Auf der Suche nach Sharaku von Takahashi Katsuhiko

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1983 unter dem Titel Sharaku satsujin jiken, deutsche Ausgabe erstmals 2013 bei beb.ra.
Ort & Zeit der Handlung: Asien / Japan, 1970 - 1989.

  • Tokio: Kodansha, 1983 unter dem Titel Sharaku satsujin jiken. 271 Seiten.
  • Berlin: beb.ra, 2013. Übersetzt von Sabine Mangold & Yukari Hayasaki . Nachwort von Sabine Mangold . ISBN: 978-3861249184. 271 Seiten.

'Auf der Suche nach Sharaku' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Ein mysteriöser Todesfall führt den Studenten Ryohei auf eine Spur, die eines der größten Rätsel der japanischen Kunstwelt zu lüften verspricht: die wahre Identität des berühmten Malers Sharaku. Doch dessen Geheimnis droht nun auch Ryohei in Gefahr zu bringen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Die Forschung ist (doch k)ein Kriminalroman!« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Matthias Kühn

Ein deutscher Privatgelehrter hatte immensen Einfluss auf die japanische Kunstgeschichte: Julius Kurth publizierte etliche Aufsätze und Bücher zur japanischen Kunstrichtung Ukiyoe und machte damit einen Mann berühmt, den bis dahin kaum jemand gekannt hatte: Tōshūsai Sharaku. Dieser Sharaku gilt vor allem wegen seiner Schauspielerportraits aus den Jahren 1794/95 als großer Künstler; Kurth stellte ihn auf eine Stufe mit Rembrandt und Velazquez.

Im Gegensatz zu heute war es im frühen 20. Jahrhundert noch förderlich, wenn westliche Forscher japanische Kunst in einen internationalen Kontext stellten. Heute sondert sich Japan wieder stärker ab: Selbst ein Autor wie Murakami gilt in Japan wenig, weil er sich angeblich zu sehr dem Westen öffnet, die japanische Literatursprache und damit die Sonderstellung des Landes missachtet.

Sharaku wurde durch die westliche Beurteilung zum postumen Star. Aber er gibt Rätsel auf. So entstanden seine berühmten Portraits alle innerhalb weniger Monate, danach verschwand er einfach. Über sein Leben ist wenig bekannt, vieles an ihm ist ungewöhnlich; und so ranken sich Legenden und Verschwörungstheorien um den alten Meister.

Im Japan der Achtzigerjahre steht die Ukiyoe-Forschung in voller Blüte. Vor allem der »Edo-Kunstverein« des Professors Nishijima und der »Verein der Literaturfreunde« des Kalligraphen Saga rivalisieren heftig miteinander. Dann wird Saga tot aufgefunden; angeblich Selbstmord. Ryōhei Tsuda, Protagonist des Romans, geht für seinen Professor Nishijima zur Beerdigung, wo er einen Studienfreund trifft – und schließlich von Kommissar Onodera verfolgt wird. Tsuda erfährt: Da ist was faul.

Die Sache lässt ihn nicht in Ruhe. Durch Zufall stößt er auf einen Bildband aus dem Nachlass des toten Konkurrenten. Darin findet er etwas Sensationelles: Eines der Bilder trägt die Signatur Sharakus. Kann er durch diese Entdeckung den wohl größten offenen Fall der japanischen Kunstgeschichte lösen?

Mit der sphärischen, schüchternen Saeko, der Schwester seines Ex-Kommilitonen, macht sich der etwas altkluge Jungforscher euphorisch auf den Weg in den Ort, in dem der Herausgeber des Kunstbandes gelebt hat. Dort besuchen sie den Heimatverein und die Stadtbibliothek, stoßen auf weitere Fakten und erkennen, dass sie beginnen, ein Puzzle zusammenzusetzen. Allerdings: Je weiter die kleine Forschungsgruppe kommt, desto mehr passiert um sie herum. Es gibt weitere Tote. Und so langsam dämmert Tsuda: Das mit Saga, das war kein Selbstmord.

