Die Treppe zum Nichts von Victor Gunn

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1954 unter dem Titel The crooked Staircase, deutsche Ausgabe erstmals 1955 bei Goldmann.
Folge 22 der Bill-"Ironside"-Cromwell-Serie.

  • London: Collins, 1954 unter dem Titel The crooked Staircase. 192 Seiten.
  • München : Goldmann, 1955. Übersetzt von Ruth Kempner. 185 Seiten.
  • München: Goldmann, 1973. Übersetzt von Ruth Kempner. ISBN: 3-442-00193-5. 183 Seiten.

'Die Treppe zum Nichts' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Das Haus Mr. Tetleys steht auf den Klippen aum Meer. Ein Teil des Gebäudes ist in die Tiefe hinabgestürzt. Der alte Mr. Tetley hat seiner Enkelin 50 000 Pfund Sterling hinterlassen. Es gibt eine Treppe in dem Haus, die führt in den furchtbaren Abgrund. Das versucht ein Mörder auszunutzen …

Das meint Krimi-Couch.de: »Halbes Haus als perfekte Todesfalle« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Richard »Old Dick« Tetley war ein ebenso reicher wie exzentrischer Mann. Mit seinen Söhnen John und Charles, die er nicht zu Unrecht für Blender und Nichtsnutze hielt, wollte er noch vor dem Tod abrechnen. Den Großteil seines Vermögens vermachte er deshalb nicht ihnen, sondern seiner Enkelin Jane Bedford, die ihn wirklich liebte, statt nur auf sein Geld zu warten. Der alte Mann löste seine Konten systematisch auf und ließ sich 60.000 Pfund Bargeld in sein einsam in Radley End in der englischen Grafschaft Norfolk gelegenes Haus am Meer schicken. Offenbar plante er die Einrichtung eines Schatzhortes, als sein unvermittelter Tod ihm einen dicken Strich durch die Rechnung machte.

Das Haus des Vaters wurde von den Söhnen auf den Kopf gestellt; gefunden haben sie nichts. Wochen nach der Beerdigung findet Jane einen Brief vom alten Tetley in der Post. Nur ihr will der Großvater das Versteck offenbaren, wofür er in seinem Haus Vorsorge getroffen hat. In der Nacht soll sie sein altes Arbeitszimmer betreten und der Dinge harren, die geschehen werden. Jane folgt den Anweisungen. Als sie durch die Tür ins besagte Zimmer tritt, stürzt sie klaftertief in die eisige See: Ein Sturm hat die Klippen unter Tetleys Haus zum Einsturz gebracht und das halbe Gebäude mit sich gerissen. Nur die Fassade steht noch – eine Todesfalle für jene, die von dem Unglück nichts wissen.

Zu denen gehören John und Charles, die ebenfalls ins Haus des Vaters gelockt wurden. Während Jane vom jungen Gutsverwalter David Crombie gerettet werden kann, zieht man ihre Onkel tot aus dem Meer. Dieser perfide Mehrfachmord überfordert den biederen Inspektor Heal. Scotland Yard schickt deshalb Bill »Old Iron« Cromwell und seinen Assistenten Johnny Lister nach Radley End. Sie kommen in ein Dorf, in dem sich die Nachricht vom Geld des alten Tetley bereits herumgesprochen hat. Die beiden Polizisten bekommen es mit diversen Schatzsuchern zu tun – und mit dem Mörder, der darauf brennt, sein Werk zu vollenden …

Der Zufall sorgt für die perfekte Falle

Der »Whodunit« der alten Schule wird auf der einen Seite durch bestimmte Grenzen i. S. von Genreregeln eingeschränkt. Gleichzeitig profitiert er jedoch von einer Freiheit, die sich der ´realistische´ Krimi verkneifen muss. »Die Treppe zum Nichts« ist der Beweis für die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben: ein Kriminalroman mit einem Plot und einer Grundstimmung, die dem (viktorianischen) Schauerroman entliehen wurde.

