Das Knochenband von Stuart MacBride

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2013 unter dem Titel Close to the Bone, deutsche Ausgabe erstmals 2014 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: , 2010 - heute.
Folge 8 der Logan-McRae-Serie.

  • London: HarperCollins, 2013 unter dem Titel Close to the Bone. 511 Seiten.
  • München: Goldmann, 2014. Übersetzt von Andreas Jäger. ISBN: 978-3-442-48194-1. 605 Seiten.

'Das Knochenband' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Ein abgründiger neuer Fall für Detective Logan McRae. Der erste Tote wird mit einem brennenden Reifen um den Hals gefunden, es gibt außerdem Anzeichen einer Strangulierung sowie diverse Stichwunden. Wurde er womöglich das Opfer rivalisierender Drogenbanden? Zur gleichen Zeit hinterlässt jemand kleine Knochenbündel vor Detective Inspector Logan McRaes Tür, die dieser jedoch ignoriert. Als eine weitere Leiche gefunden wird, zeigt sich eine Verbindung zwischen den Morden und der Handlung eines Bestsellers um Hexen und Hexenjäger, der gerade in Aberdeen verfi lmt wird. Und plötzlich erweisen sich auch die Knochenbündel als weit weniger harmlos, als McRae dachte …

Das meint Krimi-Couch.de: »Ruhm durch Mord ist keine Hexerei« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Zwar wurde Logan McRae von der Grampian Police im ostschottischen Aberdeen zumindest vertretungsweise zum Detective Inspector befördert. Der berufliche Stress ist dadurch freilich noch gestiegen, denn weiterhin ist Roberta Steel seine Vorgesetzte, die so viel Routine- und Papierkram wie möglich auf McRae abwälzt. Die Kollegen maulen und mauern, denn Sparmaßnahmen lähmen die kriminalistische Arbeit.

Privat leidet McRae noch immer unter einer brutalen Attacke, die ihn vor zwei Jahren beinahe das Leben gekostet hätte. Freundin Samantha liegt seitdem im Koma. Zu allem Überfluss beschließt Wee Hamish Morwat, ein örtlicher Gangsterbiss, mit dem ihn eine seltsame Freundschaft verbindet, McRae zu seinem Nachfolger zu ernennen, was umgehend den bärenstarken aber grenzdebilen Robbie auf den Plan ruft, der scharf auf genau diesen Posten ist.

McRae muss unbedingt verhindern, dass Morwats Plan der Polizei zu Ohren kommt, was zu dem üblichen Eiertanz führt, denn gerade jetzt sitzen ihm sämtliche Vorgesetzten und die Medien im Nacken: McRae ermittelt im Fall eines Stadtstreichers, dem auf einem Friedhof ein Autoreifen um den Hals gelegt und angezündet wurde. Zudem fordert ein Bandenkrieg seine Opfer, und dann sind da noch zwei verschollene Teenager, die McRae unbedingt finden soll.

Weitere und ebenfalls auf grässlich bizarre Weise ermordete Pechvögel werden gefunden. Die Spur führt in ein Filmstudio, wo gerade eine ungemein erfolgreiche Kopie der »Harry-Potter«-Filme gedreht wird. Der Verdacht fällt auf eine psychisch aus dem Lot geratene Ex-Mitarbeiterin, die sich offensichtlich allzu intensiv in die Rolle einer ‚Hexenjägerin’ hineingesteigert hat und Gottes Strafe über jene bringt, die ahnungslos gegen Romangesetze verstoßen …

Des Irrsinns achte Runde

Stuart MacBride hat sich entschieden: Er gibt dem Irrsinn den Vorzug vor dem »realistischen« Verbrechen, ohne dafür jedoch den Vorgaben der Kriminalromans gänzlich zu entsagen. Obwohl Das Knochenband zunächst in viele isolierte Ereignisse zu zerfallen scheint, nimmt der Verfasser nach und nach diese Stränge auf und knüpft sie zu einem roten Faden zusammen, der in einem fransenfreien Finale ausläuft.

Krimi-Puristen mögen trotzdem unzufrieden sein, denn diese Klientel findet nicht, was sie sucht: einen zentralen Plot, konzentriert fahndende Ermittler, Rückschläge und Sackgassen und schließlich die Auflösung voller Dramatik. MacBride startet mit Vollgas und durchdrehenden Reifen und nimmt das Tempo nie zurück. Statt dem Plot eine Gerade zu bahnen, bewegt er sich dabei eher im Zickzack. Das Geschehen darf man sich lautstark und mit hysterischem Unterton vorstellen. Stets ist etwas los, es häufen sich seltsame oder unglückliche Zufälle, bis die Tücke des Objekts die Handlung endgültig dominiert.

Wer vor diesem Tohuwabohu allzu früh die Waffen streckt, versäumt die durchaus vorhandenen Ruhephasen, die es zudem in sich haben: Irrwitz ist auch eine Methode, einer allzu unerträglichen Realität zu entfliehen. Dafür können die Hauptfiguren gute Gründe geltend machen, denn die Welt ist schlecht – ganz besonders für jene, die sie eigentlich besser machen sollten.

In Stuart MacBrides Welt sind Arbeitsethos und Bürgerdienst längst Begriffe geworden, mit denen die neuen Herren der Welt Trottel und Störenfriede verbinden. Politik, Wirtschaft und Medien bilden ein Dreigestirn, das rasant umeinander kreist und sich selbst genug ist. Der Bürger ist höchstens Melkkuh, wird belogen und getäuscht, während jene, die ihm dienen sollten, sich selbst bereichern und hochleben lassen.

Gesellschaft in Auflösung

Ganz unten hat man bereits aufgegeben und ignoriert den Staat und seine Organe, die nicht helfen, sondern Phrasen dreschen sowie strafen, was kostengünstiger ist, als sich um die Ursachen der mitverschuldeten Miseren zu kümmern. Die Polizei steckt zwischen Hammer und Amboss: Zwar nimmt vor allem die organisierte Kriminalität stetig zu, doch werden die Beamten quasi systematisch ausgehebelt, statt sich diesem Gegner zu stellen. Die Verwaltung ist primär mit ‚Rationalisierungsmaßnahmen’ beschäftigt, die nie dem Dienstbetrieb nützen, sondern vor allen Kosten senken sollen. Dass darunter die Alltagsarbeit leidet, ist unwichtig: Zahlen sind wichtig, denn mit ihnen lassen sich Lebensläufe zieren.

Die Aufklärung von Verbrechen gilt dem modernen Polizisten auf dem Weg nach oben als lästige Pflicht. Ermittlungen werden delegiert, Leistungen nicht unterstützt, sondern stur eingefordert. Männer wie Logan McRae sind zu Dinosauriern geworden: Polizisten, die auf der Straße nach Tätern fahnden, statt hinter dem Schreibtisch oder auf Dienstbesprechungen und Konferenzen an ihren Karrieren zu feilen. Mit Dank darf McRae nicht rechnen. Stattdessen wird er mit Routinearbeiten überhäuft und durch immer neue, absurde, nutzlose Vorschriften in den Wahnsinn getrieben. Fortschritte in den Ermittlungen erfordern entweder unzählige Formulare oder Tricks und Schleichwege; notfalls greift McRae auf Erpressung zurück, um eine bitter notwendige DNA-Analyse zu erzwingen.

Die Auflösung traditioneller Gesellschaftsstützen schließt auch lange sakrosankte Kräfte ein. So prügeln sich einmal zwei bestens ausgebildete und hochmotivierte aber arbeitslose Forensik-Spezialisten um den seltenen Auftrag einer Schädelrekonstruktion: Die Globalisierung frisst ihre Menschenkinder.

Die Rückkehr dunkler Zeiten

Das Verbrechen blüht hingegen, obwohl sich auch hier Umbrüche zeigen. Ausgerechnet Morwat, ein Gangsterboss alten Schlages, zeigt sich beunruhigt über einen kriminellen Nachwuchs, der nicht miteinander kommuniziert, sondern durch brutale Gewalt buchstäblich herrschen will. Um einen Krieg zu vermeiden, stellt er McRae auf sein Schachbrett; Morwat setzt darauf, dass dieser sich eine Lösung einfallen lässt. »Anreize« gibt es reichlich: Die kriminelle Konkurrenz nimmt McRae aufs Korn, ein übergangener Kronprinz setzt ihm zu, und selbstverständlich darf die Polizei und besonders die Dienstaufsicht nicht wissen, welches Erbe McRae antreten soll.

Generell sieht MacBride das Verbrechen pessimistisch: Raffinierte Raubzüge oder elegante Morde gibt es in »seinem« Aberdeen nicht. Getötet wird entweder aus banalen »Gründen« oder möglichst grausam, um für die Medien interessant zu werden: Der Mörder der Gegenwart ist vernetzt und verfolgt aufmerksam die Berichterstattung über seine Taten. Gewaltverbrechen zahlt sich ungeachtet des alten Sprichworts durchaus heutzutage aus. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Plötzlich steht Logan McRae in einem Filmstudio vor seinem ehemaligen Vorgesetzten Insch, der aus dem Polizeidienst ausgeschieden und nun Produzent geworden ist. Dass er damit den Teufel gegen Beelzebub getauscht hat, lässt Insch an McRae aus.

Das Kultmotiv hinter den von MacBride ungeschönt grausig geschilderten Morden ist folgerichtig fadenscheinig. Der Täter erwirbt sein »Wissen« unter Meidung verständnisschwieriger Fachliteratur, sondern beschränkt sich auf Film, Fernsehen und Internet. Dass dieses Gebräu aus Dummheit, Ignoranz und Einbildung mehreren Menschen schauerliche Lebensenden beschert, ist ein Kunstgriff, der wiederum zeigt, wie der Verfasser arbeitet: In dem einen Moment lässt er uns über skurrile Figuren wie den reizdarmgeplagten »Biowaffen-Bob« lachen, um sofort einen deprimierend kalten Guss folgen zu lassen.

Ein wenig zu viel des Guten

Nichtsdestotrotz lassen sich Ermüdungserscheinungen im Textgewebe erkennen; im achten Teil einer Serie, deren Teile zudem vergleichsweise rasch aufeinander folgen, kann dies nicht ausbleiben. Sehr deutlich zeigt sich dies an der Figur Roberta Steel, die zwar mit neuen Gags auftritt, welche jedoch nur Variationen längst bekannter Schamlosig- und Dreistigkeiten darstellen.

Logan McRae selbst hat sich weit von dem körperlich erschöpften und ausgebrannten Mann entfernt, als den MacBride ihn 2005 einführte. Wenn ihn Steel einmal »Laz« nennt, so ist dies nur eine ferne Erinnerung an den wie Lazarus von den Toten auferstandenen McRae, dem einst im Dienst der Bauch aufgeschlitzt wurde. Die Narben werden hin und wieder erwähnt, doch sie behindert McRae ebenso wenig wie die offenbar überwundenen Seelennöte.

Freilich hat der Logan McRae aus Das Knochenband auch gar keine Zeit, Trübsal zu blasen. Für ihn gibt es keine Ruhe; sitzen ihm Vorgesetzte, Kollegen, Reporter, wütende Freunde oder noch wütendere Gangster nicht persönlich im Nacken, lassen sie unaufhörlich McRaes Handy läuten. Ungeachtet der Chancenlosigkeit lässt ihn MacBride weiterhin unverdrossen im Tretrad seiner aus der Bahn geratenen Welt laufen. Privat versucht McRae einen behutsamen Neuanfang. Er dürfte ebenso misslingen wie immer. Außerdem hat Stuart MacBride mehr als genug ungelöste Probleme für den neunten Band hinterlassen, der – man muss in diesem Punkt kein Prophet sein – das bewährte Chaos wahren wird.

