Königsblau von Tom Wolf

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2001 bei berlin.krimi.verlag.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Berlin, 1701 - 1800.
Folge 1 der Honoré-Langustier-Serie.

  • Berlin: berlin.krimi.verlag, 2001. 267 Seiten.
  • München: btb, 2003. 286 Seiten.

'Königsblau' ist erschienen als

In Kürze:

September 1740: das Jahr des Regierungsantritts Friedrichs II. Der König betraut einen seiner Leibköche, den aus dem Elsaß stammenden Honoré Langustier, mit der heiklen Aufgabe, den Tod eines Adjutanten aufzuklären. Der gewitzte Kochkünstler, der eine ebenso unstillbare Neigung zu verwegenen Gedankenspielen wie auch zu gutem Essen zeigt, beginnt zu ermitteln, wobei ein königliches Permissionsschreiben ihm selbst die geheimsten Kammern des Hofes öffnet. Hofleben, bürgerlicher und gaunerischer Alltag Mitte des 18. Jahrhunderts im preußischen Berlin, aber auch gehobene Küche, Musik, Kunst, Philosophie, Naturwissenschaften und Literatur geraten ins Blickfeld – kein Bereich, den Langustier bei seinen abenteuerlichen Forschungen nicht gründlich sondiert und in anschaulichen Küchengesprächen mit seiner Tochter Marie und dem Polizeipräfekten Jordan erörtert.

Das meint Krimi-Couch.de: »Glänzendes Debüt mit nur einem Schwachpunkt« 75°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Honoré Langustier, ein hervorragender Koch aus dem Elsaß, wird von Friedrich II. als Zweiter Hofküchenmeister nach Berlin beordert. Zum Zeitpunkt seines Eintreffens ist Friedrich II. arg verstimmt, da sein vertrauter Freund, Flügeladjutant von Falckenberg, unter denkwürdigen Umständen zu Tode kam. Da Friedrich II. in Langustier einen aufmerksamen Beobachter bemerkt, beauftragt er diesen, den Polizeipräfekten Berlins, Jordan, bei dessen Ermittlungen zu unterstützen. Dies erweist sich auch als dringend nötig, denn Jordan, eigentlich Bibliothekar Friedrich II., ist ein eher einfältiger Mensch, der gerne nach der erstbesten Lösung greift.

Bei der Polizei geht nach kurzer Zeit ein anonymes Schreiben ein, welches Andeutungen enthält, dass der Täter Alexander von Marquard sei, dessen von ihm getrennt lebende Frau ein Verhältnis mit von Falckenberg hatte. Jordan sieht den Fall bereits gelöst, zumal Langustier am Tatort eine Pistole mit der Gravur »M« entdeckt. Bei einer großen Feierlichkeit im Schloss Monbijou der Königinmutter Sophie Dorothea will das ungewöhnliche Ermittlerduo von Marquard befragen, aber dieser hat sich bereits früh verabschiedet. Während der Festlichkeiten werden Jordan und Langustier in die sog. »Stechbahn« gerufen, wo es einen Raubmord gegeben haben soll. Doch noch bevor die beiden aufbrechen können, finden sie im Schlossgarten die Leiche von Wilhelmine von Hammerstein, einer Hofdame Sophie Dorotheas, die sich mit einem Halstuch kurz nach Meldung des Raubmordes stranguliert hat. Im Stechgarten angekommen finden sie von Marquard als Opfer des Raubmordes ebenfalls tot vor. Während für Jordan der Fall gelöst ist, wähnt sich Langustier sicher, dass von Marquard nicht der Mörder von von Falckenberg ist. Auch scheint ihm ein gewisser Baron von Steden, der bei dem Raubüberfall ebenfalls von den Tätern überwältigt wurde, sehr verdächtig und schon meldet sich ein Anwohner, dass er beobachtet habe, wie von Steden den Ermordeten zuvor verfolgt habe …

»Und ich kann Euch versichern, dass es Eurer Ingenuität trefflich gelang. Indem Ihr Euch auf Euren cartesianischen Verstand beriefet, gelang es Euch, vom gleißnerischen Spiel der Widersacher nicht getäuscht und von den Fakten nicht zum Narren gehalten zu werden. Um jedoch den Radamontaden der res cogitans und der res extensa nicht zum Opfer zum Opfer zu fallen, war Euch mehr als klappernde Rabulistik und ockhamsche Rasiermesserlogik vonnöten.«

Na dann ist ja alles in Ordnung, wird sich manch Leser angesichts des vorstehenden Zitates denken, mit dem der Philosoph Voltaire gegen Ende des Romans die Erfolge Langustiers im vorliegenden Fall zu würdigen weis. Alternativ reibt man sich verwundert die Augen. Historischer Roman ist ja schön und gut, aber sollte der historisch/philosophisch unvorbelastete Leser nicht ebenfalls eine Chance haben? Doch ganz so arg liegen die Dinge hier beileibe nicht. Sicher, Autor Tom Wolf verlangt dem Leser einiges in puncto deutscher Sprache etc. pp. ab, die sich im Übrigen auch gerne mal mit der französischen Sprache mischt, aber gerade hierdurch gelingt es eine erstklassige historische Atmosphäre zu schaffen. Dabei vermag der Plot durchweg zu überzeugen, wenngleich der Autor hinsichtlich der Lösung ein wenig bei Agatha Christie und Co. abgeschaut haben mag, denn die Auflösung kann man bestenfalls erahnen.

