Der stumme Tod von Volker Kutscher

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 bei Kiepenheuer & Witsch.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Berlin, 1930 - 1949.
Folge 2 der Gereon-Rath-Serie.

  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2009. ISBN: 978-3-462-04074-6. 512 Seiten.
  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2010. ISBN: 978-3-462-04212-2. 541 Seiten.
  • [Hörbuch] Berlin: Argon, 2009. Gesprochen von Reiner Schöne. ISBN: 386610619X. 6 CDs.

'Der stumme Tod' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Tod vor laufender Kamera – Kommissar Rath ermittelt hinter den Kulissen der Filmmetropole Berlin März 1930: Der Tod einer Schauspielerin führt Gereon Rath in die Studios der Filmmetropole Berlin. Der junge Kommissar lernt die Schattenseiten des Glamours kennen und erlebt eine Branche im Umbruch. Der Tonfilm erobert die Leinwände, und dabei bleiben viele auf der Strecke: Produzenten, Kinobesitzer – und Stummfilmstars. Die gefeierte Schauspielerin Betty Winter wird bei Dreharbeiten zu einem Tonfilm von einem Scheinwerfer erschlagen, und zunächst sieht alles nach einem Unfall aus. Bis Gereon Rath, der Kölner Kommissar in der Berliner Mordinspektion, Indizien entdeckt, die auf Mord hindeuten. Während die Kollegen den flüchtigen Beleuchter verdächtigen, ermittelt Rath auf eigene Faust in eine andere Richtung – und steht schnell alleine da. Eine zweite Schauspielerin wird tot aufgefunden und gibt der Polizei Rätsel auf. Die Todesursache ist unklar, aber es handelt sich um ein Gewaltverbrechen: Der Leiche fehlen die Stimmbänder. Die Ermittlungen führen Rath zwischen die Fronten rivalisierender Filmproduzenten, ins Berliner Chinesenviertel, in die Unterwelt – und hart an die Grenzen der Legalität. Während es bei der Beerdigung von Horst Wessel zu einer Straßenschlacht zwischen Nazis und Kommunisten kommt, muss Rath seinem Vorgesetzten Böhm aus dem Weg gehen, der ihn von dem Fall abziehen will. Als sein Vater ihn bittet, dem Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer in einem Erpressungsfall zu helfen, und seine Exfreundin Charly eine erneute Annäherung wagt, droht Rath alles über den Kopf zu wachsen. Volker Kutscher gelingt es, nahtlos an seinen Bestseller »Der nasse Fisch« anzuknüpfen und das Berlin der 30er-Jahre in einem vielschichtigen und spannenden Kriminalfall lebendig werden zu lassen. Er zieht seine Leser mitten hinein in eine Zeit, die unserer Gegenwart viel näher ist, als man vermutet.

Das meint Krimi-Couch.de: »Vom Gehen auf dem Eis« 82°

Krimi-Rezension von Wolfgang Franßen

Die Oscars sind vergeben, die Branche hat sich gefeiert und hinter den Kulissen ist hart, um jedes Stück Edelmetall gerungen worden. Allerdings soll kein Schauspieler dabei zu Schaden gekommen sein. Allerhöchstens der Stolz mancher Egomanen. Volker Kutscher wirft in seinem Roman einen Blick zurück zu den Anfängen der Filmindustrie, beschreibt die Schwierigkeiten beim revolutionären Wandel von Stumm- auf den Tonfilm, lässt Scheinwerfer von der Decke fallen, und Stimmbänder durchtrennen. Die eigentlichen Stars seines Kriminalromans sind die 30er Jahre in Berlin und ein um sein eigenes Glück ringender Kommissar.

Manchmal drängt sich Kommissar Rath in Der stumme Tod das Gefühl auf, nicht recht zu wissen, gegen wen er da alles kämpft. Da ist natürlich die Berliner Unterwelt mit ihren Ganoven, auf der anderen Seite die Oberschicht mit ihrem Mord im Filmmilieu, vor allem jedoch kämpft er an der Heimatfront gegen Kollegen, die ihm nicht wohl gesonnen sind, so dass Rath nicht selten nach unten schaut, um zu überprüfen, ob das Eis, auf dem er sich vorwärts bewegt, nicht längst gebrochen ist.

Berlin da war doch was? Die goldenen Jahre, der aufkeimende Faschismus, die Winkelzüge der Parteien in der Weimarer Republik, da denkt der Leser natürlich an Döblin und seinen Alexanderplatz, an Fassbinder und dessen berühmten Unterbelichtung, die bei der Verfilmung die Szenerie beherrschte. In der stumme Tod Kutscher wirkt Berlin betulich, trotz allem Glamour provinziell.

Ein Rheinländer unter Preußen


Volker Kutscher gehört zu den Romanciers unter den Krimiautoren. Anhänger der kurzen Form, der komprimierender Schnitte, mögen ihn womöglich für ausschweifend halten, doch Kutscher versteht sich darauf, sein Umfeld abzugrasen, Atmosphäre freizulegen. Kriminalistisch wirkt da die Spannung nicht gerade gerafft.

Es geht um ein Polizistenleben in Berlin. Im Mittelpunkt Kommissar Gereon Rath, Kriminaldirektor Engelberth Raths Sohn, der aus der Rheinprovinz nach Berlin entsandte Ermittler, den sein Vater nach einigen unschönen Vorfällen in Düsseldorf, aus der Schusslinie genommen hat. Sein Liebesleben als glücklich zu bezeichnen, wäre übertrieben, seinen Spürsinn als genial zu beschreiben, wohlwollend. Er erarbeitet sich seine Erkenntnisse, sie fallen ihm nicht zu.

Wir haben es mit einer Geschichte zu tun, die gemächlich fortschreitet, indem sich die Fakten allmählich auftun, Zusammenhänge sich in Gesprächen eröffnen und die kleinen und großen Katastrophen im Privatleben, den Tagesrhythmus vorgeben. Kutschers Bilder kommen leise daher. Das zeichnete bereits Den nassen Fisch aus. Durch ein grelles Ambiente, umstürzlerischer Zeiten, wenn gerade mal Horst Wessel zu Grabe getragen wird, bewegt sich ein rheinisches Gemüt, das daran leidet, dass seine Kölner ihn noch nicht besucht haben.

»Berlin hatte er als Chance gesehen, hier hatte er neu anfangen wollen, auch mit den Frauen.«

Nicht ganz entgeht der Autor dabei die Typisierung seiner Figuren, vor allem Diven, wie Produzenten, wie Vorgesetzte, wie das ganze Filmgeschäft erscheinen so, wie man sie sich halt so vorstellt. Am Rande des Abgrund wird Esprit vorgetäuscht.

Die Affäre Adenauer zwischen Overstolz und Rohrpost

Und dann tritt auch noch Konrad Adenauer auf, leibhaftig, mit einem ganz persönlichen Problem, das ihn die Karriere kosten könnte, wenn seine Gegner es gegen ihn einsetzen. Ein Klüngel erfahrener Rheinländer wie der spätere Bundeskanzler bittet um Amtshilfe, nur weil er als Kölner Oberbürgermeister die Fordwerke von der Spree an den Rhein holen will und mit seinem Plan in Berlin verständlicherweise nicht auf viel Gegenliebe stößt.

Kutschers Roman kommt unspektakulär daher, auch wenn die Idee den Siegeszug des Tonfilms aufzuhalten, indem man ihm die Stimmbänder nimmt, ein schönes Bild ist. Seine Filmindustrie wird sich der Bedeutung des Oscars noch bewusst werden, doch Kutschers Roman besitzt genügend Stimmvolumen, um uns das Berlin der 30er Jahre mit seinen großen und kleinen Hoffnungen nahezubringen.

