Roter Fingerhut von Victor Gunn

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1956 unter dem Titel Dead man´s bells, deutsche Ausgabe erstmals 1958 bei Goldmann.
Folge 26 der Bill-"Ironside"-Cromwell-Serie.

  • London: Collins, 1956 unter dem Titel Dead man´s bells. 192 Seiten.
  • München: Goldmann, 1958. Übersetzt von Ruth Kempner. 185 Seiten.
  • München: Goldmann, 1975. Übersetzt von Ruth Kempner. ISBN: 3-442-00267-2. 187 Seiten.
  • München: Goldmann, 1995. Übersetzt von Ruth Kempner. ISBN: 3-442-05909-7. 187 Seiten.

'Roter Fingerhut' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Die Bewohner des englischen Städtchens Westonbury werden von einem skrupellosen Erpresser terrorisiert. Oberst Graham will dem »Horcher an der Wand« das Handwerk legen. Doch jemand kommt ihm zuvor – Chefinspktor Cromwell von Scotland Yard kann nur noch feststellen, dass Graham mit »Totenglocken« – den Blüten des Roten Fingerhuts -vergiftet wurde.

Das meint Krimi-Couch.de: »Totenglocken in Blütengestalt« 80°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Westonbury ist ein kleiner Ort in der englischen Grafschaft Kent. Dort lädt Oberst Roderick Graham, der zuständige Polizeiinspektor, sieben Honoratioren in sein Heim ein. Gutsherr Sir Christopher Lacy, Hausarzt Dr. Howard Small, Oberinspektor John Parry, Pastor Horace Nettleford, Schriftsteller Reginald Paige, Fabrikant William Sparrow und Naturwissenschaftler Prof. Rudolf Braun hoffen auf einen gemütlichen Abend unter würdigen Herren. Erstaunen und Entsetzen sind daher groß, als Graham den tatsächlichen Anlass enthüllt: Seit geraumer Zeit treibt ein Erpresser sein Unwesen in Westonbury. Die Polizei kann ihn nicht fassen. Die Betroffenen schweigen aus Scham oder Angst. Graham sagt seinen Gästen auf die Köpfe zu, dass auch sie zu den Opfern gehören. Eine Ausnahme gibt es – den Täter, der ebenfalls unter den Anwesenden ist. Ihm, der sich »Horcher an der Wand« nennt, will Graham vor Zeugen das Handwerk legen, doch bevor ihm dies gelingt, bricht er zusammen und stirbt.

Dr. Small macht Grahams schwaches Herz und die Aufregung verantwortlich, aber Tochter Jacqueline kann dem keinen Glauben schenken. Sie bringt eine Probe des Abendessens, das der Verstorbene zu sich nahm, einem Jugendfreund. Johnny Lister arbeitet für Scotland Yard und ist Assistent des genialen aber chronisch mürrischen Chefinspektors Bill Cromwell, den man »Ironsides« oder »Old Iron« nennt.

Eine Untersuchung zeigt, dass Grahams Mahl mit zerriebenen Blättern des Fingerhuts versetzt war. Die giftige Pflanze wächst auch im Garten von Chakrata Lodge, dem Landhaus der Grahams, wo sie sich jede/r leicht verschafft haben könnte. Verdächtig sind nicht nur die Abendgäste des Obersts, sondern auch dessen Gattin, die eindeutig mehr weiß, als sie zuzugeben bereit ist.

Mit der üblichen Penetranz rückt Cromwell den nur vordergründig ehrenwerten Damen und Herren zu Leibe. Er findet heraus, womit man sie erpressen konnte, und kommt dem »Horcher« auf die Spur, was diesen in gefährliche Nervosität versetzt …

Kleines Dorf und große Ratte

Unter den Widerwärtigkeiten des Lebens nimmt der Denunziant eine besonders prominente Rolle ein: Anonym flickt er seinen Opfern am Zeug und nimmt ihnen dadurch die Möglichkeit der persönlichen Diskussion. Sollte besagter Denunziant mit seiner Anschuldigung richtig liegen, ist der Schaden natürlich besonders groß, aber notwendig ist die Wahrheit nicht: Wo Rauch ist, muss auch Feuer sein – ein dummes Sprichwort sorgt dafür, dass genug Verdachtsdreck haften bleibt.

