Der lange Atem der Vergangenheit von Val McDermid

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2014 unter dem Titel The Skeleton Road, deutsche Ausgabe erstmals 2015 bei Droemer.
Folge 3 der Karen-Pirie-Serie.

  • London: Little Brown, 2014 unter dem Titel The Skeleton Road. 448 Seiten.
  • München: Droemer, 2015. Übersetzt von Doris Styron. ISBN: 978-3-426-28134-5. 442 Seiten.
  • [Hörbuch] Berlin: Argon, 2015. Gesprochen von Tanja Geke. ISBN: 3839814278. 448 CDs.

'Der lange Atem der Vergangenheit' ist erschienen als Hardcover HörbuchE-Book

In Kürze:

Verborgen in der Turmspitze eines baufälligen viktorianischen Gemäuers in Edinburgh wird eine skelettierte Leiche mit einem Einschussloch im Schädel gefunden. Detective Chief Inspector Karen Pirie und ihre Cold Cases Unit sollen den rätselhaften Fall aufklären. Um wessen sterbliche Überreste handelt es sich? Karen hat kaum Anhaltspunkte, aber einen zielsicheren Instinkt. Ihre Nachforschungen führen sie zurück in die neunziger Jahre, in die Erbarmungslosigkeit der Balkankriege. In einem Labyrinth aus persönlichen und politischen Konflikten, aus falschen Identitäten und sorgsam gehüteten Geheimnissen droht sich die Spur zu verlieren. Doch manchmal will die Vergangenheit einfach nicht ruhen …

Das meint Krimi-Couch.de: »Die Spur führt in die Balkankriege« 80°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Detective Chief Inspector Karen Pirie ermittelt in einem seltsamen Todesfall. In der Turmspitze eines seit zwanzig Jahren stillgelegten Schulgebäudes wird die skelettierte Leiche eines Mannes gefunden, der, wie die weiteren Untersuchungen ergeben, vor rund acht Jahren erschossen wurde. Der Mann könnte aus dem Balkan stammen und so führen Pirie ihre Ermittlungen zu Professor Maggie Blake, einer Spezialistin für den Balkan, die während des Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien in Dubrovnik lebte und dabei ihre große Liebe, General Dimitar »Mitja« Petrovic, kennenlernte. Doch Mitja verließ sie vor acht Jahren ohne ein Wort. Maggie vermutet, dass es ihn zurück in sein geliebtes Kroatien zog, wo er womöglich eine Familie zurückgelassen hat. Die Rechtsanwälte Macanespie und Proctor, die für den Internationalen Strafgerichtshof arbeiten, verfolgen derweil eine andere Spur. Auf Kreta wurde ein serbischer Kriegsverbrecher ermordet. Es ist bereits der elfte Fall in dem ein Kriegsverbrecher angeklagt, jedoch vor seiner Verhaftung ermordet wurde. Macanespie und Proctor sollen für ihren neuen Chef die alten Fälle noch einmal aufrollen, damit die Selbstjustiz ein Ende findet. Dabei steht für sie der Name des Serienmörders und einsamen Rächers längst fest: Dimitar Petrovic.

Ein weiterer Fall für Karen Pirie

Einige Zeit war es still geworden um Bestsellerautorin Val McDermid, denn es wollten ihr scheinbar keine guten Werke mehr gelingen. Dann erschien 2009 Nacht unter Tag und plötzlich war sie wieder da, die beliebte Starautorin. Protagonistin der Geschichte war damals DS Karen Pirie, an ihrer Seite Detective Inspector Phil Parhatka. Pirie leitet inzwischen die Abteilung für Altfälle, während Parhatka in eine andere Abteilung wechselte. Allerdings riss der Kontakt der beiden nie ab, im Gegenteil, sie leben inzwischen zusammen. An der Seite von Pirie arbeitet Detective Constable Jason Murray, genannt »Minzdrops«, was auch als eine Anspielung auf dessen IQ verstanden werden darf. Hier haben wir den ersten (kleinen) Kritikpunkt am neuen Werk von McDermid, denn warum muss ein erwachsener Polizist permanent als Minzdrop bezeichnet werden und wie schafft es ein Mann wie Murray überhaupt in den Polizeidienst?

Erzählt wird die oben skizzierte Geschichte in mehreren Handlungssträngen. Die Ermittlungen Piries, die Nachforschungen der Anwälte vom ICTFY, dem Internationalen Gerichtshof für Kriegsverbrechen im früheren Jugoslawien, den aktuellen Geschehnissen rund um Professorin Blake und deren Tagebuchaufzeichnungen aus den 1990er Jahren, die sie im Krieg in Kroatien an der Seite ihres geliebten Mitja verbrachte. Durch die ständigen Szenewechsel gelingt es McDermid, das Lesetempo ordentlich hochzuhalten, wobei sich zunächst die spannende Frage stellt, warum Mitja vor acht Jahren spurlos verschwand? Ist er der gesuchte Serienmörder, der ungesühnte Kriegsverbrechen rächen will oder gar die »aktuelle« Leiche, mit der es Pirie zu tun hat?

