Strandimpressionen

Paguera, Mallorca. Hochsommer. Locker 35 Grad. Mittags. Direkt am Mittelmeer lasse ich Robert Wilsons Die Maske des Bösen mal ein paar Minuten für sich allein böse sein und schaue mich um. »Screening«, wie meine Frau das nennt. Ist aber gar nicht so gemeint. Ja, es wird gelesen. Auch und vielleicht gerade im Urlaub. Vom rüstigen Rentner über die Familienmama bis zu Urlaubern jüngerer Generation, die auch unter diesen Umständen peinlichst genau darauf achten, dass weder der Sonneschirm den Schatten dem Nachbarn schenkt, noch dass die Frisur verrutscht.

35 Grad. Schwer, ein Buch dabei zu lesen, wenn die Schweißperlen nicht auf die Seiten tropfen sollen. Schwer, sich zu zu konzentrieren, wenn ein munteres Vierergrüppchen mit äußerst deutlich bajuwarischem Akzent im wahrsten Sinne des Wortes die Zelte geschlagene 40 Zentimeter von einem aufschlägt. Hoiß es des, mein lieber Scholli.

Aber gelesen wird. Und das ist auf eine eigenartig rührende Art und Weise doch erfreulich. Wenn in meinem »Screening-Umfeld« auch nur ein Buch und das direkt dreimal auszumachen ist: Vollidiot von Tommy Jaud. Fast komme ich mir wie ebensolcher vor, habe ich in dieses Buch doch nie hineingeschaut und mehr als genug von, ähm, Socken. Schauen Sie sich das Cover an. Und danach mächtig stolze Touris, die genau so die Strandpromenade unsicher machen. Ja, bei 35° will man(n) sich keine Blöße geben.

Doch da: hellblaues Cover, dunklerer Schriftzug, ein bisschen pink – hossa! Stirb ewig von Peter James. Geht doch. Und dann wird´s spannend. Ausgerechnet derjenige, der sich minuten- wie quälend lang damit beschäftigt hat, den Sonnenschirm für seine Frau windfest im Boden einzugraben, dass er für so manche Ölfirma von Interesse sein könnte, packt einen alten Scherz-Krimi – die mit den Streifen – heraus. Agatha Christie never dies. Und plötzlich verwandelt sich der Strand zu einem Sonnenmilch-aromatisierten Antiquariat: noch ein Scherz-Krimi. Earle Stanley Gardner. Wow, die alten Schätzchen werden aus- und die BILD zur Seite gepackt.

Plötzlich fühle ich mich doch irgendwie heimisch. Mit größter Sicherheit haben nur ganz wenige der Sonnenanbeter eine Leiche im Keller – aber erfreulich viele ihren Krimi im Koffer. 

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