Die Netzhaut von Torkil Damhaug

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2008 unter dem Titel Døden ved vann, deutsche Ausgabe erstmals 2010 bei Droemer.
Ort & Zeit der Handlung: Norwegen / Oslo, 1990 - 2009.

  • Oslo: Cappelen, 2008 unter dem Titel Døden ved vann. 445 Seiten.
  • München: Droemer, 2010. Übersetzt von Knut Krüger. ISBN: 978-3-426-19874-2. 600 Seiten.

'Die Netzhaut' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Der 12-jährige Jo hat beschlossen, seinem Leben ein Ende zu setzen – und wird in letzter Minute gerettet. Doch um welchen Preis? Jahre später verschwindet in Oslo die Psychotherapeutin Mailin Bjerke spurlos. Was niemand weiß: In ihrer Praxis fehlt auf einmal eine streng vertrauliche Patientenakte. Als Mailin einige Tage später grausam gefoltert und ermordet aufgefunden wird, übernehmen Kommissar Viken und sein Team den Fall. Gleichzeitig beginnt Mailins eigensinnige Schwester Liss, selbst Nachforschungen anzustellen. Immer tiefer gräbt sie in der Vergangenheit und kommt dabei dem Mörder ihrer Schwester gefährlich nahe …Torkil Damhaug ist erneut ein erstklassig durchdachter, komplexer und überraschender Plot gelungen – dieser Thriller lässt niemanden kalt!

Das meint Krimi-Couch.de: »Spannung bis zum Schluss« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Sabine Bongenberg

Seit Kindheitstagen hat sich Liss Bjerke an ihrer älteren Schwester Mailin orientiert und sich auf sie verlassen. Daran hat sich nicht viel geändert, auch wenn Liss nun versucht, in Amsterdam eine Modell-Karriere aufzubauen und sich ihre Schwester in Oslo als Psychologin etabliert hat. Daher ist die jüngere geschockt, als ihr derzeitiger Manager sie mit Fotos ihrer Schwester und dem Hinweis, dass ihr deren Schicksal sicherlich nicht egal sei, unter Druck setzen will. Diese Drohung scheint sich auf schreckliche Weise zu erfüllen, als Mailin kurz verschwindet. Liss macht sich auf den Weg zurück in ihre Heimat und muss dort feststellen, dass sie nicht nur in die Abgründe fremder Psychen hinabsteigen muss, mit denen sich ihre Schwester auseinandersetzte, sondern dass auch ihre eigene Herkunft offensichtlich diverse blinde Flecken aufweist.

Torkil Damhaug folgt in seinem Buch Die Netzhaut der Idee, dass ein Mord der Höhepunkt oder das Ergebnis einer langen Vorgeschichte mit diversen Entwicklungen und Verstrickungen ist. Die Geschichte beginnt daher mit einem Rückblick auf eine Ferienreise, dies sich rund zehn Jahre vor der eigentlichen Handlung abspielte, bei der aber die Grundlagen für die späteren Ereignisse gelegt werden. Hier wird der 12jährige Jo vorgestellt, der gerne ein ganz normaler Junge wäre, dessen Umfeld aber ein normales Erwachsenwerden torpediert und in seiner Psyche erhebliche Schäden zurück lässt. Jo erlebt während dieser Reise seine erste Verliebtheit, die – wie bei vielen Teenagern – nicht glücklich endet. Anders aber als seine Altersgenossen ist der Junge nicht in der Lage, diese Zurückweisung zu verarbeiten, sondern kompensiert sie vielmehr in grausamen Tierquälereien und einer obskuren Rache gegenüber der Angebeteten. Hier gelingt es Torkil Damhaug einfühlsam erste Ursachen für psychische Fehlentwicklungen aufzuzeigen, die im weiteren Verlauf Einfluss auf das Schicksal der Psychologin Mailin Bjerke nehmen. Besonders zu erwähnen ist hier, dass der Autor sich in erster Linie auf die Beobachtung der Entwicklung und nicht auf die Rechtfertigung des Täters bezieht. Der Leser wird daher weder dazu gedrängt, den Täter zu bemitleiden noch zu verurteilen, sondern erlebt dessen Vorleben quasi aus der Position eines neutralen Beobachters.

In einem Zeitsprung von zwölf Jahren wird anschließend die Hauptperson und die in sich zerrissene Heldin der Geschichte Liss Bjerke eingeführt. Liss führt in Amsterdam ein unstetes Leben als Modell, weist eine deutliche Affinität zu Drogen auf und auch ihre Beziehungen sind nicht durch Vertrauen oder Respekt geprägt. Aber auch im Hinblick auf ihren Charakter gelingt es Damhaug im Laufe der Geschichte immer wieder mittels Rückblicke Gründe für das jeweilige Verhalten und insbesondere auch für das Verhältnis der beiden Schwestern aufzuzeigen. Letzteres war offensichtlich besonders dadurch geprägt, dass die Ältere einerseits die Jüngere aber auch andererseits den Zusammenhalt der Familie zu schützen suchte und zwischen diesen Fronten aufgerieben wurde. Zusammen mit Liss wird der Leser dabei zu der Erkenntnis geführt, dass auch anerkannte Psychologen im Hinblick auf ihre Entscheidungen nicht frei von Fehlern sind und sich somit auch schuldig machen können.

Insgesamt ist Damhaug durch die Vielschichtigkeit seiner Erzählform, die sich in Rückblicken, Briefauszügen und verschiedenen Perspektiven der handelnden Personen ausdrückt, ein spannender und mitreißender Krimi gelungen. Kritisieren könnte man allenfalls, dass die Vorstellung der Heldin Liss und die Darstellung ihres Lebensstils sehr ausführlich erfolgt und zusätzlich ein großer Kreis von Personen eingeführt wird, die angeblich zur Handlung beitragen. Diese dienen jedoch mehrheitlich dazu, falsche Spuren zu legen, so dass hier eine Straffung sicherlich zur Erhöhung des Tempos beigetragen hätte. Für diese kleine Langatmigkeit wird der Leser jedoch insbesondere im letzten Drittel des Buches entschädigt, wo die letzten Puzzlestücke, die zur Aufklärung des Täters beitragen, zusammengetragen werden. Bis zur eigentlichen Aufklärung des Falls gelingt es Damhaug daher den Spannungsbogen aufrecht zu erhalten und sogar noch nach der Ergreifung des Täters ein Ausrufezeichen anzufügen.

Als Fazit kann die Bewertung daher nur so ausfallen, dass Torkil Damhaug wieder ein spannender und unter die Haut gehender Krimi gelungen ist, wenn auch nicht alle Fragen, die in seinem Buch aufgeworfen wurden, gelöst werden konnten. Dennoch ist dieser Punkt für dieses gelungenen Werk nicht zwingend maßgeblich, denn auch die eigentliche Netzhaut weist gelegentlich blinde Punkte auf.

Sabine Bongenberg, Dezember 2010

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