Seelengift von Veronika Rusch

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2010 bei Goldmann.

  • München: Goldmann, 2010. ISBN: 978-3-442-47313-7. 384 Seiten.

'Seelengift' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Ein frostiger Wintermorgen im Englischen Garten: Als Hauptkommissar Walter Gruber am Fundort einer Leiche eintrifft, muss er entsetzt feststellen, dass es sich um seine eigene Frau handelt. Aufgrund einer fragwürdigen Zeugenaussage wird Gruber bald selbst zum Verdächtigen und beauftragt die Rechtsanwältin Clara Niklas mit seiner Verteidigung. Da sich die Polizei ganz auf Gruber festlegt, müssen er und Clara auf eigene Faust ermitteln. Sie stoßen auf Parallelen zu einem alten Fall und kommen dem Mörder immer näher – so nah, dass dieser Clara als neues Opfer auserkoren hat.

Das meint Krimi-Couch.de: »Seelische Pein lässt die Sicherungen durchbrennen« 78°

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Walter Gruber, Hauptkommissar bei der Münchener Kriminalpolizei, erlebt einen absoluten Alptraum. Nach längerer Trennung hat er wieder eine Nacht mit seiner Frau verbracht, verbunden mit der Hoffnung, dass sich die beiden wieder dauerhaft versöhnen könnten. Am Morgen wird er dann zu einem Leichenfund gerufen – und muss zur Kenntnis nehmen, dass es sich bei der Toten um seine geliebte Irmi handelt. Und damit nicht genug, er wird auch noch von den eigenen Kollegen verdächtigt und festgenommen. In seiner Not schickt Gruber seinen Sohn zu Rechtsanwältin Clara Niklas, einer respektierten Gegnerin in vielen Fällen, und lässt sie um ihre Hilfe bitten. Die Anwältin ist nur kurz hin- und hergerissen – aber schließlich glaubt sie an die Unschuld ihres Mandanten. Da für die Polizei der Täter festzustehen scheint, ermittelt Clara Niklas wie gewohnt auf eigene Faust. Sie weiht Gruber nicht immer in ihre Erkenntnisse ein und kommt so dem Mörder gefährlich nahe.

Seelengift ist nach Das Gesetz der Wölfe und Brudermord der dritte Roman über die unkonventionelle Münchener Rechtsanwältin Clara Niklas. Man muss die zwei anderen Fälle nicht gelesen haben, um dennoch problemlos in die Reihe hinein zu finden. Walter Gruber und Carla Niklas – die wichtigsten Protagonisten des Romans – kennen sich aus dem vorhergehenden Fall. Hier und da liefert Veronika Rusch einige Informationen, um die Vorgeschichte zu verdeutlichen. Die Autorin hat insgesamt einen angenehm zu lesenden Schreibstil. Vor allem versteht sie es, den Leser zu fesseln. Die Geschichte wirkt nach der Lektüre des Klappentextes eher unscheinbar. Ein Kommissar, der von den eigenen Kollegen verdächtigt wird, und eine findige Anwältin, die ihn heraus pauken soll. Aber schon nach wenigen Seiten wird man von der komplexen und wirklich faszinierenden Handlung geradezu »gepackt«.

Dazu trägt enorm bei, dass Veronika Rusch von Beginn an auch die Perspektive des Mörders deutlich macht. In diesem Roman der leisen, unterschwelligen Töne wird die hochgradig gestörte Persönlichkeit eines Mannes geschildert, der unter schweren Kindheitstraumata leidet. Seine Zwangsneurosen machen ihn zu einer überaus interessanten, aber auch abstoßenden Figur. Diese Ambivalenz macht den Roman zu einem Psychothriller, der dem Leser einiges zu bieten hat. Durch das Umblenden in die Täter-Perspektive hat der Leser zudem stets einen Informationsvorsprung gegenüber den Protagonisten, ist hautnah am Geschehen und kann bestens »mitfiebern«.

Für Kommissar Walter Gruber ist der Mord an seiner Frau mehr als eine menschliche Tragödie. Veronika Rusch schildert den Polizisten als empfindsamen, sensiblen und verschlossenen Menschen. In den Dialogen mit seinem Sohn macht Gruber wichtige Schritte aus seiner Isolation heraus. Diese Passagen sind wirklich lesenswert und machen mehr als nachdenklich. Hier wird geschickt verdeutlicht, dass auch Kriminalpolizisten ganz normal reagieren, wenn ihnen nahe stehende Personen getötet werden. Der Wandel im Verhältnis zwischen der Rechtsanwältin und dem Kommissar ist einfühlsam und beeindruckend beschrieben.

Clara Niklas ist eine ebenso sympathische wie ungewöhnliche Figur. Als Rechtsanwältin geht sie ganz eigewillige Wege, verbeißt sich in ihre Fälle und scheut auch nicht vor unangenehmen Konsequenzen zurück. Nebenbei hat sie in diesem Roman die Trennung von ihrem langjährigen Kanzlei-Partner zu verkraften, aber das wird angenehm unaufdringlich geschildert. Sie hat eine gute Kombinationsgabe, zeigt aber auch menschliche schwächen. Insgesamt eine Romanfigur, die noch einiges Potenzial hat.

Veronika Rusch zeigt sich auch in ihrem dritten Buch aus der Reihe als gute Geschichten-Erzählerin. Sie vermag den Leser zu fesseln, ihr Plot wirkt durchdacht und gut recherchiert. Die Dialoge sind stimmig und einfühlsam, dem zuweilen düsteren Inhalt angemessen. Insgesamt ein lesenswertes Buch. Man kann nur hoffen, dass die Autorin nach längerer Pause noch weiteres von ihre Münchener Anwältin hören lässt.

Andreas Kurth, Januar 2012

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