Leo Berlin von Susanne Goga

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2005 bei dtv.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Berlin, 1910 - 1929.
Folge 1 der Leo-Wechsler-Serie.

  • München: dtv, 2005. ISBN: 3423244682. 280 Seiten.
  • München: dtv, 2012. ISBN: 978-3423213905. 288 Seiten.

'Leo Berlin' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Berlin 1922. Die Inflation läuft sich warm. Deutschland ist politisch zerrissen, die Menschen finden nach dem verlorenen Krieg keine Ruhe. Kriminalkommissar Leo Wechsler, verwitweter Vater von zwei Kindern, bekommt es mit einem mysteriösen Mord zu tun: Ein Wunderheiler, der Patienten und vor allem Patientinnen aus den besten Kreisen behandelte, wurde mit einer Buddhafigur aus Jade erschlagen. Es gibt keine Zeugen, keine Spuren. Doch der Heiler war kein unbeschriebenes Blatt: Er hat, wie sich herausstellt, viele seiner Patienten mit Kokain versorgt. Wenig später wird im Scheunenviertel eine Prostituierte ermordet. Leo vermutet eine Verbindung zum Tod des Heilers. Seine Ermittlungen führen ihn in elegante Villen, ärmliche Hinterhöfe, Kokainhöhlen und Rotlichtbezirke, doch erneut drohen alle Spuren im Sande zu verlaufen. Dazu kommt noch, dass Leos Kollege von Malchow, der aggressiv seine adlige Herkunft und seine rechtsnationalen Ansichten zur Schau trägt, ihm Steine in den Weg legt, wo er nur kann. Aber Leos Hartnäckigkeit ist berüchtigt …

Das meint Krimi-Couch.de: »Zeitreise in eine vom Krimi noch nicht entdeckte Epoche« 70°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Schwere Zeiten für Kommissar Leo Wechsler im Berlin des Jahres 1922. Der von der High-Society gefeierte »Wunderheiler« Gabriel Sartorius wird, von einer Buddha-Figur erschlagen, in seiner Wohnung aufgefunden. Es gibt weder hilfreiche Zeugen noch brauchbare Spuren.

Privat gibt es währenddessen immer stärkere Spannungen zwischen Leo und seiner Schwester Ilse, die seit dem Tod seiner Frau mit ihm zusammenwohnt und sich um seine beiden Kinder kümmert, dabei aber zunehmend ihr eigenes Privatleben vermisst. Politisch geht es ebenfalls hoch her. Die Nationalen machen gegen Außenminister Rathenau mobil, der in der Folge einem Attentat zum Opfer fällt, was umgehend die Linken auf den Plan ruft.

Wenige Tage nach dem Mord an Sartorius wird im berüchtigten Scheunenviertel die Prostituierte Erna Kante erdrosselt aufgefunden. Leo erklärt sich bereit, auch diesen Fall zu übernehmen und glaubt recht bald, dass es einen Zusammenhang zwischen den beiden Morden gibt. Während in beiden Fällen die Ermittlungen auf der Stelle treten, glänzt Leos unbeliebter, national-konservativ eingestellter Kollege Herbert von Malchow ebenso durch Unfähigkeit wie durch Indiskretionen gegenüber der Presse …

Die Inflation der Nachkriegsjahre frisst das Geld, die Kinder sammeln Zigarettenkippen um den Resttabak zu verkaufen, zahlreiche schwere Krankheiten grassieren und auch sonst sind es keine guten Zeiten in denen »Leo Berlin« spielt. Das historische Szenario wird von Autorin Susanne Goga hervorragend dargestellt, ohne dabei die eigentliche Krimihandlung zu vergessen und so wird der Leser in eine Epoche entführt, die bislang im Krimigenre nahezu unbekannt ist. Als historischer Roman ist Leo Berlin uneingeschränkt empfehlenswert, als Kriminalroman hat er jedoch eine entscheidende Schwachstelle: Es fehlt von Anfang an nahezu jegliche Spannung.

Der Leser erfährt (viel zu) früh die Identität des Mörders, sich dessen Motiv zu denken fällt angesichts des Romanaufbaus nicht wirklich schwer und das Leo den Fall löst, davon darf man natürlich ausgehen. Fragt sich letztlich nur, wann er den Täter stellt und wie er der Lösung des Falles auf die Spur kommt. Warum Leo bereits bei der erstbesten Gelegenheit einen Zusammenhang zwischen den Morden vermutet bleibt leider sein Geheimnis. Das sich der Mörder ohne Probleme den Opfern nähern konnte, ist angesichts von deren Berufen jedenfalls allein kein überzeugendes Argument ebenso wenig wie sein Gespür.

