Mr. Mercedes von Stephen King

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2014 unter dem Titel Mr. Mercedes, deutsche Ausgabe erstmals 2014 bei Heyne.
Folge 1 der Kermit-William-Hodges-Serie.

  • New York: Scibner, 2014 unter dem Titel Mr. Mercedes. 437 Seiten.
  • München: Heyne, 2014 Bernhard Kleinschmidt. ISBN: 978-3-453-26941-5. 591 Seiten.
  • München: Heyne, 2015. Übersetzt von Bernhard Kleinschmidt. ISBN: 978-3-453-41901-8. 591 Seiten.
  • [Hörbuch] Köln: Random House Audio, 2014. Gesprochen von David Nathan. ISBN: 3837126390. 3 CDs.

'Mr. Mercedes' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuchE-Book

In Kürze:

Schneller, gefährlicher, tödlicher – Mr. Mercedes

Ein Mercedes SL 500 – »zwei Tonnen deutsche Ingenieurskunst« – rast in eine Menschenmenge. Es gibt viele Todesopfer, der Fahrer entkommt. Der Wagen wird später gefunden. Auf dem Beifahrersitz liegt eine Clownsmaske, das Lenkrad ziert ein grinsender Smiley. Monate später meldet sich der Massenmörder und droht ein Inferno mit Tausenden Opfern an. Stephen King, der Meister des Schreckens, verschafft uns in Mr. Mercedes beunruhigende Einblicke in den Geist eines besessenen Mörders bar jeglichen Gewissens.

Eine wirtschaftlich geplagte Kleinstadt im Mittleren Westen der USA. In den frühen Morgenstunden haben sich auf dem Parkplatz vor der Stadthalle Hunderte verzweifelte Arbeitsuchende eingefunden. Jeder will der Erste sein, wenn die Jobbörse ihre Tore öffnet. Im Morgendunst blendet ein Autofahrer auf. Ohne Vorwarnung pflügt er mit einem gestohlenen Mercedes durch die wartende Menge, setzt zurück und nimmt erneut Anlauf. Es gibt viele Tote und Verletzte. Der Mörder entkommt. Noch Monate später quält den inzwischen pensionierten Detective Bill Hodges, dass er den Fall des Mercedes-Killers nicht aufklären konnte. Auf einmal bekommt er Post von jemand, der sich selbst der Tat bezichtigt und ein noch diabolischeres Verbrechen ankündigt. Hodges erwacht aus seiner Rentnerlethargie. Im Verein mit ein paar merkwürdigen Verbündeten setzt er alles daran, den geisteskranken Killer zu stoppen. Aber der ist seinen Verfolgern immer einen Schritt voraus.

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Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Detective Kermit William Hodges hadert mit dem Ruhestand. Er vermisst die Polizeiarbeit und den »Kick«, den ihm die Jagd auf Gesetzesbrecher gab. Vor allem macht ihm zu schaffen, dass er seinen letzten Fall ungelöst zurücklassen musste: Mit einer schweren deutschen Limousine, die er kurz zuvor gestohlen hatte, war der später Mr. Mercedes genannte Mörder absichtlich in eine Gruppe von Menschen gerast, die vor einer Arbeitsvermittlung Schlange gestanden hatten.

Für die achtfach tödliche Attacke war Brady Hartsfield verantwortlich. Der junge Mann lebt mit seiner Mutter zusammen, die er gleichermaßen liebt wie hasst, da sie ihn als Kind regelmäßig missbraucht hat – eine ungesunde Beziehung, die weiterhin andauert. Hartsfield ist unglücklich und hasst die ganze Welt, an der er sich rächen will. Als Eismann hat er den perfekten Blick auf seine nichtsahnenden Opfer, die er unter Ausnutzung seiner technischen Kenntnisse ausspioniert. Aktuell richtet Hartsfield seine Aufmerksamkeit auf Hodges. Er will den Ex-Detective solange manipulieren, bis dieser Selbstmord begeht – ein Plan, den Hartsfield schon einmal erfolgreich in die Tat umsetzen konnte.

Doch in Hodges hat sich der Killer getäuscht. Zwar ist der ehemalige Cop in der Tat deprimiert. Dies ändert sich allerdings schlagartig, als Mr. Mercedes beginnt, ihm anonyme Mails zu schicken. Hartsfield hat seine Botschaften mit Bosheiten gespickt, die Hodges’ Selbstvertrauen schwächen sollen. Stattdessen blüht der alte Mann auf: Er beschließt, seinen letzten Fall privat als Ruheständler zu lösen.

