Die Pension in der Via Saffi von Valerio Varesi

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2004 unter dem Titel L´affittacamere, deutsche Ausgabe erstmals 2008 bei Rowohlt.
Ort & Zeit der Handlung: Parma, 1990 - 2009.
Folge 5 der Commissario-Soneri-Serie.

  • Mailand: Frassinelli, 2004 unter dem Titel L´affittacamere. 270 Seiten.
  • Berlin: Kindler, 2006. ISBN: 978-3-463-40487-5. 288 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2008. ISBN: 978-3-499-23781-2. 283 Seiten.

'Die Pension in der Via Saffi' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Nur noch wenige Tage bis Weihnachten. Nebel und Kälte zehren an Parma. Commissario Soneri versetzt die vorweihnachtliche Aufregung in eine melancholische Stimmung, vor allem seit er mit der Aufklärung des Mordes an der alten Pensionsbesitzerin Ghitta Tagliavini beauftragt worden ist. Soneri kannte das Opfer gut: Früher traf er sich in ihrer Pension oft mit seiner Frau Ada, die er unter dramatischen Umständen viel zu früh verlor. Die Aufklärung des Mordes konfrontiert ihn schmerzlich mit seiner Vergangenheit. Bald muss er herausfinden, dass Ghitta nicht die ehrenhafte Frau war, für die er sie immer gehalten hat, sondern als Wunderheilerin am Rande der Legalität arbeitete. Wahrscheinlich liegt hierin auch der Grund für ihr bitteres Ende. Am liebsten würde der Commissario den Fall delegieren, aber als er bei den Ermittlungen auf Details stößt, die mit seiner eigenen Hochzeit und seinen tiefsten Gefühlen zu tun haben, ist es dazu bereits zu spät …

Das meint Krimi-Couch.de: »Anarchisten, Kommunisten, Untergrundkämpfer und Faschisten« 80°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Fernanda Schianchi meldet der Polizei, dass ihre Nachbarin Giuditta Tagliavini, von allen nur »Ghitta« genannt, die Tür zu ihrer Pension nicht öffnet und ihr dies sehr seltsam vorkomme. Commissario Soneri begibt sich umgehend in die Via Saffi, denn die Pension Tagliavini ist stadtbekannt. Vor Jahrzehnten mieteten sich vor allem junge Stundenten hier günstig ein, so auch Soneri, der dort vor 30 Jahren seine inzwischen verstorbene Frau Ada kennen lernte. Soneri findet Ghitta auf dem Küchenboden vor, ermordet durch einen Stich ins Herz mit dem Messer eines Coradors, dem Schweineschlächter.

Da Soneri ohnehin wenig Zeit auf dem Präsidium verbringt, läuft er viel durch das alte Viertel Parmas, in dem er sich allerdings kaum noch auskennt. All zuviel hat sich im Laufe der Jahrzehnte verändert und so verwundert es Soneri nicht sehr, dass aus der Pension zuletzt ein billiges Stundenhotel wurde. Sollte einer ihrer prominenten Besucher Angst vor einer »Enthüllung« über seine Besuche gehabt haben?

Soneris beobachtet das Leben auf der Via Saffi und befragt immer wieder Nachbarn und Personen, die Ghitta gekannt haben. Dabei erfährt er unter anderem, dass Ghitta aus einem Dorf in den Bergen stammte, welches sie einmal wöchentlich aufsuchte und wo sie als »Wunderheilerin« arbeitete. Auch von einem unehelichen, geistig zurück gebliebenen Sohn erfährt Soneri und so könnte die Spur des Mörders ebenso in das abgelegene Dorf führen.

Aber damit nicht genug. Soneri stößt bei seinen Ermittlungen auf den Fall Mario Dallacasa, der vor 28 Jahren als Mitglied der extremen Linken ermordet wurde. Ein Täter wurde nie gefunden. Da Ghitta zuletzt von einem Mann drohende Anrufe erhielt, den sie »den Roten« nannte, könnte es womöglich einen Zusammenhang zwischen dem Morden an Ghitta und Dallacasa geben.

