Himmel voll Blut von Steve Hamilton

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2003 unter dem Titel Blood is the sky, deutsche Ausgabe erstmals 2003 bei DuMont.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Michigan, 1990 - 2009.
Folge 5 der Alex-McKnight-Serie.

  • New York: St. Martin’s Minotaur, 2003 unter dem Titel Blood is the sky. 307 Seiten.
  • Köln: DuMont, 2003. Übersetzt von Volker Neuhaus. ISBN: 383218323X. 330 Seiten.

'Himmel voll Blut' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Die Suche nach dem verschwundenen Bruder eines Freundes führt den Ex-Ermittler Alex McKnight in die kanadische Wildnis. Dort kommt er einem bizarren Verbrechen auf die Spur, wird von Bären und Mördern durch die Wälder gehetzt, kommt einem rachedürstenden Gangsterboss in die Quere und muss bis zur tragischen und höchst leichenreichen Aufklärung dieses Falls viele weitere Schläge einstecken ... – Hervorragende Mischung aus Thriller und Abenteuerroman mit einem komplexen Plot. Die Figuren sind lebensecht, die Landschaft wird integraler Bestandteil der Story, welche spannend, witzig und tragisch zugleich ist: ein Genuss für den Leser und eine echte Empfehlung für einen Schriftsteller, der hierzulande noch ein Schattendasein als "Geheimtipp” fristet.

Der Detektiv als erfolgloser Einsiedler 95°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Paradise ist ein winziger Flecken im US-Staat Michigan. Hierher ist der Ex-Baseballprofi und Ex-Polizist Alex McKnight nach diversen beruflichen und privaten Schicksalsschlägen gezogen und führt ein zurückgezogenes Dasein als Vermieter einiger Jagdhütten. Eine kurze Episode als Privatdetektiv endete ebenfalls in einem Fiasko: McKnight ist fertig mit der Kriminalistik und mit dem Leben.

Die selbst auferlegte Klausur endet, als Vinnie »Roter Himmel” LeBlanc, McKnights indianischer Nachbar und Freund, ihn um Hilfe bittet. Sein Bruder Tom steckt wieder einmal in Schwierigkeiten. Er ist als Begleiter einiger Jäger in die kanadischen Wälder gezogen und dort verschwunden. McKnight soll LeBlanc bei der Suche helfen.

Bären fressen wirklich alles …

Der Freund schlägt ein; man macht sich auf zum Lake Agawaatese in der Provinz Ontario. Dort erfährt man Unerfreuliches: Tom ist in eine üble Gesellschaft gewalttätiger, heftig trinkender Zeitgenossen geraten, die offenbar dem Unterweltmilieu nahe stehen. Schlimmer noch: Der Jagdführer und seine fünf Begleiter sind spurlos verschwunden.

Alex und Vinnie beginnen beherzt mit Nachforschungen. Binnen kurzer Zeit haben sie die örtliche Polizei verärgert, die sich ungern von Detektiv spielenden Ausländern überrumpeln lässt. Doch als in einem Waldstück der sorgfältig versteckte Wagen der vermissten Jäger gefunden wird, muss auch der misstrauische Constable DeMers zugeben, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht.

Auf eigene Faust untersuchen Alex und Vinnie die einsam gelegene Hütte der Jagdgesellschaft. Dort finden sie Tom und seine Gefährten – grausam ermordet und nicht tief genug begraben. Der Schock ist noch nicht überwunden, da geraten sie in einen Hinterhalt. Ohne Waffen und Nahrung werden sie von unsichtbaren Mördern durch den Wald gehetzt, die alles daran setzen, die lästigen Mitwisser neben die anderen Leichen zu legen …

Sinnloser Reigen der Gewalt

Womit nur der erste Höhepunkt dieses erstaunlichen Thrillers erreicht ist. Wo andere Autoren bereits auf die Zielgerade einbiegen, setzt Steve Hamilton erst richtig zum Höhenflug an. Noch mehrere aufregende Höhepunkt werden folgen, bis der Bodycount im Finale bei elf (!) Leichen steht.

Dabei bietet «Himmel voll Blut” alles andere als eine simple Metzelstory. (Der Unheil verkündete Titel ist übrigens die Übersetzung eines indianischen Personennamens.) Selten gelingt es einem Kriminalschriftsteller, so viele Bluttaten als Kette bizarrer, aber in ihrer konsequenten Sinnlosigkeit beklemmender Ereignisse zu schildern. Die elf Menschen sterben sämtlich aus den »falschen” Gründen. Die scheinbaren Schurken sind hier oft Opfer, im falschen Moment am falschen Ort, ihre Mörder eigentlich unzurechnungsfähig. Gewalt gebiert Gewalt: Eindrucksvoll weiß Hamilton diese uralte Binsenweisheit mit Leben zu erfüllen.

Der Wald als Ort des Schreckens

Die kanadische Wildnis stellt die grandiose Kulisse der schaurigen Handlung dar. Auch hier weicht Hamilton vom Klischee ab: «Natur” ist für ihn kein Ort, der den Menschen Willkommen heißt. Ganz im Gegenteil; die Idylle verwandelt sich rasch in eine Hölle, geht ihr Besucher seiner Hilfsmittel und Waffen verlustig. Das schließt die indianischen Mitspieler unseres Dramas jederzeit ein. Sie sind eben keine »edlen Wilden”, die im süßlichen Einklang mit Mutter Erde am liebsten dem Rauschen der Bäume lauschen, sondern schätzen die Errungenschaft der ökologisch unkorrekten Zivilisation durchaus sehr.

Wie Volker Neuhaus (der «Himmel voll Blut” auch übersetzt und den lakonischen Witz des Originals bewahrt hat) in seinem Nachwort schreibt, tritt Steve Hamilton in große Fußstapfen. Die Konfrontation des Entdeckers und Siedlers mit der unbekannten Natur ist ein Topos der nordamerikanischen Literatur. Kein Wunder, denn bis der riesige Kontinent in alle Richtungen »erobert” war, gehörte die Auseinandersetzung mit wenig erfreuten Ureinwohnern, wilden Tieren, extremen Wetterverhältnissen und anderen Widrigkeiten zum Alltag in den USA und Kanada. Das musste zwangsläufig Spuren auch in der Kunst hinterlassen. Neuhaus nennt die «Lederstrumpf”-Saga (1823-41) von James Fenimore Cooper als ein Vorbild für »Himmel voll Blut”. Große Worte, aber Parallelen lassen sich in der Tat erkennen.

Die Helden sind müde

Diese Abenteuer-Tradition verknüpft Hamilton nun mit dem ebenfalls ehrwürdigen Genre des Detektivromans. Der «Private Eye” tritt in den USA seit jeher agiler auf als sein europäischer Kollege. Er ist außerdem eher im gesellschaftlichen Randbereich zu finden. In gewisser Weise verkörpert er so den unabhängigen, für Recht & Ordnung sorgenden »Westerner” der alten Pioniertage – ein Idealtyp, den es so wohl niemals gab, der aber dank Literatur und später Film zur gern eingesetzten Heldenfigur wurde.

Wobei dieser Held im 21. Jahrhundert kein strahlender mehr sein kann. Die Gegenwart ist zynisch geworden und schätzt ihre Idole mit Kratzern und Schwächen; das lässt sie «menschlicher” wirken. Alex McKnight erfüllt diese Voraussetzungen perfekt. Er ist einsam, arm, ohne Rang und Namen. An einem öden Ort hat er sich verkrochen, nachdem seine Karriere gescheitert, jeder Neubeginn misslungen und sein Privatleben nicht mehr existent ist. Wie eine Maschine versucht er sein Leben zu führen, das allmählich aus der Bahn zu geraten beginnt.

Alex McKnight macht sich etwas vor: Er flüchtet vor dem Leben, aber das Leben wird ihn stets finden. Deshalb ist er eigentlich froh, als ihn Freund Vinnie um Hilfe bittet. Ein ausgeprägtes Helfersyndrom wurde McKnight – man beachte den Nachnamen – ohnehin aufgeprägt. Jetzt kann er seine brachliegenden Energien endlich wieder auf ein Ziel bündeln. Kein Wunder, dass er Vinnie mit manchmal masochistisch anmutender Leidensbereitschaft bis zum bitteren Ende folgt.

