Das Wirtshaus von Dartmoor von Victor Gunn

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1955 unter dem Titel The Painted Dog, deutsche Ausgabe erstmals 1957 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: , 1950 - 1969.
Folge 25 der Bill-"Ironside"-Cromwell-Serie.

  • London: Collins, 1955 unter dem Titel The Painted Dog. 192 Seiten.
  • München: Goldmann, 1957. Übersetzt von Ruth Kemper. 177 Seiten.
  • Olten; Stuttgart; Salzburg: Fackel, 1965. Übersetzt von Ruth Kemper. 235 Seiten.
  • München: Goldmann, 1972. Übersetzt von Ruth Kemper. 183 Seiten.
  • München: Goldmann, 1978. Übersetzt von Ruth Kemper. ISBN: 3-442-04772-2. 183 Seiten.
  • München: Goldmann, 1986. Übersetzt von Ruth Kemper. ISBN: 3-442-06219-5. 183 Seiten.

'Das Wirtshaus von Dartmoor' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Charles Widden, der Wirt des Gasthauses »Zum bunten Hund«, wird nach einer feuchtfröhlichen Nacht erschossen aufgefunden. In der Hand hat er noch einen alten Armeerevolver, wodurch alles auf einen Selbstmord hindeutet. Scotland Yard fördert eine Überraschung zutage: Widden war der berüchtigte Wilfred Parkinson – der Mörder von Camden Town. Und Chefinspektor Cromwell stell fest: Es war Mord. Wer aber wusste um das Geheimnis von Charles Widden?

Das meint Krimi-Couch.de: »Goldene Münzen & grüner Collie« 70°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Das Wirtshaus »Zum Bunten Hund« steht seit vielen Jahren an einem der Wege, die durch das gefürchtete Dartmoor führen. Den meisten Wanderern und Urlaubern ist das alte Haus unbekannt. Genau so will es Charley Widden, der sonderliche Eigentümer. Meist hockt er in seiner wie eine Festung gesicherten Kammer, wo er seine Goldmünzen zählt, wie die Anwohner munkeln. Das Geschäft führt die resolute Mrs. Ferris, deren Tochter Judy derzeit für ungewohnte Unruhe sorgt. Reggie Laker, ein Versicherungsangestellter aus London, der im Dartmoor einen Zelturlaub verbringt, kämpft mit Tony Bellamy, dem raubeinigen Sohn eines örtlichen Landadligen, um die Gunst der schönen Maid.

 An seinem Geburtstag will Tony die Gäste des »Bunten Hundes« mit seinem berühmten Punsch freihalten. Bald geht es hoch her; Tony setzt seinen verhassten Rivalen vor die Tür und wird vom erzürnten Widden selbst hinausgeworfen. Am nächsten Morgen findet Reggie sämtliche Gäste, Mrs. Ferris und Judy bewusstlos im Wirtshaus: Der Punsch wurde mit einem Schlafmittel versetzt! Im ersten Stock muss die Tür zu Widdens Kammer aufgebrochen werden. Der alte Mann sitzt mit zerschossenem Schädel an seinem Schreibtisch. Offenbar hat er sich selbst umgebracht.

 Dieser Theorie mag Mrs. Ferris  nicht zustimmen. Der berühmte Chefinspektor William »Old Iron« Cromwell, der aus London an den Tatort eilt, ist ihrer Meinung. Widden wurde ermordet, und der Täter wohnt im Wirtshaus. Hatte es der notorisch verschuldete Bellamy auf das Geld des Alten abgesehen? Oder Fred Pickering, der ebenfalls klamme Automobilhändler? Was treiben die Schurken Hurst und Brunoff im Dartmoor? Die Schar der möglichen Mörder ist groß, und ständig ergeben sich neue Verdachtsmomente. Während Assistent Johnny Lister mit der Deutung der wenigen Indizien ringt, widmet sich Cromwell der Frage, wer in der Mordnacht Nobby, den wirtshauseigenen Collie, grün angestrichen hat …

 Der gar nicht perfekte Mord im geschlossenen Raum

 Dartmoor – schon der Name lässt dem Krimifreund angenehme Schauder über den Rücken laufen! Die faszinierende, von Heide und Moor geprägte Hügellandschaft in der englischen Grafschaft Devon wirkt vor allem in der Dämmerung oder in Herbst und Winter düster, abweisend und unheimlich. Das macht Dartmoor zum idealen Schauplatz für Geschichten, die von genau diesen Eigenschaften leben. Hier spukt es beispielsweise mächtig, aber auch für realen Schrecken ist gesorgt, denn seit mehr als anderthalb Jahrhunderten nutzt Dartmoor Prison die öde Abgeschiedenheit des Moors, das Ausbrüche riskant und wenig erfolgreich macht, weshalb hier ganz besonders verstockte Übeltäter sitzen.

