Im Herzen der Lüge von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 1986
unter dem Titel The Telling of Lies,
deutsche Ausgabe erstmals 1997
bei Ullstein.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Neuengland, 1970 - 1989.
- New York: Dell, 1986 unter dem Titel The Telling of Lies. 350 Seiten.
-
Berlin: Ullstein, 1997.
Übersetzt von Andrea C. Busch & Almuth Heuner.
ISBN:
3-548-24687-7. 453 Seiten.
'Im Herzen der Lüge' ist erschienen als
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In Kürze:
Ein morbider Charme liegt in diesem Sommer über dem Aurora Sands Hotel an der Küste Neuenglands. Denn das traditionsreiche Haus wird nach der Saison für immer seine Tore schließen. Da wird die Ferienidylle durch einen Todesfall erschüttert: Der reiche Boss eines dubiosen Pharmakonzerns liegt eines nachmittags tot in seinem Liegestuhl. Ermittlerin in diesem Mordfall ist – unfreiwilligerweise – eine resolute ältere Dame, die sich selbst vom CIA nicht einschüchtern läßt.
Das meint Krimi-Couch.de: »Leseempfehlung auf ganzer Linie«
Krimi-Rezension von Sabine Reiss überspringen
»Ich denke an uns vier, unten auf der Photographie, unten in der Bibliothek, sogar jetzt noch – Meg und Mercedes und Lily und ich. Ich denke daran, wer wir waren und was wir wollten. Und ich denke daran, wer wir sind und was wir bekommen haben. Ich denke an dieses Hotel, in dem wir uns kennengelernt haben, und ich glaube, sein Aufstieg und Fall ist unser Aufstieg und Fall gewesen, von uns allen gemeinsam. Jemand hat uns verkauft und vor die Tür gesetzt – aber erst, als wir nicht mehr aufmerksam waren. Ja. Es war an der Zeit, dass die Eisberge kamen. Und sie sind hier. Und so ziehe ich die Sonnenblende herunter. Und die Sonnenblende ist grün.« (S. 454)
So endet die Geschichte, die Vanessa Van Horne uns erzählt. Sie verbringt ihren letzen Sommer im Aurora Sands Hotel, denn es wird schließen. Und die Geschichte dieses Sommers schreibt sie in eine Art Tagebuch. Seit ihrem ersten Lebensjahr verbringt sie all ihre Ferien in genau diesem Hotel mit Ausnahme der Jahre, in denen sie auf der Insel Java interniert war. Auch ihre Freundinnen aus Kindertagen sind da: Meg Ritches mit ihrem an den Rollstuhl gefesselten Mann aus Kanada, die einflussreiche Mercedes Mannheim und die naive Lily Porter. So unterschiedlich sie auch von ihrer Herkunft sein mögen, so groß der Altersunterschied zu ihrer Kinderzeit auch war, so sehr sind sie auch durch ihre gemeinsam verbrachten Ferien untrennbar miteinander verbunden.
Doch außer, dass es der letzte Sommer im Aurora Sands ist, geschehen auch noch einige ungewöhnliche Dinge im Hotel. Zunächst taucht ein Eisberg am Strand auf und das in Neuengland mitten im Sommer. Und Caldor Maddox, der Besitzer eines Pharmakonzerns, stirbt in seinem Liegestuhl am Strand an einem Herzschlag – so scheint es zunächst. Vanessa Van Horne und die anderen Gäste nehmen das so hin, schließlich war Caldor Maddox schon über 90. Doch dieser Vorfall zieht noch einige Merkwürdigkeiten nach sich: Von dem Tod steht nichts in der Zeitung, die Leiche wird in einer Gefriertruhe in den Wirtschaftsräumen des Hotels aufbewahrt und im Nachbarhotel lässt sich nicht nur ein Aufgebot der CIA nieder, sondern auch der Außenminister, der Innenminister, der Gesundheitsminister und der Präsident der Vereinigten Staaten. Dann verschwindet auch noch Lily Porter, die die Geliebte des Toten war. Vanessa gerät immer mehr in den Strudel, dieses Geheimnis lüften zu müssen.
Soweit zur Inhaltsangabe, bei der ich die Spannung, die ich während des Lesens verspürte, hoffentlich mitteilen konnte. Ich habe den Roman »Liegt ein toter Mann am Strand« (neuer Titel: Im Herzen der Lüge) in der Bibliothek entdeckt. Von der Geschichte auf dem Buchrücken war ich nur wenig fasziniert, dachte mir aber, dass es ja durchaus nichts schaden konnte, den Roman mal mitzunehmen. Und dann las ich auch noch innen: »...entwickelt Vanessa Van Horne eine kriminalistische Energie, die in ihrer entwaffnenden Dreistigkeit an die Methoden von Miss Marple erinnert.« Auf einen Agatha-Christie-Abklatsch hatte ich eigentlich noch weniger Lust, da ich das Original sehr mag. Aber diese Beschreibung trifft meines Erachtens nicht zu. Ehrlich, die Methoden sind vielleicht wirklich so dreist wie die von Miss Marple, aber Vanessa hat so gar nichts mit der Figur von Agatha Christie zu tun. Abgesehen davon will sie nur wissen, was mit Lily Porter passiert ist und gerät dadurch tiefer in das Geheimnis. Ich denke, manche Kritiker machen es sich mit Vergleichen einfach zu leicht.
Als ich also zu lesen begann, tauchte ich immer mehr in die Welt der drei Freundinnen ein und war mehr und mehr fasziniert. Ich erfuhr von Vanessas Zeit der Internierung, erfreute mich an den Geschichten über die langjährigen Besucher des Hotels, bangte mit Vanessa um Lily und brachte zusammen mit ihr Licht ins Dunkel. Je mehr ich las, desto mehr wurde ich eins mit der Geschichte: Einerseits wollte ich so schnell wie möglich zum Ende kommen, weil ich die Spannung nicht mehr aushielt, andererseits hätte ich noch ewig weiterlesen können.
Ich bin davon überzeugt, dass dieser Roman nicht nur etwas für Krimileser ist. Es ist ein Thriller und doch ist es keiner, es ist ein Krimi und doch wieder nicht. Es ist aber auf jeden Fall die Geschichte einer Freundschaft, die Geschichte von Verzweiflung und von Verschwörung und auch die Geschichte eines Sommers. All dies wird einer wunderschönen Sprache erzählt, die auch zuweilen leichten Humor anklingen lässt. Im Hotel scheint ein wenig die Zeit stehen geblieben zu sein, so wie der Autor die Matriarchinnen beschreibt, die das Zepter dort schwingen und die er liebevoll »Stonehenge« nennt. Dieser Roman ist zwar nicht ganz perfekt, aber er reicht nahe an das Ideal heran. Leseempfehlung auf ganzer Linie …
»Ich habe nie geheiratet«, sagte ich. »Aha«, sagte der Polizist. »Sie sind also eine Jungfer.« Als ich ihn notieren sah, hielt ich ihn auf. »Junger Mann«, sagte ich. »Ich habe Ihnen gesagt: Ich habe nie geheiratet. Ich habe nichts über meinen Beruf gesagt.« Er sah verblüfft auf – was mich nicht überraschte. »Eine Jungfer«, sagte ich, »ist eine Frau, die anderen beim Ankleiden hilft. Für Geld.« (S. 89)
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