Alias Toller von Ulrich Effenhauser

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2015 bei Transit.

  • Berlin: Transit, 2015. ISBN: 978-3887473242. 176 Seiten.

'Alias Toller' ist erschienen als Hardcover E-Book

In Kürze:

Ein paradoxer, bislang wenig bekannter Aspekt der Nachkriegsgeschichte: Deutsche NS-Verbrecher wurden nach 1945 von kommunistischen Geheimdiensten rekrutiert, um in der Bundesrepublik zu spionieren. Nach der Wende von 1989 stehen die kommunistischen Funktionäre, die die Spione angeleitet haben, in Prag vor Gericht. Im Zuge dieser Prozesse wird Kriminalkommissar Heller als Zeuge geladen und er findet dreißig Jahre nach zwei unaufgeklärten Morden heraus, wer und was in diesem Fall eine Rolle gespielt hat …Halb Krimi, halb Spionageroman, führt der Plot nach Prag, Regensburg und Rom Ende der siebziger Jahre. Es geht um einen Mord an einem Musiklehrer in Regensburg, zu dessen Aufklärung Kriminalkommissar Theodor Kolnik unbedingt nach Prag fahren will und dort ebenfalls ermordet wird. Sein junger Assistent Alwin Heller, der den Chef wegen seiner unkonventionellen Methoden und seines Spürsinns bewundert, ermittelt danach inoffiziell in Prag und erfährt irritierende Neuigkeiten. Kolnik, der sich als Widerstandskämpfer gegen die Nazis ausgegeben hat, ist in Wirklichkeit Mitglied einer SS-Einheit in der besetzten Tschechoslowakei gewesen, die 1945 auf der Partisanenjagd viele Menschen brutal ermordet hat. Er und seine Mitoffiziere wurden deswegen nach 1945 von den Kommunisten inhaftiert, dann aber bald wieder freigelassen unter der Bedingung, fortan unter falschem Namen für die tschechische Staatssicherheit in der Bundesrepublik zu spionieren Einer von ihnen arbeitet in einer NATO-Abhöranlage nahe der tschechischen Grenze, vermutlich als Doppelagent denn Heller, der die noch lebenden Täter überführen will, wird überraschend zurückgepfiffen und von Regensburg zum BKA nach Wiesbaden versetzt …

Das meint Krimi-Couch.de: »Spannender Ausflug in die späten 1970er Jahre« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

August 1978: Dr. Friedrich Gutleb, Musiklehrer in Regensburg, wird Opfer eines Mordanschlags. Eine Autobombe reißt den umstrittenen und unbeliebten Lehrer aus dem Leben. Kurz zuvor hatte er einen Disziplinarausschuss initiiert, um gegen das ungebührliche Verhalten des Schülers Karl Klenk und dessen Mitschülerin vorzugehen, da diese sich im Treppenhaus der Schule geküsst hatten. Da Klenk die Leistungskurse Physik und Chemie belegt, rückt er vorrübergehend in das Zentrum der Ermittlungen bis ein Bekennerschreiben der Roten Armee Fraktion dem Fall eine völlig neue Richtung gibt. Hauptkommissar Theodor Kolnik und Kriminalassistent Alwin Heller leiten die Ermittlungen, doch dann bittet Kolnik seinen Mitarbeiter überraschend, ihm seine Eintrittskarte für ein Fußballländerspiel in der CSSR abzutreten. Heller willigt ein und muss kurz darauf erfahren, dass Kolnik in Prag erschossen wurde. In seinem »Vermächtnis« drängt Kolnik darauf von Ermittlungen abzusehen, doch Hellers Neugier ist geweckt. Gemeinsam mit Kolniks Tochter Charlotte reist er inoffiziell nach Prag, wo er den Fotografen Jiri Abel kennenlernt. Eine Filmaufnahme Abels belegt, dass der vermeintliche Widerstandskämpfer und KZ-Insasse Kolnik in Wahrheit einer brutalen SS-Einheit angehörte. Bilder zeigen ihn gemeinsam mit Gutleb und zwei weiteren Männern bei der Vernichtung eines Dorfes …

Atmosphärisch und vielschichtig erzählter zeithistorischer Plot

Beginnen wir mit dem »unangenehmeren« Teil: Knapp 20 Euro für rund 170 Seiten sind ein stolzer Preis, aber bei kleineren Auflagen gebundener Bücher kaum vermeidbar. Daher vorweg ein großer Dank an den Transit-Verlag, dass er dieses Buch trotz eines gewissen Verkaufsrisikos auf den Markt gebracht hat. Und wer anspruchsvolle zeithistorische Thriller mag, der findet hier seinen Geschenkwunsch für Weihnachten!

