Sherlock. Hinter den Kulissen der Erfolgsserie von Steve Tribe

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2014 unter dem Titel Sherlock Chronicles, deutsche Ausgabe erstmals 2015 bei Knesebeck.

  • London: BBC Books/Ebury Publishing, 2014 unter dem Titel Sherlock Chronicles. 320 Seiten.
  • München: Knesebeck, 2015. Übersetzt von Steffi Arnold. 320 Seiten.

'Sherlock. Hinter den Kulissen der Erfolgsserie' ist erschienen als

In Kürze:

Dieses Buch zeigt die ganze Geschichte der BBC-Erfolgsserie Sherlock mit Benedict Cumberbatch und Martin Freeman! In über 400 exklusiven Bildern und Dokumenten, informativen Texten und zahlreichen neuen Interviews mit Darstellern und Filmcrew dokumentiert die Chronik die Entwicklung der Story und die Entstehung des Drehbuchs, das Casting, die Szenengestaltung, Kostüme und Requisiten und vieles mehr. Jede Folge der ersten drei Staffeln wird von den Menschen beleuchtet, die daran beteiligt waren ein Muss für alle Fans!

Das meint Krimi-Couch.de: »Sherlock Holmes: bereit für das 21. Jahrhundert« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Seit 2010 die Krimi-Abenteuer von Sherlock Holmes & Dr. Watson für das britische TV nicht nur formal, sondern auch inhaltlich neu interpretiert werden, hat Sherlock weltweit ein begeistertes Publikum gefunden. In diesem opulent aufgemachten, reich bebilderten Buch werden informative Blicke hinter die Kulissen der ersten neun Sherlock-Filme geworfen:

  • Vorwort von Mark Gatiss (S. 6/7): Drehbuchautor Gatiss führt in diese Chronik der Sherlock-TV-Serie ein.
  • Das Abenteuer des legendären Detektivs (S. 8-37): Kurzer Rückblick auf den ‚klassischen’ Sherlock Holmes (und Dr. Watson), wie Arthur Conan Doyle sie im ausgehenden 19. Jahrhundert erfunden und entwickelt hatte. Die typische Dynamik der beiden Figuren wird herausgestellt, ihre Entwicklung vor allem im Film nachgezeichnet, um die Basis zu erläutern, auf der die Sherlock-Schöpfer Mark Gatiss, Steven Moffat (Autoren) und Sue Vertue (Produzentin) ihre Neuinterpretation stützen.
  • Die Baker Street Boys. Die Besetzung der Hauptrollen, ein neues Zuhause und der erste Fall – mal zwei (S. 38-69): Mit der Besetzung der beiden Hauptrollen stieg oder fiel die Sherlock-Serie. Dieses Kapitel zeichnet nach, wie und warum Benedict Cumberbatch Holmes und Martin Freeman Watson wurden. Weiterhin geschildert wird die Entstehung einer ersten, nur 60-minütigen Pilotfolge für eine nie realisierte Serie, aus der eine Trilogie 90-minütiger Spielfilme wurde.
  • Codes und Chiffren. Vom ersten Entwurf zum ersten Dreh (S. 70-93): Autor Stephen Thompson erzählt, wie er zum Sherlock-Team stieß, um die zweite Folge der ersten Staffel zu schreiben, die nicht in London, sondern hauptsächlich in Cardiff entstand und in der Umsetzung erstmals meisterhaft die Funktionsweise von Holmes’ Hirn zu visualisieren wusste.
  • Das Spiel hat begonnen. Regie, Schnitt und die Besetzung von Moriarty (S. 94-123): Teil 3 der ersten Trilogie führt den zuvor geschickt nur erwähnten Jim Moriarty in das Sherlock-Universum ein. Auch hier erfolgte eine radikale Erneuerung der Doyle-Vorgabe, die dank Darsteller Andrew Scott einen Genie-Schurken für das 21. Jahrhundert hervorbrachte.
  • Grips finde ich sexy. Skandale und Nebenrollen (S. 124-157): Die zweite Sherlock-Staffel stand bereits unter dem Druck, die erste zu übertreffen bzw. nicht selbst geschaffene Routinen zu wiederholen. Problematisch wurde außerdem das nun öffentliche Interesse, das die Dreharbeiten auf den Straßen zu behindern begann. Zu guter Letzt konfrontierte diese Episode Sherlock Holmes mit Irene Adler, der Frau seines Lebens.
  • Angst vor Hunden. Hunde, visuelle Effekte und CGI (S. 158-181): Episode 2 der Staffel 2 konfrontierte Holmes und Watson mit dem legendären Hund der Baskervilles, der unter großem tricktechnischen Aufwand in das 21. Jahrhundert transferiert wurde.
  • Kantinenklatsch. Zusammenstöße, Musik und …Ärger im Anzug (S. 182-213): Der »Tod« von Sherlock Holmes und Moriartys Intrigen, die den Detektiv in den »Selbstmord« treiben, war zentrales Element der Abschluss-Folge, die wie inzwischen üblich mit einem »Cliffhanger« endete, der erst viel später in der ersten Episode der nächsten Staffel aufgelöst wurde.
  • Glauben an Sherlock Holmes. Fangemeinde, visuelle Effekte und herzliche Glückwünsche (S. 214-241): Das weiterhin steigende Interesse des Publikums wurde zwischen den Staffeln 2 und 3 mit viralem Marketing angeheizt. Sherlock war darüber hinaus zu einem Phänomen mit einer separaten, gewaltigen, »fannischen« Internet-Präsenz geworden. Staffel 3 traf deshalb auf eine besonders gespannte Zuschauerschaft, was wiederum das Team hinter und vor der Kamera zusätzlich anspornte.
  • Veränderungen. Ansprachen, Make-up und Kostüme (S. 242-271): Die Hochzeit von John Watson und Mary Morstan bildete nicht nur den Rahmen für einen typisch verzwickten Kriminalfall à la Holmes, sondern bereitete das dramatische Finale der dritten Staffel vor.
  • Die Drachenhöhle. Wie man Effekte umsetzt und Texte in Bilder verwandelt (S. 272-303): Mit Charles Augustus Magnussen – gespielt von Lars Mikkelsen – trat ein weiterer Todfeind von Sherlock Holmes auf, der am Ende dieses letzten Teils der dritten Trilogie einen gewaltsamen und natürlich tragischen »Tod« starb, um auf diese Weise die Spannung auf die Auflösung in der vierten Staffel zu schüren.
  • Der Gedächtnispalast. Nützliches Wissen (S. 304-319): Daten, Namen (Crew und Besetzung) und Nominierungen/Auszeichnungen zu den neun Episoden der ersten drei Sherlock-Staffeln.
  • Dank und Bildnachweis (S. 320)

