Still Chronik eines Mörders von Thomas Raab

Buchvorstellung

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2015 bei Droemer.

  • München: Droemer, 2015. ISBN: 978-3-426-19956-5. 357 Seiten.
  • München: Droemer, 2016. ISBN: 978-3-426-30511-9. 357 Seiten.
  • [Hörbuch] Berlin: Argon, 2015. Gesprochen von Frank Arnold. 7 CDs.

'Still Chronik eines Mörders' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuchE-Book

In Kürze:

Nur eines verschafft Karl Heidemann Erlösung von der unendlichen Qual des allgegenwärtigen Lärms: die Stille des Todes. Blutig ist die Spur, die er in seinem Heimatdorf hinterlässt. Halbwüchsig zieht er hinaus in die Welt, jenseits der Gesellschaft, schläft in verlassenen Ställen, bleibt im Verborgenen, lauschend, und ist doch mitten unter den Menschen. Durch sein unfassbar sensibles Gehör hat er gelernt, sich lautlos wie ein Raubtier seinen Opfern zu nähern, nach Belieben das Geschenk des Todes zubringen, und doch findet er nie, wonach er sich sehnt: Liebe. Verzweifelt ist seine Suche – bis er auf einen Schatz stößt. Ein Schatz aus Fleisch und Blut. Lebendig. Ein Schatz, der alles ändert. Ein berauschendes Leseerlebnis, aufwühlend, soghaft, eine virtuose literarische Komposition, die sich konsequent in den Dienst des Erzählten stellt.

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Igelmanu66 zu »Thomas Raab: Still Chronik eines Mörders« 21.02.2015
»Groß war die Glückseligkeit der werdenden Mutter, überbordend ihr Frohsinn. Voll des Beifalls sah sie das Treiben des Gemahls, die Instandsetzung des alten Bauernhofes zu einer Oase des Wohlfühlens…Dankbar ihr Erdulden des sich wochenlang Übergeben-Müssens. Selig war sie, wenn das in ihr heranwachsende Leben sich streckte, seine Fäustchen, Beinchen gegen die mütterlichen Grenzen stemmte. Überbordend ihr Frohsinn, zum Ausdruck gebracht durch das unermüdliche Geträller ganzer Litaneien an Kinderliedern. Geträller mit gellendem Ton. Endlosschleifen oft derselben Zeilen…
Und der noch ungeborene Karl tat es Charlotte mit seinen Möglichkeiten gleich: Tobte die Mutter, tobte auch das Kind, erhob die Mutter ihre Stimme, reagierte auch das Kind, boxte, trat, im Laufe der Schwangerschaft immer lebhafter, immer schmerzhafter. Erst wenn es Zeit war, zu Bett zu gehen, erst wenn Charlotte endlich schlief, wurde es endlich auch ruhig in ihr. Als wären Mutter und Kind eine Einheit, verbunden wie Herz und Seele, so erschien es ihr.
Und sie lag falsch. Völlig falsch.«

Karl Heidemann ist ein Kind mit einem übersensiblen Gehörsinn. Überdeutlich für ihn selbst das leiseste Geflüster, unerträglich und schmerzhaft für ihn alle normalen Alltagsgeräusche. Was tut nun ein Baby, wenn das „beruhigende“ Singen von Kinderliedern durch seine Mutter bei ihm starke Kopfschmerzen auslöst? Richtig – es schreit. Was tut eine Mutter, wenn ihr Baby unaufhörlich schreit und sich nicht beruhigen lässt? Richtig – sie verzweifelt. Keine glückliche Kombination. Lange Zeit gibt es nur eins, was Kind und Mutter vorübergehende Linderung verschaffen kann…
»Das Glück der Mutter, für einen Moment. Ihr Kind in den Armen ging Charlotte ins Bad, verschloss ihm mit knetbarer Masse die Ohren, während plätschernd die Wanne einlief… Dort saß er ein Weilchen, aufrecht, stolz wie inmitten einer selbstgebauten Seifenkiste, seine kleine, aufgeblasen wirkende Hand an den Rand gelegt. Irgendwann ein langsames Zurücksinken, ein Betten des Kopfes auf die Oberfläche, als wäre sie ein Kissen. Das Wasser stieg ihm über die Ohren, bis hinauf an den Augenrand. Ein kurzes, gestrecktes Schweben, ein tiefes Luftholen, das Lösen der Hand, dann ein Abwärtsgleiten, die Lider offen.
Karl Heidemann war glücklich. Lauter zwar, dröhnender, jedes in der Flüssigkeit erzeugte Lärmen, das Pulsieren seines eigenen Herzens, das Rauschen in seinen Ohren, das Pochen seiner Fersen an das Emaille. Von außen aber verlor alles, umgeben von einer dumpfen Hülle, an Intensität. Federleicht wurden seine Gliedmaßen, sein behäbiger Körper, schwer nur sein Kopf, sein Brustkorb, wenn er ihn heben und Luft holen musste, um erneut frei sein zu können. Frei für diesen einen, in seinem Körper festgehaltenen Atemzug.«

