Das Schweigen des Lemming von Stefan Slupetzky

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2006 bei Rowohlt.
Ort & Zeit der Handlung: , 1990 - 2009.
Folge 3 der Lemming-Serie.

  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2006. ISBN: 978-3-499-24230-4. 256 Seiten.

'Das Schweigen des Lemming' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Dabei hat alles so friedlich begonnen. Eine warme Sommernacht, ein gedankenverlorener Rundgang im Schönbrunner Tiergarten …Doch dann die grausige Entdeckung: In einem der Gehege baumelt ein erhängter Pinguin! Schon bald sieht sich der Lemming gegen seinen Willen in einen Fall verwickelt, der ihm nicht nur äußersten Scharfsinn, sondern auch äußersten Kunstverstand abverlangt.

Das meint krimi-couch.de: »Showdown im Polarium« 76°

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Lemming zum Dritten. Warum der Wallisch immer Lemming genannt wird, weiß ich nicht mehr. Hat der Autor mal im ersten Roman erklärt. Ist aber auch egal, Lemming klingt lustig, schmunzelnd sympathisch und unbekümmert. So einer ist der Wallisch auch. Man hat ihn gern, den ehemaligen Polizisten und gescheiterten Detektiv, der nun nicht ganz freiwillig seine Penunzen als Nachtwächter im Wiener Zoo Schönbrunn verdienen muss. Und Autor Slupetzky mag sich gefragt haben, welche Art von Verbrechen man wohl einem Zoowächter zur Ermittlung vorsetzen kann. Seine Antwort: ein finsterer Ritualmord an einem Pinguin – Tatort Polarium.

Der Lemming entdeckt die Untat und meldet sie seinem Vorgesetzten. Am folgenden Vormittag stellt dieser für den Lemming den Kontakt zu Direktor Hörtnagl her, der nicht nur als Baulöwe und Kunstmäzen bekannt ist, sondern auch so manche Tierpatenschaft im Zoo Schönbrunn übernommen hat. Hörtnagl schätzt sich glücklich, mit dem Lemming einen ehemaligen »Krimineser« mit der Untersuchung beauftragen zu können – aus rein privatem Interesse an der Stellung der Täter. Sage und schreibe 5.000,- Euro übergibt er dem Lemming als Vorschuss. Eine Summe, bei der ein Lemming eigentlich aufhorchen sollte.

Die Suche nach Pen Gwyn Pokorny

Im Schnabel des Pinguins findet der Lemming eine erste Spur: eine Folge von vierundzwanzig Ziffern. Das bringt ihn zunächst nicht weiter. Erst als plötzlich alle Zeitgenossen des Lemmings zu Meistern in theosophischer Reduktion mutieren (und ich verrate nicht, was das ist) offenbart sich ihm eine Handynummer. Hauptverdächtiger wird sodann Nachtwächterkollege Pokorny, der verschwunden ist, seit er mit dem Lemming den Dienst in der Tatnacht getauscht hat. Aber auch der Maler Rietmüller scheint mehr zu wissen, als er zugibt. Und um die Verwirrung komplett zu machen: was wissen Löwin, Adler, Bär und Floh?

Qualitativ knüpft dieser dritte Lemming unmittelbar an seine beiden Vorgänger an. Romane, die man lieb gewinnen kann. Schelmisch erzählt und mit einem zwar stets präsenten, aber nie zu dick aufgetragenen Wiener Schmäh. Slupetzkys Schreibe hebt ihn erfrischend von der Großzahl der deutschsprachigen Autoren ab. Und er hat Ideen. Kreativität beweist er hier nicht nur mit dem ungewöhnlichen »Mordfall«, sondern auch mit einer Vielzahl von Streichen, die er in den Kreisen der Wiener Kunstakademie ansiedelt. Einfälle, mit denen er den Wert und die Wertbemessung von Kunstobjekten ironisch hinterfragt.

Wo bleibt das Motiv?

Diesmal kein toter Rentner in einem Waldstück, kein Duell auf einem Wiener Marktplatz. Keine Personen, keine Ansatzpunkte, keine möglichen Motive. Das bleibt lange Zeit der einzige, aber nicht zu verschweigende Kritikpunkt an diesem Roman. Der Lemming ermittelt und kommt bei seiner Suche nach Pokorny einigermaßen voran. Aber warum sucht er ihn? Weil er einen Pinguin getötet hat? Warum sollte der Pinguinfreund so etwas getan haben? Genau das bleibt bis zum Ende die Frage. Und ohne die Spur eines Motivs auch nur in Ansätzen erahnen zu können, verflacht der Lesespaß in der Mitte. Die Streiche der Kunststudenten vermag man da nicht so recht einzuordnen, so unterhaltsam sie auch sind.

