Engelsgift von Susanne Ayoub

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2004 bei Hoffmann & Campe.
Ort & Zeit der Handlung: , 1930 - 1949.

  • Hamburg: Hoffmann & Campe, 2004. ISBN: 3-455-00220-X. 368 Seiten.
  • München: Diana, 2005. ISBN: 3-453-35096-0. 367 Seiten.

'Engelsgift' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Ein Sensationsprozess im Wien des Jahres 1938: Die bildschöne Karoline Streicher soll ihren Ehemann, die neugeborene Tochter, ihre Tante und die Untermieterin vergiftet haben. Der »Dämon mit dem Engelsgesicht«, wie die Boulevard-Presse lüstern schreibt, stand schon Jahre zuvor als Versicherungsbetrügerin vor Gericht. Aus Mangel an Beweisen wurde Karoline damals freigesprochen. Doch dieses Mal wird die glamouröse Angeklagte der Strafe nicht entgehen. Sechzig Jahre später will die Autorin Marie Horvath ein Drehbuch über das düstere Schicksal der Karoline Streicher schreiben. Karolines Sohn liefert ihr jedoch eine völlig neue Version der Verbrechen. Er war ein Kind, als seine Mutter hingerichtet wurde, aber er erinnert sich noch genau. Seine Mutter, die Schönste der Frauen, war für ihn eine Bestie in Menschengestalt – aber keine Mörderin. Wurde der »blonde Todesengel« Opfer eines Justizirrtums? Marie gerät in den Bann des undurchsichtigen alten Mannes. Sie merkt zu spät, dass sie sich im Netz seiner Erzählungen gefährlich verstrickt. Ein Roman mit unheimlichem Sog, der auf einem authentischen Kriminalfall beruht.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein psychologisch hervorragend aufgebautes Familiendrama« 77°

Krimi-Rezension von Peter Kümmel

Ein historischer Kriminalfall bildet die Grundlage, auf der Susanne Ayoub ihren Roman »Engelsgift« aufgebaut hat. Er beginnt jedoch in der Gegenwart: Die Drehbuchautorin Marie Horvath hat es sich zur Aufgabe gemacht, aus dem Geschehen um Karoline Streicher aus der Zeit nach dem ersten Weltkrieg bis zum Sensationsprozess im Jahr 1938 eine Film zu machen. Karoline Streicher wurde vor über 60 Jahren wegen vierfachen Mordes zum Tode verurteilt. Zunächst schien es keine lebenden Verwandten von ihr mehr zu geben, die Rechte für sich beanspruchen könnten, doch dann stösst Marie auf Hermann Streicher, Karolines Sohn. Der Produzent sieht dies einzig aus materiellen Aspekten – mit einer gewissen Summe will er dem Sohn sämtliche Rechte abkaufen. Marie jedoch wittert hier ihre große Chance, Informationen aus erster Hand zu erhalten und sucht den zurückgezogen lebenden Hermann Streicher persönlich auf.

»Wollen Sie die Wahrheit wissen?«, fragte er. »Das, was nicht in den Zeitungen stand, was im Prozess nicht zur Sprache kam, weil niemand meiner Mutter glauben schenkte?« Er beugte sich über den Tisch Marie entgegen und starrte sie mit seinen wüsten, aufgerissenen Augen aus nächster Nähe an. »Karoline Streicher war das Opfer eines Justizirrtums«, flüsterte er triumphierend.

Und nun führt uns die Autorin zurück in das Wien der Zeit nach dem ersten Weltkrieg. Karoline Streicher wurde von einer Waschfrau als Pflegekind großgezogen, da ihre Mutter keine Zeit für ihr Kind hatte. Bereits mit sechzehn Jahren heiratete Karoline zum ersten Mal, einen älteren Herrn, der sich zu Kindern hingezogen fühlte. Dieser starb nach wenigen Jahren und hinterließ Karoline so viel Geld, dass sie ihrer Verschwendungssucht einige Zeit frönen konnte. Dann lernte sie Ferdinand Streicher kennen, einen Tüftler, der in seinem Gartenhaus Erfindungen macht und die Illusion hat, damit reich und berühmt zu werden. Seine Eltern und seine Schwester, mit denen Ferdinand in ärmlichen Verhältnissen wohnt, halten nicht viel von der Frau, die mit ihrer Erscheinung Eindruck zu erwecken versucht.

Doch die Hochzeit mit Ferdinand lässt nicht lange auf sich warten. Karoline wird zur Geschäftsfrau, doch leider mit geringem Erfolg. Durch einen Brand verlieren die Streichers ihr Hab und Gut und mit Versicherungen hat Karoline kein Glück. Das Paar muß fortan in Armut leben. Zu allem Übel wird Karoline auch noch schwanger und bekommt eine Tochter. Das Kind, das von der Mutter vom ersten Tag an abgelehnt wird, ist kränklich und stirbt bald darauf.

Auch der Sohn Hermann war ungewollt. Die Mutter hat wohl den richtigen Zeitpunkt für eine Abtreibung verpasst. So wächst er ungeliebt auf. Er hat seine Mutter gehasst. Er ist auch nicht traurig darüber, dass sie sterben musste. Trotzdem liegt ihm viel daran, klarzustellen, dass Karoline Streicher keine Mörderin war. Ihrem Ehemann, ihre Tochter, ihre Tante und ihre Untermieterin soll Karoline Streicher angeblich mit Thalliumpaste vergiftet haben. Doch Hermann behauptet, dass seine Mutter diese Verbrechen nicht begangen hat.

Stück für Stück rekonstruiert Susanne Ayoub das Leben einer Frau, die unfähig war zu lieben und deren Illusionen weitgehend unerfüllt geblieben sind. In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen war sie von Ehrgeiz zerfressen und strebte zeitlebens nach Reichtum. Die bekannten Tatsachen hat die Autorin genauestens recherchiert und darum herum einen Roman gesponnen, wie sich alles zugetragen haben könnte. Sie hat das Talent zu einer hervorragenden Erzählerin. Mit ihrer präzisen Schilderung schafft sie es schnell, den Leser zu fesseln.

Leider vermeidet sie es dabei weitgehend, genauere Zeitangaben zu machen. Nur selten erfährt man, in welchem Jahr man sich gerade befindet. Aufgrund der gewählten Erzählform scheint dies jedoch voll beabsichtigt. Der Wechsel von Zeit und Perspektive verlangt die volle Aufmerksamkeit des Lesers und verkompliziert die Handlung unnötig. Überwiegend erfolgt die Beschreibung in unpersönlicher Form, dann aber wird immer wieder unvermittelt Hermann Streicher aus der Sicht des Kindes zum Ich-Erzähler und weckt damit immer wieder das Interesse aus Neue. Das einzige, was mich dabei immens gestört hat, ist die fehlende Information über das jeweilige Alter von Hermann. Denn es macht schon einen großen Unterschied, ob ich mir in der entsprechenden Situation ein 5-jähriges oder ein 12-jähriges Kind vorstelle, wobei mir so manches Mal jeder Anhaltspunkt fehlte.

Die Charaktere hat die Autorin genauestens herausgebildet und lebensecht dargestellt. Dabei werden die Beziehungen der Personen untereinander gut miteinander verknüpft. Gleichzeitig wird im zweiten in der Gegenwart spielenden Handlungsstrang die Autorin Marie immer mehr in den Bann von Hermanns Erzählungen gezogen.

Liebe, Hass, Ehrgeiz und Eifersucht bilden die Grundlage für spannende Romane. Susanne Ayoub hat mit »Engelsgift« ein psychologisch hervorragend aufgebautes Familiendrama erschaffen. Dabei stehen nicht die eigentlichen Verbrechen im Vordergrund, sondern die Menschen, die davon betroffen sind. Die Suche nach einer »Wahrheit«, die sich konkret gar nicht finden lässt, wird sehr einfühlsam dargestellt.

Zeitgleich erschien der Roman übrigens auch als Hörbuch. Ich hatte bereits Gelegenheit hinein zu hören. Da das Buch weitgehend auf Erzählungen beruht, ist das geegnüber dem Roman leicht gekürzte Hörbuch mit drei verschiedenen Sprechern eine gute Empfehlung.

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paolo zu »Susanne Ayoub: Engelsgift« 11.01.2012
Ein ausserordentlich fesselndes Buch. Im Gegensatz zur Meinung von "Naomisan"bin ich der Meinung, daß man es mindestens(!) zweimal lesen soll ! Sicher ist der Aufbau etwas kompliziert und nicht immer leicht nachvollziehbar, trotzdem zählt der Roman bestimmt zu den besten
seines Genres! Natürlich möchte ich nicht verschweigen, daß in meiner subjektiven Beurteilung der "Lokalkolorit" (Wien-Ottakring) einen nicht unwesentlichen Faktor darstellt.
Naomisan zu »Susanne Ayoub: Engelsgift« 05.10.2010
Eine sehr schöne Geschichte mit viel psychologischem Hintergrund. Die Figuren sind sehr schön beschrieben und auch nachvollziehbar. Der Erzählstil ist etwas gewöhnungsbedürftig, da die Autorin oft zwischen Vergangenheit und Gegenwart switscht.

Alles in allem ein interessanter Roman der jedoch nicht zum mehrmaligen Lesen ermutigt. Aber doch weiterempfehlenswert!

87* von mir
Alexandra zu »Susanne Ayoub: Engelsgift« 18.10.2008
Ich habe das Buch vor einer Woche gelesen und konnte es wirklich "kaum aus der Hand legen"...
Die Hauptfigur Karoline Sreicher wird sehr lebendig beschrieben, ihre Geschichte geht "unter die Haut".
Der zweite Handlungsstrang, in der die Autorin Marie über diesen Fall recherchiert, ist eigentlich überflüssig, zumal das Ende ihrer Geschichte, in der der Erzähler Hermann Streicher sie letztmalig trifft, nicht ganz schlüssig ist.
Alles in allem: sehr empfehlenwert!
Angelika zu »Susanne Ayoub: Engelsgift« 15.08.2007
Hallo,

der fall ist schon authentisch, zumindest gibt es in Bücher über österr. Kriminalfälle den Fall "Martha Marek", die wirklich ihren Mann dazu brachte sein Bein teilweise zu amputieren und aus Geldgier einige Leute umbrachte.

lg
Angie
Jenny zu »Susanne Ayoub: Engelsgift« 07.10.2005
äußerst fesselndes und beeindruckendes werk, möchte nur gerne wissen in wie weit der fall authentisch ist, ob der name karoline streicher richtig ist etc.
wer mir dazu eventuell informationen geben kann, bitte ich darum mir eine mail zu senden!!
Danke!
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Martin W. zu »Susanne Ayoub: Engelsgift« 08.05.2004
Eine intensive Geschichte mit psychologischem Tiefgang, die die Leser in ihren Bann schlägt. Sehr empfehlenswert!
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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