Bald wird den Eltern klar, dass das Leben für ihr Kind nur in der Isolation möglich ist. Von nun an bleibt Karl im Keller des Hauses, lebt dort friedlich vor sich hin, jeden einzelnen Tag, Jahr für Jahr. Und kann nicht verstehen, wie er so eine Belastung für seine Mitmenschen sein kann.
»Karl aber verstand jedes Wort, hörte seine Großeltern, die keinen Hehl daraus machten, dem so schwer geprüften eigenen Kind im Nachhinein eine Totgeburt gewünscht zu haben. Er … erfuhr von dem gewünschten Glück namens Karl Heidemann und dem wunschlosen Unglück, ebenfalls namens Karl Heidemann, erfuhr von dem Leid seiner Mutter und dem Verursacher dieses Leides, wieder er selbst.
Er, in dessen Geistesgut es keine bösen Absichten gab. Weder dachte er schlecht von seinen Eltern, noch war es ihm ein Wunsch, anderen Schaden zuzufügen, sie zu verletzen. Allein davon zu hören, wo er doch ohnedies so zurückgezogen lebte, rief große Unsicherheit in ihm hervor. Was hatte ihn vom Gewollten zum Ungewollten werden lassen? Karl wusste es nicht. Und er würde diese Unwissenheit auch nie wieder vergessen können.«

Der Leser ahnt, dass dies nicht auf Dauer gutgehen kann. Ich litt mit Karl mit und litt mit den Eltern. Absolut gefesselt war ich und mochte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Ständig war da dieses unterschwellige Gefühl, dass man sich auf etwas Schreckliches zubewegt, langsam aber unausweichlich. Hinzu kommt die Faszination seiner Gedankengänge, die doch alle so friedlich, liebevoll und mitfühlend sind! Kein gehetzter Wahnsinn, kein psychopathisches Gestammel, wie man es schon so oft an anderen Stellen gelesen hat. Nein, Karl ist ein so netter Mensch – und dadurch umso furchterregender. Wie kann ich das Gefühl beschreiben, dass das Buch bei mir auslöste? Ein beständiges Schauern vielleicht? Absolut großartig!

Karl hinterlässt auf seinem Weg eine Spur des Schreckens und der Leser folgt ihm, insgesamt über gut drei Jahrzehnte lang. Ebenfalls auf Karls Spur: Ermittler Horst Schubert. Wie findet man einen Mörder, wenn keiner der üblichen Ermittlungsansätze hier weiterhilft? Wenn sich kein vorstellbares Motiv finden lässt? Denn Karl – er meint es doch nur gut!
»Wissbegierig sein Suchen. Ein Suchen nach jenem Ort, jenem Geist, jenem wundersamen Kunstgriff, der seine Mutter verzaubert, mit Frieden und Schönheit beschenkt hatte: dem Tod.«

Fazit: Ich möchte jeden einladen, sich auf die Lebensgeschichte von Karl Heidemann einzulassen. „Still“ verspricht Hochspannung, Faszination und ein einmaliges Leseerlebnis.

»Ja, sie tat gut, die eingekehrte Ruhe. Ruhe, für die er selbst gesorgt, Frieden, den er selbst gebracht hatte.
Der Tod also konnte geschenkt werden.
Von Menschenhand.«
c-bird zu »Thomas Raab: Still Chronik eines Mörders« 25.01.2015
Woher kommt der Tod?