 Auch in der Literatur nimmt Dartmoor eine prominente Position ein. Wohl das bekannteste Werk erschien 1902: Arthur Conan Doyles »Der Hund der Baskervilles« ist DER Roman über Dartmoor. An den Klassiker-Status dieses dritten und auch wegen der Moorkulisse besten Sherlock-Holmes-Abenteuers reicht Victor Gunns Das Wirtshaus von Dartmoor nicht annähernd heran. Überhaupt bezieht der Verfasser das Moor erst im letzten Buchviertel und eher beiläufig in die Handlung ein.

 Viel wichtiger ist Gunn der Faktor Isolation. »Der Bunte Hund« wird zum typischen Schauplatz des klassischen Landhaus-Krimis. In dem alten Wirtshaus ereignet sich ein Mord. Lage und Geografie garantieren, dass sich der oder die Täter im Haus aufhalten. Flucht ist unmöglich, dafür haben Inspektor Cromwell, Victor Gunn und das Dartmoor gesorgt. Nunmehr kann der Polizist in aller Ruhe die Ermittlungen aufnehmen, während der Verfasser den Druck in dem geschlossenen Tatort-Kessel allmählich ansteigen lässt.

 Überraschungen in der Routine

 Obwohl Gunn dies quasi nach Vorschrift aber ordentlich und nie langweilig durchexerziert, sorgt er mehrfach für Überraschungen, die man in einem Routine-Krimi nicht erwartet. So scheint Charley Widdens Tod in seiner von innen fest verschlossenen Kammer mit ihrem vergitterten Fenster ein »locked room mystery« und damit ein wichtiger Bestandteil dieses »Whodunit«-Krimis zu sein. Doch Gunn macht sich über dieses ehrwürdige aber zum Klischee verkommene Mysterium lustig. Er lässt »Old Iron« Cromwell offen über den »unmöglichen Mord« lästern und das angebliche Rätsel um Widdens Ende schon im vierten von 17 Kapiteln beiläufig klären. Anschließend geht es mit den ´richtigen´ Ermittlungen weiter.

 Deren Erfolg hängt – natürlich, muss man anmerken – vom Erkennen & korrekten Deuten des scheinbar unwichtigsten Hinweises ab. Selbstredend erkennt nur Bill Cromwell, der knurrige aber geniale Scotland-Yard-Veteran, die Bedeutung des gefärbten Hundes. (Übrigens bleibt dem deutschen Leser das Wortspiel des Originaltitels verborgen: The Painted Dog heißen das Wirtshaus von Dartmoor und der junge Collie Nobby, dessen grüne Brust Cromwells Spürsinn aktiviert.)

 Zwar wird der Fall letztlich nicht nur aufgeklärt, sondern von Cromwell auch ausführlich erläutert. Das ändert nichts an dem Eindruck, dass Gunn die losen Fäden im letzten Viertel recht hastig zum finalen Knoten schürzt. Er schließt den Zufall als regulierendes Element zwar ausdrücklich aus, doch die Fakten-Steinchen wollen sich nur mit einigem Drehen und Drücken zum fertigen Mosaik fügen. Einige abgedroschen Effekte – ständig fallen Frauen erschrocken in Ohnmacht, der überführte Mörder mutiert zur irrsinnig die Zähne fletschenden Bestie – betonen unnötig unvorteilhaft die routinierte Machart dieses Romans.

 Die üblichen Verdächtigen?

 Dem archaischen Zauber von Dartmoor kann und mag sich Gunn wie schon erwähnt nicht vollständig entziehen. In regenfeuchter Nacht kommt es auf schwankendem Grund zu einem weiteren Drama. Zuvor schneiderte  Gunn dem durch Mord endenden Widden eine Doppel-Identität, die der Umgebung würdig ist und einem Schauerroman entnommen sein könnte. Bis ins Jahr 1920 reichen Ereignisse zurück, die zur Vorgeschichte für das Drama im Dartmoor werden. Wer wusste davon? Gunn geizt nicht mit Verdächtigen. Das Wirtshaus wird vom Keller bis zum Dach von ihnen bewohnt.

 Wie es sich für einen unterhaltsamen »Whodunit« gehört, bilden sie ein buntes Völkchen. Alle haben etwas zu verbergen. Manchem steht es buchstäblich ins Gesicht geschrieben, andere wirken fast aufdringlich unschuldig. Gunn schwelgt ein wenig zu auffällig in einschlägigen Klischees, was es dieses Mal dem Leser ermöglicht, den Täter zu identifizieren, bevor Cromwell im großen Finale alle Geheimnisse aufdeckt.

 Die Polizei kommt wie üblich schlecht davon. Gunn schildert denkfaule und allzu fest ins örtliche Sozialgefüge verwobene Ordnungshüter, die bestenfalls bemüht aber vor allem überfordert sind. ´Von außen´ bricht Cromwell ist diese kleine Welt ein. Er achtet ihre ungeschriebenen Regeln nicht, ignoriert den Kotau vor dem edlen Baron und seinem Sohn und Nachfolger, lässt im Verhör Rücksicht und Höflichkeit fahren, schont auch die ´schwachen´ Frauen nicht, bleibt skeptisch und gleichzeitig offen für alle neuen Richtungen, die sich im Verlauf der Ermittlung ergeben.

 Noch  blasser als sonst bleibt Johnny Lister, dem kaum Gelegenheit gegeben wird, dumme Fragen zu stellen oder jene voreiligen Schlüsse zu ziehen, zu denen Gunn seine Leser verleiten möchte. Cromwell benötigt ihn nicht wirklich, aber selten wird dies so deutlich wie in diesem Roman, der Mittelmaß und Gemütlichkeit zu einem harmlosen und altmodischen, schon im Erscheinungsjahr altmodischen Lektürevergnügen gerinnen lässt. Die tüchtig angestaubte deutsche Übersetzung komplettiert diesen Eindruck.

Michael Drewniok, Januar 2010

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Zentnerwort zu »Victor Gunn: Das Wirtshaus von Dartmoor« 08.08.2010
Hmm, die Einschätzung von Herrn Drewniok kann ich so nicht teilen. Gunn besticht in diesem Krimi durch seine "Verteilung" der Lesersympathien, die den Leser es erschweren, den Täter zu entlarven.

Ich finde den Krimi sehr schlüssig geschrieben, er enthält mehrere Höhepunkte.

Einer der Gunns, den man gerne in Erinnerung behält, wobei dies bei mir erst im Laufe der Zeit zur Ansicht wurde, da mir die Auflösung beim Lesen nicht gefiel, erst jetzt wird deutlich, das dieser Gunn einer der besten ist, und von den üblichen Gunns enorm abweicht.

Vom mir bekommt der Gunn 90%, 10 ziehe ich ab, da das Buch zum Ende hin wirklich zu "schnell" wird.
Carsten Engelmann zu »Victor Gunn: Das Wirtshaus von Dartmoor« 04.02.2009
Dartmoor ist, wie man bei der Lektüre dieses Krimis rasch merkt, ein englisches Moor, also ein Ort, wo es neblig ist und Leichen rasch versinken können oder aber auch nicht. Dieser Roman ist einer der besten Victor Gunns. Die Figuren sind gut gezeichnet, die Geschichte relativ glaubwürdig und es gibt einige überraschende Wendungen. Als Extra gibt es eine Schatzsuche und, wie bei Gunn üblich, eine Romanze. Der gleichnamige Spielfilm verwendet nur den Titel.
Schuberth zu »Victor Gunn: Das Wirtshaus von Dartmoor« 09.02.2006
Wunderbarer Krimi. Old english at it`s best. Atmosphärisch dicht mit Ansätzen zum Gruseligen. Ich bin begeistert. Die Figuren sind gelungen, die Charaktere passen ins Feld. Super. Eine dicke Empfehlung an alle Krimifreunde, die "verstaubte" Geschichten in "verstaubter" Umgebung lieben.
7 von 8 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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