Seine Methoden mögen anachronistisch sein, doch Hodges versteht noch immer sein Ermittlungshandwerk. Langsam aber sicher rückt er Mr. Mercedes näher, der dies erst erschrocken und dann zunehmend wütend registriert. Hartsfield verliert die Kontrolle und beschließt, diese Welt buchstäblich mit einem großen Knall zu verlassen …

Das ganz & gar reale Böse

Es ist beileibe nicht so, dass Stephen King mit Mr. Mercedes erstmals jenes Genre verlässt, dem er seine Prominenz verdankt. Immer wieder hat King betont, dass er in erster Linie Geschichten erzählen will. Dass diese überproportional oft mit Geistern, Vampiren u. a. Schreckensgestalten bevölkert sind, liegt schlicht an der Tatsache, dass King das Übernatürliche liebt und es gern heraufbeschwört.

Nichtsdestotrotz ist er auf das Jenseits, die Twilight Zone oder das Weltall nicht angewiesen. King besitzt ein feines Gespür für den »alltäglichen« (US-) Menschen. Er ist selbst in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, durch- und überlebte eine unerfreuliche Kindheit und fristete lange eine Existenz hart an der Armutsgrenze, bevor er als Schriftsteller erfolgreich und reich wurde. King kennt deshalb die Abgründe einer Gesellschaft, die sich noch immer dadurch definiert, dass man es 'schaffen’ kann, wenn man sich nur redlich anstrengt. Er weiß um die Fadenscheinigkeit dieses Glaubens – und um die Folgen. Nicht grundlos wählt Mr. Mercedes für seinen ersten Anschlag Menschen, die arbeitslos vor einer Stellenvermittlung warten: Diese Gesellschaft hat ihre Schwachen dorthin ausgegrenzt, wo sie nicht nur ihre Existenz und ihre Würde, sondern jetzt auch ihr Leben verlieren.

Selbst dort, wo King die erwähnten Kreaturen der Nacht auftreten lässt, klammert er zwischenmenschliche Probleme niemals aus. In der Krise schließt sich die Gruppe bei ihm nicht automatisch zusammen. Stets gibt es Brüche, die eine Einigkeit verhindern. Egoismus, Angst oder Selbstsucht können überwunden werden, doch dies muss nicht geschehen. Aus diesem Grund sind auch Hauptfiguren bei King nie sicher: Sie sterben ohne eigenes Verschulden am Ende einer Ereigniskette, die nicht straff gespannt ist, sondern in Schleifen und Wirbeln verläuft. Nie kommt es, wie es gedacht war. Pläne scheitern, müssen geändert und schließlich durch Improvisation oder Schlimmeres ersetzt werden. Zwar gibt es Konstanten wie Liebe und Freundschaft, doch sie geben nicht immer Halt: Jedem Happy-End wohnt bei King ein bitterer Beigeschmack bei.

Schrecken ohne Größe

Mr. Mercedes ist deshalb ein »echter« Stephen-King-Roman, der das Böse dort ortet, wo der Verfasser es ohnehin nisten sieht: inmitten ganz und gar diesseitiger Menschen, die es ausbrüten und einander antun. Dämonen und andere Märchenbuch-Schurken sind dazu völlig überflüssig.

Genialität ist ebenfalls ohne Bedeutung. Bill Hodges ist kein Sherlock Holmes, sondern schlicht ein guter Ermittler, der einsetzt, was er gelernt und in vielen Berufsjahren angewendet hat. Wissenslücken im IT-Bereich füllt er nicht durch intensives Selbststudium, sondern sucht sich entsprechende Hilfe. Der Weg zu Brady Hartsfield ist keineswegs glatt und gerade. Mehrfach irrt sich Hodges, was durch entsprechende Ausfälle seines Kontrahenten ausgeglichen wird.

Denn Hartsfield ist kein Super-Schurke à la Hannibal Lecter, sondern ein psychisch kranker, gestörter Mann, der viele Jahre 'funktioniert’ hat und unauffällig blieb, nun aber die Kontrolle zu verlieren beginnt. Dass Hartsfield nach seinem Amoklauf als Mr. Mercedes ungefasst blieb, verdankt er nicht seiner ausgeklügelten Planung, wie er selbst sehr gut weiß: Hartsfield hatte einfach Glück, durch die Maschen der Polizeifahndung zu schlüpfen – ein Glück, das u. a. darauf beruhte, dass Hodges, damals noch im Dienst, die entsprechenden Indizien übersah bzw. fehlinterpretierte.

