Der Meister von Tess Gerritsen

Buchvorstellung

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2002 unter dem Titel The Apprentice, deutsche Ausgabe erstmals 2003 bei Limes.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Massachusetts / Boston, 1990 - 2009.
Folge 2 der Jane-Rizzoli-&-Maura-Isles-Serie.

  • New York: Ballantine Books, 2002 unter dem Titel The Apprentice. 412 Seiten.
  • London: Bantam, 2003. 412 Seiten.
  • München: Limes, 2003. Übersetzt von Andreas Jäger. ISBN: 3-8090-2474-0. 412 Seiten.
  • München: Blanvalet, 2005. Übersetzt von Andreas Jäger. ISBN: 3-442-36284-9. 412 Seiten.
  • [Hörbuch] Köln: Random House Audio, 2006. Gesprochen von Michael Hansonis. ISBN: 3828987621. 6 CDs.

'Leseprobe' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

ISBN 3-442-36284-9, 416, Seiten. Copyright © Verlagsgruppe Random House.

Leseprobe

Aus dem Amerikanischen von Andreas Jäger

Die Fliegen waren schon zur Stelle. Nach vier Stunden auf dem aufgeheizten Pflaster von South Boston war das zerschmetterte Fleisch regelrecht gar gekocht und strömte das chemische Äquivalent eines Essensglöckchens aus, was ganze Schwärme summender Insekten angelockt hatte. Obwohl das, was von dem Körper übrig geblieben war, inzwischen mit einem Tuch abgedeckt war, fanden die Aasfresser noch reichlich herumliegendes Gewebe, an dem sie sich gütlich tun konnten. Klümpchen grauer Gehirnmasse und andere, nicht identifizierbare Fragmente waren in einem Radius von zehn Metern über die Straße verstreut. Ein Schädelsplitter war in einem Blumenkasten im ersten Stock gelandet, und an den parkenden Autos klebten Fleischfetzen.
Detective Jane Rizzoli hatte schon immer einen kräftigen Magen gehabt, aber selbst sie brauchte einen Moment, um sich zu fangen. Mit zusammengekniffenen Augen und geballten Fäusten stand sie da, wütend auf sich selbst wegen dieses Moments der Schwäche. Nicht schlappmachen. Bloß nicht schlappmachen. Sie war die einzige Kriminalbeamtin in der Mordkommission des Boston Police Department, und sie wusste, dass die Scheinwerfer immer gnadenlos auf sie gerichtet waren. Jeder Fehler würde sofort von allen bemerkt, ebenso wie jeder Triumph. Ihr Kollege Barry Frost hatte zu seiner Schande bereits vor aller Augen sein Frühstück zurückgehen lassen. Jetzt saß er zusammengekrümmt im klimatisierten Einsatzfahrzeug und wartete darauf, dass sein Magen sich wieder beruhigte. Sie konnte es sich einfach nicht leisten, ebenfalls von Übelkeit überwältigt zu werden. Als einzige Polizeibeamtin am Tatort zog sie alle Blicke auf sich, und die Schaulustigen, die sich hinter dem Absperrband drängten, registrierten jede ihrer Bewegungen, jedes Detail ihrer äußeren Erscheinung. Sie wusste, dass man ihr ihre vierunddreißig Jahre nicht ansah, und sie war peinlich darauf bedacht, so viel Autorität wie möglich in ihr Auftreten zu legen. Was ihr an Körpergröße fehlte, versuchte sie mit ihrem durchdringenden Blick und ihrer straffen Haltung wettzumachen. Sie hatte die Kunst gelernt, eine Szene zu beherrschen, und sei es nur durch die schiere Intensität ihrer Ausstrahlung.
Aber diese Hitze zehrte an ihrer Entschlossenheit. Sie war wie üblich in einem schlicht-eleganten Kostüm erschienen, die Haare sorgfältig gekämmt. Aber jetzt hatte sie den Blazer längst abgelegt, ihre Bluse war zerknittert, und die Luftfeuchtigkeit hatte ihre Haare zu widerspenstigen Locken gekräuselt. Sie fühlte sich von allen Seiten attackiert – von dem Gestank, den Fliegen, der brennenden Sonne. Sie musste sich auf zu vieles gleichzeitig konzentrieren. Und dann all diese Augen, die sie auf Schritt und Tritt verfolgten.