Wolfgang Franßen, März 2009

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mylo zu »Volker Kutscher: Der stumme Tod« 21.12.2011
Mit Kommissar Rath hat Kutscher eine Hauptfigur geschaffen, einen Polizisten in den 30 er Jahren in Berlin, wie er unkonventioneller nicht sein könnte, aber doch irgend wie wird er zum Sympathieträger ohne dass man alles gut heißen kann was er so unternimmt. Das Buch ist nicht reißerisch und auch nicht von hochprozentiger Spannung geprägt. aber man will es doch schwer nur zu Seite legen, will wissen wie sich die Geschichte weiter entwickelt. Ein sehr interessanter Plot, mit Unterweltbosse, Filmstars und Filmleute, vielen Polizeikollegen und Konrad Adenauer als I-Tüpfelchen, und eine am Schluss stark ansteigender Spannung- Rath wird zum Helden. Hat mir noch besser gefallen wie Teil 1 - will nun natürlich auch Teil 3 lesen. Interessante Einblicke in das Berlin der 30er Jahre
- 90 Punkte
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Einhard zu »Volker Kutscher: Der stumme Tod« 11.08.2011
Es ist Volker Kutscher sehr gut gelungen den Zeitgeist, welcher um 1930 herrschte, einzufangen. Ich finde das überhaupt nicht künstlich oder irgendwie aufgesetzt. Der stumme Tod, mit seiner Auseinandersetzung zwischen Ton- und Stummfilm, spielt in einer absolut spannenden Zeit meiner Heimatstadt. Als Berliner lese ich immer gerne Bücher, in denen ich die Stadt wieder erkenne und Straßennamen nachvollziehen kann. Es ist eindeutig zu merken, dass Kutscher sich auskennt in Berlin. Die Orte sind alle sehr authentisch wiedergegeben und genau dargestellt. Ich werde auf jeden Fall auch Gereon Raths dritten Fall lesen, denn ich war schon nach dem ersten Fall ein Fan von diesem Antihelden.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
DrWatson zu »Volker Kutscher: Der stumme Tod« 11.06.2011
Ich kann die häufig geäßerte Kritik nicht ganz nachvollziehen: Es handelt sich bei Kutschers zweitem Rath-Fall sicher nicht um einen rasanten Thriller, aber das hat ja der Autor auch Niemandem versprochen. Ein guter Krimi mit viel Flair und geschichtlichem Hintergrund ist er in jedem Fall!
Daß der Autor den Täter so wenig versteckt, kann man Schade finden. Das tut allerdings der Spannung wenig Abbruch, wie ich meine. Denn auch die Frage "Was passiert wohl als Nächtes?" ruft ja Spannung hervor, die unbedingt zum Weiterlesen animiert. Und weitergelesen habe ich!
Der Fall Adenauer dürfte evtl. eine Reminiszenz an die Rheinische Leserschaft sein, der der Autor ja sicher verbunden ist.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Mollymalone zu »Volker Kutscher: Der stumme Tod« 21.03.2011
Tatsächlich wird man das Gefühl nicht los, dass V. Kutscher unbedingt auf der Welle der historischen Krimis mitschwimmen will. Verkaufen sich ja gut. Offensichtlich hat er nach einer noch wenig bearbeiteten Epoche gesucht und sich dann für die 20er Jahre entschieden. Ich gebe Bert Schindelmayr völlig Recht. Da hat einer eine Handlung erfunden und sie mit Ach und Krach in eine geschichtliche Epoche gequetscht. Es ist zum Lachen, wenn Gereon Rath morgens "den Badeofen anwirft", duscht, sich einen Espresso macht, nein, Kaffee aufbrüht und irgendwelche coolen Jazzplatten auf den Bang und Olufsen, nein, aufs Grammophon legt. Und das in einer Berliner Hinterhofwohnung, wo es damals wohl gerade eine Gemeinschaftstoilette auf der Etage gab. Wenn man nie etwas von Döblin, Fritz Lang oder Otto Dix gelesen oder gehört hat, mag man diesen Krimi ganz nett finden. Ich habe mich ziemlich oft geärgert !
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John67 zu »Volker Kutscher: Der stumme Tod« 16.08.2010
Wer einen spannenden Krimi sucht, mit viel Action und ständigen Wendungen, ist hier sicherlich falsch.
Volker Kutschers Krimi besticht erneut hauptsächlich durch seine Atmosphäre Berlins Anfang der dreiziger Jahre.Gegenüber dem nassen Fisch ist der stumme Tod eher Mittelklasse, da der Mörder ab Mitte des Buches bekannt ist, eine überflüssige Zweitstory mit Adenauer hineingebaut wird(warum eigentlich?) und G. Rath immernoch kein ausgeprägtes Image besitzt, ausser, dass er gerne Cognac trinkt und Overstolz raucht.
Dennoch, derjenige der auch schon "Leo Berlin" oder "Walhalla Code" gelesen hat, wird das Buch nicht weglegen können.
Beste Unterhaltung, aber kein packender Thriller. Ich werde auch den dritten Band lesen, der bald auf den Markt kommen wird.
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Ein Buch für einen Tag zu »Volker Kutscher: Der stumme Tod« 14.08.2010
Ich habe nicht das Buch gelesen, sondern die gesprochene Version gehört - einfach großartig!
Die Längen, über die einige Leser klagten, sind wohl weggekürzt, und so entstand ein äußerst kurzweiliges Hörvergnügen. Schwierig, zwischendurch auch mal etwas anderes zu machen.

Rainer Schöne gibt den Figuren viel Lebendigkeit, springt zwischen Berliner Schnauze und Kölner Dialekt hin und her.
Wenn der dritte Band endlich erscheint, werde ich ihn sofort lesen.
3 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
anath zu »Volker Kutscher: Der stumme Tod« 21.07.2010
Ein wenig zwiespältig ! Einerseits ist Spannung da und es macht Spaß, sich - genau so wie Rath - die Krümelchen zusammen zu suchen, aus denen der Kuchen zusammen gesetzt ist. Rath ist konstruktiv, denkt logisch und ist bereit, auch mal einer Spur zu folgen, die dann auch im Sande verlaufen könnte - oder doch nicht ?
Andererseits zeigt der Hauptdarsteller in diesem Buch ein ziemliches Manko : Fehlenden Teamgeist und dazu einen an Besessenheit grenzenden Ehrgeiz. Wenig sympathisch, leider. Sehr erbaulich dann allerdings Gennats kollektivbildende Maßnahmen und regelrecht herzerwärmend wenn Böhm mal wieder ins Leere läuft...
Schade, daß der geübte Krimileser ganz schnell weiß, wer denn nun der Bösewicht ist. Nur gut, daß es dann doch wieder sooo einfach nicht ist, das hält die Spannung und animiert zum Weiterlesen. Gänzlich unnötig fand ich den Abstecher zu Adenauer, auch wenn es interessant war zu erfahren, was der alte Knabe so vor 33 getrieben hat. Für den Roman war er mit seiner Privatermittlung jedoch nicht wirklich eine Bereicherung und die Auflösung des Knotens zum einen zu einfach und zum anderen eher lieblos zusammen geschustert.

Ansonsten ein Berlin-Krimi, wie ich ihn mir wünsche (so als Berlinerin): detailliert, viel Flair der goldenen Zwanziger, gut recherchiert.
Und schön, daß Charly nicht abserviert ist, da hofft man doch auf Fortsetzung ! ;-)
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GSA zu »Volker Kutscher: Der stumme Tod« 17.05.2010
Für mich ist der stumme Tod keine gelungene Fortsetzung des nassen Fisch. Werde das Gefühl nicht los, dass Volker Kutscher sich durch den Krimi gequält hat und selbst nie wirklich zufrieden mit dem gewesen ist was er da schreibt.

Gereon Rath's Griff zur Cognac-Flasche und sein Drang den Korn mit Bier runterzuspülen ging mir dann schon langsam auf die Nerven.

Das 'Historische Element', das Volker Kutscher im nassen Fisch so bestechend untergebracht hat, kam für mich hier zu kurz.

Sollte es einen 3. Band geben, dann werde ich auch den lesen. Aber ich werde ganz sicher nicht mehr so ungeduldig drauf warten, wie ich es nach dem nassen Fisch getan habe.
2 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Hannes Eggel zu »Volker Kutscher: Der stumme Tod« 19.07.2009
Ein nahtloser Anschluss an den Fisch und wieder stimmt alles. Man meint, die Atmosphäre Berlins mit den Händen greifen zu können. Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen und gebe es gleich weiter, mit den besten Empfehlungen, der Tod ist jede Minute meiner kostbaren Zeit wert. Nun heisst es warten auf die Fortsetzung die hoffentlich schon geplant ist!
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Thomas71 zu »Volker Kutscher: Der stumme Tod« 17.06.2009
Schade. Nach dem ersten Gereon-Rath-Roman "Der nasse Fisch" habe ich mich sehr auf den Nachfolger "Der stumme Tod" gefreut. Aber leider zu früh. Denn der Tod hat meine Erwartungen sehr enttäuscht. Die Geschichte ist vorhersehbar, den Mörder konnte ich bereits nach seinem ersten Auftritt in der Öffentlichkeit identifizieren, auch wenn mir da noch ein Teil des Motivs fehlte, das Ende der Weimarer Republik ist nur das Bühnenbild für eine Mordserie im Schauspielermillieu, wobei die handelnden Personen auch durchweg agieren, als wären sie Menschen der Gegenwart vor historischer Kulisse, der Nebenhandlungsstrang um Konrad Adenauer wirkt deplaziert und störend. "Der stumme Tod" erfüllt keine der Erwartungen, die "Der nasse Fisch" geweckt hat :-(.
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