In diesem Fall liegt der »Horcher an der Wand« gleich siebenfach richtig. Die Herrschaften von Westonbury, die sich vor allem selbst überaus hoch schätzen, haben sämtlich gesetzlich oder moralisch gefehlt und ihrem Erpresser auf diese Weise eine Idealvorlage geliefert. Da im ländlichen England der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg der Ruf deutlich mehr zählt als Reichtum, ist gewährleistet, dass die unter Druck gesetzten Bürger bluten: Mehr als der Geldschwund würde sie der Verlust jenes Status’ schmerzen, der sie über das Gros der »normalen« Bürger erhebt.

Autor Victor Gunn wählt klug sehr typische Mitglieder entsprechender Eliten. Da haben wir den blaublütigen Adligen, den Kleriker, den Intellektuellen, den Gesetzeshüter, den Wissenschaftler, den Mediziner und den neureichen Industriellen, der zwar vorgibt, die traditionelle Ständeordnung zu ignorieren, jedoch ebenfalls sehr empfindlich auf Vorwürfe reagiert, die seinem eigenen Kodex gefährden.

Auf den Kopf gestellt

Victor Gunn alias Edwy Brooks war ein Vielschreiber, der vor allem für Geld sowie in einem kaum vorstellbaren Tempo veröffentlichte. Dennoch sind ihm die ansonsten gern strengen Literaturkritiker vergleichsweise freundlich gesonnen: Gunn war kein reiner Schreibautomat, sondern durchaus willens sowie in der Lage, mit den Vorgaben bzw. Klischees des Genres zu spielen, um ihnen auf diese Weise neues Leben einzuhauchen.

Der Rote Fingerhut beginnt, wie die Geschichte normalerweise enden würde: mit einer Versammlung aller, die als »Horcher an der Wand« verdächtig sind. Eigentlich müsste der ermittelnde Detektiv sie einladen, um dem Schuldigen die Maske vom Gesicht zu reißen. Genauso hat es Oberst Graham, der insgeheim einen Hang zum Dramatischen pflegt, auch geplant. Doch der Schurke war schlauer als er. Die Zusammenkunft endet tatsächlich spektakulär aber gänzlich anders als von Graham geplant, der seinen Gästen tot vor die Füße fällt.

Für das Finale setzt Chefinspektor Cromwell eine Neuauflage der verhängnisvollen Zusammenkunft an. Tatsächlich fällt sie aus; der listige Polizist hat allein durch die Ankündigung den Täter so aus dem Gleichgewicht gebracht, dass dieser sich verrät. Die finale Enthüllung im Kreis sämtlicher Verdächtiger fällt ersatzlos aus – ein Punkt für Gunn, und nicht sein einziger!

Die täuschende Übermacht der Indizien

Der Täterstrolch ist emsig und nicht ungeschickt dabei, falsche Indizien zu platzieren, um unschuldige Pechvögel anzuschwärzen. Wie üblich fallen sämtliche Ermittler darauf herein; nur der misstrauische, durch Erfahrung klug gewordene Cromwell lässt sich nicht aufs Glatteis führen, während Johnny Lister mit vorschnellen Vermutungen im Salventakt herausplatzt. Dies ist sein Job, in dem er den Leser vertritt: Lister ist Cromwells »Watson«, der zwar dessen Fälle nicht als Chronist verewigt, ansonsten aber dessen Aufgaben übernimmt, d. h. Fragen stellt, sich irrt und ansonsten als Chauffeur fungiert.

Die Begriffsstutzigkeit einer beteiligten Person erfährt nachträglich ihre besondere Begründung: Hier handelte es sich um den Täter, der natürlich alles tat, um seine Spuren zu verwischen, während er gleichzeitig von einem irgendwann misstrauisch gewordenen Cromwell getäuscht und auf den Weg zur unfreiwilligen Selbstentlarvung geführt wurde.