Damit hier nun aber kein falscher Eindruck entsteht: »Das Schweigen des Lemming« ist der bislang am dichtesten erzählte Band der Serie. Slupetzky hat seinen ruhigen Humor wieder in der richtigen Dosierung eingesetzt. Dabei nährt der Autor seine humoristischen Einlagen ausschließlich aus den Ermittlungen und nicht aus dem Randschauplatz »Lemmings Privatleben«. Er bringt intelligente Wendungen, plastische Charaktere und immer wieder originelle Einfälle. Slupetzky scheint sich von Roman zu Roman steigern zu können. Der künstlerische Spagat, den er hier unternimmt (Krimi ohne Mord), kann aber nicht den ungeteilten Applaus finden. So locker und leicht der dritte Lemming gelesen ist, so sehr fehlt ihm irgendwie der echte Kriminalfall. Die Suche nach einem Motiv für die Erhängung eines Pinguins wirkt da in erster Linie irritierend.

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Sonny zu »Stefan Slupetzky: Das Schweigen des Lemming« 03.08.2008
Auch ich muss sagen, dass der dritte Teil nicht an die Vorgänger heran reicht. Die "Fälle" sind beim Lemming sowieso schon nicht all zu spektakulär. Aber diesmal fehlte mir auch typische Humor der Reihe ein wenig. Die Figur des Lemming ist erfreulicherweise noch immer herrlich skuril. Unterm Strich bleibt ein leicht nebenher zu lesendes Buch.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
david zu »Stefan Slupetzky: Das Schweigen des Lemming« 30.07.2007
für mich war die art wie slupetzky ein reelles kriminelles geschehnis in wien gelöst hat, großartig. sprachlich gut und auch für leute die nicht sprachwissenschaften studiert hat, ohne probleme zu verstehen. für mich war allerdings "lemmings himmelfahrt" noch um eine spur besser, weil die idee und die ausführung meines erachtens amüsanter zu lesen waren. außerdem hat der charakter von adolf krotznig etwas gefehlt, der erzfeind des lemming brachte in den vorigen krimis ein spannungsplus, das in diesem vielleicht gefehlt hat. insgesamt aber dennoch ein toller krimi, der viel spaß und spannung bringt.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
betschi zu »Stefan Slupetzky: Das Schweigen des Lemming« 21.05.2007
Der beste "unter den Lemmingen". Stefan Slupetzky hat sich mit diesem Roman selbst übertroffen. Die Geschichte ist sehr spannend, raffiniert konstruiert, wendungsreich und - wie gewohnt - voll subtilem Humor.

Ich hoffe ebenfalls, dass Slupetzky in Bälde einen vierten Lemming nachschieben wird. Die Messlatte hat er mit diesem Roman jedenfalls definitiv ganz oben angesetzt und ich weiss nicht, wie er diese Latte überqueren kann. Ich hätte auch nie gedacht, dass er nach den hervorragenden beiden Vorgängern noch einen draufsetzen könnte. Es ist ihm jedenfalls perfekt gelungen. Vielleicht überrascht er mich mit einem noch genialeren vierten Lemming.
bernhard zu »Stefan Slupetzky: Das Schweigen des Lemming« 10.10.2006
Der bisher beste unter den Lemmingen! Hintergründig und fein konstruiert wie immer, voller schräger und dennoch stimmiger Charaktere, aber sprachlich noch ausgereifter als seineVorgänger. Wendungsreich und spannend bis zuletzt - und das ohne Mordfall!
Ich bin neugierig, ob Slupetzky noch einen vierten Band nachschieben wird: Dieses Buch erscheint mir unübertrefflich.
Pascal zu »Stefan Slupetzky: Das Schweigen des Lemming« 05.10.2006
Leider konnte Slupetzky nicht an die grandiosen zwei Vorgängerromane anknüpfen. Weder Witz, Charme, Spannung noch Atmosphäre reichen an die ersten Lemming-Abenteuer heran.

Ich hatte den Verdacht, Slupetzky möchte Haas (er spricht den Leser ab und zu direkt an) und Steinfest (philosophische Gedanken) kopieren, aber das funktioniert nicht.

So ist der 3. Lemming nur etwas besser geworden als Durchschnitt.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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