Michael Drewniok, Februar 2015

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Dorothee Bader zu »Stuart MacBride: Das Knochenband« 25.10.2015
Ich habe dieses Buch aus einem Bauchgefühl mitgenommen und bedaure es zutiefst, 10€ dafür gezahlt zu haben! Nicht nur, dass der Schreibstil kein Schreibstil ist (es gibt so gut wie keinen Dialog, nur Monologe, die absolut nichtssagend sind ), ich muss wohl davon ausgehen, dass ALLE Schotten sämtlich perverse, dumme und idiotenhafte Verrückte sind, nicht fähig, zwei Sätze ordentlich aneinander zu reihen!
Schade um das Geld und die Zeit!
Foreverchris zu »Stuart MacBride: Das Knochenband« 30.03.2015
Obwohl ein großer MacBride-Fan muss ich den Vorrednern ein wenig beipflichten. Es machen sich Abnutzungserscheinungen bemerkbar. Sei es bei Roberta, die schon deutlich drastischer und für den Leser witziger rüberkam oder aber in der Tatsache, dass einige Teile scheinbar völlig zusammenhanglose Monologe sind, obwohl sich die Gesprächspartner gegenübersitzen. Schön beschrieben, dass sich Alle nur mit sich selbst beschäftigen, aber ich habe einige Zeit gebraucht das zu kapieren. Am Ende bleibt ein typischer MacBride, dem es etwas an Frische fehlt, den ich in der Sammlung aber nicht missen möchte! Schade, dass Herr Dreniok in seiner Beschreibung einen der größten "Paukenschläge" so beiläufig erwähnt! Ich wiederhole das jetzt NICHT! Von mir auch ein 75 Grad und Hoffen auf mehr Tempo im Nächsten!
Frankie Machine zu »Stuart MacBride: Das Knochenband« 17.12.2014
Wer einen spannenden Krimi lesen will, sollte die Finger von diesem Buch lassen. Denn hier handelt es sich nicht um einen packenden Thriller, sondern eher um eine Persiflage. Der dröge Plot kann jedenfalls ganz und gar nicht über 600 Seiten tragen. Die eigentliche Handlung zieht sich vielmehr mitunter zäh wie Kaugummi. Unterhaltsam ist "Das Knochenband" trotzdem. Denn den typischen MacBride-Humor, der beim "13. Opfer" fehlte, gibt's reichlich. Schließlich sind Logan McRae und das Chaoten-Ensemble der Grampian Police zurück. Skurrile Typen, jede Menge Slapstick und witzige Dialoge sorgen für einen hohen Spaßfaktor. Ein Pageturner aber ist dieses Buch wahrlich nicht. Cliffhanger? Fehlanzeige! Und so bleibt trotz der genannten Stärken ein bitterer Beigeschmack und eine immer größer werdende Befürchtung: Kann MacBride einfach keinen tragenden und spannenden Plot mehr konstruieren? Denn in dieser Hinsicht gab es nach den ersten drei, vier großartigen Büchern der McRae-Reihe einen stetigen Abwärtstrend. Daher: 90 Prozent für den Humor, allenfalls 50 Prozent für die Spannung. Und mit Fan-Bonus gibt's von mir unterm Strich 75 Prozent.
Robina zu »Stuart MacBride: Das Knochenband« 17.12.2014
Ich bin enttäuscht über dieses Buch. Voller Freude in der Buchhandlung entdeckt, nach Hause und sofort angefangen zu lesen. Bin jetzt bei Seite 100 und habe mich entschieden, nicht mehr weiter zu lesen. Es ist langweilig und irgendwie verwirrend geschrieben. Komische Dialoge, irgenwie versteht man die Handlung auch nicht (es passiert zuviel, ein völliges Durcheinander).
Bin eigentlich ein grosser Fan, und hoffe einfach auf das nächste Buch von ihm.
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