistenz führt: nach außen hin mimt er den Philantropen, der für Frauenkomitees Geld sammelt, ist tatsächlich aber ein Krimineller, der zudem unter falschem Namen eine Villa bewohnt und sich eine Mätresse hält.

Mit Inspector Cuff erfand Collins einen melancholischen, logisch präzise denkenden Detektiv mit guter Beobachtungsgabe und einem Faible für die Rosenzucht, der als Vorbild für spätere Roman-Detektive diente. Mit Rachel Verinder hat Collins eine für viktorianische Verhältnisse ungewöhnlich starke, autonome und zu ihrer Liebe stehende Frauenfigur geschaffen, eine Verwandte Marian Halcombes (Die Frau in Weiß) und Lydia Gwilts (Armadale).

Collins mischt geschickt Melodramatik und Sensationalismus mit Romanze und Verbrechen. Übernatürliche Elemente werden angedeutet. Ob der Diamant tatsächlich fluchbeladen ist oder nicht, bleibt eine Glaubensfrage. Unbestritten ist, dass seinetwegen eine Reihe von grausigen Verbrechen geschehen, die sich jedoch als selbsterfüllende Prophezeiungen einordnen lassen. Mit der Figur des Betteredge, der in Defoes »Robinson Crusoe« ein prophetisches Werk sieht, übt sich Collins in ironischer Distanz zu eben dem Glauben an das Übernatürliche. Der Monddiamant war Collins’ letzter großer Erfolg als Schriftsteller. Seinerzeit wussten die Leser nicht, dass die sensationalistische und beeindruckende Beschreibung der Opiumabhängigkeit ihren Ursprung in Collins’ persönlichen Erfahrungen hatte.

Wilkie Collins hat mit Der Monddiamant einen der großen Klassiker nicht nur des Detektivromans geschrieben. In allerhöchsten Tönen gelobt von beispielsweise Dorothy L. Sayers und G. K. Chesterton, bietet die Geschichte, die sich aus mehreren Narrationen zusammensetzt, den Lesern die Möglichkeit, selbst zu kriminalisieren, während sie auf äußerst amüsante Weise unterhalten werden.

Almut Oetjen, November 2014

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Wolf-Dietmar Seidel zu »Wilkie Collins: Der Monddiamant« 25.07.2016
Wahrscheinlich kommt es immer darauf an, was man erwartet. Ich habe gerade an den Einstellungen des Verwalters Betteredge viel Spaß gehabt. Angefangen von seinem "Robinson Crusoe" als Bibelersatz und Glaubensinhalt bis hin seiner unerschütterlichen Loyalität seinen Dienstherren gegenüber, denen er durchaus kritisches sagen kann aber dann: "Ihre Anweisungen werden ausgeführt - trotz der Schrullen. Und sollte es soweit kommen, daß Sie das Haus in Brand stecken - ich werde die Feuerwehr erst rufen, nachdem Sie geklingelt und mir den Befehl dazu gegeben haben!"
Genauso unterhaltsam, weil unheimlich nervig, Miss Clack, die Nichte des verstorbenen John Verinder, die überall die Unmoral walten sieht und selbst nicht sieht, wie zerstörerisch dieses gesetzliche Christentum wirkt.Natürlich ist das kein "moderner" Kriminalroman. Natürlich ein Blick in eine andere Zeit. Aber mit einem durchaus mit Humor kritischem Blick auf die damaligen gesellschaftlichen Zustände.
Das ist mein dritter Collins-Roman, von denen er mein vergnüglichster ist.
Stefan83 zu »Wilkie Collins: Der Monddiamant« 22.03.2011
"Wer sich selbst als Anhänger und Freund des klassischen britischen Kriminalromans versteht, sollte zumindest ein Buch vom Mitbegründer des Genres, Wilkie Collins, gelesen haben." So zumindest die forsche Behauptung einer früheren Kollegin aus der Krimi-Abteilung unserer Buchhandlung, welche mir dieses Werk mit Wohlwollen empfohlen hatte. Nun ward das Buch gelesen und gleichzeitig einem näheren Blick unterworfen.

Kurz zum Autor: Wilkie Collins, zeitlebens Freund und Konkurrent des großen Charles Dickens, machte sich im viktorianischen England einen Namen als Autor von Sensationsromanen. Er war einer der ersten, der kriminelle Themen wie Mord und Diebstahl in der Literatur gesellschaftsfähig machte und gilt daher als Pionier, der viele nachfolgende Autoren wie Sir Arthur Conan Doyle, G.K. Chesterton und Agatha Christie beeinflusst hat. "Der Monddiamant" ist eine seiner bekanntesten Geschichten, deren Inhalt schnell angerissen sei:

London, im späten 19. Jahrhundert. An ihrem einundzwanzigsten Geburtstag wird Lady Rachel Verinder ein äußerst kostbares Geschenk gemacht. Sie erbt den geheimnisvollen und sagenumwobenen Monddiamanten, der einst die Stirn der Mondgöttin zierte, bis ihr Onkel, damals britischer Kolonialoffizier von zweifelhaftem Ruf, ihn unter dubiosen Umständen an sich und mit nach England brachte. Und die düstere Vergangenheit scheint auch bald ihre Fänge in die Gegenwart zu schlagen, denn noch in Nacht der Geburtstagsfeier verschwindet der Diamant spurlos. Wurde er, wie schon damals in Indien, gestohlen? Die herbeigerufene Dorfpolizei steht vor einem Rätsel und zieht Kriminalinspektor Sergeant Cuff von Scotland Yard hinzu, einen ebenso listigen wie melancholischen Detektiv, der sich in seiner Freizeit der Rosenzucht widmet und mit ähnlicher Sorgfalt die ihm anvertrauten Fälle behandelt. Doch auch seine gründlichen Recherchen können nur wenig Licht in das mysteriöse Dunkel bringen. Der Stein bleibt verschwunden. Allerdings geschieht im Kreis der vielen Verdächtigen dann auch ein Mord - und mit ihm gelangen nicht nur für Sergeant Cuff die Dinge ins Laufen.

Aus heutiger Sicht betrachtet ist das Thema des "Monddiamanten" nur noch wenig sensationell. Wenngleich clever konstruiert, hat der Zahn der Zeit ziemlich an dieser Geschichte genagt, der einfach die Dynamik und Rasanz in der Handlung fehlt. Collins verliert sich zu sehr in den detailgetreuen Erklärungen, Figurenzeichnungen und Wiederholungen, opfert den roten Faden in vielen Passagen seiner Darstellung des damaligen Sittenbilds. Die eigentliche Kriminalromanhandlung gerät dadurch in den Hintergrund, weshalb sich selbst der geduldigste Whodunit-Leser das Vorblättern der Seiten mit viel Mühe verkneifen muss. Was also macht den "Monddiamanten" zu diesem Klassiker und auch heute noch lesenswert?

Ein Punkt ist sicherlich der Aufbau des Romans. Wie auch in seinen anderen bekannten und erfolgreichen Romanen wird hier das Geschehen gleich von mehreren Ich-Erzählern geschildert - uns zwar den Beteiligten des Falls, welche allesamt unter Verdacht stehen. Es ist der Reiz dieser Geschichte, dass der Leser keinem von ihnen trauen kann und will, dass er quasi heimlich dazu gebracht wird, selbst Detektiv zu spielen. Aus der einfachen rückblickenden Erzählung wird schließlich eine Ansammlung von Zeugenaussagen, die zum Gedankenspiel anregt. Dank Collins' stilistischer Finesse - ein großer Teil dieses langen Romans besteht aus Dialogen - findet man sich erstaunlich gut in der doch ziemlich verworrenen Handlung zurecht. Darüber hinaus ist seine Fähigkeit hervorzuheben, die Arbeitsweise des menschlichen Verstandes zu sezieren und sich in beiderlei Geschlechter hineinzuversetzen. Für einen männlichen Schriftsteller im 19. Jahrhundert ziemlich ungewöhnlich, erlaubt dies dem Leser einen Blick auf eine ganze Reihe verschiedenster Charaktere und ihre Motivationen. Viele der späteren Autoren sind von diesem Format schließlich abgewichen. Nicht zuletzt deshalb, da doch nicht selten die eigentliche Krimihandlung bei diesen vielen Figuren- und Schauplatzwechseln verloren geht. So exzellent die Dialoge auch sind. Der trockene Humor wirkt mittlerweile bieder und gestelzt. Nur selten kann man z.B. über die Aussprüche und inneren Monologe des loyalen, aber doch leicht zurückgebliebenen Verwalters Betteredge schmunzeln.

Am Ende, dessen Auflösung mich persönlich nicht allzu sehr überrascht hat, steht fest, dass Collins ein ausgezeichneter Schriftsteller gewesen ist. Ihn als Urvater und Gründer des Kriminalromans zu bezeichnen geht jedoch zu weit. Ein Wegweiser und Vorreiter für die nachfolgende Schriftstellergeneration war er aber ganz sicher.

Insgesamt ist "Der Monddiamant" ein Schaufenster ins viktorianische England mit einigen kriminalliterarischen Elementen, das aber über weite Strecken nur wenig unterhält und sich oftmals zäh und mehr wie eine historische Gesellschaftsanalyse liest. Ein Buch für Kenner, die den Wert zu schätzen wissen. Ganz sicher nichts für den Gelegenheitsleser.
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