Die tote Schwester von Stephan Brüggenthies

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 bei Eichborn.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Köln, 1990 - 2009.

  • Frankfurt am Main: Eichborn, 2011. ISBN: 978-3-8218-6131-9. 384 Seiten.

'Die tote Schwester' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Endlich! Lena, Zbigniew Meiers Freundin, ist volljährig geworden. Um das zu feiern, verbringen die beiden zwei Wochen in New York. Kaum zurück in Deutschland, wird Lena vor Zbigniews Augen entführt. Die Sonderkommission unter der Leitung seines ins Präsidium aufgestiegenen Freundes Zeynel geht von einem Racheakt aus und ermittelt in Richtung Organisierte Kriminalität. Doch Zbigniew hat eine dunkle Ahnung: In New York bat ihn ein alter deutscher Emigrant, nach seiner am Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland verschwundenen Schwester zu suchen, und für Zbigniew mehren sich die Anzeichen, dass es zwischen dieser Bitte und Lenas Entführung einen direkten Zusammenhang gibt. Er beginnt auf eigene Faust zu ermitteln …

Das meint Krimi-Couch.de: »Der Langeweile zweiter Akt« 45°

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

Die tote Schwester ist Stephan Brüggenthies´ zweiter Roman um den Kölner Kriminal-Hauptkommissar Meier, der mit dem gewöhnungsbedürftigen Vornamen Zbigniew. Sorgte bei dessen ersten Auftritt (Der geheimnislose Junge) noch sein Verhältnis zu der minderjährigen Freundin Lena für Aufregung bei einigen Lesern, so wird im vorliegenden 2.Teil dem Leser selbst diese einzige Emotion nicht mehr gegönnt. Mit Lenas 18. Geburtstag, der gebührlich auf einer Stippvisite in New York gefeiert wird, verschwindet zwar nicht der Hautgout der Frühling-Herbst-Beziehung, doch das Paar fühlt sich ermutigt, sich als solches ihren Eltern und seinen Kollegen gegenüber zu outen. Bevor es dazu kommen kann, wird Lena bei ihrer Rückkehr aus New York auf dem Köln/Bonner Flughafen gekidnappt. Während Zbigniew und die ermittelnden Kollegen sich wildester Spekulationen hingeben, wer dahinter stecken könnte, ist diese Frage und die Suche nach einer Antwort für den Leser der Auslöser einer nicht enden wollenden Gähn-Attacke. Bar jeder Höhepunkte, Überraschungen und Wendungen plätschert das dünne Rinnsal der Ermittlungen einem bedeutungslosen Ende entgegen. Dabei ist doch der Anfang ganz vielversprechend.

Auf ihrem ersten gemeinsamen Urlaub anlässlich Lenas Volljährigkeit lernen die beiden in einem New Yorker Restaurant den pensionierten Polizisten Samuel Weissberg kennen. Samuel Weissberg, deutschstämmiger Halbjude, konnte in den letzten Kriegsjahren vor den Nazis in Sicherheit gebracht werden und bei amerikanischen Verwandten unterkommen. Seine damals gerade geborene Schwester Eva sollte bei einer Bauernfamilie im Kölner Umland ein neues Zuhause finden, doch die Wirren des Krieges verwischen die Spuren ihres weiteren Lebensweges. Samuels intensive Nachforschungen blieben bisher ohne Erfolg, deshalb bittet er seine neuen Freunde um einen erneuten Versuch, die mittlerweile für tot erklärte Schwester zu suchen. Da bei Samuel Krebs diagnostiziert wurde, wäre das die letzte Chance für ihn, Gewissheit über den Verbleib seiner Schwester zu bekommen. Zbigniew ist von Samuels Anliegen wenig angetan. Erst zu Hause in Köln, nachdem Lena entführt ist, und er an eine mögliche Verbindung zwischen den Ereignissen der Vergangenheit und der Gegenwart glaubt, beginnt er mit seiner Ermittlung, die zu einer (kunst-)historischen Reise ins Köln des Jahres 1943 wird.

Auf den nun folgenden 300 Seiten wälzt Zbigniew Akten und Register in Standesämtern und Archiven, befragt Historiker, sucht nach Zeitzeugen, reist ins Kölner Umland, in die Eifel, nach Aachen und nach Holland. Eine schier endlose Aneinanderreihung von Befragungen und Gesprächen – so langweilig vorgetragen, dass es die Geduld des Lesers aufs Äußerste strapaziert. Tausende von Krimi-Autoren haben bewiesen, dass Ermittlungsarbeit, auch umfangreiche, abwechslungsreich und spannend dargestellt werden kann. Von denen hätte sich Stephan Brüggenthies ruhig mal ein Scheibchen abschneiden können.

Während seiner Recherchen stößt der Zbigniew Meier auf ein Komplott in Kölns Kunsthändler-Szene in der Endphase des Zweiten Weltkriegs. Bilder der sogenannten Entarteten Kunst, die eigentlich verbrannt werden sollten, verschwinden aus der Öffentlichkeit, werden auf geheimen Wegen verkauft oder als Zahlungsmittel benutzt. Einer, der im Fokus dieser Schiebereien steht, ist der Nazi-Arzt Paul Streithoff, dessen besonderes Interesse neben der »Beutekunst« auf die kleine Eva Weissberg gerichtet ist. Dieser Teil der Story hat das Spannungspotenzial, das der Autor leider brachliegen lässt. Nur punktuell wird die Vergangenheit beleuchtet und geht so unter in den ausufernden Dialogen und (inneren) Monologen des Helden, der in seiner Larmoyanz über das Verschwinden seiner Freundin so penetrant wie unglaubwürdig ist. Viel zu sehr konzentriert sich Stephan Brüggenthies auf seinen Serienhelden, so dass die anderen Mitspieler zu Statisten herabgewürdigt werden. Dabei ist Zbigniew Meier ein Ermittler ohne Humor, Charisma oder sonstige gute oder schlechte Eigenschaften – eine Schlaftablette – wie man heutzutage salopp sagt – vor der jede achtzehn-jährige Reißaus nehmen würde.(Vielleicht hat Lena das ja getan, wer weiß?)

Ein guter Einstieg und ein temperamentvolles Mini-Finale sind einfach zu wenig, um über die Distanz von 400 Seiten fesselnd zu unterhalten. Das Fehlen der burschikosen Lena als Kontrapunkt zu dem faden Zbigniew zieht die Reihe noch weiter runter. Wenn man sich schon entscheidet, die ganze Geschichte aus der Perspektive nur einer Person zu erzählen, dann muss diese auch etwas hergeben. Das einzig bemerkenswerte an Herrn Meier ist sein toller Vorname.

Es zeigt sich, dass, Drehbücher für »Tatort«-Krimis geschrieben zu haben, keine Gewähr dafür ist, auch als Krimiautor glänzen zu können. Ein Roman ist halt mehr als eine Vielzahl an Dialogen, obwohl es natürlich die »Dialog-Künstler« gibt, aber auch von denen ist Stephan Brüggenthies meilenweit entfernt.

Langatmig, geschwätzig, provinziell – muss man sich nicht antun!

Jürgen Priester, Mai 2011

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Leseratz zu »Stephan Brüggenthies: Die tote Schwester« 22.04.2012
Schließe mich Harriet V. voll an, für mich war auch der 2.Teil, also "die tote Schwester" toll geschrieben u. der Ausflug in die Vergangenheit packend u. aus meiner Sicht gut vorstellbar.
Viele Pointen, wie der vergessene Jude Seeliger, die trotz Bilderverbrennung u. anschließendem Betrugs vielleicht geretteten "entarteten" Werke, das macht ihm so leicht keiner nach!
Hoffentlich gibts einen 3.Teil!!
Harriet V. zu »Stephan Brüggenthies: Die tote Schwester« 13.03.2012
Stephan Brüggenthies hat keine Lobby auf der Krimicouch, beide Krimis werden von unterschiedlichen Rezensenten einhellig verissen. Dabei heben sie sich meiner Meinung nach eindeutig von den auch hier auf der Krimicouch so hochgelobten Neuhaus', Löhnigs, Buschs und wie sie alle heißen ab und zwar in positiver Richtung.Kein krude zusammengezimmerter Plot aus allen Zutaten, die die Klischeekiste so hergibt, sondern ein intelligent konstruierter Krimi vor einem interessanten Hintergrund mit glaubwürdigen und nicht auf Teufel komm raus skurrilen Protagonisten.Dass Zbgniew diesmal etwas blasser erscheint ist richtig, dafür steht eindeutig die Krimihandlung im Vordergrund und die Ermittlungen in den Bibliotheken und Archiven fand ich gerade spannend, ich mag es nicht, wenn eine Handlung nur durch Leichenfunde oder Actionszenen weitergetrieben wird.Natürlich ist das alles Geschmackssache und wenn der Rezensent mehr auf Noir-Thriller steht wird er sich mit einem Ermittlerkrimi schwer tun, aber deshalb die ganze Geschichte zu verraten finde ich trotzdem nicht fair.
manni zu »Stephan Brüggenthies: Die tote Schwester« 27.06.2011
Ein herausragender Autor, zur Zeit einer der interessantesten deutschen Kriminalromanschreiber. Ich mußte das Hardcover kaufen, ich konnte nach "Der geheimnislose Junge( (siehe auch meine Kritik) nicht auf das TB warten. "Die tote Schwester "ist noch dichter und atmosphärischer geschrieben und der Autor erzählt eine sehr spannende Geschichte, die auch in ihren traurigsten Momenten sehr zum Nachdenken anregt, mitfühlen läßt, denn die dunklen Kapitel der NS Zeit sind längst noch nicht alle aufgearbeitet. Aber das Buch lebt auch wieder durch die Hauptakteure, der Leser ist nah an den Menschen und das geht unter die Haut. Was mir aber besonders gut gefällt ist , daß die zwei Romane einen internationalen Flair haben, obwohl Ziggis Arbeitsplatz in der Domstadt liegt. Das kommt vom Stil her sehr nahe an Arne Dahl heran, die Autoren schreiben auf Augenhöhe. Klasse und unbedingt lesen! Aber mit dem ersten Teil anfangen, sonst sind keine Zusammenhänge mehr erklärbar. Viel Spass!
Susanne Kemp zu »Stephan Brüggenthies: Die tote Schwester« 14.06.2011
Ich kann mich der Meinung meiner Vorredner hier nur anschließen. Hier ist nur die obige Kritik provinziell!!

Denn die tote Schwester zählt zum Besten, was ich in diesem Jahr gelesen habe. Eine spannende Handlung, die mir drei Tage lang kaum Atem gelassen hat. Alles hat Hand und Fuß, am Ende war ich unglaublich überrascht und fast am Heulen vor Glück. Ich kann die Kritik überhaupt nicht verstehen.

Hab inzwischen auch den ersten Roman gelesen, der fast genauso gut ist und hier genauso abgeklatscht wird. Seltsam!!
Frank zu »Stephan Brüggenthies: Die tote Schwester« 18.05.2011
"Langatmig, geschwätzig, provinziell – muss man sich nicht antun! ".


Ja, kann ich unterstreichen.
Gilt aber her für die Rezension.

Das Buch selbst zeigt sich als solider, gut lesbarer Krimi aus hiesigen Landen.
Kein großer Wurf, das nicht - aber halt unterhaltsam.

Um folgenden Satz:

"Es zeigt sich, dass, Drehbücher für »Tatort«-Krimis geschrieben zu haben, keine Gewähr dafür ist, auch als Krimiautor glänzen zu können. "..

mal etwas zu modifizieren...

"Hier zeigt sich, dass Hobbyrezensenten sich des öteren mal zu weit aus dem Fenster lehnen. Krimis zu mögen ist das eine, Bücher zu rezensieren ist das andere.".

Um den Begriff noch einmal zu strapazieren - "solide" 70 & von mir.
Wolfgang Hiem zu »Stephan Brüggenthies: Die tote Schwester« 18.05.2011
Das ist eine absurd polemische Kritik zu einem grandiosen Buch. Und wieso darf man hier im Feld keine Auflösungen verraten, wenn der Rezensent es selbst tut?

Man hat eher das Gefühl, dass der Rezensent mit dem Autor eine private Rechnung offen hat.

Zum Buch ist nur zu sagen: Ein hochspannender, politischer und emotionaler Plot, den ich in drei Tagen gelesen habe - und der jedem Krimifan ans Herz gelegt sei. Brüggenthies schreibt äußerst wendungsreich, mit einer enormen Tiefe und stilistisch in literarischer Qualität. Das Buch ist einfach atemberaubend.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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