Amberville von Tim Davys

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2007 unter dem Titel Amberville, deutsche Ausgabe erstmals 2008 bei Piper.

  • Stockholm: Bonnier, 2007 unter dem Titel Amberville. 364 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 2008. Übersetzt von Angelika Kutsch. ISBN: 978-3-492-05206-1. 382 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 2010. Übersetzt von Angelika Kutsch. ISBN: 978-3-492-25750-3. 382 Seiten.
  • [Hörbuch] Berlin: Lauscherlounge, 2008. Gesprochen von Oliver Rohrbeck. ISBN: 3-7857-3898-6. 8 CDs.

'Amberville' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

In der von Stofftieren bevölkerten Stadt Amberville kommt Unruhe auf, als Casino-Boss Nicholas Taube zu Eric Bär mit einem ungewöhnlichem Anliegen kommt: Sein Name steht auf der berüchtigten Todesliste, und Bär soll ihm diese beschaffen. Doch niemand weiß, wer die Liste führt, und genau das muss Eric herausfinden. Er macht sich auf eine lebensgefährliche Suche – eine harte Aufgabe für einen Teddy.

Das meint Krimi-Couch.de: »Neues vom Friedhof der Kuscheltiere« 58°

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Glaubt man dem Verlag, war Amberville im Jahre 2007 wohl das Gesprächsthema in der skandinavischen Buchszene schlechthin. Ein Roman, in dem nur Kuscheltiere auftraten. Absurd, verrückt, spinnert… aber auch genial? Autor Tim Davys (»das Pseudonym eines schwedischen Autors, den außer seinem schwedischen Verlag niemand kennt«) hat wohl einfach mal was Neues probieren wollen und sich so eine eigene Welt – nun gut, wenigstens eine eigene Stadt erschaffen, in der nur Plüschwesen leben. Die Tatsache, dass der Roman in über ein Dutzend Sprachen übersetzt wurde, beweist, dass er damit offenbar so etwas wie einen Zeitgeist getroffen hat.

Eric Bär ist verheiratet mit Emma Kaninchen. Er arbeitet in einer Werbeagentur und führt eigentlich ein geordnetes, um nicht zu sagen spießiges Leben. Das war mal anders, denn als junges Stofftier hat er mal gemeinsam mit anderen zwielichtigen Gestalten für Nicolas Taube gearbeitet, so was wie den Chef der Unterwelt von Amberville. Und genau dieser Nicolas Taube holt ihn nun aus seinem kleinkarierten Angestelltenleben.

Eine Todesliste

Taube hat Gerüchte gehört, er stünde auf der sagenumwobenen Todesliste und ausgerechnet Eric Bär soll nun dafür sorgen, dass sein Name wieder gestrichen wird. Aber vorerst weiß niemand, ob es eine Todesliste überhaupt gibt. Was man weiß, ist dass die »Chauffeure« jede Nacht unterwegs sind, um die alten Stofftiere aus ihren Wohnungen abzuholen. Die von ihnen abgeholten Tiere wurden nie wieder von einem anderen Kuscheltier in der Stadt gesehen. Aber wer sind die »Chauffeure« und woher bekommen sie ihre Informationen darüber, welche Plüschtiere sie abholen sollen?

Eric Bär trommelt ein paar alte Kumpels zusammen und zu viert begeben sie sich auf die Suche. Durch die bunten Straßen von Amberville führt die Suche durch die unterschiedlichsten Institutionen dieser kleinen Phantasiewelt, bis Eric Bär vor eine schwierige Frage gestellt wird und so noch einige Geheimnisse mehr entdeckt, als seinem Auftraggeber wohl lieb wären.

 Aber bitte mit Sozialkritik!

 Hach nee, wat is dat schnuckelig. Da ist ein Nashorn mit einem Hund verheiratet, ein Pinguin hält die Predigten in der Kirche, eine Krähe wirft ein Walross quer durchs Kaufhaus und eine (Friedens-)Taube ist König der Unterwelt. Süß! Und sonst? Ziemlich viel heiße Luft. Es ist halt alles ein großes Märchen und weniger ein Krimi. Die Jagd nach der Todesliste sorgt jedenfalls nicht vordergründig als atemberaubender Thriller für Unterhaltung.

 In Amberville überzeichnet und simplifiziert der Autor eine künstliche Gesellschaftsordnung. Es gibt einen Behördendschungel und ein streng hierarchisches Kirchensystem. Und eine Infrastruktur, die den meisten Bewohnern verborgen bleibt. Deren Horizont reicht meistens nicht über die Stadtgrenzen hinaus. Wofür man dieses Buch lieben kann, das sind die Details, mit denen der Autor diesen Roman ausschmückt, sowie die zarte Ironie, mit der er die Geschichte würzt. Und als echter Skandinavier kann er natürlich auch nicht auf eine dezente Sozialkritik verzichten (Auf der Müllhalde am Rand der Stadt leben die Plüschtiere mit Fabrikationsfehlern). Ist ja schön, wenn daraus ein hübsches, putziges Märchen wird. Aber wie gesagt, für einen »Kriminalroman« – wie ihn das Cover preist – bleibt das ganze dann doch ein wenig dünn.

Thomas Kürten, März 2010

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