Laute Stimmen zogen ihre Aufmerksamkeit auf sich. Ein Mann mit Cityhemd und Krawatte versuchte einen Streifenbeamten zu beschwatzen, ihn vorbeizulassen.
»Hören Sie, ich muss zu einer Vertreterkonferenz, okay? Ich bin sowieso schon eine Stunde zu spät dran. Aber Sie wickeln zuerst mein Auto mit Ihrem verdammten Absperrband ein, und jetzt wollen Sie mir erzählen, dass ich nicht wegfahren darf? Das ist mein Wagen, zum Donnerwetter!«
»Es handelt sich hier um den Tatort eines Verbrechens, Sir.«
»Es war ein Unfall!«
»Das haben wir noch nicht geklärt.«
»Und Sie brauchen den ganzen Tag, um das rauszufinden? Warum hören Sie uns nicht einfach mal zu? Die ganze Straße hat doch mitgekriegt, wie es passiert ist.«
Rizzoli trat auf den Mann zu, dessen Gesicht mit einer glänzenden Schweißschicht überzogen war. Es war halb zwölf; die Sonne stand schon fast im Zenit und brannte wie ein zornig starrendes Auge auf sie herab.
»Was genau haben Sie gehört, Sir?«, fragte sie.
Er schnaubte verächtlich. »Dasselbe, was alle anderen auch gehört haben.«»Einen lauten Knall.«
»Ja. Gegen halb acht. Ich kam gerade aus der Dusche. Ich hab aus dem Fenster geschaut, und da lag er, mitten auf dem Gehsteig. Sie sehen ja selbst, was für eine gefährliche Stelle das hier ist. Diese Schweine kommen mit einem Affentempo um die Kurve gerast. Muss ein Lkw gewesen sein, der ihn erwischt hat.«
»Haben Sie einen Lkw gesehen?«
»Nee.«
»Oder gehört?«
»Nee.«
»Und einen Pkw haben Sie auch nicht gesehen?«
»Lkw, Pkw.« Er zuckte mit den Achseln. »So oder so, es war ein Unfall mit Fahrerflucht.«
Es war dieselbe Geschichte, die sie schon dutzendfach von den Nachbarn des Mannes zu hören bekommen hatten. Irgendwann zwischen sieben Uhr fünfzehn und sieben Uhr dreißig war auf der Straße ein lauter Knall zu hören gewesen. Es gab keine Augenzeugen für das, was passiert war. Sie alle hatten lediglich das Geräusch gehört, und dann hatten sie die Leiche des Mannes entdeckt. Rizzoli hatte die Möglichkeit, dass der Mann sich in den Tod gestürzt hatte, bereits in Betracht gezogen, aber gleich wieder verworfen. Der Straßenzug bestand nur aus zweistöckigen Gebäuden; kein Punkt lag hoch genug für einen Sturz mit derart verheerenden Folgen. Und es waren auch keine Spuren einer Explosion zu entdecken, die einen menschlichen Körper dermaßen zerfetzt haben könnte.
»He, kann ich jetzt vielleicht mein Auto hier wegfahren?«, fragte der Mann. »Es ist der grüne Ford da hinten.«
»Der mit den Hirnspritzern auf der Motorhaube?«
»Ja.«
»Was glauben Sie denn?«, fuhr sie ihn an. Dann ließ sie ihn einfach stehen und ging hinüber zu dem Gerichtsmediziner, der in der Mitte der Straße kauerte und den Asphalt absuchte. »Das sind doch alles Arschlöcher hier in der Straße«, sagte Rizzoli. »Das Opfer ist ihnen völlig schnuppe. Und es weiß auch niemand, wer er ist.«
Dr. Ashford Tierney blickte nicht zu ihr auf; er starrte weiter unbeirrt auf die Straße. Unter den spärlichen grauen Haarsträhnen glitzerte sein Schädel von Schweiß. Noch nie war ihr Dr. Tierney so alt und müde vorgekommen. Als er sich jetzt aufzurichten versuchte, streckte er die Hand nach ihr aus; eine stumme Bitte um Hilfe. Rizzoli ergriff sie, und sie konnte das Knirschen und Knacken der ermüdeten Knochen und Gelenke spüren, das sich durch seine Finger auf ihre übertrug. Er stammte aus Georgia; ein Südstaaten-Gentleman der alten Schule, der mit der direkten Art der Bostoner, wie Rizzoli sie verkörperte, nie recht warm geworden war, ebenso wenig wie sie mit seiner Förmlichkeit. Das Einzige, was sie verband, waren die