Neben den gelungenen historischen Bezügen glänzt der Roman auch bei der Charakterdarstellung und den privaten Problemen seines Protagonisten. Ebenfalls gut in Szene gesetzt wird die Figur von Malchow, der aufgrund seiner Herkunft meint, etwas Besseres zu sein und seinem Chef Leo bei jeder sich bietenden Gelegenheit in die Parade fährt. Wer atmosphärisch dichte Romane bevorzugt, greift bei Leo Berlin zu; wer mitraten möchte oder auf Spannung setzt, sollte sich den Kauf des Buches dagegen gründlich überlegen. Auf jeden Fall bleibt die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit einem durchweg sympathischen Ermittler.

Ihre Meinung zu »Susanne Goga: Leo Berlin«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

mikes zu »Susanne Goga: Leo Berlin« 25.12.2015
Ich kann mich hier der offenbar allgemeinen Meinung nur anschließen: Als Milieustudie der zwanziger Jahre in Berlin wunderbar in Szene gesetzt, als Krimi eher Schmalkost. Die Autorin begeht m.E. den Fehler, ihren Täter in kursiv gedruckten Einschüben immer wieder selbst zu Wort kommen zu lassen, und so wird viel zu schnell deutlich, wohin die Reise geht. Dafür hat die Geschichte den Vorzug, ziemlich realistisch daherzukommen, ohne die genretypischen Übertreibungen. Die Realität ist eben einfach meist nicht so spannend wie die Phantasie mancher Autoren...
Es gibt ja inzwischen eine ganze Reihe von Autoren, die Kriminalromane in historischem Setting schreiben, so etwa Robert Hültners Kajetan-Romane, angesiedelt in München oder auch die Bernie Gunther Reihe von Philip Kerr. Was die Spannung angeht, kann Frau Goga mit diesen beiden nicht mithalten, was die Exaktheit der Milieuschilderung und die Fähigkeit angeht, das Lebensgefühl dieser Zeit einzufangen, aber sehr wohl. Allerdings kommt die Sprache manchmal etwas hölzern daher, ein wenig mehr "Berliner Schnauze" hier und da hätte den Milieustudien sicher nicht geschadet.
Insgesamt durchaus lesenswert, man lernt auf unterhaltsame Weise etwas über die frühen Zwanziger und den Geist der Weimarer Republik, ohne belehrt zu werden. Wer weiß heute schon noch etwas über Walter Rathenau und seinen gewaltsamen Tod? Und wer kann sich heute noch die Arroganz des schon im Abstieg befindlichen Adels vorstellen, der meinte, er sei nur aufgrund seiner Herkunft etwas besseres?
Insgesamt durchaus ein Lesevergnügen, wenn auch weniger unter kriminalistischen als unter historischen Aspekten; mehr Histo-Couch als Krimicouch. 75'
Peter Omegin zu »Susanne Goga: Leo Berlin« 29.07.2013
Als Berliner einen Krimi zu lesen, der im vergangenen Berlin spielt, war für mich reizvoll. Wirklich spannend fand ich ihn eigentlich nicht, aber doch symphatisch.
Gestört hat mich egentlich nur die Liebeserwartung des Täters, die mit Fortschreiten der Handlung immer weniger neugierig machte sondern mich fast gelangweilt hat. Es war einfach zu durchsichtig, dass er hier Phantasien einer Befreiung nachlief.
John zu »Susanne Goga: Leo Berlin« 10.10.2008
Eine sehr schöne Impression des Berlins kurz nach dem ersten Weltkrieg, allerdings als spannenden Krimi möchte ich das Buch nicht bezeichnen.
Derjenige, der häufiger einmal einen Krimi zur Hand nimmt, weiss schon nach ca. einem Drittel des Romans, wer der Mörder ist.
Dennoch macht "Leo Berlin" Spass zu lesen!! Warum? Weil es realistisch ist, menschlich und eine schoene Milieustudie obendrein.
Als Urlaubslektüre empfehlenswert, aber fuer Hartgesottene zu einfach.
Ihr Kommentar zu Leo Berlin

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: