Goldstein von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2010
bei Kiepenheuer & Witsch.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Berlin, 1930 - 1949.
Folge 3 der Gereon-Rath-Serie.
-
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2010.
ISBN:
978-3-462-04238-2. 544 Seiten. -
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2011.
ISBN:
978-3-462-04212-2. 573 Seiten.
-
[Hörbuch] Berlin: Argon, 2010.
Gesprochen von David Nathan.
ISBN:
3839810396. 6 CDs.
'Goldstein' ist erschienen als
![]()
![]()
In Kürze:
Raths dritter Fall ist ein harter Brocken: Abe Goldstein, jüdischer Gangster aus Brooklyn, mischt Berlin auf. Berlin 1931: Die Wirtschaftskrise verschärft sich, die Auseinandersetzungen zwischen SA und Rotfront werden gewalttätig, unter den Ringvereinen tobt ein Machtkampf und Gereon Rath bekommt den Auftrag, den US-Gangster Abraham »Abe« Goldstein zu beschatten. Aus einer Gefälligkeit für das Bureau of Investigation wird ein tödlicher Wettlauf. Es beginnt im KaDeWe. Alexandra, genannt Alex, und Benny, beide obdachlose Gelegenheitsdiebe, lassen sich im prächtigsten Konsumtempel der Stadt einschließen, um Schmuck und Uhren zu erbeuten. Doch was bei Tietz und Karstadt noch ein Kinderspiel war, geht nun fürchterlich schief. Am Ende kann Alex knapp entkommen, muss aber mit ansehen, wie Benny von der Balustrade stürzt – und dass ein Schupo daran beteiligt war. Von da an wird sie gejagt. Gereon Rath hingegen langweilt sich auf seinem Beobachtungsposten im Hotel Excelsior, in dem Goldstein Quartier bezogen hat. Der Gangster scheint sich damit abgefunden zu haben, unter Beobachtung der Polizei zu stehen. Dass Goldstein sich längst frei in der Stadt bewegt und dort eine Waffe besorgt hat, ahnt niemand. Unterweltboss Johann Marlow zwingt Rath derweil zu einer privaten Ermittlung: Der rote Hugo, Chef des Ringvereins Berolina und Marlows Geschäftspartner, ist verschwunden. Schnell gerät Gereon zwischen die Fronten eines Bandenkriegs. Und dann ist da noch Charly Ritter, die Nochimmernicht-Verlobte von Gereon Rath, die mittlerweile ihr Juraexamen bestanden und den Vorbereitungsdienst im Amtsgericht Lichtenberg angetreten hat. Als sie eine junge Obdachlose, die ohne Fahrschein in der S-Bahn erwischt wurde, bei der Vernehmung entwischen lässt, berühren sich ihre Ermittlungen mit denen Gereons – und sie bekommen richtig Krach.
Nachdem wir durch das Stahlbad Hollywood gegangen, mit transatlantischen Mythen aufgewachsen, uns Namen wie Capone und Dutch Schultz, Moe Green oder Vito Corleone zum Inbegriff des Verbrechens geworden sind, ist der Blick auf unsere eigene Tradition verkümmert. Zwar hat Alfred Döblin im Alexanderplatz, den Bodensatz der Weimarer Republik ein Gesicht verliehen, doch wenn wir an die Zwanziger, Dreißiger denken, fällt uns als Erstes Liza Minelli und Cabaret ein. Allemal noch Brecht und seine Dreigroschenoper, Erich Kästner und Emil und die Detektive.
Berlin, Weimarer Republik, eine einzige Revue, oder?
Der Rest gehört der Geschichtsschreibung und den Memoiren an, die die Anfänge des Dritten Reiches immer wieder beleuchten und das Unvermögen einer Gesellschaft, sich als Demokratie zu verstehen, nachzeichnen.
Auch Volker Kutschers dritter Roman um seinen Kommissar Gereon Rath besticht durch die dichte Atmosphäre einer Gesellschaft, die sich nicht bewusst ist, dass sie sich im Auflösen befindet. Kutscher ist ein Chronist im Stile Gore Vidals, eher an einem Sittengemälde als an der bis zum Exzess austarierten Spannung interessiert. Seine Fälle sind episch angelegt, nehmen sich Zeit fürs Detail, den Seitenblick, dem Versuch, die Zeit weniger mit Spannung zu überladen, als sie zu verstehen.