An einem Dezembertag im Jahr 1982 erblickt Karl Heidemann das Licht der Welt. Ausgestattet mit einem hypersensiblen Gehör empfindet er jedes Geräusch als unerträgliche Qual. Seine Reaktion darauf: Er schreit und schreit. Seine Mutter Charlotte versteht ihn nicht. Erst der Vater findet durch Zufall heraus, dass einzig und allein die Stille dem Kind gut tut. Fortan wächst Karl im eigens umgebauten Keller heran. Isoliert und ohne soziale Kontakte. Die Mutter erträgt die Situation nicht und wird depressiv. Schließlich ertränkt sie sich im Beisein des mittlerweile 9jährigen Karls im nahe gelegenen Weiher. Als man die Leiche der Mutter wenig später birgt, hat Karl eine Erkenntnis. Der Tod ist ein Geschenk. Er bringt Frieden und Erfüllung. Denn nie zuvor hat Karl seine Mutter mit so entspannten Zügen gesehen. Dieses Geschenk des Todes will Karl unbedingt weitergeben. Und er zieht eine blutige Spur hinter sich…
Wer bei der Formulierung „Chronik eines Mörders“ an einen Krimi oder Thriller denkt, der liegt vollkommen falsch. Es ist ein literarisches Werk, sprachlich auf hohem Niveau. Und es ist auch genau die Sprache und der Erzählstil, der dieses Buch so einzigartig machen. Thomas Raab spielt mit den Worten, zaubert Sätze, die ich in dieser Form bisher noch nicht kannte. Ein Buch, welches man unbedingt langsam lesen sollte, um jede Formulierung und jeden Satz einzeln zu erleben.
Obwohl Karl ein Mörder ist, bleibt er dennoch ein Sympathieträger. Seine Kindheitserlebnisse lassen den Tod als Geschenk nahezu logisch erscheinen. Karl will niemanden etwas Böses, er will die Menschen eher glücklich machen und entwickelt seinen eigenen Gerechtigkeitssinn. Da erscheinen eher die Dorfbewohner etwas seltsam, denn auch durch ihr Verhalten entwickelt sich Karl zu dem was er ist. Man fühlt mit Karl und hofft immerzu, dass der ihn jagende Kommissar Horst Schubert nicht erwischt.
Das Cover ist äußerst gelungen und passt perfekt zum Titel. Der im Nebel liegende See strahlt eine unglaubliche Ruhe aus.
Ein Leseerlebnis der besonderen Art, nichts für eben mal zwischendurch. Aber auf jeden Fall absolut empfehlenswert für Menschen, die Romane mit Tiefsinn lieben.
wendelin zu »Thomas Raab: Still Chronik eines Mörders« 25.01.2015
Todesstille

In „Still - Chronik eines Mörders“ erzählt Thomas Raab die Lebensgeschichte von Karl Heidemann. Karls Welt ist schon vor seiner Geburt kein friedlicher Ort. Er leidet an einem übersteigerten Hörvermögen, einer krankhafte Feinhörigkeit. Jedes Geräusch ist ihm Schmerz, selbst der eigene Herzschlag und der seiner Mutter. Nur eines verschafft Karl Heidemann Erlösung von der unendlichen Qual des allgegenwärtigen Lärms: die Stille des Todes. Dabei ist er im eigentliche Sinn kein Mörder, sondern eher ein Todesengel. „Nicht die geringste Spur des Bösen findet sich in Karls Gedanken.“ Für ihn ist der Tod ein Geschenk, das er gerne, selbstlos und reichlich gibt.

Ich habe bisher nur Krimis von Thomas Raab gelesen und genau das habe ich auch bei „Still“ erwartet. Zwar keinen aus der Metzger-Serie, die ich sehr liebe, sondern ein Standalone – aber einen Krimi. Ich habe aber viel mehr bekommen. Einen großartigen Roman. Das detaillierte Psychogramm eines gequälten Menschen mit stark ausgeprägten autistischen Zügen. Eine verzweifelte Odysse auf der Suche nach innerem Frieden, Glück und die immer gegenwärtige Sehnsucht nach Liebe. Karl Heidemann, ein Außenseiter, der nicht in diese Welt passt. Er versteht die Menschen nicht und sie ihn ebenso wenig.

Sprachlich spielt Thomas Raab auf einer Klaviatur, die viele Oktaven umfasst. Von nüchternen, tagebuchartigen Eintragungen über poetische Schilderungen bis hin zum unsortierten gedanklichen Gestammel erstreckt sich die Bandbreite. Immer passend zum Geschehen und zur emotionalen Befindlichkeit des Erzählers. Das kann man nicht besser machen!

Hut ab Herr Raab! Das ist ein großartiges Buch! Spannender als jeder Krimi. Ein Buch, das mich schon nach wenigen Seiten ganz in seinen Bann geschlagen hat. Die Geschichte entwickelt einen gewaltigen Sog und lässt einen tief eintauchen in Karls Gefühlswelt. So tief, dass man ihn wirklich versteht. Und nicht nur ihn, auch die Nebenrollen sind brillant besetzt und ausgeführt.

„Still - Chronik eines Mörders“ – mein erste Highlight 2015 und eine absolute Leseempfehlung!
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