Auf eigene Faust von Victor Gunn

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1941 unter dem Titel Ironside´s Lone Hand, deutsche Ausgabe erstmals 1957 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: , 1930 - 1949.
Folge 4 der Bill-"Ironside"-Cromwell-Serie.

  • London: Collins, 1941 unter dem Titel Ironside´s Lone Hand. 173 Seiten.
  • München: Goldmann, 1957. Übersetzt von Olga Otto. Goldmanns große Kriminal Romane; Bd. K 129. 173 Seiten.
  • München: Goldmann, 1958. Übersetzt von Olga Otto. Goldmanns Taschen-Krimi; Bd. 162. 175 Seiten.
  • München: Goldmann, 1976. Übersetzt von Olga Otto. Rote Krimi; Bd. 162. 160 Seiten.
  • München: Orbis, 1999. Übersetzt von Olga Otto. ISBN: 3572010535. 160 Seiten.

'Auf eigene Faust' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Karkhoff, der dämonische Kroate mit den tödlichen Messern, tritt in einem Wanderzirkus bei Edgware in der Umgebung von London auf. Zur gleichen Zeit wird die Haushälterin des Arztes Dr. Cameron in Edgware erstochen – mit einem kroatischen Messer. Chefinspektor Cromwell von Scotland Yard weiß: Auch Dr. Cameron ist in höchster Gefahr …

Das meint Krimi-Couch.de: »Kroaten-Dolche töten tückisch« 70°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Dr. Peter Cameron ist ein junger aber schon brillanter Gehirnchirurg, der völlig in seiner Arbeit aufgeht. Mit seiner Tante Susan Smalley, die ihm die früh verstorbene Mutter vertritt, lebt er zurückgezogen in einem einsam gelegenen Häuschen im Grünen. Das begünstigt jenen Mörder, der eines Nachts Camerons Schlafzimmer betritt, wo er den Hausherr im Bett zu erdolchen gedenkt. Dort liegt indes ausnahmsweise die Tante, denn Peter operiert einen Notfall im Krankenhaus.

Scotland Yard schickt einen seiner besten Männer: Chefinspektor Bill Cromwell, den man auch »Old Iron« nennt. Mit seinem Assistenten Johnny Lister sichtet er die wenigen Indizien, zu denen der Dolch gehört, der Susan Smalleys Leben beendete – ein Mordinstrument kroatischer Herkunft, wie Cromwell fachkundig erkennt. Das weist auf den »Dämonischen Kroaten« Karkoff hin, der just sein Gastspiel als Messerwerfer in einem Zirkus gibt. Von Cromwell und Lister in die Zange genommen, will Karkoff gerade auspacken, als auch ihn ein Dolchstoß aus der Dunkelheit fällt.

So bleiben nur Susan Smalleys letzte Worte, im Todeskampf gerufen und vom Hausmädchen gehört: »Geh nach Strettam!« Dort liegt der Landsitz Strettam Priory in Südengland, wie Cromwell recherchiert, sowie Lord Strettam, der Hausherr, aufgrund einer seltsamen Gehirnkrankheit im Koma; mit seinem baldigen Ableben ist zu rechnen.

Cromwell bringt Bewegung in die Affäre, indem er mit Cameron nach Strettam Priory fährt. Das wird den Mörder aktiv werden lassen, wobei Cromwell sehr vorsichtig sein muss: Er handelt auf eigene Faust, denn seine Vorgesetzten im Yard konnte er mit seinem Verdacht nicht überzeugen. Das weiß auch der Mörder …

Krimi mit Schauer-Effekten

Ein einsames Haus im Wald, eine tote Tante, gemeuchelt von einem wilden Kroaten; ein abgelegener Landsitz, ein hirnlahmer Lord, als Hausgast ein verrückter Astronom, der in einer mittelalterlichen Miniaturburg mit Geheimgängen haust, dazu drei allzu vertrauenswürdige Erben: Man kann nicht behaupten, dass Victor Gunn 1941 den kriminologischen Alltag im Sinn hatte, als er Auf eigene Faust schrieb. Stattdessen setzte er ohne Skrupel ein, was den Freunden des klassischen Krimis seit jeher mehr Freude bereitete als die Widerspiegelung der schnöden Wirklichkeit, und mischte Geheimnisvolles großzügig mit Elementen des Schauerlichen.