Ein Indianer ohne »pc«-Feigenblatt

Auf seine Weise leidet Vinnie LeBlanc unter ähnlichen Problemen wie sein Freund. Er ist Indianer, was ihn in einem mittelmäßigen Roman als politisch korrektes Zerrbild hätte enden lassen: der gute amerikanische Ureinwohner, vom bösen Bleichgesicht in Vergangenheit, Gegenwart & Zukunft verdrängt, betrogen und entmündigt.

Statt dessen ist Vinnie LeBlanc vor allem ein Mann, der in den USA lebt und zufrieden damit ist. Im Grenzgebiet zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada arteten die Auseinandersetzungen zwischen Weiß und Rot niemals so dramatisch aus wie im Westen. Deshalb leben beiden Rassen schon lange neben- und sogar miteinander. Nicht Rassismus ist daher Vinnie LeBlancs größtes Problem, sondern seine aufdringliche Verwandtschaft, vor der er aus dem Reservat geflüchtet ist, wo ein einträgliches Kasino ihm und seinem Stamm ein Leben in Wohlstand und Sicherheit bietet.

Die mit knochentrockenem Humor geführten Wortgefechte zwischen McKnight und LeBlanc gehören zu den Glanzlichtern des Romans. Sie verraten aber auch viel über die Sprachlosigkeit der Kulturen: Zwischen den »alten” und den «neuen” Amerikanern herrscht eher Waffenstillstand als Frieden.

Das gilt auch für das Verhältnis zwischen den US-Amerikanern und ihren kanadischen Nachbarn. Witze über Kanada gehören zum Standardrepertoire amerikanischer Komödien. Hamilton vermeidet jede Klamotte, aber er verschweigt nicht die Probleme, die aus der Rivalität zweier kulturell sehr unterschiedlicher Riesenstaaten entstehen, und nutzt sie geschickt für seine Story, die man abschließend noch einmal ausdrücklich allen Lesern – nicht nur denen von Kriminalromanen – empfehlen kann!

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tassieteufel zu »Steve Hamilton: Himmel voll Blut« 06.05.2016
Alex McKnight ist eigentlich voll mit dem Wiederaufbau seiner nieder gebrannten Hütte beschäftigt, als ihn sein Freund Vinnie LeBlanc um Hilfe bittet. Vinnies Bruder Tom ist mit einer Jagdgesellschaft in die kanadischen Wälder gezogen und nicht wieder zurück gekommen. Dumm auch, dass Tom gar nicht hätte nach Kanada reisen dürfen, da er Bewährungsauflagen zur erfüllen hat und so mit Vinnies Papieren losgezogen ist. Natürlich kann Alex wieder nicht Nein sagen, wenn ein Freund seine Hilfe braucht, schließlich hat er nicht viele und so begeben sich Alex und Vinnie auf Toms Spuren und werden in den einsamen kanadischen Wäldern nicht nur mit Bären, sondern auch einem perfiden Mörder konfrontiert.

