Der bessere Raab
Mord am Hellweg V, Crime Solo mit Thomas Raab im Paradies(e), 26.10.2010

Thomas Raab und Jochen König, stv. Chefredakteur der Krimi-Couch
Das musste wohl so sein: Wienern wird gerne ein Hang zum Makabren nachgesagt; deshalb durfte Thomas Raab im Rahmen der »Mord am Hellweg«-Veranstaltung im Kloster Paradiese bei Soest lesen. Wobei das ehemalige Dominikanerkloster gar keins mehr ist; stattdessen beherbergt es eine Klinik für »Krebsvorsorge – Diagnostik – Therapie«. Ein großer Parkplatz, ein Ärztehaus, eine Apotheke, das Klinikgebäude. Die automatischen Schiebetüren verschlossen. Daneben ein kleiner Eingang mit einem Din-A4-Zettel als Hinweis auf die Lesung. Die tatsächlich in einem Versammlungsraum unter dem Dach stattfindet. Eine freundliche Nachtschwester weist den Weg.
Noch knapp anderthalb Stunden bis zum Beginn der Veranstaltung. Der Autor ist bereits anwesend. Und hat tatsächlich ein Glas Marillenmarmelade und eine Flasche »Metzgerwein« mitgebracht. Passend zum Kloster: die Wege des Herrn sind unergründlich. Wenn ich Thomas Raabs zweites Buch gelobt hätte, und er nicht für mich in die Bresche gesprungen wäre, stünde ich dann hier, um Marmelade, Wein und einen Öster reicher – was man jedem Menschen nur wünschen kann?
Wir plaudern, über das Schreiben und das Leben: »Wenn ich schreibe, plane ich nicht im Voraus. Die Geschichte entwickelt sich während des Schreibens. Im dritten Metzger-Roman wurde mir der mutmaßliche Mörder so sympathisch, dass ich einen anderen als Täter wählte.«
Des Weiteren hält Raab nichts von Schreibkursen, in denen angehende Autoren in ein passendes Korsett gezwängt werden sollen. »Im Rund sitzen, nach Aufforderung spontan sein, eine vollgeschriebene Seite abgeben, sich der Beurteilung des Schreib-Lehrers stellen – was soll das bringen?«
Mit dem Lehrersein kennt Thomas Raab sich aus; unterrichtete er Mathematik, Sport und Musik, bevor er sich ganz dem Schreiben widmen konnte. Apropos Musik: seine Karriere als Musiker ruht: »Zu viele Versprechungen, die nirgendwohin führen, zu hohe Kosten.« Seine CDs sind natürlich noch erhältlich. Falls also jemand Thomas Raab hören möchte, während er Thomas Raab liest – dem steht nichts im Wege.
Mittlerweile sind rund 80 Zuhörer eingetroffen, Zeit das aktuelle und wohl geratene Werk »Der Metzger holt den Teufel« vorzustellen. Am Lesepult macht der Autor eine gute Figur. Wer Loriots Parodie einer Dichterlesung im Kopf hat:»Kraweehl, Kraweehl« im betont unbetonten Singsang vorgetragen, wird hier eines besseren belehrt. Charmant und mit Verve trägt Raab seine Texte vor, spielt gekonnt mit seiner Vergangenheit: »Ist der Löffel konkav bleibt die Suppe brav, ist der Löffel konvex gibt es einen…«
»Klecks«! Es dauert eine Weile bis die Vorlage aufgenommen wird, dafür erhält der findige Zuhörer aber auch einen Fleißpunkt in Form eines Glases Marillenmarmelade. Überhaupt Marmelade: »Ich liebe Marmelade. Aber ich hasse einen Satz: «Das Glaserl hätte ich gerne wieder!»
Der liebenswert Beschenkte darf seines behalten.
Nach dem Metzger ist die eigens für die «Mords.Metropole.Ruhr» geschriebene Story dran. «Soest mit ö». Das westfälische Dehnungs-«e» ist eine Herausforderung – nicht nur – für Österreicher. «Ob sie’s glauben oder nicht – ich habe jedes »e« in Soest durchgestrichen, damit ich mich nicht verlese.» Tut er nur einmal, was ihn aber am meisten selbst ärgert. Raab kann’s und zeigt wie eine kurzweilige Lesung aussehen sollte, ohne je ins Gehabe eines selbstgefälligen Stand Up-Comedians abzugleiten.
Zum Ausklang gibt es noch eine Visite in jener Kneipe, in der kurz zuvor eine tödliche Auseinandersetzung wegen des «ö»s stattfand.
Natürlich nur zwischen Buchseiten – die «Zwiebel» ist ein heimeliges Lokal inmitten der Soester Innenstadt, mit hervorragendem selbst gebrautem Bier und Bedienungen aus dem Lehrbuch – die handfeste Bayerin Rosi: «Ich bin schon 65, aber der Chef möchte, dass ich noch zwei Jahre dranhäng´», der man die mittleren 60-er bei weitem nicht ansieht und Kollegin Uschi, «hat schon dem Junior-Chef die Windeln gewechselt».
Und was machen Wiener und Westfale zum Abschluss eines perfekten Abends? Richtig, Grünkohl mit Kassler und Mett essen; damit der Flug nach Wien am nächsten Tag auch für die anderen Passagiere zum unvergesslichen Erlebnis wird.
Was vergessen?
Thomas Raab hat gerade einen Drehbuchentwurf für die geplante Verfilmung des ersten Metzger-Romans geschrieben. Freut sich des Schriftstellerdaseins und werkelt am fünften literarischen Auftritt des pfundigen Restaurators (der hoffentlich nicht mit Ottfried Fischer besetzt wird).
Wieso seine Tochter «Lila» heißt und wie es eine Bayerin auf Jahre nach Soest verschlagen konnte – darüber mehr im nächsten Jahr…
Ein herzliches Dankeschön der Krimi-Couch auch an Herbert Kanein vom Kulturhaus «Alter Schlachthof Soest", den kompetenten Gastgeber und Fremdenführer sowie die beiden ausgesprochen freundlichen Volontärinnen des Literaturbüros Unna, für die Organisation dieser Mord am Hellweg-Lesung.

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