Neue Funken aus kühler Vorgabe

Sherlock ist keineswegs ein Blitz in der Dunkelheit eines erstarrten Holmes-Universums. Tatsächlich gibt es kaum eine Figur, die sich seit ihrem ersten Auftritt (im Jahre 1887) veränderten Zeiten = Lebenswelten entschlossener angepasst hätte. Zumindest bis zu seinem »Tod« in den Wassern der Reichenbachfälle (1893) war bereits der »echte« Holmes Bewohner einer ausnehmend zeitgenössischen Stadt London. Erst nach seiner Rückkehr (1903) wurde Holmes zusehends eine Figur der Vergangenheit, die Arthur Conan Doyle (1859-1930), sein Schöpfer, Kriminalfälle in einem Gaslicht- England lösen ließ, über das Queen Victoria ewig herrschte.

Wie Autor Steve Tribe deutlich macht, wurden Holmes und Watson vor allem im Film gern in die Gegenwart versetzt: Es senkte die Produktionskosten, wenn man sie nicht in aufwändig herzustellenden »historischen« Kulissen spielen ließ. Die Dynamik der Figuren beeinträchtigten solche Zeitsprünge ohnehin nicht. Holmes und Watson waren ausgezeichnet konzipierte Charaktere, die vor allem im Zusammenspiel überall & jederzeit problemlos »funktionierten«, wenn sich die Autoren an bestimmte, von Doyle eingeführte Elemente hielten.

Auf diese Weise war es möglich, Holmes und Watson quasi immer wieder neu zu erfinden. Bevor Sherlock 2010 seinen Siegeszug antrat, hatte »Sherlock Holmes«, 2009 mit Robert Downey jr. in der Titelrolle (sowie Jude Law als Dr. Watson) bewiesen, dass ein menschlicher, tatkräftig an der Verbrecherfront buchstäblich kämpfender Holmes Doyles Vorgabe keineswegs verraten musste. Kurz nach Sherlock nahmen in den USA Jonny Lee Miller (als Sherlock Holmes) und Lucy Liu (als Dr. Joan Watson) ihre Ermittlungen in der TV-Serie »Elementary« auf, die ganz im Hier & Heute, d. h. im 21. Jahrhundert, spielt.