Einsame und malerisch gelegene Bergseen, endlose Wälder, dazwischen Elche, Bären und anderes Getier, so stellt man sich die kanadische Wildnis vor und hat eine grandiose Naturkulisse vor Augen. Doch für Alex und Vinnie wird die Suche nach Tom und den Hintergründen des Verschwindens der Jagdgesellschaft zu einem gnadenlosen Trip ums Überleben. Durch eine Verkettung unseliger Ereignisse sitzen Alex und Vinnie ohne Nahrung, Ausrüstung und Waffen in den Wäldern fest, niemand weiß wo sie sind, der Winter steht kurz vor der Tür, Vinnie ist zudem noch verletzt und ein gesichtsloser Mörder ist ihnen auf den Fersen, der sie um jeden Preis ausschalten will. So wird die idyllische Natur schnell zur Hölle und die beiden Freunde müssen sämtliche Reserven und alles Geschick aufbieten, um zu überleben und kaum sind dem Inferno entronnen, müssen sie feststellen, dass noch eine weitere Partei nach der Jagdgruppe sucht, die ebenfalls nicht zimperlich ist.
Wenn man schon die anderen Alex McKnight Krimis gelesen hat, weiß man, dass Alex Fälle selten so offensichtlich sind, wie sie sich zunächst darstellen. Es gibt immer reichlich unerwartete Wendungen und überraschende Offenbarungen, der augenscheinliche Täter ist meist nicht der wahre Übeltäter und auch diesmal führt der Autor seine Leser geschickt in die Irre. Eine Kette bizarrer Ereignisse und Zufälle führt hier zu einer Reihe brutaler Geschehnisse, in der erst Tom und später Alex und Vinnie zu eher ungewollten Opfern werden.
Wie gewohnt besticht der Autor auch diesmal mit seiner bildhaften Schilderung der eindrucksvollen Landschaft und der Menschen die in ihr leben. Seine sympathische Hauptfigur Alex McKnight nimmt dabei weitere Facetten an und wächst dem Leser immer mehr ans Herz. Wunderbar lakonisch und mit viel trockenem Humor werden wieder reichlich gelungene Wortgefechte zwischen Alex und Vinnie geführt und zeigen auf, wie weit Weiße und Ureinwohner doch noch immer voneinander entfernt sind.
Sehr nett fand ich, dass auch diesmal wieder Leon einen kurzen Auftritt hat, irgendwie ist er inzwischen ein fester Bestandteil geworden, auf den ich nur ungern verzichten würde.

FaziT: wieder einmal wird Alex McKnight in einen bizarren und brutalen Fall verwickelt, der diesmal mehr ein Mix aus Krimi und Abenteuerroman ist. Ungemein spannend und mit einer sehr bildhaften und anschaulichen Sprache erzählt der Autor den 5. Fall für den Ermittler wider Willen und bereitet damit ungemein spannende und unterhaltsame Lesestunden.
Hollareiduljo zu »Steve Hamilton: Himmel voll Blut« 06.02.2010
Dieses Buch war ausgesprochen erfreulich und macht ganz klar Lust auf mehr aus der Alex McKnight-Reihe. Man kann aber ohne Weiteres mit diesem Krimi in die Reihe einsteigen - es macht gar nichts, wenn man die Vorgeschichte nicht kennt, die wird ohnehin kurz umrissen. Ich für meinen Teil werde jetzt bei Nummer eins anfangen und mich durcharbeiten. Darauf freue ich mich schon.
Die Hauptfigur ist mit all ihren Schwächen ungemein sympathisch. Auch wenn die Handlung für meinen Geschmack etwas schwerfällig in Gang gekommen ist, so war sie doch, als alles mal am Laufen war, wirklich spannend. Am Ende war mir Alex McKnight bereits so ans Herz gewachsen, dass ich das Buch nur mehr ungern aus der Hand legte. Aber wie gesagt, Gott sei Dank gibt es ja noch weitere Bände mit diesem Protagonisten. Das beste an der ganzen Sache ist für mich ganz klar Hamiltons sprachlicher Stil (bzw. der des Übersetzers, der hier wirklich einen guten Job gemacht hat). Der Ton ist von einem trockenen, coolen Humor geprägt, und die Dialoge sind spritzig und natürlich. Klischees kommen zwar durchaus zur Anwendung, aber niemals blöd oder nervtötend. Und zu guter Letzt gibt dem ganzen das Setting in der kanadischen Wildnis und im Great Lake Area den gewissen Touch, das ist mal was Anderes. Also: Klar, das Ganze ist eher einfach gestrickt, bestimmt kein psychologisch ausgefeiltes, literarisch bedeutsames Meisterwerk der Hochliteratur. Aber es ist gute, solide Krimiunterhaltung, eine lustige Mischung aus Hardboiled Mystery und guter alter amerikanischer Abenteuerliteratur. Mir hat das Buch einige sehr unterhaltsame Stunden beschert, ich kann es daher nur weiterempfehlen.
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