Der Fan des Hardboiled-Krimis dürfte sich mit Grausen abwenden, aber der Reiz des Gunnschen Mord-Märchens lässt sich nicht leugnen, wenn man sich nur auf seine eigenen Regeln einlässt. Spannung ist alles, und so lange die Naturgesetze nicht allzu offensichtlich außer Kraft gesetzt werden, darf alles eingesetzt werden, mit dem sie geschürt werden kann. Das sind die weiter oben geschilderten Obskuritäten, die der Verfasser im Detail noch um einige Seltsamkeiten (u. a. Mordattacken mit vergifteten Grammophon-Nadeln!) zu bereichern weiß.

Hinter diesem Blendwerk steckt jedoch ein solide geplottetes Verbrechen samt seiner Aufklärung. Gunn war ein Unterhaltungs-Profi, der sehr genau wusste, wie er sein Publikum zu fassen hatte. Das mag nach modernen Geschmack oft ein wenig zu offensichtlich sein, was aber das Funktionieren auch altmodischer Einfälle nicht unbedingt beeinträchtigt.

Zwei Männer am Beginn einer Krimi-Karriere

Mehr als vierzig Fälle lösten »Old Iron« Cromwell und Johnny Lister zwischen 1939 und 1965. (Die letzten Romane der Serie erschienen postum.) Auf eigene Faust ist erst der vierte, und das macht sich bemerkbar. Noch ist die Ermittlung des Duos nicht zum Ritual erstarrt, und auch die Figurenzeichnung unterscheidet sich stark von dem, was Gunn später buchstäblich aus dem Ärmel seiner Schreibhand schüttelte.

Bill Cromwell ist hier eine weitaus aktivere Gestalt als in späteren Jahren, wo er die Ermittlungs- bzw. Laufarbeit weitgehend seinem Assistenten überlässt und sich auf die Rolle des genialen Detektivs zurückzieht, der die Indizien mustert und ihnen Erkenntnisse abzwingt, die seinen Mitstreitern verborgen bleiben, um im großen Finale für Aufklärung zu sorgen. Johnny Lister, sonst stets in der Nähe, damit er in Vertretung des Lesers Fragen an Cromwell stellen und falsche Schlüsse ziehen kann, bleibt meist außen vor und verschwindet zeitweise gänzlich aus der Handlung.

Stattdessen begibt Cromwell sich selbst in die Höhle des Löwen – ein Vergleich, der hier angemessen klingt, da den Inspektor schon nach dem ersten, scheinbar unverfänglichen Besuch in Strettam Priory fast eine tödliche Kugel trifft. Dass der wirrköpfige Ex-Professor Rath dahintersteckt, glauben weder Cromwell noch die Leser. Hier geht Mysteriöses vor, und der Inspektor muss sich ihm ohne Rückhalt stellen.

Denn dieses Mal kann Cromwell sich nicht auf den Rückhalt des mächtigen Scotland Yard verlassen. Wir sehen ihn in einer deutlich früheren Phase seiner Laufbahn, als er sich die später genüsslich zelebrierten Eigentouren mit stillschweigender Duldung und Unterstützung seiner Vorgesetzten noch nicht gestatten kann. Stattdessen wandelt er auf den Spuren von Sherlock Holmes, wenn er sich kunstvoll verkleidet oder als Camerons Schutzengel unsichtbar in der Wildnis um Strettam Priory postiert, das hier offensichtlich Baskerville Hall ersetzt; zwar schleicht bei Gunn kein Geisterhund durch ein Moor, aber ein Mörder mit Würgeschlinge ist auch kein Zeitgenosse, den man des Nachts gern im Nacken wüsste.

Die üblichen Verdächtigen?

Ebenfalls anders ist der Verzicht auf die später obligatorische Liebesgeschichte. Mit June Fremont ist eine hübsche junge Frau (im zeitgenössischen Sprachgebrauch ein »Mädchen«) im Spiel, die aber nicht die übliche Maid in Not mimen muss. (Selbstverständlich verguckt sie sich später in den schmucken jungen Doktor – und umgekehrt.) Gunn konzentriert sich stärker auf die eigentliche Handlung, die kompakter als üblich voranschreitet und im letzten Drittel vom Whodunit zur spannend getimten Verfolgungsjagd mit dem entlarvten aber nicht festgesetzten Täter mutiert, während das ahnungslose nächste Opfer mit einer hochkomplizierten Gehirnoperation beschäftigt und entsprechend abgelenkt ist.

Für angenehmes Gruseln sorgen kuriose Gestalten wie der »Dämonische Kroate«, der politisch unkorrekt aber effektvoll für südosteuropäisch undurchsichtige Bedrohlichkeit sorgt, oder der »mad scientist« Rath, der sich so bilderbuchhaft verrückt aufführt, dass es die reine (gleich naive) Freude ist. Ein eingeborener Köhler, der eigentlich Wilddieb ist, und sein ebenso dralles wie dreistes Weib sorgen für einschlägiges Lokalkolorit, denn Strettam Priory liegt wahrlich jenseits jeder modernen Zivilisation und gleicht einer Exklave des Mittelalters; Gunn treibt den Isolationismus des englischen Landhauskrimis auf die Spitze.

Ohnehin vermeidet der Verfasser sorgfältig eine Datierung des Geschehens. Die erwähnten Ballon-Experimente von Auguste Piccard fanden ab 1931 statt. Auf eigene Faust erschien 1941, doch der Zweite Weltkrieg wird mit keinem Wort erwähnt. Die Handlung muss daher zwischen 1931 und 1939 und somit noch in der »guten, alten Zeit« des klassischen Whodunit spielen, in die sich nicht nur die Leser der kriegsgeschüttelten britischen Insel gern zurückversetzen ließen; auch nach 1945 sorgten Gunns Cromwell/Lister-Krimis für eine ablenkende Lektüre, die Hektik und Probleme der Gegenwart nur als diffusen Lärm aus der Ferne berücksichtigten. Das macht den eigentlichen Reiz dieser schlichten aber sauber gestrickten Kriminalgeschichten aus.

Michael Drewniok, Juli 2009

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Zentnerwort zu »Victor Gunn: Auf eigene Faust« 08.04.2010
Für mich (und ich muss nur noch 4 Lesen) bis jetzt der stärkste Gunn. Keiner der anderen hat so viel Fahrt und so viel Tempo.

Allein die Auflösung durch den Absturz genial. Leider überzieht die Genesung des Professors.

Das ist aber der einzige Makel, den ich finden konnte.

Bis auf einen Gunn, sind alle anderen lesenswert.

Lord Bassingtons Geheimnis ist für mich klar der schwächste Gunn.
tassieteufel zu »Victor Gunn: Auf eigene Faust« 02.04.2009
Doctor Peter Cameron und seine Tante Susan leben recht zurückgezogen in einem Vorort von London, der junge Gehirnchirurg geht völlig in seinem Beruf auf, als seine Tante scheinbar ohne jedes Motiv in der Nacht erstochen wird, ist das ein Fall für Old Iron Inspector Cromwell. Der orientalisch anmutende Dolch mit dem die alte Frau ermordet wurde, führt Inspector Cromwell und seinen Assistenten Johnny Lister auf die Spur eines Wanderzirkuses, in dem ein kroatischer Messerwerfer auftritt und schon scheint der Fall geklärt, doch dann geschieht ein weiterer Mord und auch der seltsame Ausruf der alten Frau, kurz vor ihrem Tod „geh nach Streatham!“ lassen den Inspektor vermuten, das das eigentliche Ziel des Mordes der Arzt war, seine Ermittlungen führen ihn in den Ort Strettam Priors.
Wieder ermittelt Old Iron auf seine bewährte Art, dabei trifft der brummig-mürrische Inspektor wieder auf eine ganze Reihe skurriler Personen. Auch wenn man schon ab ca. der Mitte erahnen kann, wohin das ganze steuert, so werden der Lesegenuss und die Spannung doch durch einige überraschende Wendungen aufrecht erhalten.
Fazit: klassischer Krimi, dem der brummige Inspektor Cromwell die Würze verleiht! 85 ° von mir
RolfWamers zu »Victor Gunn: Auf eigene Faust« 01.10.2006
Das ist für mich der spannendste Ironsides-Roman. Auch heute, 40 Jahre nach dem ersten Lesen, gefällt mir die Geschichte. Wenn ich , wie zurzeit, Stress habe, gibt es nichts Besseres zum Entspannen. Da können mir die düsteren Skandinavier alle gestohlen bleiben.
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