Qualität geht hier weit vor Quantität

Während das US-Fernsehen aus ökonomischen Gründen episodenstarke Serien favorisiert, konzentriert man sich in England eher darauf, vorhandene Mittel zu bündeln, um ein inhaltlich wie formal möglichst überzeugendes Werk zu schaffen. Deshalb ist es keineswegs ungewöhnlich, dass Sherlock trotz des Erfolges nicht zielgerichtet und gnadenlos ausgemolken, sondern nur jedes zweite Jahr mit jeweils drei 90-minütigen Fernsehfilmen fortgesetzt wird.

Die Konzentration auf drei Geschichten fördert eine Qualität, die den Sherlock-Folgen Kinofilmstandard beschert. Anderthalb Stunden Spielzeit erreichen eine jeweils bemerkenswerte Handlungsdichte. Immer neue Wendungen werden mit erstaunlichen formalen Einfällen präsentiert. Vor allem die visuellen »Erklärungen« dafür, wie Sherlock Holmes’ Hirn arbeitet, sind eine Novität, die viele auf die Dauer ermüdende Erklärungen überflüssig machen. Sie sind außerdem exemplarisch für einen Aufwand, der einzig der Geschichte dient.

Steve Tribe, dem Verfasser dieses im Original schöner »Sherlock Chronicles« betitelten Werkes, ist ein Veteran auf dem Feld jener Bücher, die im Umfeld erfolgreicher Filme und TV-Serien entstehen. Sie sind Teil des Merchandising im Rahmen einer bestmöglichen Schröpfung der Fans, die süchtig nach »exklusiven« Hintergrundinformationen sind. In der Regel werden sie mit leidlich verkappter Werbung abgespeist, zu der sich zahlreiche Fotos gesellen, die kostengünstig dem bejubelten Produkt entnommen wurden.

Ein Fest für die Augen – und trotzdem Informationen

Sherlock wirkt bereits auf den ersten Blick edler. Man könnte auch hier zynisch urteilen und diesen Band als typisches »coffee table book« klassifizieren: großformatige, fest gebundene, auf dickes Papier gedruckte und deshalb zumindest auf diese Weise schwergewichtige Literatur, die vor allem Besucher beeindrucken sollen, die ein solches Buch »zufällig« auf dem Tisch ihres offensichtlich feingeistigen Gastgebers entdecken. Der Inhalt ist dagegen zweitrangig. Eher stechen die prachtvollen und zahlreichen Fotografien ins Auge.

Aber Sherlock, das Buch zur Serie, bietet mehr. Man darf von einer Auftragsproduktion wie dieser selbstverständlich nicht erwarten, dass Geschäftsgeheimnisse enthüllt werden oder schmutzige Wäsche gewaschen wird. Das Sherlock-Team wird vor und hinter der Kamera bei Tribe als freundschaftlich verbundene Gruppe talentierter, begeisterter Holmes-Aficionados dargestellt, die eifrig und stetig gemeinsam an einem Strang ziehen, um dem Publikum jeweils die besten neunzig Minuten ihres Lebens (oder wenigstens ihres Fernsehabends) zu bescheren. Akzeptiert man diese stets »offizielle« Sicht, wird man nichtsdestotrotz viel über Sherlock sowie über die Entstehung modernen Fernsehens erfahren. Was reibungslos über den Bildschirm flimmert, ist das Ergebnis einer erstaunlich kopfstarken Gemeinschaft, die künstlerisch, handwerklich und technisch zusammenarbeitet. Die komplexen Mechanismen versteht Tribe allgemeinverständlich darzustellen.

Das aufwändige Layout dieses Buches lehnt sich an bekannten Gestaltungsmerkmalen der Serie an. Der Haupttext wird umfangreich ergänzt. So stellt Tribe Passagen aus Sherlock-Drehbüchern immer wieder Doyles Originaltexten gegenüber, um zu verdeutlichen, welche Evolution diese erfahren haben. Ebenfalls fügt Tribe Drehbuchstellen an, die es nicht in die endgültigen Episoden geschafft haben. Selbst (hoffentlich) authentische E-Mails der Serienbeteiligten werden zitiert. Das Ergebnis ist – zumal ausgezeichnet übersetzt – ein Buch, das tatsächlich für zusätzliche Freude an einer gelungenen Serie sorgt.

Michael Drewniok, Februar 2016

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