Berliner Macht von Ullrich Wegerich

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 bei Königshausen und Neumann.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Berlin, 1990 - 2009.
Folge 2 der Robert-Mannheim-Serie.

  • Würzburg: Königshausen und Neumann, 2009. ISBN: 978-3826039850. 225 Seiten.

'Berliner Macht' ist erschienen als

In Kürze:

Die Geschichte beginnt im verarmten Berliner Wedding: In einer herunter gekommenen Wohnung wird eine verweste männliche Leiche gefunden. Die Kripo nimmt ihre Ermittlungen auf und erfährt, dass der Hartz-IV-Empfänger Markus Keppel angeblich schwarz als Detektiv arbeitete. Tatsächlich stellen Kommissar Mannheim und seine Kollegen eine CD sicher, die eine Überwachung von Sabine von Schleider, der Vizepräsidentin des deutschen Bundestages, dokumentiert. Im Bezirk Prenzlauer Berg lernen sie die Gewinner der Modernisierungsprozesse der vergangenen Jahrzehnte kennen. In einer Stadt, die sich immer radikaler in arm und reich polarisiert, kommen sie einem rücksichtslosen politischen Machtkampf auf die Spur. Die Ermittlungen führen ins Herz der Hauptstadt …

Das meint Krimi-Couch.de: »Jenseits der Nachbarschaftsläden« 20°

Krimi-Rezension von Wolfgang Franßen

Eines darf man Ullrich Wegerich nicht vorwerfen: dass er sein Berlin nicht kennt. Auch wenn er alles daran setzt, dass man es wieder erkennt. Teilweise wie beim Flughafen Tempelhof liest sich der Roman wie der Bericht aus einer Stadtteilzeitung und versprüht den Charme eines alternativen Stadtführers.

Deutscher Autor, deutscher Politthriller, das ist eine Crux in sich. Worte wie Bundestagsabgeordneter, Polizeilicher Staatsschutz, Maximierungsrichtlinien sind nicht gerade von der Art, die unsere Phantasie beflügeln, den Suspense in sich tragen. Sie gehören eher in den Programmpunkt Maybritt Illner: Wir reden solange, bis niemand merkt, dass wir nichts zu sagen haben.

Längst haben wir uns an die korrupten, verschwörerischen Senatoren jenseits des Atlantiks gewöhnt, an die Master in Chief, deren Geheimpläne erst auf Seite 496 vereitelt werden. Doch kaum taucht statt CIA das LKA auf versprüht das den Charme einer kriminellen Dokumentation und der Leser wünscht sich der ein oder andere Strich wäre nicht unter den Tisch gefallen. Wenn Autoren wie LeCarré, Forsyth, Follet, Clancy oder Grisham mag, ihre politischen Intrigen auf den unterschiedlichsten Schauplätze in der Welt verfolgt, muss zugeben, dass wir kinoverseucht bereit sind, ihnen selbst nach Deutschland zu folgen, weil die deutschen Pappkameraden bei ihnen Staffage sind.

Beschreibungen

Die schillernde Gestalt eines Harz-IV-Empfängers, der angeblich als Detektiv gearbeitet haben soll, dient als Leiche. Ist als Konstrukt schon holprig und vermisst die Titelmelodie aus Derrick. Der Polizeirat heißt Göttlich, die Vizepräsidenten des deutschen Bundestages von Schleider und fast jeder Akteur bekommt sogleich einen Vornamen verpasst. Es muss ja alles stimmen, genau recherchiert sein, Stallgeruch mit sich bringen. Warum haftet dem Plot, dann so viel Wächsernes an?

Verhöre gipfeln in Ausbrüchen der Ermittler: »Wir stellen hier die Fragen.« Der Kommissar blafft, wird barsch und braucht die Adjektiven, um Gestalt anzunehmen, ihn charakterisiert nicht, dass was er sagt, was er tut, es muss umschrieben werden. Als Absicherung gleichermaßen. Der Leser könnte einen ja nicht verstehen. Da ist es doch klüger, man nimmt ihn an die Hand.

Es sind die typischen Überbeschreibungen, die den Plot langatmig gestalten. Die Figuren enttarnen sich nicht selbst. Wegerich will genau sein, unter Beweis stellen, dass er gut recherchiert hat und oft erstickt eine Geschichte gerade an der Genauigkeit, die einem Leser keinen Platz lässt, sich Bilder zu verschaffen. Dies gebiert meistens das Misstrauen in die eigene Geschichte. Somit wird die Wirkung festgezurrt und besitzt keinen Spielraum mehr.

Wolfgang Franßen, Juli 2009

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Annette zu »Ullrich Wegerich: Berliner Macht« 08.07.2009
"Deutscher Autor, deutscher Politthriller, das ist eine Krux in sich." Dieser Satz ist doch vor allem ein Vorurteil. Möglicherweise ist mit Wolfgang Franßen ja dieser typische deutsche Selbsthaß deutscher Intellektueller durchgegangen. Das Berlin der 20er Jahre ist als Krimisujet inzwischen anerkannt - warum nicht auch das heutige Berlin?

Zum Roman selbst: Ich finde nicht, dass er den Charme eines alternativen Stadtführers versprüht. Diese Alternativkultur gibt es ohnehin schon ewig nicht mehr. Der Krimi hat eher etwas von einer Sozialreportage, es geht um eine Stadt, die sich tatsächlich immer mehr in verarmte Verlierer und in wohlhabende Gewinner polarisiert. Aber vielleicht sind diese Entwicklungen in der westdeutschen Provinz noch nicht ganz angekommen? Ich fand viele Beschreibungen realitätsnah.

Ich habe "Berliner Macht" jedenfalls mit echter Spannung gelesen. Ich finde den Krimi gar nicht schlecht und durchaus empfehlenswert.
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