Landgericht von Stefan Holtkötter

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2013 bei Piper.
Folge 6 der Bernhard-Hambrock-Serie.

  • München: Piper, 2013. ISBN: 978-3-492-27271-1. 320 Seiten.

'Landgericht' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Kurz nach Mitternacht schlurft Marius Bahr den verwaisten Bahnsteig in Gertenbeck entlang. Niedergeschlagen und in Gedanken versunken bemerkt er die Gruppe angetrunkener Jugendlicher zunächst gar nicht. Da trifft ihn schon der erste Schlag. Wenige Stunden später ist Marius tot. Hauptkommissar Bernhard Hambrock ermittelt im privaten Umfeld des Ermordeten – und stößt hinter der Fassade von Erfolg und Rechtschaffenheit auf eine Welt aus Zwietracht und Missgunst.

Das meint Krimi-Couch.de: »Abgründe hinter bürgerlichen Fassaden« 65°

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Hauptkommissar Bernhard Hambrock hat von endlosen Ermittlungen und Überstunden die Nase voll und möchte endlich mal ein paar freie Tage genießen. Vor dem Landgericht muss er noch in einem Prozess gegen drei junge Männer aussagen, die auf dem Bahnhof von Gertenbeck einen Studenten aus gutem Hause scheinbar grundlos zu Tode geprügelt haben. Es gab genug Zeugen, sogar ein Handy-Video mit den flüchtenden Tätern. In Rückblenden wird parallel dazu berichtet, wie der getötete Marius Bahr die letzten Tage seines Lebens verbracht hat. Leser und Ermittler brauchen einige Zeit, um festzustellen, dass es offenbar doch noch ungelöste Fragen bei diesem Mordfall gibt.gHambrock wird durch eine zufällige Beobachtung vor dem Gericht zu erneuten Ermittlungen veranlasst, und bekommt schnell Zweifel daran, dass die ursprünglichen Resultate seiner Nachforschungen die Wahrheizt tatsächlich ans Licht gebracht haben.

Stefan Holtkötters Serie um den Münsteraner Hauptkommissar Bernhard Hambrock ist wirklich lesenswert. Der neue Band »Landgericht« gehört jedoch eindeutig zu den schwächeren in dieser Reihe. Während der Autor in »Bauernjagd« und insbesondere im Roman Düstermühle Land und Leute treffend beschreibt und die Sozigraphie eines Dorfes im Münsterland trefflich in seine Geschichte einfließen lässt, könnte Landgericht auch in Mecklenburg-Vorpommern oder sonst irgendwo in der Republik spielen. Das nimmt diesem Band der Reihe die prägende Charakteristik. Hinzu kommt, dass der neue Roman in meinen Augen nicht annähernd so spannend ist wie die Vorgänger.

Dennoch lohnt es sich, das Buch zu lesen, denn hier werden Protagonisten und ein Plot geboten, die auch bei mangelnder Spannung für ausreichende Faszination sorgen. Marius Bahr wird zwar gleich zu Anfang getötet, aber in dem rückblickenden Erzählstrang lernt der Leser den verzweifelten jungen Mann Stück für Stück kennen. Zum Zeitpunkt seines Todes sah er sein bisheriges Leben in Trümmern liegen, und ganz langsam zeigt sich, warum das so war. Sein tyrannischer Vater leitet Familie und Firma mit eiserner Hand, duldet dabei nicht den Hauch eines Widerspruchs. Marius ist dadurch völlig überfordert, insbesondere neben seiner durchsetzungsstarken Schwester Nicole wirkt er in geschäftlichen Dingen mehr als hilflos. Die wiederum kann es kaum ertragen, dass ihr vom traditionsbewussten Vater der offensichtlich in unternehmerischen Dingen unfähige Bruder vor die Nase gesetzt wird. Es ist ein klassischer Konflikt, der in dieser zutiefst bürgerlichen Unternehmer-Familie unter der Oberfläche schwelt. Die jüngeren und vordergründig unscheinbaren Brüder Roland und Nils komplettieren das seltsame Geschwister-Quartett.

Die Charaktere sind gut ausgearbeitet und entschädigen durchaus für die eher mangelhafte Spannung. Da wird gefühllos und überheblich wie blind um sich gebissen, und nur der Wille des Patriarchen hält die Familie noch irgendwie zusammen. Neben der absoluten Verlogenheit dieses »Familienlebens« wird auch der unterschwellige und zuweilen sogar offene Rassismus einiger Protagonisten thematisiert. Diese thematische Konstellation wird von Stefan Holtkötter gewohnt flüssig und gut lesbar erzählt. Entstanden ist so eine komplexe Geschichte, die zwar nur mäßig spannend, aber dennoch für den Leser durchaus fesselnd und interessant ist. Immerhin gibt es einige unvorhergesehene Wendungen, und das Ende ist durchaus überraschend, auch wenn man früh ahnen kann, aus welchem Umfeld der tatsächliche Mörder kommt. Beim nächsten Hambrock-Krimi darf der Autor dann gerne wieder »eine Schippe« drauflegen.

