Höllenfahrt ins Paradies von Teresa Solana

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2007 unter dem Titel Drecera al paradís, deutsche Ausgabe erstmals 2008 bei Piper.
Ort & Zeit der Handlung: Spanien / Barcelona, 1990 - 2009.
Folge 2 der Borja-und-Eduard-Serie.

  • Barcelona: Edicions 62, 2007 unter dem Titel Drecera al paradís. 304 Seiten.
  • München: Piper, 2008. Übersetzt von Petra Zickmann. ISBN: 978-3-492-05168-2. 304 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 2011. Übersetzt von Petra Zickmann. ISBN: 978-3-492-26359-7. 304 Seiten.

'Höllenfahrt ins Paradies' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Apfel einer Frau zum Verhängnis wird. Nur führt er diesmal nicht zur Vertreibung aus dem Paradies, sondern auf direktem Weg ins Jenseits: Im Hotel Ritz wird die Bestsellerautorin Elisenda Palau ermordet aufgefunden – erschlagen mit dem Bronzenen Apfel, einem der begehrtesten Literaturpreise des Landes. Der vermeintlich Schuldige ist schnell gefunden: der Schriftsteller Amadeu Ribot, der unter wüsten Drohungen die Preisverleihung verlassen hatte. Verzweifelt wendet sich Ribots Agentin an die Detektei der Zwillinge Borja und Eduard, damit diese die Unschuld des Autors beweisen. Schon bald stellen die beiden fest, dass in Barcelonas intellektueller Gesellschaft so manche Leiche nicht nur zwischen zwei Buchdeckeln steckt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Zoff in literarischen Kreisen« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Eva Bergschneider

Teresa Solanas Romanerstling Mord auf katalanisch war der Auftaktband zu einer Krimiserie mit zwei schrägen Detektiven und avancierte aus gutem Grund zum Überraschungserfolg. Originelle Typen, Situationskomik und satirische Seitenhiebe machen diesen Krimi zu einem wahren Lesegenuss, besonders für Liebhaber der katalanischen Metropole und solche, die es werden wollen. Nun hat das Warten auf eine Fortsetzung ein Ende. In Höllenfahrt ins Paradies wartet eine Mordermittlung in den intellektuellen Kreisen Barcelonas auf Eduards und Peps spezielle Methoden.

Das Verhängnis des Apfels …

Die Statue eines bronzenen Apfels ist einer der begehrtesten Literaturpreise des Landes und zugleich die Waffe, mit der der Preisträgerin Elisenda Palau der Schädel eingeschlagen wird. Nicht alle haben der Verfasserin leichter literarischer Massenware den Erfolg gegönnt. Es wundert niemanden, dass der Literat Amadeu Ribot, der ebenfalls für den Preis nominiert war, als Hauptverdächtiger gilt. Vor gekränktem Stolz wüste Beschimpfungen ausstoßend, verließ dieser die Feier im Hotel Ritz und zog sich in sein Zimmer zurück, dass sich ausgerechnet genau neben dem der Gewinnerin befand. Allein Ribots Agentin und Gelegenheitsgeliebte Claudia Agulló ist von der Unschuld des gescheiterten Finalisten überzeugt.

...beschert den Brüdern Pep und Eduard einen Mordfall

Nach dem abrupten Ende der Feier im Ritz versteckt sich Pep, bzw der falsche Borja Masdéu-Canals Sáez de Astorga unter einem der Tische, um unbequemen Fragen der Polizei zu entgehen. Diese Nacht beschert ihm Rückenschmerzen und den genauen Stand der Ermittlungen im Mordfall Palau. Peps Begleiterin, die reiche Hobbyliterarin Mariona Castany vermittelt die Pseudodetektive an Claudia, die den Auftrag erteilt, Ribots Unschuld zu beweisen. Der behauptet nämlich, zur Tatzeit vor dem Edelclub »Up & Down« beraubt worden zu sein. Wenigstens ließ ihm der Räuber Geld für ein Taxi. Der Fahrer brachte ihn zum Ritz, wo er den katalanischen Ordnungshütern in die Arme lief. Pep wittert wieder einmal leicht verdientes Geld, denn es sollte ja nicht allzu schwierig sein, einen Zeugen zu finden, der Ribots Alibi bestätigen kann.

Ohne Umwege ins schräge Vergnügen

Höllenfahrt ins Paradies beginnt mit der Geschichte des Räubers, der Amadeu Ribot vor dem »Up & Down« mit einer Spielzeugpistole überfällt. Ernest Fabiá ist ein wahrer Pechvogel, der keine andere Möglichkeit sieht, um dem endgültigen Ruin zu entkommen. Was ihm widerfährt, ist nur eine der typisch tragisch-komischen Geschichten, mit denen Teresa Solana sich in die Herzen ihrer Leser schreibt. Die Melancholie, die Opfer und Täter umgibt, erwecken den Eindruck, dass die Katalanin in ihrem zweiten Roman etwas ernsthaftere Töne anschlägt. Dieser verflüchtigt sich allerdings spätestens bei der Orgie mit unter Drogeneinfluss stehenden Schriftstellern wieder. Die Szene beginnt mit einem Schlagabtausch konstruktiver Literaturkritik, von der nicht nur Krimi-Couch Rezensenten einiges lernen können:

» [...] es kommt halt auch immer auf den Roman an. Mein letzter, zum Beispiel, hat den Kritikern sehr gut gefallen....« bemerkte Lliebert Celoni. »Ein ungenießbarer Schinken!« fuhr Eudald Suñol auf, hochrot im Gesicht. [...] »Wer soll Euch denn lesen, wenn ihr so eine Scheiße verzapft?«
»Deine Bücher sind scheiße! Die taugen allenfalls, um sich den Hintern zu wischen. Leute, wie Du sind schuld, wenn guten Autoren wie mir die Luft aus geht.«

»Davon produzierst Du selber doch genug, nichts als warme Luft den lieben langen Tag...!«

Teresa Solana hat in »Höllenfahrt ins Paradies« im Vergleich zum Vorgänger noch einiges an schriller Situationskomik und originellem Wortwitz drauf gelegt. Mit wunderbar skurrilen Literaturschaffenden und absurden Verwicklungen, die die Autorin mit Motiven der klassischen und modernen Kriminalliteratur ausschmückt, karikiert sie ihre eigene Zunft auf das Feinste.

Insight Barcelona

Auch in Höllenfahrt ins Paradies prägt die katalanische Lebensart die Atmosphäre des Romans. Eine heitere Gelassenheit lässt den Puls der Stadt einen Tick ruhiger schlagen, als in anderen europäischen Metropolen. Ein typischer Vertreter des kreativen Müßiggangs ist der neue Mitstreiter der schnoddrige Lluís Arquer. Der alternde Detektiv ist ein selbstgefälliger Typ, der nichts zu verschenken, aber wertvolle Insider-Tipps auf Lager hat.

Mit einem Wissensvorsprung verfolgt der Leser, Kopf und Lachmuskeln schüttelnd, die grotesken Ereignisse. Eine genial ausgedachte Strategie zur Auflösung des Falls verläuft zwar nicht wie geplant, aber nach einer Reihe aberwitzige Zufälle gelingt es den Brüdern schließlich, den Täter zu schnappen.

Der Blick des Inspektors war frostig und in seinem Gesicht regte sich kein Muskel. [...]
»Ich nehme an, Herrr Masdéu und Herr Matínez, der Fiskus wird Ihnen eines Tages einen schönen Schrecken einjagen«

Bis es soweit ist, werden Pep und Eduard die Liebhaber von Krimis, die nicht ganz so ernst genommen werden wollen, mit vielen abgedrehten Fällen unterhalten.
Mit unverfrorener Lässigkeit kombiniert Teresa Solana in »Höllenfahrt ins Paradies« Poesie und Anarchie, Melancholie und Sarkasmus. Sogar die harte Kritik der Autorin an den Mindestlöhnen fließt wie selbstverständlich in ihre parodistische Erzählung mit ein.

Im Gegensatz zu der fiktiven Preisträgerin, präsentiert diese katalanische Literatin anstatt seichter Unterhaltungslektüre ein satirisches Meisterwerk – und das vermutlich ohne die Hilfe eines Ventilators.

Eva Bergschneider, Januar 2009

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Silke Schröder, hallo-buch.de zu »Teresa Solana: Höllenfahrt ins Paradies« 22.01.2009
Auch der zweite Roman von Teresa Solana „Höllenfahrt ins Paradies“ ist eine Liebeserklärung an die Stadt Barcelona. Rasant und ohne Atempause schickt sie uns durch Spaniens zweite Hauptstadt, auch bei der Story macht sie keine Atempause. Ihre Handlung ist charmant abgedreht, die Dialoge versprühen Witz. Diesmal blicken die beiden Brüder hinter die noble Fassade der Intellektuellen und Schriftsteller mit all ihrer schillernden Missgunst und dem Neid auf den jeweils anderen.

Aber auch die schwierige Wohnungssituation in der überfüllten Mittelmeer-Metropole klammert die Autorin nicht aus. So ist dieser beschwingte Krimi ein Leckerbissen für alle Katalonien- und Barcelona-Fans – und für alle, die ein wenig vom sommerlich-warmen Stadtleben träumen möchten.
koepper zu »Teresa Solana: Höllenfahrt ins Paradies« 04.01.2009
Die Höllenfahrt hat wirklich Spass gemacht. Theresa Solana hat einen Krimi geschrieben bei dem für mich die Handlung des Verbrechens ganz schnell nachrangig war. Gefallen haben mir die Vielzahl an wirklich komischen Szenen. Der Raubüberfall, die "Stechapfelorgie"...Da ist nichts langweilig, eine skurille Szene jagt die nächste. Das Buch ist reines Amüsement.
Die Beschreibung des Literaturbetriebes eine herrliche Satire. Solana zeichnet die Hauptfiguren sehr schön. Sie hat einen klaren, schönen Schreibstil, das Buch ist einfach Klasse. Nicht unbedingt ein Krimi der enorme Spannung erzeugt - egal, die Höllenfahrt ist einfach ein Stück wirklich guter Literatur.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Stefan83 zu »Teresa Solana: Höllenfahrt ins Paradies« 26.11.2008
Schon ihr Erstling, "Mord auf katalanisch", gehörte für mich im Genre des Kriminalromans zu den positiven Überraschungen des Jahres 2007. Dementsprechend hohe Ansprüche stellten sich automatisch ein, als mit "Höllenfahrt ins Paradies" Teresa Solanas zweites Buch um das Detektiv-Duo Eduard und Borja den Weg in mein Bücherregal fand.

Warum ich es nicht auf Anhieb nach dem Kauf verschlungen habe ist für mich im Nachhinein nicht mehr nachvollziehbar, denn die katalanische Autorin schafft es tatsächlich noch mal die Messlatte ein Stück höher zu legen. Nach gut zwei, drei Seiten war ich sofort wieder in der Story und ließ mich vom knackig, trockenen Schreibstil Solanas an die Hand nehmen. Kam ich schon beim Vorgänger streckenweise aus dem Schmunzeln nicht mehr raus, so sorgte ich nun wohl für Unterhaltung im Kreise der Nachbarn, derart häufig wurde ich von lauten Lachattacken geschüttelt.

Im Mittelpunkt stehen erneut die Zwillinge Eduard und Borja, von denen keiner weiß, dass sie miteinander verwandt sind und die jeder fälschlicherweise für echte Detektive hält. Tatsache ist: Beide haben keinerlei Lizenz für ihre kleine Detektei, die im Prinzip nur aus einem Büro und einer imaginären, durch versprühtes Parfum dem Klienten vorgegaukelten Sekretärin besteht. Ihre Erfahrung in detektivischer Ermittlung dürfte im Bereich null tendieren, was allerdings durch ein gewisses Maß an Bauernschläue ausgeglichen wird. Oft nur mit Ehebrüchen und Beobachtungsjobs von der katalanischen Upper-Class beauftragt, werden sie nun auf einen Mordfall angesetzt.

Elisenda Palau, Autorin von seichten, Liebesschnulzen, wurde hinterrücks mit dem Bronzenen Apfel, einem noch am selben Abend erhaltenen Literaturpreis erschlagen. Hauptverdächtiger ist der Zweitplatzierte, leicht psychotische Amadeu Ribot, dessen Agentin nun Eduard und Borja darauf ansetzt, die Unschuld ihres Mandanten zu beweisen. Das erweist sich als schwierig, da der einzige Mensch, der dem Schriftsteller ein Alibi geben könnte, ein verzweifelter und verschuldeter Familienvater ist, der Ribot zur Mordzeit mit einer Spielzeugpistole überfallen hat. Was folgt ist eine Tour de Force durch Barcelona, die beim Leser kein Auge trocken lässt.

Solanas Schreibstil überzeugt mit einer Leichtigkeit, um die sie wohl der Großteil ihrer Konkurrenz beneiden dürfte. Da werden ganze Absätze zum feisten Fest und Sprachgenuss, so dass man sich bald beim Zurückblättern ertappt, um es noch mal zu lesen. Absolutes Highlight ist hier die Szene, in der das literarische Who is Who Barcelonas den halluzigenen Wirkungen einer Überdosis Stechapfel in ihren Kanapees erliegt und einen amüsanten Abend mit nettem Pläuschchen in eine handfeste Orgie verwandelt. Der eigentliche Krimi-Fall gerät, wie auch schon beim Erstling, zur Nebensache, was mich allerdings in keinster Weise gestört hat. Vielmehr bietet "Höllenfahrt ins Paradies" eine derartige Portion Kurzweil, dass mir die Auflösung, abgelenkt von all dem Lesespaß, letztendlich ziemlich gleich war. Das diese aber dennoch toll und mit viel Ironie ausgearbeitet wurde, setzt dem Ganzen noch das Sahnehäubchen auf.

Insgesamt ist "Höllenfahrt ins Paradies" ein wunderschöner, saukomischer Ausflug ins Literaturmilieu Barcelons, mit dem Solana einen Großteil ihrer eigenen Biographie verarbeitet (Sie war selbst lange Zeit Übersetzerin) und sich auch gleichzeitig ganz weit nach oben in meiner persönlichen Bestenliste geschrieben hat.
6 von 7 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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