Es geht in Königsblau keineswegs nur um einen »einfachen« Mord, sondern um vielschichtige politische Verstrickungen. Der regierende Landgraf von Hohenfließ liegt im Sterben und dieser reiche Landstrich ist, nicht zuletzt mangels Erben, heiß begehrt, auch von Friedrich II., der notfalls mit Gewalt die Erbfolge durch die Braunfeldsche Linie stören möchte. Kein Wunder also, dass der Hohenfließische Botschafter und dessen Agenten sich in Berlin umtreiben. Langustiers Ermittlungen stoßen jedoch bald auf eine weitere Spur. Von Falckenberg hatte einen – geistig zurückgetretenen – Diener namens Andersohn, welcher spurlos verschwunden ist. Plötzlich wird er von allen Seiten gesucht. Weis er etwas, dass die Ziele Friedrichs II. gefährdet oder ist gar ein Putsch gegen den König geplant? Und welche Ziele verfolgt Baron von Schlütern, der auf Friedrichs Geheiß künftiger preußischer Protektor in Hohenfließ werden soll? Fragen über Fragen und genügend handelnde Personen tragen dazu bei, dass man leicht den Überblick verliert in einem historischen Roman, der grandios in das damalige Zeitalter einführt.

Dass ausgerechnet ein Hofküchenmeister als Sekundant des Polizeipräfekten, der selbst wiederum eigentlich nur gelernter Bibliothekar ist (was für ein groteskes Duo), die oftmals undurchsichtigen Zusammenhänge auflöst, vermag auf den ersten Blick zu erstaunen und wirkt zwangsläufig etwas weit hergeholt. Gleichwohl hat Tom Wolf einen Helden wider Willen zum Leben erweckt, der den Leser für sich einnimmt. Verwiesen sei nur auf die höchst denkwürdigen Umstände, unter denen Langustier zum Mitglied einer Lehrlingsloge und damit zum Freimaurer wird. Das dem Leser bei der Lektüre des Buches ein ums andere Mal das Wasser im Munde zusammen läuft, immer dann nämlich, wenn Langustier seiner eigentlichen Profession nachgeht und bei den königlichen Vorräten in der Küche aus dem Vollen schöpft, ist ein weiterer positiver Aspekt, der gleichwohl sofort konterkariert wird, begutachtet man vergleichend die eigenen heimischen Nahrungsvorräte.

Die Figur Andersohns und dessen Wandlung, er mutiert nach dem Genuss eines Elexiers eines Alchimisten plötzlich wieder zu einem normalen Menschen, wirkt deutlich überzogen (konstruiert) und ist der einzige Schwachpunkt eines ansonsten glänzenden Krimidebüts, welches einige Überraschungen bereit hält. Von dem eingangs erwähnten Kommentar Voltaires sollte sich daher niemand abschrecken lassen, allerdings ist »modernen« Krimi-Lesern von der Lektüre dieses Buch abzuraten. Interesse an Geschichte und mitunter eher undurchsichtigen diplomatischen/politischen Gepflogenheiten sind unabdingbar.

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Ellen zu »Tom Wolf: Königsblau« 17.02.2009
„Charmant“ ist das erste Wort, das mir zu diesem Buch einfällt. Voll hintergründigem Witz. Aber: nicht wirklich spannend. Und wem der Lebenslauf Friedrich II. nicht mehr geläufig ist, der sollte vorab seine Kenntnisse auffrischen.

Trotz mangelnder Spannung zieht es den geneigten Leser immer wieder zum Buch, denn das Lesen macht einfach viel Spaß. Klar, es gibt Tote, die ein oder andere Spur führt ins Nichts, aber die Lösung ist so grandios verschleiert und wichtige Informationen werden dem Leser erst bei Auflösung des Falles gegeben, so dass das Miträtseln schwer ist. Und gelegentlich kommt dem rührigen Küchenmeister der Zufall doch zu bemüht zur Hilfe. Macht nix: wer gerne auch zwischen den Zeilen liest, Wert auf eine durchgängig authentische Atmosphäre legt und sich gerne beim Lesen amüsiert, der ist hier richtig. Kein Page-Turner, einfach gute Unterhaltung.
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