sterblichen Überreste der Menschen, die auf Dr. Tierneys Autopsietisch landeten. Aber als sie ihm nun aufhalf, registrierte sie seine Gebrechlichkeit mit einem Anflug von Traurigkeit, und sie musste an ihren eigenen Großvater denken, dessen Lieblingsenkelin sie gewesen war – vielleicht, weil er in ihrem unbeugsamen Stolz und ihrer hartnäckigen Zielstrebigkeit sich selbst wiedererkannte. Sie erinnerte sich daran, wie sie ihm aus dem Sessel aufgeholfen hatte, an seine vom Schlaganfall gelähmte Hand, die wie eine Klaue auf ihrem Arm geruht hatte. Selbst ein vor Energie strotzender Mann wie Aldo Rizzoli war von den unerbittlichen Mühlen der Zeit schließlich in ein Häuflein brüchiger Knochen und knackender Gelenke verwandelt worden. Sie konnte den gleichen Effekt an Dr. Tierney beobachten, als er nun schwankend in der Mittagshitze stand und sich mit seinem Taschentuch den Schweiß von der Stirn wischte.
»Das ist ja ein Prachtexemplar von einem Fall; genau das Richtige zum Abschluss meiner Karriere«, sagte er. »Übrigens, Detective, werden Sie auch zu meiner Abschiedsparty kommen?«
»Äh …zu welcher Party?«, fragte Rizzoli.
»Zu der, mit der Sie alle mich überraschen wollen.«
Sie seufzte. Und gab zu: »Ja, ich bin dabei.«
»Ha. Von Ihnen habe ich noch immer eine offene Antwort bekommen. Ist es nächste Woche?«
»In zwei Wochen. Und Sie wissen es nicht von mir, okay?«
»Ich bin froh, dass Sie es mir gesagt haben.« Er blickte auf den Asphalt hinab. »Ich mag Überraschungen nicht besonders.«
»Also, was haben wir denn hier, Doc? Unfall mit Fahrerflucht?«
»Dies hier ist offenbar der Aufschlagpunkt.«
Rizzoli betrachtete den ausgedehnten Blutfleck. Dann wanderte ihr Blick zu der verhüllten Leiche, die in fast vier Meter Entfernung auf dem Gehweg lag.
»Sie meinen, er ist hier aufgeprallt und dann bis dort drüben geschleudert worden?«, fragte Rizzoli.»So sieht es aus.«
»Muss ja ein ziemlich großer Lkw gewesen sein, der den armen Kerl so zu Matsch gefahren hat.«
»Kein Lkw«, war Tierneys rätselhafte Antwort. Er begann mit gesenktem Blick die Straße abzuschreiten.
Rizzoli folgte ihm, während sie die Schwärme von Fliegen zu verscheuchen suchte, die um sie herumschwirrten. Nach etwa zehn Metern blieb Tierney stehen und zeigte auf einen grauen Klumpen, der am Bordstein hing.
»Noch mehr Hirnmasse«, stellte er fest.
»Es war also kein Lkw?«, fragte Rizzoli.
»Nein. Und auch kein Pkw.«
»Was ist denn mit den Reifenspuren auf dem Hemd des Opfers?«
Tierney richtete sich auf und ließ den Blick über die Straße, den Gehsteig und die Häuser schweifen. »Fällt Ihnen an dieser Szenerie irgendetwas Interessantes auf, Detective?«
»Sie meinen, abgesehen von der Tatsache, dass da hinten ein toter Mann liegt, dem sein Gehirn abhanden gekommen ist?«
»Sehen Sie sich den Aufprallpunkt an.« Tierney deutete auf den Fleck auf dem Asphalt, neben dem er anfangs gekauert hatte. »Können Sie das Verteilungsmuster der Leichenteile erkennen?«
»Ja. Er ist in alle Himmelsrichtungen gespritzt. Der Aufprallpunkt liegt in der Mitte.«
»Richtig.«
»Es ist eine viel befahrene Straße«, sagte Rizzoli. »Die Autos kommen mit zu hoher Geschwindigkeit dort um die Kurve geschossen. Und das Opfer weist Reifenspuren auf dem Hemd auf.«
»Sehen wir uns diese Spuren doch noch einmal an.«
Als sie zu der Leiche zurückgingen, gesellte sich Barry Frost zu ihnen, der endlich wieder aus dem Van hervorgekrochen war. Er sah bleich und ein wenig betreten aus.
»Oh, Mann«, stöhnte er.
»Geht’s Ihnen wieder besser?«, fragte sie.
»Ob ich mir wohl eine Magen-Darm-Grippe eingefangen habe oder so?«