Zwar bevölkern Antisemiten, wie braunes Gesocks das Bild, werden auch hier unlautere Geschäfte durch Morde abgesichert, lässt das Leben am Rand nur den Diebstahl im KaDeWe zu, sind Korruption, Machtgehabe bei der Polizei wie der Politik Triebfedern einer ziellos dahin driftenden Society, aber sie münden nicht im Schwarz-weiß Klischee. Eher nähert sich Kutschers Stil den wunderbar nüchternen Romanen eines William Kennedys an. Auch wenn Kutscher sich diesmal dem Blick über den großen Teich öffnet, indem er in der Gestalt von Abraham Goldstein den American Style of Crime in sein Berliner Geschehen eingreifen lässt.
Das birgt allzu leicht die Gefahr, mit den großen Vorbildern verglichen zu werden. Goldstein ist ein Killer. Einer von Fat Moes Männern. Nach einer unglücklichen Kindheit hat er sich auf den Straßen New Yorks durch kaltblütiges Morden einen Namen und Respekt verschafft. In seiner Ausstattung erinnert er an die Gangster in Billy Bathgate von E.L. Doctorow.: Es gibt nur ein Überleben, wenn man sich vom Leben das nimmt, was es einem eigentlich nicht zusteht.
Ausgerechnet auf Abe Goldstein soll Kommissar Gereon Rath ein Auge werfen, damit der Amerikaner nicht neues Unheil anrichtet. Wie wir aus den beiden Vorgänger Der nasse Fisch und Der stumme Tod wissen, ist Rath nicht unbefleckt und steht in einem merkwürdigen Verhältnis zu dem halbseidenen John Marlow, der sich gelegentlich der Berolina bedient, deren Chef der rote Hugo nun verschwunden ist. Marlow beauftragt Rath damit, die Umstände zu klären, während sich zwischen den Banden der Nordpiraten und der Berolina ein Verteilungskampf entspinnt.
Kutscher kennt seine Amerikaner. Auch wenn er nicht Hard Boiled a lá Hammett oder Chandler daher kommt, versteht er sich darauf, den Sumpf zu bewässern, in dem selbst das Gute auf Abwege gerät. Egal ob die ehrgeizige und geliebte Charly Ritter, der Buddha Gennat, die Bulldogge Böhm, der Hund Kiries – es menschelt bei Kutscher, das macht den Roman zu einem Schmöker, in den man gerne versinkt, ohne sich der Unsicherheit, der Zuspitzung, der Überzeichnung aussetzen zu müssen. Die Sympathien sind klar verteilt.
Kutscher bemüht sich, ein geschichtliches Mosaik mittels des Kriminalromans hervorzuzaubern. Wenn ein alter Jude die U-Bahn nehmen will und von der SA daran gehindert wird, indem die Braunen Sprüche wie »Sprich Deutsch, wenn du Deutscher bist« in die Welt hinausposaunen, um den alten Mann anschließend in einem Park aufmischen zu wollen, gehört dies zum Erscheinungsbild einer Republik, die vor allem eins kann: mit sich selbst beschäftigt sein, und die nur allzu gerne beiseite schaut.
Dass ausgerechnet Abe Goldstein den alten Juden retten wird, mag der augenzwinkernden Ironie des Autors geschuldet sein, der sich mit journalistischer Akribie dem Geschichtenerzählen verschreibt, um uns von den Wurzeln zu berichten, die in unsere Zeit hineinreichen.
Wolfgang Franßen, Februar 2011
Ihre Meinung zu »Volker Kutscher: Goldstein«
Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!
| Bin zu »Volker Kutscher: Goldstein« | 10.02.2012 |
|---|---|
| WUHMR zu »Volker Kutscher: Goldstein« | 17.01.2012 |
| lesenchris zu »Volker Kutscher: Goldstein« | 16.01.2012 |
| Felix zu »Volker Kutscher: Goldstein« | 27.11.2011 |
| M.Albrecht zu »Volker Kutscher: Goldstein« | 12.09.2011 |
| DrWatson zu »Volker Kutscher: Goldstein« | 11.06.2011 |
| Bettina zu »Volker Kutscher: Goldstein« | 02.05.2011 |
| detno zu »Volker Kutscher: Goldstein« | 01.03.2011 |
| AJ zu »Volker Kutscher: Goldstein« | 15.01.2011 |
| anath zu »Volker Kutscher: Goldstein« | 05.01.2011 |
Dies sind nur die ersten 10 Kommentare von insgesamt 14.
» alle Kommentare anzeigen