Andreas Kurth, Oktober 2013

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Annette Traks zu »Stefan Holtkötter: Landgericht« 02.11.2013
Marius Baar, 24-jähriger BWL-Student, Unternehmer-Sohn und designierter Nachfolger seines Vaters, steigt nachts an seinem Heimatbahnhof Gertenbeck aus dem Zug. Er ist sturzbetrunken und in denkbar schlechter psychischer Verfassung. So bemerkt er zunächst nicht die drei angetrunkenen Gymnasiasten mit Lederjacken, Jogginghosen und Basecaps, die ihn im Vorbeigehen anrempeln. Marius schimpft wütend, man pöbelt sich gegenseitig an, der Streit eskaliert und endet schließlich in einer brutalen Schlägerei. Als Marius bewusstlos am Boden liegt, fliehen die drei Jugendlichen. Unmittelbar darauf wird der Student tot aufgefunden, die Täter können dank hilfreicher Zeugen schnell gefasst werden.
Da der Fall klar scheint, geht es bei der Verhandlung vor dem Landgericht im Wesentlichen „nur“ noch darum, ob es sich bei dem Delikt um „Körperverletzung mit Todesfolge“ oder „Totschlag“ handelt – die Beantwortung dieser Frage ist für das Strafmaß entscheidend.
Auch Bernhard Hambrock, der in dem Fall ermittelnde Leiter der Mordkommission, nimmt an der Verhandlung teil und macht eine eigenartige Beobachtung. Je länger er darüber nachdenkt, umso mehr bekommt er ein ungutes Gefühl bzgl. einer Verurteilung der drei Angeklagten. Daher stellt er erneut Nachforschungen an, vornehmlich im familiären Umfeld des getöteten Marius Baar. Er findet bald heraus, dass hinter der nach außen demonstrierten schönen Fassade beileibe nicht eitel Sonnenschein herrscht:

• Vater Klaus Baar ist ein erfolgreicher Unternehmer und gnadenloser, scheinbar gefühlloser Patriarch, der keinen Widerspruch duldet. Beruflich und privat haben sich alle widerspruchslos seinem Diktat unterzuordnen.
• Die Mutter bleibt weitestgehend gestalt- und farblos, hat kaum etwas zu sagen.
• Sohn Marius studierte Betriebswirtschaft, denn als Erstgeborener war es seine Pflicht, später einmal das elterliche Unternehmen zu übernehmen. Dass er dazu weder die geringste Lust verspürte, noch die nötigen Fähigkeiten besaß, ließ den Vater kalt.
• Tochter Nicole dagegen brennt für die Firma, engagiert sich und würde liebend gerne ihren älteren Bruder ausbooten, um selbst die Nachfolge von Klaus Baar anzutreten. Doch der lässt nicht mit sich reden.
• Um die pubertierenden Söhne Nils und Robert kümmert sich keiner so recht. Es fällt den Eltern nicht auf, dass sie gelegentlich die Schule schwänzen, nachts durchs Fenster verschwinden oder sich einer rechten Gruppierung anschließen und sich manchmal an der Grenze der Legalität bewegen. Wie ihr Bruder Marius leiden auch sie unter der lieblosen Familien-Atmosphäre.

Und dann ist da noch die attraktive Mulattin Nathalie, in die sich Marius ernsthaft verliebt hat. Bei ihr erfährt er die Nestwärme, die er zu Hause vermisst, mit ihr möchte er eine gemeinsame Zukunft planen. Das Problem: Marius weiß genau, dass seine Familie die junge Frau nie akzeptieren würde, er sie nicht einmal mitbringen darf. Daher verschweigt er die Beziehung zu Hause, weiht nur seinen Bruder Robert ein. Doch auch seine Schwester erfährt davon …

Resümee: So schreibt man Krimis!
Zwar weiß der Leser von Anfang an, dass und wie Marius Baar stirbt, jedoch bleiben die wirklichen Hintergründe und Umstände bis ganz zum Schluss im Dunklen.
Diese werden nämlich nach und nach in 2 Handlungssträngen entwickelt, die kapitelweise wechseln:
Der eine spielt in der Gegenwart während der Verhandlungstage: Kommissar Bernhard Hambrock setzt sich noch einmal intensiv mit dem eigentlich abge- schlossenen Fall auseinander und kümmert sich nebenbei auch noch um den verwaisten Jugendlichen Fabio.
Die andere Geschehensebene schildert die Ereignisse um Marius, seit er sich Nathalie verliebt hat bis hin zu seinem gewaltsamen Tod.
Es ist faszinierend, wie der Autor es schafft, beide Stränge unaufhörlich immer mehr miteinander zu verflechten, bis sie am Schluss schließlich unauflöslich miteinander verwoben sind und ein Ganzes bilden.
Unvorhergesehene Ereignisse, überzeugende, da in sich schlüssige Wendungen, sehr gut herausgearbeitete und psychologisch klar umrissene Charaktere tun ein Übriges, um dieses Buch zu einer spannenden Lektüre zu machen.
Gudrun Sieverdingbeck zu »Stefan Holtkötter: Landgericht« 11.08.2013
Auch in diesem Krimi versteht es Stefan Holzkötter Spannung aufzubauen und bis zum Schluss zu halten. Es werden viele Spuren gelegt und der Leser muss immer wieder umdenken. Die westfälische Lebens- und Denkweise auf dem Dorf wird realistisch wiedergegeben.
Aber wie auch schon in anderen Krimis von ihm ist das Motiv des Mörders nicht wirklich nachzuvollziehen.
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