Aus heutiger Sicht mag Cromwells Vorgehen nicht gerade subtil wirken. Auch 1956 gab es genug Autoren, die entsprechende Schliche filigraner entwickelten. Nichtsdestotrotz funktioniert Gunns Methode, deren steife Darstellung zu einem guten (bzw. schlechten) Teil einer Übersetzung geschuldet ist, die weit mehr als ein halbes Jahrhundert alt ist und sich überaus altmodisch liest.

Dennoch beeindruckt Gunn noch durch kleine aber feine Tricks. Er macht sich die scheinbare Simpelhandlung zu Nutze, indem er falsche Fährten einstreut, die der Leser für bare Münze nimmt. Hierzu gehören vor allem mehrfache ‚negative', zeitgenössisch typische Figurenzeichnungen, die sich im Nachhinein als unbegründete Vorurteile erweisen, über die auch Cromwell nicht erhaben ist.

Das Böse ist schrecklich profan

Aufgrund der durchaus listenreichen Fehlinformationen fällt es dem Leser schwer, den Täter zu entdecken, bevor Cromwell ihn identifiziert, selbst wenn man nicht auf einige aus heutiger Sicht allzu durchsichtig gestreute Unterstellungen stolpert. Sogar Raum für Insider-Gags bleibt: Als Lister laut darüber nachdenkt, ob nicht der am wenigsten Verdächtige der Runde als Täter ins Visier rückt, rüffelt ihn Cromwell, seine Schlüsse nicht auf der Basis allzu intensiv genossener Kriminalromane zu ziehen.

Die Spannung zwischen Mord und Auflösung basiert auch auf dem Blick hinter die Kulissen des Establishments. Gunn mag übertreiben, aber grundsätzlich dürfte er richtig mit seiner Darstellung einer High Society liegen, die Vergehen wie Schmuggel, die Verführung Minderjähriger oder Kleptomanie als Bagatellen oder Privilegien betrachten, die man zwar dem »normalen« Volk = plebs = Pöbel, aber nicht der von Gott & Geld geschaffenen Oberschicht verwerfen darf! Sir Christopher empfindet es ohnehin als Schmach, sich von einem Polizisten – der wie jeder Dienstbote gefälligst den Hintereingang zu benutzen hat – Fragen stellen zu lassen. Womit er üblicherweise durchkommt, verfehlt beim ortsfremden, nicht an die Gepflogenheiten gebundenen Cromwell jegliche Wirkung. Dieser wirkt als Figur auch deshalb so stark, weil er auf Konventionen pfeift, was auf den zeitgenössischen Leser noch stärker gewirkt haben dürfte.

Natürlich gibt der Plot die Handlung vor. Die meiste Zeit befragen Cromwell und Lister Verdächtige. Dabei kommt es zu Irrtümern und Sackgassen, die für zusätzliche Spannung sorgen. Sogar Hightech kommt zum Einsatz – ein Gerät, mit dem sich Gespräche über weite Entfernungen drahtlos aufzeichnen lassen; damals noch Science Fiction, heute für Freizeitspione längst im Handel erhältlich. (Ein Bonus: Obwohl Oberst Graham ein hübsches & mannbares Töchterlein besitzt, widersteht Gunn der Verlockung, seiner Krimi-Story eine Liebesgeschichte aufzupfropfen.)

Die Auflösung unterläuft die Erwartungen der meisten Leser, wie es sich für einen gelungenen Kriminalroman gehört. »Dead Man’s Bells« – der alte englische Name für den roten Fingerhut ist weitaus romantischer als die deutsche Bezeichnung; die schwarzhumorigen Angelsachsen nennen ihn auch »witch’s gloves« – ist zwar höchstens solide, schmucklose Lese-Kost, kann sich als bereits 26. (!) Band einer kontinuierlich fortgesetzten Reihe sehenlassen. Der Staub, der sich auf Inhalt und Form abgesetzt hat, mag für manchen Leser den Genuss sogar noch steigern.

Michael Drewniok, September 2015

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