Radley End und vor allem das alte Headland-Haus sind archetypische Kulissen für mysteriöse Ereignisse: einsam und klippenhoch in unmittelbarer Nachbarschaft zum Meer gelegen, das zuverlässig für wabernde Nebelschwaden in ohnehin düsteren und regnerischen Winternächten sorgt. Zu allem Überfluss stürzt das halbe Haus in einen vom Sturm gerissenen Abgrund. Dramaturgisch nützlich bleiben die Fassade sowie die Holztreppe zum Arbeitszimmer – nunmehr wahrhaftig eine »Treppe zum Nichts«! – stehen, auf dass sie ein mit Fantasie begabter Serienmörder als Todesfalls einsetzen kann.

Den Verfasser muss man dafür loben, dass es ihm gelingt, dieses absurde Szenario funktionieren zu lassen. So wie Chefinspektor Cromwell die drei Tathergänge vor Ort rekonstruiert, wirken sie überzeugend. (Das fand wohl auch Reginald Hill, der den Plot womöglich 1999 für »Arms and the Women«, dt. »Das Haus an der Klippe«, aufgriff und aktualisierte.) Die Frage, was sich der Mörder hätte einfallen lassen, wäre ihm (oder ihr?) kein halbes Haus in den Schoß gefallen, will sich dem Leser deshalb gar nicht aufdrängen …

Wo jeder (nicht nur) deinen Namen kennt

Inspektor Cromwell und Johnny Lister betreten die Handlung dieses Mal erst auf S. 60. Deshalb sind wir Leser ihnen ein gutes Stück voraus. Wir haben Radley End und seine Bewohner kennengelernt – meinen wir zumindest, denn in den restlichen beiden Drittel der Geschichte zerpflückt Cromwell genüsslich das Bild, das wir uns gemacht haben, und sät Zweifel, bis die letzte Gewissheit kläglich entschwunden ist.

Gunn geht dabei so systematisch wie selten vor. Er vergisst kein Detail, dass sich für oder gegen die einzelnen Verdächtigen anführen lässt. Geschieht etwas Dramatisches, hier meist ein Mordanschlag auf Jane Bedford, so stellt sich stets heraus, dass mehrere Täter in Frage kommen. Die Beweise lassen sich nicht selten völlig konträr interpretieren. Wer hier der Schurke ist, bleibt bis zuletzt offen.

Radley End erweist sich bald als trügerische Dorfidylle. Die Honoratioren – Gutsherr, Arzt, Polizei-Inspektor – haben ihre Machtsphären untereinander aufgeteilt. Sie sind stets bereit dafür zu sorgen, dass sich ihre Mitbürger Cromwells Ermittlungsdiktat unterwerfen, reagieren jedoch höchst empört, wenn dieser ihre Privilegien ignoriert und sie ebenfalls in seine Fahndung einbezieht.

Aber auch in den unteren Bereichen der gesellschaftlichen Pyramide herrscht keineswegs dörfliche Eintracht. Klatsch und Tratsch können einen unglücklichen Mitbürger oder eine Mitbürgerin in Verruf bringen, und ein Urteil ist unabhängig der tatsächlichen Beweislage schnell gefällt. Cromwell lässt sich nicht blenden: Unter einer heimeligen Deckschicht rumort es auch ohne Mordserie hässlich und heftig in Radley End.

Eisenfresser mit entsprechenden Methoden

Cromwell holt unseren Erkenntnisvorsprung rasant ein. Wie üblich denkt er nicht daran, sein Wissen mit uns zu teilen. Darüber sollten wir uns nicht grämen; seinen eigenen Assistenten lässt »Ironsides« wie einen dummen Jungen im Dunkeln tappen. Mit dem Miträtseln wird es deshalb nie wirklich etwas. Nachträglich gibt es wohl diverse Hinweise auf die Identität des Mörders. Diese kann man freilich beim besten Willen nicht eindeutig nennen.