2008 findet ein »Kommunistenprozess« in Prag statt und Alwin Heller wird gebeten, dort als Zeuge auszusagen. Es beginnt ein Rückblick in seinen ersten Fall, den er damals nicht lösen konnte. Sein Chef, Theodor Kolnik, galt als ebenso kauzig wie genial. Er kam spät, ging früh, las während der Arbeit »Schuld und Sühne«, »Der Prozess« und die Bibel, um sich dann in eine Fallakte hineinzubeißen. Seine schnelle und effiziente Aufklärungsquote waren legendär. Damit sind wir bei dem Mordanschlag an Gutleb und wenig später dem Mord an Kolnik. Mit langsamem Erzähltempo entführt Autor Ulrich Effenhauser seine Leser in das Jahr 1978. Verteidigungsminister Leber ist während der Guilleaume-Affäre erst vor wenigen Monaten zurückgetreten. Im Fernsehen laufen Bonanza und Die Straßen von San Francisco. Man fährt VW Käfer und Ford Taunus, der erste Computer erleichtert die Polizeiarbeit. Der eiserne Vorhang ist noch fest verschlossen, wie Heller und Charlotte spätestens in Prag erfahren müssen und so darf Heller nur inoffiziell ermitteln. Er ist entsetzt als er erfahren muss, dass sein Vorgesetzter ein überzeugter Nazi und Mitglied der SS war. Schließlich war sein eigener Vater nicht besser, daher sein Vorname Alwin, der in Kombination mit seinem Nachnamen die Initialen des Führers bildet.

Drittes Reich, Eiserner Vorhang, Spionage, Gegenspionage – und Rache.

Gemeinsam mit Charlotte, der von Kommunismus und freier Liebe träumenden Tochter Kolniks, macht sich Heller an die Arbeit. Er findet verstörende Details über Kolniks und Gutlebs Vergangenheit im Dritten Reich hinaus und stößt dabei auf zwei weitere Personen. Einer von ihnen lebt offenbar unter dem Namen Toller und arbeitet für die Bundeswehr. Hier wird es erneut interessant, denn Alias Toller beschreibt ein bislang eher unbeleuchtetes Kapitel der deutschen Nachkriegszeit. Verbrecher des NS-Regimes wurden nicht nur von den Amerikanern und Russen, sondern auch von anderen Geheimdiensten (hier der kommunistischen CSSR) rekrutiert und in Deutschland eingesetzt. So ist Alias Toller ein ebenso glänzender Krimi- wie Spionageroman, wobei die Spionage vor allem das Hintergrundszenario ausfüllt.

Atmosphärisch dicht, erzählerisch den Hauch der damaligen Zeit grandios einfangend, mit einem fulminanten Finale.

Wer zuletzt im Kino von dem sehr sehenswerten Film »Der Staat gegen Fritz Bauer« angetan war, dürfte an diesem Roman ebenfalls seine Freude haben. Wenngleich vor einem völlig anderen Hintergrund spielend, geht es auch hier mitunter um die Frage, wie konnten lupenreine Nazis nach dem Krieg »einfach so« in teils einflussreichen Positionen weiterleben? Unbemerkt, mitten unter uns. Großes Kino!

Jörg Kijanski, Dezember 2015

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j. winter, regensburg zu »Ulrich Effenhauser: Alias Toller« 29.12.2015
dem vorigen kommentar kann ich nur zustimmen! die ersten seiten hab ich gedacht, es handelt sich um ein sachbuch, aber dann legt der krimi richtig los. toll war auch, daß man selber ein wenig mitdenken muß. auch die drei hauptfiguren, der etwas spießige heller, die extravagante charlotte und der rätselhafte kolnik, haben mir zugesagt. auch wenn's nur knapp 200 seiten sind, der roman hat's in sich! es lohnt sich, in den buchhandlungen auch einmal die bücher, die hinter den bestsellern gestapelt sind zu kaufen.
dieter strunz zu »Ulrich Effenhauser: Alias Toller« 27.12.2015
Wer doppelbödige, vielschichtige Krimis mag, ist hier genau richtig. Ich hab das Buch in einem Rutsch durchgelesen. Es ist spannend und lehrreich zugleich, man erfährt manches über die Nachkriegszeit, was man nicht unbedingt weiß. Trotz der Vielschichtigkeit ist das Buch sprachlich gut zu lesen, die Sprache ist klar und verständlich, manchmal auch mit literarischer Schönheit. Gefallen hat mir auch die Stimmung der 70er Jahre, die gut rüberkommt, und vor allem auch das Ende, das ist wirklich packend geschrieben ist, sehr überraschende Auflösung. Mir ist das Buch zu Weihnachten geschenkt worden, es hat mir schöne Lesestunden bereitet. Ein Krimi, der über das Gewohnte hinausgeht. Sehr empfehlenswert!
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