Für Soneri entwickelt sich der Fall zunehmend zu einem Alptraum bei dem er immer tiefer vor allem in seine eigene Vergangenheit hinab gezogen wird. Denn offensichtlich kannte er seine geliebte Ada, mit der er 15 Jahre verheiratet war, nicht richtig …

Die Zeitung »La Repubblica« lobt ihren Redakteur mit den Worten »Valerio Varesi ist ein erstklassiger Krimiautor« und Carlo Lucarelli urteilt »Nur zu vergleichen mit Maigret und Camilleri«. Bei soviel Lob wird es Zeit, dass auch wir uns diesem »Newcomer« annehmen, der bereits mit seinem Debütroman Der Nebelfluss auf ein äußerst positives Echo in der Öffentlichkeit stieß.

Varesi hat einen eigenwilligen Erzählstil an den man sich gewöhnen muss. Zunächst erfährt der Leser alles nur Häppchenweise. So muss man beispielsweise lange in dem Roman lesen bis man überhaupt erfährt in welcher Stadt (Parma) dieser denn spielt. Auch die Figuren wirken eher eindimensional, werden kaum mit Leben gefüllt (Ausnahme Soneri) und dennoch schafft Varesi das Kunststück für eine große atmosphärische Dichte zu sorgen. Soneri schleicht durch die Gassen des ständig in Nebel gehüllten Parma in einem Viertel, in dem er einst zu Hause war, sich nun aber nicht mehr auskennt, nicht mehr auskennen mag. Nur jene Einwohner, die zu arm sind um das Viertel zu verlassen sind noch da, alle anderen haben längst das Weite gesucht.

»Hierher kommen sie nie zurück, weil das Viertel sie daran erinnert, wie schlecht es ihnen einmal gegangen ist.« 

Die Suche nach Ghittas Mörder wird für den Einzelgänger Soneri

»Streunende Hunde wie du sind immer im Weg. Wenn du nicht zu einem Clan gehörst, hast du sie alle gegen dich. Du hättest ein Marlowe werden sollen, nicht ein Commissario, der im Präsidium ständig gegen die Wand rennt.«

zunehmend eine Reise in die eigene Vergangenheit und so muss er letztlich schmerzhaft erkennen, warum seine Frau Ada bei der Totgeburt ihres Sohnes ebenfalls starb.

Soneri ist ein Aussenseiter bei der Polizei und vielleicht gerade deshalb eine Figur mit hohem Identifikationspotential,

»Saltapico und der Amtsarzt haben nur von dir gesprochen. Wo er bloß steckt? Was er bloß macht? In wichtigen Momenten ist er nie da...«
»Sie dagegen sind immer da, wenn man sie nicht brauchen kann«, brummte Soneri.

dessen »Fangemeinde« sich sicher in Zukunft beständig vergrößern wird. Wer einen »modernen Klassiker« liebt, der wird früher oder später Varesi für sich entdecken.

Geschickt verbindet Varesi mehrere Geschichten zu einem undurchdringlichen Wollknäuel bevor er dann langsam die einzelnen Fäden wieder voneinander löst und zum Finale schreitet. Wie für einen guten italienischen Autor fast schon Pflicht, kommen Verweise auf Anarchisten, Kommunisten, Untergrundkämpfer und Faschisten ebenfalls nicht zu kurz.

Wer es gerne »ruhig« angehen lässt und mehr auf Atmosphäre setzt, der darf hier unbesehen zugreifen.

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Oliver zu »Valerio Varesi: Die Pension in der Via Saffi« 22.02.2008
Insgesamt für mich schwächer als sein Buch "Der Nebelfluss". In Prinzip ähnlich angelegt, aber eine richtige Spannung will eigentlich nicht aufkommen, zudem in diesem Buch viel zu viele Namen und Personen, alles wird ein wenig unübersichtlich. Positiv war für mich die konsequente Zeichnung des Hauptdarstellers und der angenehme und gut lesbare Schreibstil des Autors.
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