»Oder so.« Sie hatte Frost immer gemocht, hatte sein sonniges Gemüt und seine duldsame Art schätzen gelernt, und es tat ihr weh, ihn so in seinem Stolz verletzt zu sehen. Sie klopfte ihm auf die Schulter und schenkte ihm ein mütterliches Lächeln. Frost schien Mutterinstinkte geradezu herauszufordern, selbst bei der so gar nicht mütterlichen Rizzoli. »Das nächste Mal nehme ich eine Kotztüte für Sie mit«, erbot sie sich.
»Ach, wissen Sie«, meinte er, während er hinter ihr hertappte, »ich glaube wirklich, dass es bloß ein Virus ist...«
Sie standen vor der verstümmelten Leiche. Tierney ging ächzend in die Knie; seine Gelenke protestierten gegen diesen neuerlichen Anschlag, während er das Tuch zur Seite zog. Frost wurde noch blasser und trat einen Schritt zurück. Rizzoli musste gegen den dringenden Wunsch ankämpfen, das Gleiche zu tun.
Der Rumpf war in Höhe des Nabels in zwei Teile zerrissen. Die obere Hälfte, bekleidet mit einem beigefarbenen Baumwollhemd, war von Osten nach Westen ausgerichtet, während der untere Teil, der in Bluejeans steckte, in Nord-Süd-Richtung lag. Die beiden Hälften waren nur noch durch ein paar Haut- und Muskelstränge miteinander verbunden. Die inneren Organe waren herausgerissen worden und lagen auf dem Asphalt, zu einer breiförmigen Masse zerquetscht. Durch den Aufprall war der Hinterkopf zerschmettert, das Gehirn herausgeschleudert worden.
»Jung, Geschlecht männlich, dem Anschein nach hispanoamerikanischer oder mediterraner Herkunft, Alter zwischen zwanzig und vierzig«, sagte Tierney. »Ich erkenne offensichtliche Frakturen der Brustwirbelsäule, der Rippen, der Schlüsselbeine und des Schädels.«
»Könnte nicht auch ein Lastwagen so etwas anrichten?«, fragte Rizzoli.
»Es ist zweifellos möglich, dass ein Lastwagen derart massive Verletzungen bewirkt.« Aus seinen blassblauen Augen sah er Rizzoli herausfordernd an. »Aber niemand hat ein solches Fahrzeug gehört oder gesehen, habe ich Recht?«
»Ja, leider«, gab sie zu.
Frost brachte endlich auch einen Kommentar heraus. »Wissen Sie was, ich glaube, das sind gar keine Reifenspuren da auf seinem Hemd.«
Rizzoli nahm die schwarzen Streifen auf der Vorderseite des Hemds noch einmal in Augenschein. Sie berührte einen der verschmierten Streifen mit ihrer behandschuhten Hand und inspizierte anschließend den Finger. Etwas von der schwarzen Farbe war an dem Latexhandschuh hängen geblieben. Sie starrte den Fleck noch einen Moment lang an, während sie die neue Information verarbeitete.
»Sie haben Recht«, sagte sie. »Das sind keine Reifenspuren. Es ist Schmierfett.« Sie richtete sich auf und blickte sich auf der Straße um. Nirgends konnte sie blutige Reifenspuren oder Autoteile entdecken. Keine Glas- oder Plastiksplitter, wie sie nach einer so heftigen Kollision mit einem menschlichen Körper zweifellos zurückgeblieben wären.
Eine Zeit lang sagte niemand etwas. Sie sahen einander nur an, während allen dreien allmählich die einzig mögliche Erklärung dämmerte. Wie um die Theorie zu bestätigen, flog in diesem Augenblick ein Düsenjet donnernd über ihre Köpfe hinweg. Rizzoli legte den Kopf in den Nacken und sah mit zusammengekniffenen Augen eine 747 vorüberfliegen, im Landeanflug auf den etwa acht Kilometer nordöstlich gelegenen Flughafen Logan International.
»O mein Gott«, sagte Frost, der sich die Hand schützend über die Augen hielt. »Was für ein Abgang. Bitte sagen Sie mir, dass er schon tot war, bevor er hier unten ankam.«
»Das ist sehr wahrscheinlich«, antwortete Tierney. »Ich vermute, dass er herausgerutscht ist, als das Fahrwerk für die Landung ausgeklappt wurde – wenn wir davon ausgehen, dass es sich um eine ankommende Maschine handelte.«