»Die schrecklichen Greueltaten, die sie verübten, lassen sich nicht abstreiten, aber sie sind der Meinung, dass sie einen triftigen Grund hatten. Das ist natürlich Unsinn. Alles, was einer Rache nach dem Prinzip Auge und Auge herauskommt, sind eine Menge blinde Leute.«

Interessant sind die Rückblicke in die Zeit der Balkankriege und deren Ursprünge Anfang der 1940er Jahre. So könnte man Der lange Atem der Vergangenheit als eine Geschichte über Schuld und Sühne bezeichnen, in der das biblische Rachemotto »Auge um Auge« oberstes Gebot zu sein scheint. Die dargestellten Greueltaten sind jedenfalls nichts für schwache Lesernerven. Diese werden lebendig, denn Pirie muss vor Ort in Kroatien ermitteln und Blake will dort die Familie von Mitja finden, so es diese denn gibt.

»Es hängt alles zusammen mit Ethnien und Religion und Völkergruppen. Es ist wie Nordirland multipliziert mit zehn. Rangers und Celtic vervielfacht mit Irrwitz.«

Der Fall ist packend geschrieben, der zeithistorische Hintergrund interessant und so ist der vorliegende Roman durchaus ein willkommener Thriller-Happen, der allerdings in der zweiten Hälfte deutlich an Spannung verliert. Zu früh wird klar, was es mit der »aktuellen« Leiche auf sich hat und wer sich (mangels Alternativen) hinter dem gesuchten Serienmörder verbirgt.

Jörg Kijanski, November 2015

Ihre Meinung zu »Val McDermid: Der lange Atem der Vergangenheit«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Anke zu »Val McDermid: Der lange Atem der Vergangenheit« 19.10.2016
Was habe ich mich gefreut, endlich neuen "McDermid-Stoff" in Händen zu halten! Mit Nacht unter Tag hatte Frau McDermid gut vorgelegt, worauf ich auf eine neue spannende Story mit DCI Karen Pirie hoffte.
Leider erfüllte sich dieser Wunsch nicht wirklich: Auf über 400 Seiten wird hier eine Geschichte erzählt, die man gut und gerne auf die Hälfte der Seitenzahl kürzen könnte. Gerade die ersten 150 Seiten ziehen sich wie Kaugummi und ich hatte das Gefühl, dass das Buch irgendwie nicht so richtig "Fahrt" aufnimmt. Auch die komplett durchgängige Bezeichnung des Arbeitskollegen DC Jason Murray als "Minzdrops" und die ständigen Anspielungen auf seine angebliche "Blödheit" (im Sinne von niedrigem IQ) haben mich gegen Mitte des Buches doch ziemlich genervt.Erst am Ende, so auf den letzten 30 Seiten, nimmt Frau McDermid ihren gewohnten Speed auf...doch das kann die Story auch nicht mehr retten. Meiner Meinung nach hängt das Buch zwischen ein bisschen Geschichte und ein bisschen Krimi, aber nichts von beidem wird ernsthaft transportiert.Fazit: Eines der schwachen Bücher von Val McDermid (wobei es nicht viele von den Schwachen gibt)!
Ich freue mich auf den nächsten "Streich" und hoffe auf was Spannendes! ;-)
Troy zu »Val McDermid: Der lange Atem der Vergangenheit« 20.08.2015
In einem abbruchreifen Haus wird ein Skelett gefunden, die Todesumstände sind mysteriös, was wiederum DCI Karen Pirie von der Cold Case Unit in Edinburgh auf den Plan ruft. Dem Leser wird bald klar, um wen es sich bei dem Toten handelt, bei der Polizei dauert es etwas länger, was aber der Spannung keinen Abbruch tut. Die Spur führt zurück bis in die Neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, in den Konflikt im ehemaligen Jugoslawien, wo sich die Lebenswege ganz unterschiedlicher Charaktere kreuzen – und das hat Auswirkungen bis in die heutige Zeit.
Keine Angst, die Geschichtslektion ist Gottseidank nicht trocken und fügt sich gut in die Krimihandlung ein. Man erfährt eine ganze Menge über die Verstrickungen von diversen Interessensgruppen in den Balkan-Konflikt, und nicht immer standen noble Absichten dahinter. Aber auch menschliche Schicksale kommen nicht zu kurz. Die Protagonisten – wie oft bei Val McDermid etwas „frauenlastig“ – kommen durch die Bank glaubwürdig rüber, und die verschiedenen Handlungsstränge finden am Ende zueinander. Nicht unbedingt überraschend, aber alles in allem ein spannender Krimi. Gestört hat mich lediglich der Abstecher ins Privatleben der Ermittlerin, der war meiner Meinung nach überflüssig und hat der Geschichte lediglich ein paar gedruckte Seiten mehr gebracht.
Eule Buer zu »Val McDermid: Der lange Atem der Vergangenheit« 27.07.2015
Auf dieses Buch freue ich mich. Die Tony-Hill-Serie finde ich langweilig und brutal. Mich nervt die Romanfigur des Tony Hill einfach. Selbstmitleid, Selbstüberschätzung, er hält sich für den Besten usw. Darum bin ich froh, daß sich Val McDermid in ihrem neuen Buch nicht mit Tony Hill beschäftigt. Die Buchbeschreibung liest sich schon mal gut an.
Ihr Kommentar zu Der lange Atem der Vergangenheit

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: