Weiße Magie - mordsgünstig von Steve Hockensmith

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2014 unter dem Titel The White Magic Five and Dime, deutsche Ausgabe erstmals 2015 bei dtv.

  • Woodbury: Midnight Ink, 2014 unter dem Titel The White Magic Five and Dime. 352 Seiten.
  • München: dtv, 2015. Übersetzt von Britta Mümmler. ISBN: 978-3423215916. 352 Seiten.

'Weiße Magie - mordsgünstig' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Als Alanis McLachlan erfährt, dass ihre Mutter ermordet wurde, hat sie sie seit 20 Jahren nicht mehr gesehen. Ihr seltsames Erbe: ein kleiner Laden für okkulten Bedarf in Arizona. Das lässt nichts Gutes vermuten – denn Alanis’ Mutter war eine Trickbetrügerin mit zweifelhafter Karriere. Offenbar war ihre neueste Masche das Tarotkartenlegen. Wurde sie von einem betrogenen Kunden umgebracht?

Alanis beschließt, ihr Erbe anzutreten, und übernimmt mit Hilfe eines Tarot-Handbuchs das Kartenlegen selbst. In der Hoffnung, dass der Mörder an den Schauplatz seiner Tat zurückkehrt …

Das meint Krimi-Couch.de: »Wenig Magie, mehr Krimi und noch mehr Familienroman« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Sabine Bongenberg

Wieder einmal muss Alanic McLachlan verreisen und wieder einmal ist es wegen ihrer Mutter Barbra. Deren ungewöhnliche Berufswahl zwang die kleine Familie nämlich auch in Vergangenheit gerne zu häufigen – um nicht zu sagen überstürzten – Ortswechseln. Immerhin – dieses Mal ist es sicherlich nicht so, wie ihre Mutter es sich vorgestellt hätte, denn Alanis reist in das kleine Nest Berdache im staubigen Arizona, um dort den Nachlass ihrer alten Dame zu regeln und sich im übrigen einmal umzuhören, wen denn ihre Erzeugerin dieses Mal so erbost hatte, dass er zum ultimativen Mittel griff. Verdenken kann es Alanis allerdings keinem, denn Barbra (alias Athena, alias Veronica, alias Carol, alias Cathy, alias Olivia, alias,alias...) arbeitete lange als gesuchte Trickbetrügerin und so wie ein Tiger selten seine Streifen wechselt, so war auch klar, dass ihre Ma wohl kaum die Finger von diesem einträglichen Geschäft lassen würde.

Dennoch hatte auch Barbra noch einige späte Tricks auf Lager und war auf ihren alten Tag offensichtlich zur talentierten Wahrsagerin mutiert. »Talentiert« bezieht sich hier natürlich nur auf die Gabe, die Kunden so geschickt bei Laune zu halten, dass sie bereitwillig ihr hart erarbeitetes Erspartes oder den Familienschmuck zur Vertreibung der »bösen Geister« einsetzten. Alanis erbt nicht nur den mehr oder weniger erbosten Kundenstamm ihrer Mutter, sondern auch deren okkulten Laden mit dem verheißungsvollen Namen »Weiße Magie – gut und günstig« und stellt fest, dass nicht nur der Nachlass sondern auch die Mordermittlungen diverse Fragen aufwerfen. Fragen, die auch ihr eigenes Leben auf den Prüfstand stellen und den Staub der Vergangenheit aufwirbeln, den sie eigentlich gerne dort lassen würde, wo er gnädig alles verdeckt.

Wenn es auch nichts daran ändert, ob ein Krimi gelungen ist, oder nicht, soll hier als allererstes einmal das Cover des Buches lobend erwähnt werden. Ein Kranz von roten Rosen ergänzt mit diversen Motiven aus der Welt des Tarot erfreut nach unzähligen Abbildungen von verrenkten Mordopfern, Blutlachen und Tatwaffen das Auge der Leser und stimmt schon vorab auf die gut gelaunt erzählte Geschichte einer ungewöhnlichen Mutter-Tochter-Beziehung ein und die Berührungen zum Tarot ein.

Denn wenn auch der ungeklärte Todesfall vordergründig das Hauptthema des Buches bildet, ist es eigentlich die Erzählung einer Emanzipation einer Tochter, die von einer Farrah-Fawcett-ähnlichen Mutter (für die jugendlichen Leser: der immer schick frisierte, blonde Engel aus der Serie »Drei Engel für Charlie«) für ihre miesen Tricks instrumentalisiert wurde. Einer Tochter, die sich frei strampelte, bis auf den letzten Meter von ihrer alten Dame getäuscht wurde – aber letztendlich im Verlaufe des Buches ihres Frieden schließen kann. Hockensmith beschreibt dabei seine Hauptdarstellerin insbesondere in den ersten Kapiteln als zynische aber auf ihre trockene Art und Weise sehr witzige Anti-Heldin, über die einige Ungereimtheiten der Handlung fast vergessen werden. So zum Beispiel die Frage, warum eine vernachlässigte Tochter den Tod einer offensichtlich skrupellosen und mit allen Wassern gewaschenen Frau (oder – um das Kind beim Namen zu nennen – eines Miststücks) aus Gründen der Gerechtigkeit aufklären will.

»Es tut mir wirklich leid«, sagte der Mann »Das Ganze ist bestimmt ein ziemlicher Schock für sie.« »Naja«, sagte ich.

Wenn auch dieses Detail nicht überzeugend vermittelt werden kann, entschädigt doch der weitere Verlauf der Geschichte für dieses kleine Manko. Alanis übernimmt nicht nur den Laden ihrer Mutter, sondern bemüht sich auch, die Spur der Verwüstung, die »Athena« – so der zuletzt gewählte Künstlername Barbras – durch die kleine Gemeinde Berdache pflügte, wieder zu begradigen. Dabei bedient sie sich des Metiers, das ihre Mutter zum fiskalischen Erfolg führte – nämlich des Tarot oder gemeinhin des »Kartenlegens«. Den Lesern, die jetzt achselzuckend vom Erwerb des Buches Abstand nehmen wollen, weil sie »so ein Hokuspokus nicht interessiert«, sei hier ein besonders schönes Detail der Handlung verraten: Alanis glaubt auch nicht an die Aussagekraft eines bunten Kartenspiels und muss sich auch – wie der Leser – zunächst in die Fachsprache und den Habitus der »legenden Zunft« einarbeiten und dabei auch häufig vorhandene Wissenslücken geschickt überspielen. Wie ihre Mutter instrumentalisiert Alanis dabei ihr in die Karten vertrauendes Publikum und setzt das um, was eine gute »Legerin« beherrschen sollte: Ein scharfe Beobachtungsgabe und ein gesundes Maß an Menschenkenntnis, womit die ausgelegten Karten dann in einer Art und Weise gedeutet werden können, die tatsächlich den Hilfesuchenden neue Wege aufweisen oder aber auch die Taschen der »Legerin« füllen können. Mit Magie hat das sicherlich nicht viel zu tun – aber das wussten Alanis und auch die Leser schon vorher.

Als kleiner Kritikpunkt muss hier aber auch festgehalten werden, dass neben der spannend erzählten Lebensgeschichte der Protagonistin die eigentliche Suche nach Barbras/Athenas Mörder ins Hintertreffen gerät und auch die Auflösung plötzlich und unvermutet präsentiert wird. Dieser Punkt ist nicht überzeugend gelungen, zumal die sonst so sarkastische Heldin sich doch hier stark auf die Aussage der Karten bzw. auf ihrer Intuition verlässt.
Immerhin – als Nebeneffekt erfährt der Leser einiges über die Welt des Tarot und über die Bedeutung der einzelnen Spielkarten. Hier hätte sich die ungläubige Kritikerin gelegentlich etwas weniger an Informationen gewünscht. Dennoch hat auch hier der Autor, der als Journalist in das Berufsleben startete, sauber recherchiert und für die Fragen des Tarot die amerikanische Expertin Lisa Falco herangezogen. Die aufmerksame Lektüre von Weiße Magie – mordsgünstig dürfte somit möglicherweise eine solide Grundlage für ein neues wirtschaftliches Standbein bieten. Ob allerdings das Finanzamt diesen Titel als »Fachliteratur« akzeptiert, das dürfte dann tatsächlich nicht in den Karten sondern in den Sternen stehen.

Sabine Bongenberg, August 2015

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CC zu »Steve Hockensmith: Weiße Magie - mordsgünstig« 02.09.2015
Wie alle "Bongenberg-Treffer" kein echtes Highlight.
Aber durchaus gute Unterhaltung.Solide konstruiert, in schrägem Szenario, mit derben Dialogen und genügend Überraschungsmoment.
Überbrückt zum Beispiel solide die Wartezeit auf den nächsten Flavia de Luce...Das beste an der Geschichte:
Das toughe Mundwerk der Hauptfigur!Aufgewachsen mit einer Trickbetrügerin als Mutter, also mit allen Wassern gewaschen.Seit Jahren hat Alanis nix mehr mit ihrer Mutter zu tun, mit ihr abgeschlossen.
Als diese stirbt, tritt sie unwillig das Erbe an.
Dieses entpuppt sich als eine Wahrsagerbude.
Muttern wurde ermordet.
Vorher hat diese wirklich jeden über den Tisch zu ziehen versucht.
Was liegt also näher, als ihre Nachfolgeanzutreten, das in der Jugend gelernte Betrüger-Einmaleins anzuwenden, um herauszufinden, wem die Erzeugerin alles übel mitgespielt hat, wem sie Grund zur Ermordung geliefert haben könnte.
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