»Ja, sicher«, sagte Rizzoli. »Wie viele blinde Passagiere versuchen schon, aus diesem Land herauszukommen?« Ihr Blick fiel auf den dunklen Teint des Opfers. »Er kommt also mit einem Flugzeug her, von Südamerika zum Beispiel...«
»Es dürfte eine Flughöhe von mindestens dreißigtausend Fuß gehabt haben«, sagte Tierney. »Im Fahrwerkschacht gibt es keinen Druckausgleich. Ein blinder Passagier ist dort unweigerlich einem rapiden Druckabfall ausgesetzt. Und Erfrierungen. Selbst im Hochsommer herrschen in diesen Höhen eisige Temperaturen. Unter derartigen Bedingungen wäre er nach wenigen Stunden bereits unterkühlt und würde durch den Sauerstoffmangel das Bewusstsein verlieren. Wenn er nicht schon beim Einholen des Fahrwerks nach dem Start zerquetscht wurde. Ein längerer Flug im Fahrwerkschacht würde ihm wahrscheinlich den Rest geben.«
Rizzolis Beeper unterbrach Dr. Tierney just in dem Moment, als der Wissenschaftler so richtig in Fahrt zu kommen schien. Er begann bereits auf- und abzuschreiten wie ein Professor bei der Vorlesung. Sie warf einen Blick auf die Anzeige des Geräts, doch die Nummer war ihr unbekannt. Die Vorwahl deutete auf einen Anschluss in Newton hin. Rizzoli nahm ihr Handy heraus und wählte.
»Detective Korsak«, meldete sich eine männliche Stimme.»Hier spricht Rizzoli. Sie haben mich angepiepst.«
»Haben Sie mit dem Handy zurückgerufen, Detective?«
»Ja.«
»Haben Sie Zugang zu einem Festnetzanschluss?«
»Im Moment nicht, nein.« Sie wusste nicht, wer Detective Korsak war, und sie wollte das Gespräch möglichst kurz halten. »Warum sagen Sie mir nicht einfach, worum es geht?«Eine Pause. Sie hörte im Hintergrund Stimmen, das Knacken und Rauschen eines Polizeifunkgeräts. »Ich bin hier in Newton an einem Tatort«, sagte er. »Ich denke, Sie sollten herkommen und sich das einmal ansehen.«
»Möchten Sie das Boston P. D. um Unterstützung bitten? In diesem Fall könnte ich Sie an einen anderen Beamten von unserer Einheit weiterleiten.«
»Ich habe schon versucht, Detective Moore zu erreichen, aber mir wurde mitgeteilt, er sei im Urlaub. Deshalb rufe ich Sie an.« Wieder machte er eine bedeutungsschwangere Pause, um dann leise hinzuzufügen: »Es geht um den Fall, bei dem Sie und Moore letzten Sommer die Ermittlungen geleitet haben. Sie wissen schon, wovon ich spreche.«
Rizzoli schwieg. Sie wusste genau, was er meinte. Die Erinnerung an diesen Fall verfolgte sie immer noch, quälte sie immer noch in ihren Albträumen.
»Fahren Sie fort«, sagte sie leise.
»Soll ich Ihnen die Adresse durchgeben?«, fragte er.
Sie nahm ihren Notizblock zur Hand.
Einen Augenblick später beendete sie das Gespräch und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Dr. Tierney zu.
»Ich habe ähnliche Verletzungen bei Fallschirmspringern gesehen, deren Schirm sich nicht geöffnet hatte«, sagte er. »Ein Körper, der aus einer solchen Höhe abstürzt, erreicht die maximale Fallgeschwindigkeit. Das sind rund sechzig Meter pro Sekunde – genug, um einen Menschen so in Stücke zu reißen, wie wir es hier vor uns sehen.«
»Ein verdammt hoher Preis, um in dieses Land zu gelangen«, meinte Frost.
Wieder dröhnte ein Jet am Himmel vorüber. Sein Schatten huschte vorbei wie der eines Raubvogels, der sich auf seine Beute stürzt.
Rizzoli blickte zum Himmel empor. Sie stellte sich vor, wie ein Körper von dort oben herabstürzte, Hunderte von Metern im freien Fall. Sie malte sich aus, wie die kalte Luft an ihm vorüberzischte. Luft, die immer wärmer wurde, je näher die wirbelnde Wand des Erdbodens kam.

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