Der rächende Zufall von Victor Gunn

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1954 unter dem Titel The crippled canary, deutsche Ausgabe erstmals 1956 bei Goldmann.
Folge 23 der Bill-"Ironside"-Cromwell-Serie.

  • London: Collins, 1954 unter dem Titel The crippled canary. 192 Seiten.
  • München: Goldmann, 1956. Übersetzt von Olga Otto. 216 Seiten.
  • München: Goldmann, 1973. Übersetzt von Olga Otto. ISBN: 3-442-00186-2. 183 Seiten.

'Der rächende Zufall' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Die bezaubernde Cherry Anderson geht Jeffrey Waring nicht aus dem Sinn. Der Londoner Graphiker hat keinen sehnlicheren Wunsch, als die Bekanntschaft des Mädchens zu machen. Chefinspektor Cromwell von Scotland Yard kommt ihm dabei zu Hilfe. Er stellt Jeffrey der jungen Dame vor – als den Mörder ihres Vaters.

Das meint Krimi-Couch.de: »Der Mörder mit dem Kanarienvogel« 70°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Dem jungen Zeichner Jeffrey Waring ist in seinem Viertel Raydon’s Hill wiederholt die junge Cherry Anderson aufgefallen, allerdings konnte er sich noch nicht überwinden, die attraktive Frau anzusprechen. Bei einem Abendspaziergang staunt Jeffrey nicht schlecht, fliegt ihm doch plötzlich ein blutdurchtränkter Kanarienvogel vor die Füße. Dieser stammt offenbar aus einem nahe gelegenen Gebäude, dessen Verandatür offensteht. Neugierig nähert sich Jeffrey der Tür und findet im Wohnzimmer des Hauses die Leiche von Howard Lycepton, der mit einem Beil erschlagen wurde. Kurz darauf rennt er einem Bobby in die Arme, der ihn als Verdächtigen festhält. Zurück in Lyceptons Haus trifft er dort auf die wenig später eintreffende Cherry, denn der Ermordete war ihr Stiefvater. Ein erstes Treffen und schon entsteht der Eindruck, dass Jeffrey ein Mörder sei. Dumm gelaufen, aber wenigstens glaubt Chefinspektor William Cromwell nicht an die Schuld des jungen Mannes und lässt diesen wenig später frei.

»Mr. Waring – Sie waren auf dem Schauplatz des ersten Verbrechens. Sie wurden dort in ziemlich zweifelhafter Verfassung mit einem blutdurchtränktem toten Kanarienvogel aufgegriffen. Zugegeben, Sie wurden bei dem zweiten Verbrechen nicht am Tatort gesehen. Aber Sie haben kein Alibi für den fraglichen Abend. Und heute werden Sie von einem Polizeibeamten am Ort des dritten Verbrechens festgenommen – wiederum sehr aufgeregt und mit einem blutigen, toten Kanarienvogel in der Hand.«

Es dauert nicht lange, da wird auf Edgar Lycepton, den Verwaltungsdirektor des Electricity Boards ebenfalls ein Mordanschlag verübt. Erneut mit einem Beil und auch ein weiterer toter Kanarienvogel findet sich weit vom Tatort. Doch Edgar überlebt und Cromwell fragt sich, wie die beiden Fälle zusammen hängen, denn die zwei Lyceptons kannten sich nicht und waren auch nicht miteinander verwandt. Die Ermittlungen treten auf der Stelle, da schlägt der »Mörder mit dem Kanarienvogel« schon wieder zu …

Es war drei Minuten nach elf Uhr, als vor der Polizeistation in Norsham ein Polizeiauto vorfuhr und eine beinahe dürr zu nennende Gestalt in mittleren Jahren ausstieg. Der Mann trug einen schäbigen blauen Anzug und einen zerknitterten Mantel. Der zerdrückte weiche Hut war tief in die Stirn gezogen. Das Gesicht mit den buschigen Augenbrauen und dem verkniffenen Mund wirkte eisig ablehnend. Kurz gesagt, es war Chefinspektor William Cromwell von Scotland Yard.

Victor Gunn schrieb zahlreiche Kriminalromane in deren Hauptrolle immer der grantige Chefinspektor William »Old Iron« Cromwell, auch »Ironside« genannt, stand. An seiner Seite der stets ebenso gut gelaunte und wie gut gekleidete Sergeant Johnny Lister. In den 1950er und 1960er Jahren galt Gunn als einer der großen englischen Krimiautoren, geriet bis heute aber (weitgehend) in Vergessenheit. Der vorliegende Roman Der rächende Zufall erschien erstmals vor rund sechzig Jahren. Gelingt es, sich in die damalige Zeit hinein zu versetzen und zu berücksichtigen, welche Möglichkeiten damals die Ermittler hatten beziehungsweise vielmehr nicht hatten, so ist der Krimi immerhin ein kurzweiliger klassischer Whodunit. Trotz einem ordentlichen Spannungsbogen ist die »überraschende« Auflösung nicht wirklich überraschend, denn leider mangelt es an Alternativen.

Etwas angestaubt, aber immer noch lesbar.

Ganz im Sinne der »zehn kleinen Negerlein« (darf man das heute noch so sagen?) stirbt eine Figur nach der anderen, wobei einige Figuren nur deshalb vorkommen, um ermordet werden zu können. Kurzum, sie treten in der Handlung (als Leiche) auf, um im selben Moment abtreten zu können. Da Cromwell nicht nur ein kauziger Ermittler ist, sondern zudem öfters seine Erkenntnisse für sich behält, wird er von Johnny Lister gerne mit einem berühmten Kollegen verglichen.

»Schon gut, Sherlock Holmes.«
»Was heißt das nun wieder?«
»Wenn du Launen hast, alter Junge, erinnerst du mich immer an den guten alten Holmes. Er ließ stets den armen Watson im dunklen tappen!«

Wer für »kleines Geld« den Roman im Antiquariat entdeckt, sollte einen Blick riskieren und in den alten Zeiten klassischer englischer Kriminalliteratur schwelgen. Das Lesevergnügen wird zwar durch eine kleine Staubschicht getrübt, aber Spaß macht es irgendwie immer noch.

Jörg Kijanski, Mai 2014

Ihre Meinung zu »Victor Gunn: Der rächende Zufall«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

geroellheimer zu »Victor Gunn: Der rächende Zufall« 28.05.2007
Einmal mehr schickt Victor Gunn seine beiden Helden Chefinspektor Cromwell und Sergeant Lister auf eine wilde Jagd nach einem offenbar irren Serienmörder. Dieser hat es auf Menschen mit dem Nachnamen Lycepton abgesehen. Ein, wie ich finde, wieder typischer Gunn- Krimi, bei dem man munter mitraten kann und auch diesmal wieder durchaus in der Lage sein kann den Täter zu entlarven.
Meiner Meinung nach einer von Victor Gunns besten Kriminalromanen. Sehr zu empfehlen.
Ihr Kommentar zu Der rächende Zufall

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: