Höllenengel von Thráinn Bertelsson

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2007 unter dem Titel Englar dauðans , deutsche Ausgabe erstmals 2010 bei dtv.

  • Reykjavík: JPV, 2007 unter dem Titel Englar dauðans . 339 Seiten.
  • München: dtv, 2010. Übersetzt von Maike Hanneck. ISBN: 978-3423212403. 363 Seiten.

'Höllenengel' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

In Estland fliegt eine Amphetaminfabrik in die Luft. Beinahe zeitgleich werden in einem Sommerhaus in Island drei brutal zugerichtete Leichen gefunden, und der Tatort ist übersät mit rätselhaften Zeichen. Als Kommissar Víkingur die Ermittlungen aufnimmt, gibt es einen weiteren Toten: Víkingurs verschwundenen Stiefsohn Magnús. Seine Frau Thórhildur erleidet einen Schock und stirbt wenige Tage später an einer Überdosis Tabletten. Während das Team von der Kripo Reykjavík ohne viel Erfolg im Drogenmilieu fahndet, erweist sich einzig die Website »Wohlverdiente Strafe« als eine viel versprechende Spur. Sie führt die Polizisten zu Magnús’ Freund Karl Viktor, der auf einem abgelegenen Bauernhof lebt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Müde Mittsommernachtsstimmung« 55°

Krimi-Rezension von Wolfgang Weninger

Tatort Estland:

Drei unbekannte Männer dringen in ein geheimes Labor ein, in dem Amphetamine erzeugt werden, ermorden den Wächter und fackeln den illegalen Laden ab. Die Ermittler finden Runen-Zeichen in den Brandresten.

Tatort Niederlande:

In Rotterdam findet man einen Torso in einer Reisetasche, in der auch Reste einer isländischen Zeitung gefunden werden. Runenzeichnungen auf der Brust lassen den niederländischen Kommissar Kontakt mit dem isländischen Polizeidirektor Víkingur aufnehmen. Da der Sohn dessen Frau þórhildur, der isländischen Gerichtsmedizinerin, verschwunden ist, reisen die Beiden ins Leichenschauhaus am Flughafen Shipol, um den Toten eventuell identifizieren zu können.

Tatort Island:

Ein Ferienhaus auf der Halbinsel am See þingwallavatn: Drei männliche Leichen werden gefunden, fein säuberlich an Boden, Tisch und Wand lebenden Leibes angenagelt und einer von ihnen brutal gepfählt. Und auch hier sind die Runenzeichen unübersehbar.

Nun könnten die Ermittlungen eigentlich auf Hochtouren beginnen, aber Víkingur und þórhildur haben private Probleme, die ein zielgerichtetes Arbeiten nicht zulassen …

Und über diese persönlichen Schicksalsschläge und zwischenmenschlichen Tragödien lässt sich der Autor Thráinn Bertelsson auf 364 Seiten langatmig aus. Höllenengel aus dem Deutschen Taschenbuchverlag hat alles, was Freunde von Kriminalromanen aus Skandinavien an depressiver Mittsommernachtsstimmung brauchen. Nur leider vergisst der Autor dabei völlig, dass für einen Krimi auch Spannung unerlässlich ist, doch diese flackert nur in ganz wenigen Momenten auf, in denen die sprachliche Kompetenz des Isländers Bilder erzeugen kann.

Die Übersetzung von Maike Hanneck zeigt in erster Linie, dass der Autor als Journalist erfolgreich war. Der Schreibstil erinnert über weite Strecken an den telegrammartigen Stil von Kurzmeldungen. Einfache Satzstrukturen und knappe Informationen wechseln mit den seltenen aktionsgeladenen Sequenzen in Estland oder im isländischen Finale, wo gelegentliche Spannung aufkommen darf, aber auch diese nicht explizit ausgearbeitet, sondern eher als notwendige Auflockerung zwischen den düsteren persönlichen Spannungen.

Denn die private Tragödie in der Partnerschaft des Polizeipräsidenten und seiner Partnerin ist das Hauptthema in dem als »Krimi des Monats« bezeichneten Island-Romans. Víkingur leidet sichtlich unter dem zerbrochenen Vertrauensverhältnis mit þórhildur, die seit dem Verschwinden ihres Sohnes, um den sie sich nie sonderlich gekümmert hat, in alte Gewohnheiten von Alkohol- und Drogenmissbrauch schlittert. Wenn Thráinn Bertelsson den persönlichen Zwiespalt von Pflichtbewusstsein und familiären Sorgen beschreibt, dann wird er sprachlich und bildlich richtig gut. Dass er dabei zu wenig auf die Krimihandlung eingeht und der verzwickte Fall eher zufällig von seinen Untergebenen gelöst wird, lässt den Spannungsbogen sehr flach verlaufen.

Es ist schon nicht leicht, sich in diesem Roman auf Grund der verzwickten Namen- und Familienverhältnisse zu Recht zu finden. Wenn dann auch noch kurze Schnitte zwischen den Erzählsträngen zum Hin- und Herdenken zwingen, verliert sich der Lesefluss vollends. Höllenengel leidet an zu knapper schlagzeilenartiger Krimihandlung und zu breiten psychologischer Verzweiflungsphasen, was für den einen Leser vielleicht ein spezieller Anreiz ist, andere Leser, eher von der Lektüre abschrecken wird. Insgesamt bleibt hier (für einen Krimi) ein eher müder Eindruck, der von mir nur eine durchschnittliche Wertung erhält.

Wolfgang Weninger, April 2011

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