Den Lektürespaß mindert das nicht. Irgendwann ergibt man sich dem absonderlichen Geschehen, dem ein enormer Unterhaltungswert innewohnt. Die Treppe zum Nichts erinnert an einen Roman von John Dickson Carr (1906-1977), wobei Victor Gunn allerdings die Verspieltheit abgeht, mit der dieser seine kruden Plots entwickelte. Bill Cromwell ist ganz sicher kein jovialer Gideon Fell, und höchstens sein Geiz bei der Weitergabe von Fakten eint ihn mit Henri Bencolin. Cromwell ist immerhin ein Unikum. Er wirkt bemerkenswert arrogant und unsympathisch. Es braucht seine Zeit, bis der Leser merkt, dass Gunn absichtlich den Kontrast zwischen Cromwell und den nur scheinbar ehrbaren und brav eindimensionalen Figuren, aus denen er seine Schuldigen rekrutiert, herausstellen will. Dahinter verbirgt sich gar nicht selten eine zweite, düstere Ebene. Cromwell weiß das und pfeift deshalb auf Konventionen.

Sie sind ihm ebenso ein Gräuel wie eine von Wunschvorstellungen diktierte Interpretation von ´Beweisen´. Vor allem Johnny Lister muss in seiner Watson-Rolle den Meister mit logisch wirkenden aber voreiligen Schlussfolgerungen konfrontieren. Cromwell bleibt objektiv; er verschiebt die Indizien, wenn sich weitere Erkenntnisse ergeben. Sobald die Kette geprüft und wieder geprüft und deshalb für reißfest befunden wurde, schließt Cromwell einen Fall ab.

Schande über Johnny Lister, der »Ironsides« Methoden genau kennt und trotzdem jedes Mal bass erstaunt ist, wenn seinen Chef bei der Arbeit verfolgt …Aber Lister darf gar nicht klüger werden, da dies das Gleichgewicht zwischen ihm und Cromwell zerstören würde. Genau das vermied Gunn sorgfältig, wobei er sicherlich die Mehrheit der Leser auf seiner Seite wusste: Die Cromwell/Lister-Romane sind schematische Werke. In ihren Details werden sie geschickt variiert, aber grundsätzlich stützen sie sich auf dasselbe dramaturgische Grundgerüst. Zwischen 1939 und 1965 lösten Cromwell und Lister 43 Fälle. In diesen Jahren änderten oder entwickelten sie sich keinen Deut, und sie agierten in einer Welt, aus der die Gegenwart offensichtlich so weit wie möglich ausgespart blieb. Gunns Leser wünschten sich realitätsferne Rätselkrimis, und Gunn lieferte sie – wie am Fließband, aber in der Regel solide gefertigt und kundentauglich. Die Treppe zum Nichts ragt ein gutes Stück aus diesem Durchschnitt heraus.

Michael Drewniok, August 2009

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Zentnerwort zu »Victor Gunn: Die Treppe zum Nichts« 08.04.2010
Sicherlich eines der stärkeren Gunn-Bücher.

Und die Auflösung ist sicher für 99% eine Überraschung.

Einige Gunns sind fern ab und überziehen zu viel (Bsp. Lord Bassingtons Geheimnis oder auch "Was wußte Molly Liskern), dieser überzeugt jedoch, gerade durch die feine Konstruktion.

Viel Spaß beim Lesen dürfte garantiert sein.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Kurt Cobain zu »Victor Gunn: Die Treppe zum Nichts« 10.04.2008
Also mein Favorit war ja der Arzt, denn wer wenn nicht er hätte einen Mord als Magenkolick perfekt tarnen können, und warum sonst hätte der Sterbende wohl als Letztes seinen Namen gerufen? Und dann noch den Nachnamen, wo sich beide doch seit Jahrzehnten duzten? Aber letztlich kommt dann halt doch alles ganz anders, und die "Priester"spur verliert sich ausgerechnet irgendwo in den Revolutionswirren des Cromwellschen Zeitalters...

Wer das alles verstehen will, dem sei geraten. Buch besorgen & lesen :)
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