Als Hartsfield merkt, dass Hodges kein Opfer ist, sondern sich zu neuen, dieses Mal womöglich erfolgreichen Nachforschungen aufrafft, besteht seine Reaktion nicht im Entwurf raffinierter Gegenmaßnahmen. Hartsfield gerät erst in Zorn, dann in Panik. Seine Attacken laufen ins Leere und fallen auf ihn selbst zurück. Schließlich resigniert Hartsfield. Er plant seinen Tod als großes Spektakel. An Hodges hat er das Interesse verloren.

Mr. Mercedes ist nicht raffiniert durch seinen Plot. Im Kern sind Kings Geschichten nie besonders fein ziseliert. Der Faktor Mensch interessiert den Verfasser deutlich stärker. Deshalb bietet Mr. Mercedes einen sauber konstruierten Spannungsbogen, unter dem kurzfristige Entscheidungen, Fehler und Missverständnisse in ein zwar spektakuläres aber wiederum alles andere als großartiges Finale führen.

Klischees und Überraschungen

King definiert den Thriller nicht neu. Er versucht es klugerweise nicht einmal, sondern setzt auf seine Stärken: Dem Klischee vermag King immer wieder Neues zu entlocken. Es wird durch die gelungene Variation zum Bewährten aufgewertet. »Mr. Mercedes« ist reich an entsprechenden Überraschungsmomenten. Oft bereitet King Situationen vor, wie es der erfahrene Leser erwartet, wirft dann jedoch das Steuer herum. Auf diese Weise imitiert die Fiktion das Leben, das nie den geraden Weg einschlägt.

Ebenfalls üblich aber immer noch und wieder lektüretauglich führt King ein skurriles, für die Herausforderung einer Psychopathen-Hatz denkbar ungeeignetes Team zusammen. Neben Hodges treten ein eifriger aber unerfahrener Fast-Student und eine depressive Frau in mittleren Jahren. Zwischenzeitlich ergänzt Hodges’ späte Liebe die Gruppe, die bis zum Finale Federn lassen muss: Der Kampf für die gute Sache ist bei King ein Risiko. Man wächst daran – wenn man überlebt!

Weniger die Überraschungen als die erstaunliche Kongruenz der Handlung erregt beim Leser Bewunderung. Obwohl immer wieder Unvorhergesehenes geschieht, hält King seine Geschichte auf Kurs. Er besitzt ein ausgeprägtes Gefühl für Timing, das ihm dieses Mal nicht durch seinen mindestens ebenso starken Hang zur Abschweifung außer Sicht gerät. Mr. Mercedes gehört mit knapp 600 (in der Übersetzung zudem buchstabengroß und randbreit bedruckten) Seiten zu Kings kürzeren Werken.

Er hat Geschmack am Thriller gefunden, und auch die Verkaufszahlen stimmen offenbar. Der Epilog kündigte eine mögliche Fortsetzung bereits an. Sie wird unter dem Titel »Finders Keepers« in den Handel kommen und sowohl Hodges als auch sein Team in einen neuen Fall verwickeln.

Anmerkung

Selbstverständlich streut King wieder »Interna« in seine Geschichte ein – Namen und Ereignisse werden erwähnt, die den nitpickenden Leser an frühere Werke des Meisters oder auch seines Sohnes erinnern; Joe Hill ist längst selbst ein erfolgreicher Autor, der den Vater einerseits glänzend kopieren kann, während er andererseits eigene Wege zu gehen vermag.

Diese Verbindungen werden auf einschlägigen King-Websites aufgelistet, weshalb sich dieser Rezensent die Arbeit sparen kann. Seltsamerweise fehlt auf den Listen der Hinweis, dass Mr. Mercedes sich auf die Kurzgeschichte »Morning Deliveries« (1985; dt. »Morgenlieferung«) anlehnt. Sie erzählt vom Milchmann Spike, der ähnlich unsichtbar wie Hartsfield als Eismann durch die Straßen fährt und seinen Kunden böse Überraschungen beschert. King griff hier und für eine weitere »Milchmann«-Story sowie offenkundig für Mr. Mercedes auf ein nie vollendetes Roman-Manuskript zurück.

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