Auf der Suche nach Sharaku fällt streng genommen in zwei Hälften: Im ersten Teil geht es vor allem um die Zeit, als Tokio (oder, wie die Stadt hier etwas überkorrekt heißt: Tōkyō) noch Edo hieß. Es geht um Intrigen und kunstgeschichtliche Zusammenhänge, wobei man eine Fülle von Namen und Theorien an den Kopf geworfen bekommt: Es gibt viele Lehrmeinungen darüber, wer Sharaku in Wirklichkeit war. Mehr als ein halbes Dutzend Künstler könnten die berühmten Bilder unter Pseudonym gemalt haben; auch besteht die Möglichkeit, dass mehrere Maler gemeinsam unter dem Namen Sharaku veröffentlichten. Das alles wird lang und breit abgehandelt, was zwar ganz interessant ist, aber die eigentliche Handlung doch in weite Ferne rückt. Überraschend ist da noch, dass die Theorie, die bei Wikipedia als die wahrscheinlichste steht, von Tsuda mit guten Argumenten als veralteter Populismus weggewischt wird. Hm.

Aufgelockert werden die wissenschaftlichen Abhandlungen über Kunst und Verlagswesen des 19. Jahrhunderts immerhin durch Einblicke ins japanische Alltagsleben der Achtziger, bis hin zur Popmusik – das Original des Romans erschien übrigens 1983.

Was diesen Roman zum Krimi macht, ist seine zweite Hälfte – genau genommen sogar nur das letzte Viertel. Da kommt der Roman fast schon unerwartet so richtig in Fahrt. Typisch japanisch übrigens: Wer sich beispielsweise mit Filmen aus diesem Land beschäftigt, wird schnell merken, dass die Regisseure es dort mit der Abgrenzung der Genres nicht allzu ernst nehmen. Manche Filme verfügen über Anteile von Komödie, Anime, Gangster- und Horrorfilm, ohne sich festzulegen. So ist das auch hier: Takahashi schrieb unter anderem Horrorromane, Actionliteratur und Krimis. Alle diese Genres finden sich auch hier. Denn was lange aussieht wie ein reiner Kunstroman, entpuppt sich schließlich als intelligent konzipierter Krimi mit einem richtigen Knaller zum Schluss.

Keine Frage: Dieses Buch ist für eine Minderheit interessant, die sich für das Land interessiert und sich nicht von langen Ausführungen über kunsthistorische Zusammenhänge und wirre Thesen abschrecken lassen. Man muss sich auch nicht unbedingt Namen wie Tsutaya, Kyōden, Hokusai oder Bunchō merken; aber das macht es dem durchschnittlichen Thriller-Leser nicht viel leichter.

Die Idee, einen Kriminalroman um einen Künstler zu schreiben, über den wenig bekannt ist, macht Auf der Suche nach Sharaku zu einem wirklich außergewöhnlichen Roman. Im Nachwort schreibt Sabine Mangold, die das Buch gemeinsam mit Yukari Hayasaki aus dem Japanischen übersetzte, über den Autor, er habe sich »neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit als College-Dozent intensiv mit dem Genre der Ukiyoe-Malerei beschäftigt. Seine fundierten Kenntnisse auf diesem Gebiet und die Vorliebe für Kriminalromane haben ihn zum Schreiben inspiriert und flossen reichhaltig in seine kunsthistorisch geprägten Werke ein.« Vielleicht sind seine Kenntnisse ein wenig zu fundiert – aber als Krimiautor kommt er nun mal auf abstruse Ideen. Das sagt Takahashi schließlich selbst:

»Das halte ich für sehr unwahrscheinlich. Der Urheber dieser These ist ein Krimiautor. Kein Wunder, dass so einer auf solch eine abstruse Idee kommt.«
»Ja, da stimme ich dir zu. Die Forschung ist doch kein Kriminalroman.«

Bleibt noch zu sagen, dass die »japan edition im be.bra verlag« ein unglaublich engagiertes und nicht genug zu lobendes Projekt ist. Da werden wirklich die Originale übersetzt, und nicht irgendwelche englische Texte eingedeutscht. In einem gleichgeschalteten Buchhandel würde es eine solche Edition nicht mehr geben.

Matthias Kühn, Juni 2013

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