Trio Infernal von Solange Fasquelle

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1972 unter dem Titel Le Trio infernal, deutsche Ausgabe erstmals 2010 bei Lilienfeld.
Ort & Zeit der Handlung: Frankreich / Marseille, 1910 - 1929.

  • Paris: Presses de la Cité, 1972 unter dem Titel Le Trio infernal. 221 Seiten.
  • Düsseldorf: Lilienfeld, 2010. Übersetzt von Irène Kuhn & Ralf Stamm. ISBN: 978-3940357205. 191 Seiten.

'Trio Infernal' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Im Frankreich der 1920er Jahre versuchen sich zwei Schwestern und ein Anwalt als Versicherungsbetrüger; der Erfolg lässt sie gierig werden und Skrupel verfliegen, bis auch Mord kein Hindernis mehr darstellt … – Nach einem realen Kriminalfall entstand dieser Tatsachenroman, der satirisch aber drastisch eine korrupte und verkrustete Gesellschaftsordnung für die beschriebenen Verbrechen mitverantwortlich macht: erfreuliche Erstübersetzung eines bisher nur durch den gleichnamigen Filmklassiker von 1974 bekannten Thrillers.

Das meint Krimi-Couch.de: »Mörderisches Dreigestirn versucht den Aufstieg« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Sie haben sich nicht gesucht, doch wahre Schurken finden sich manchmal selbst: Philomena Schmidt und ihre Schwester Kathrin verschlägt es nach dem I. Weltkrieg aus Bayern ins südfranzösische Marseille. Von ehrlicher oder gar harter Arbeit halten sie wenig, was den moralfreien Rechtsbeistand Georges Sarret aufhorchen lässt. Den ehrgeizigen aber im sozialen Abseits stehenden Mann drängt es in die Politik. Dieser Aufstieg ist jedoch teuer, denn seine Verbündeten muss Sarret sich kaufen. Das notwendige Geld verschafft er sich durch Veruntreuungen und Versicherungsbetrug. Geschick und ein guter Leumund haben ihn nie in Verdacht geraten lassen.

Die Schmidt-Schwestern sind bald nicht nur beide seine Geliebten, sondern auch willige Komplizen. Sowohl Philomena als auch Kathrin heiraten beide deutlich ältere und gut versicherte Männer, die wenig später das Zeitliche segnen. Als der Ex-Priester Chambon, ein weiterer Helfershelfer, Sarret zu erpressen beginnt, ist sein Todesurteil gesprochen. Mit Hilfe der Schwestern lockt der Anwalt nicht nur Chambon, sondern auch dessen Lebensgefährtin in eine angemietete, vorteilhaft einsam gelegene Villa. Dort werden beide umgebracht, die Leichen mit Schwefelsäure aufgelöst und die Reste entsorgt. Anschließend macht Sarret den Besitz der Chambons zu Geld.

Da niemand ihnen auf die Schliche kam, werden weitere Verbrechen geplant. Doch die Schwestern und der Anwalt werden gierig und leichtsinnig. Außerdem bricht ein Streit um Beute-Anteile aus. Allerdings ist man einander nach zahlreichen Untaten auf Gedeih und Verderb verbunden. Das rächt sich, als nach Jahren die Polizei endlich misstrauisch wird. Die Mühlen der Justiz mahlen jedoch langsam, was dem infernalischen Trio die Möglichkeit gibt, noch einmal neue kriminelle Höhen zu erklimmen …

Zu absurd, um nicht wahr zu sein

Dies ist eine jener Geschichten, die so absurd ablaufen, dass sie einfach wahr sein MÜSSEN. Wie die Autorin in ihrer täuschend naiven Ausdrucksweise gleichsam nebenbei deutlich macht, ist dem freilich keineswegs so: Während man es heutzutage schnell entlarvt hätte, boten die zeitgenössischen Verhältnisse dem Treiben des infernalischen Trios einen idealen Nährboden. Freilich ist die menschliche Dummheit unsterblich. Geht man davon aus, dass Gier, moralfreie Skrupellosigkeit und nicht die Lust aber der Wille zum Mord zeitlose Phänomene sind, könnte unser Trio unter Berücksichtigung der veränderten Grundvoraussetzungen womöglich doch erfolgreich ´arbeiten´.

Fest steht, dass sich die von Solange Fasquelle geschilderten Ereignisse in den Jahren 1918 bis 1934 tatsächlich zugetragen haben. Die Autorin stützt sich auf Primär- und Sekundärquellen. Dennoch ist »Trio Infernal« nur bedingt eine »True-Crime«-Story. Fasquelle berücksichtigt die Fakten, ohne sich von ihnen fesseln zu lassen. Für »Trio Infernal« werden Sarret, die Schmidt-Schwestern und alle, die ihren Weg kreuzen, zu Romanfiguren. Fasquelle macht sich die meist nur unter Hervorhebung ihrer kriminellen Aktivitäten beschriebenen Personen zu Eigen. Sie vertieft ihre Charaktere, indem sie ihnen, die mit ihren überlieferten Original-Äußerungen vor allem ihre Köpfe retten wollten, Gedanken und Worte gibt: So könnte, so müsste es gewesen sein, als das Trio noch unter sich und mit zahlreichen Übeltaten beschäftigt war.

Gerade die Kleinen wollen nach oben

Die Gelegenheit war günstig: Nach dem I. Weltkrieg kamen lange verkrustete Systeme endgültig ins Rutschen. Nicht länger war die Herkunft für den Sozialstatus ausschlaggebend. Auch ´neues´ Geld konnte jetzt den Aufstieg bringen. Wichtig war und blieb dabei die individuelle Einbettung in ein soziales Netz. Georges Sarret hätte die ersehnte Karriere gelingen können. Er stolperte nicht über seine politischen Ambitionen, sondern über seinen – im Doppelsinn – kriminellen Leichtsinn.

Solange Sarret seine Fassade als Bieder- und Ehrenmann aufrecht erhalten konnte, blieb er quasi sakrosankt. Fasquelle schildert vordergründig witzig, dabei aber auch gallig, wie die Polizei nicht das verdächtige Treiben Sarrets, sondern den Gedanken, einen prominenten Mann mit Mord und Leichenbeseitigung in Verbindung zu bringen, für ungehörig hält und verwirft. Als Sarret seinen Schwager umbringt und sich als Täter praktisch auf dem Silbertablett anbietet, greift erneut die Prämisse, dass nicht sein kann, was nicht sein darf: Das neue Establishment beansprucht alte Privilegien.

Im Gegensatz dazu sind die Bedürfnisse der Schmidt-Schwester menschlicher. Sie wollen die Armut und vor allem die Stufe der grauen, öden Dienstboten-Existenz hinter sich lassen. Was zunächst verständlich wirkt, wird von Fasquelle erneut ironisch relativiert: Sobald Philomene und Catherine gelungen ist, wonach sie strebten, verwandeln sie sich in Ebenbilder genau jener Gesellschaftsdamen, die sie zuvor verflucht hatten. Geblieben ist ihnen nur die Furcht vor dem Rücksturz ins Proletariat, den sie deshalb um wirklich jeden Preis verhindern wollen.

Das vom Teufel getriebene Trio

Großmannssucht und Angst: Diese beiden Pfeiler stützen das Fundament, auf dem das »Trio Infernal« knapp zehn Jahre stabil ruht. Fasquelle schildert Sarret, Philomene und Catherine als grundsätzlich alltägliche Zeitgenossen, die höchstens rücksichtsloser und dabei ehrlicher als ihre Mitmenschen vorgehen. Fatal wird es, als diese drei Personen zueinanderfinden. Ein auch von Fasquelle nicht georteter Katalysator lässt aus kleinen Ganoven Kapitalverbrecher werden.

Sie haben sich wie gesagt nicht gesucht aber gefunden, und sie ergänzen einander mit fataler Präzision. Während die Verfilmung stark auf den erotischen Aspekt der Beziehung setzt, konzentriert sich Fasquelle auf die Geldgier als primär verbindenden Faktor. Damit dürfte die Verfasserin die nüchterne Wahrheit besser beschreiben als Drehbuchautor und Regisseur Francis Girod. Sie hält sich an die überlieferten Quellen, und womöglich wahrt sie auch eine Zurückhaltung, die Girod auf dem Weg zum forcierten Film-Skandal scheute und scheuen musste.

Vor allem im Mittelteil gelingt Fasquelle die Schilderung eines Trios, das durch die Ignoranz des geblendeten Establishments eigentlich plumpe Verbrechen begeht, deren Gelingen die drei Personen anstachelt, es immer weiter zu treiben, bis das Glück sie verlässt – und verlassen muss, da die letzten Verbrechen so dreist und unbekümmert inszeniert werden, dass die Entdeckung nicht nur unausweichlich wirkt, sondern tatsächlich ist.

Abruptes Absturz mit bösem ´Happy End´

Die historische Realität, der Fasquelle sich verpflichtet fühlt, wirft ihr einen dramaturgischen Knüppel zwischen die Autorenbeine. Das Ende des Trios kommt zwar, weil es kommen musste, aber es erfolgt dennoch so abrupt, dass ein geschickter Autor es in die Länge ziehen würde. Im letzten Drittel lässt Fasquelle ohnehin die Sorgfalt vermissen, mit der sie bisher die Ereignisse mit Leben erfüllt hat.

Dabei erfasst sie sehr wohl die neuerliche Ironie, die dem Untergang des Trios innewohnt: Die Schmidt-Schwestern, die nach und nach zu bloßen Helfershelfern des immer unerschrockener betrügenden Sarret herabgesunken zu sein schienen, zeigen vor Gericht wesentlich mehr Geschick als ihr alter Meister. Sie nutzen das zeitgenössische Vorurteil, Frauen seien geistig so simpel gestrickt, dass sie leicht verleitet und beherrscht werden können, mit einer Meisterschaft, die genau dies drastisch widerlegt.

Als der Tag der Abrechnung schließlich gekommen ist, bleiben die Köpfe der cleveren Schmidt-Schwestern auf ihren Schultern, während der intelligente und gebildete, alle Register seiner juristischen Kunst ziehende Sarret das Nachsehen unter der Guillotine hat. Begünstigt auch durch ein Sozial- und Rechtssystem, das auf die intellektuelle Zweitklassigkeit der Frau bestand, um sich in selbstzufriedener Wahrung traditioneller Verhältnisse zu wiegen, an denen möglichst nicht gerüttelt werden sollte, trugen die beiden »schwachen Frauen« den Sieg davon. Insofern bekommen Sarrets letzte überlieferte Worte eine Doppelbedeutung: »Ich bin Opfer einer Ungerechtigkeit«. Da hat er – Ironie in buchstäblich letzter Sekunde – durchaus Recht.

»Trio Infernal« – der Film

1974 inszenierte der ehemalige Journalist und spätere Produzent und Drehbuchautor Francis Girod (1944-2006) mit »Trio Infernal« sein Regiedebüt. Er raffte die sich über ein Jahrzehnt erstreckenden Ereignisse, wich im Finale von der Realität ab und lud seine Geschichte mit aus zeitgenössischer Sicht ´perversem´ Sex auf. Mit Michel Piccoli (Sarret), Romy Schneider (Philomene) und Mascha Gonska (Catherine) besetzte Girod die Hauptrollen mit Darstellern, die optisch deutlich attraktiver wirkten als ihre historischen Vorbilder.

Girod gelang ein inhaltlich wie formal überragender Film, der die Gesellschaftskritik der Romanvorlage deutlich überhöhte. Sicherheitshalber setzte der Regie-Neuling zusätzlich auf den Skandal. Die Beseitigung der Leichen nach dem Doppelmord wird bei ihm zur rabenschwarzen Komödie, die den Zuschauer zwischen Übelkeit und Gelächter schwanken lässt. Als sich Jahre später der Skandal-Effekt verflüchtigt hatte, wurde »Trio Infernal« als Klassiker des (französischen) Films anerkannt.

Michael Drewniok, Januar 2011

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