XY von Sandro Veronesi

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2010 unter dem Titel XY, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei Klett-Cotta.
Ort & Zeit der Handlung: Italien, 1990 - 2009.

  • Rom: Fandango, 2010 unter dem Titel XY. 394 Seiten.
  • Stuttgart: Klett-Cotta, 2011. Übersetzt von Michael von Killisch-Horn. ISBN: 978-3-608-93960-6. 380 Seiten.

'XY' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Im verschneiten Wald nahe des Bergdorfs San Giuda werden die Leichen von elf Touristen gefunden. Die Autopsie der Leichen offenbart etwas Unfassbares: elf Leichen, elf Todesursachen. Mord und Selbstmord, Krebs und Herzinfarkt. Ein Opfer scheint dem Biss eines Haifisches erlegen zu sein. Nichts passt zusammen. Während die Behörden die unerklärlichen Details der Tragödie vertuschen, versuchen der Priester Don Ermete und die Psychologin Giovanna, das Rätsel zu lösen. Ihre Ermittlungen führen den Leser auf eine philosophische Reise in die Grenzgebiete unseres Verstandes.

Das meint Krimi-Couch.de: »Suche Krimi, biete Mysterium« 55°

Krimi-Rezension von Jochen König

XY endet an einem Küchentisch. Zwei Personen sitzen sich nachts gegenüber und räsonieren darüber, was hinter der unglaublichen Bluttat stecken könnte, mit der alles begann. Genaugenommen ist dies noch nicht das Ende. Jedenfalls nicht ganz. Denn abschließend wird eine völlig unbedeutende Person zum unfreiwilligen Helden, und eine Frau fährt nach jahrelanger Abstinenz Ski. Ohne Punkt und Komma.

Eigentlich sollte man meinen, dass sich ALLES darum dreht, was genau geschehen ist. An jenem Wintertag, als elf Menschen auf dem Weg in das kleine Bergdorf San Giuda zu Tode kamen. Zur gleichen Zeit, am gleichen Ort und doch jeder auf andere Art und Weise. Enthauptung, Mehrfachvergewaltigung, tödliche Folter, Krebs, Ersticken an einem Brotkrumen, Überdosis Heroin und Haiangriff gehören zu den mehr und weniger spektakulären Todesarten. Ein wegweisender Baum verfärbt sich blutrot. Ein kleines Dorf ist entsetzt und erstarrt wie die eiskalte Gebirgslandschaft, die es umgibt. Don Ermete, der örtliche Pfarrer und einer der beiden Erzähler, sieht seinen Glauben geprüft und seine Mission, den ungeliebten Schutzheiligen San Giudas, Judas Thaddäus (nicht zu verwechseln mit Judas Ischariot, dem Verräter), den »Schutzpatron der Enterbten und hoffnungslosen Fälle«, der Bevölkerung nahe zu bringen, zum Scheitern verurteilt. Denn die Bewohner des abgeschotteten und von der Welt nahezu vergessenen Ortes, wenden sich von der Kirche ab. Zumindest zeitweise.

Derweil kämpft die Psychiaterin Giovanna Gassion mit einer Narbe, die nach fünfzehn Jahren ohne ersichtlichen Grund wieder aufbricht, gegen ihren stalkenden Ex-Lover Alberto und in endlosen Telefonaten um die Zuneigung und das Verständnis ihrer Mutter. Giovanna ist die zweite Erzählstimme des Romans. Und sie redet viel. Ohne Unterlass. Im Präsens, während der etwas besonnenere Don Ermete seinen Teil der Geschichte im Präteritum erzählen darf.

Wer jetzt denkt, dass der grauenhafte Massentod, ein -mord ist es ja nur bedingt, und eine mögliche Eruierung seiner Ursache im Mittelpunkt der Erzählung stehen, der irrt. Er findet zwar immer mal wieder Erwähnung, als unfassbares und unerklärliches Phänomen, doch auf den ersten 200 Seiten verblasst der grausame Vorfall gegenüber den Befindlichkeiten, in die sich unsere beiden Hauptpersonen verstrickt sehen. Während Don Ermetes Glaubens- und Lebenskrise zumindest am Rand das einschneidende  Ereignis streift, ist Giovanna fast ausschließlich auf sich selbst fixiert. Sie lamentiert ihr Leben zugrunde, orientiert sich an Menschen, die sie eigentlich verlassen will (Alberto) oder die ihr die Luft zum Atmen nehmen und sie von einer prekären Situation in die nächste schicken (ihre Mutter). Das passende Beispiel für Karl Kraus´ kleinen Aphorismus: »Ein guter Psycholog ist imstande, dich ohneweiteres in seine Lage zu versetzen.«

Von Don Ermete erfährt der Leser wenigstens etwas über die Einwohner San Giudas und ihre Reaktion auf das existentielle Grauen. Er wird auch zum Führer in die Vertuschungsmethoden der Behörden. Alle Leichen werden post mortem enthauptet und das Ganze als feiger terroristischer Akt dargestellt. Mit den absurden Erklärungsversuchen der stattlichen Apparate und den Reaktionen der Bevölkerung darauf – inklusive der Menschen, die leibhaftig am Ort des Geschehens waren – gelingt Veronesi ein scharfer Kommentar zu jener unglückseligen Mischung aus verordneter und selbst gewählter Unmündigkeit, in die sich die Menschheit, nicht erst seit dem elften September 2001, nur allzu gerne flüchtet. Leider spielt dieser Handlungsstrang nur peripher eine Rolle. Und wer es bislang noch nicht ahnte: Ermittlungen finden überhaupt nicht statt.

Giovanna hingegen verlässt ihren Platz eines um sich selbst kreisenden Sterns erst in der Mitte des Romans, als sie der Gast Don Ermetes wird – was die stärkste Passage des ganzen Buches nach sich zieht. Die gut zwei Seiten dauert…

Bis dahin haben wir mehr über die junge Psychiaterin erfahren als wir je wollten, und auch die nachfolgenden Erkenntnisse sind nicht dazu angetan, ein Aha-Erlebnis zu verursachen.

Man erkennt auf fast jeder Seite das krude Planspiel, bei dem Theologie und Psychologie zum groß angelegten Kampf antreten. Es wimmelt nur so von Verweisen, Doppeldeutigkeiten und Anspielungen in jede nur mögliche Richtung – wer zu viel Zeit hat, kann mit der Entschlüsselung all der kleinen und großen Rätsel, die XY enthält, seinen Lebensabend verbringen. Naja, zumindest einen verregneten Toskana-Urlaub.

Doch welche Erkenntnis bleibt tatsächlich am Schluss? Was erfahren wir mehr, als dass wir ein Buch gelesen haben, das zu keinem Zeitpunkt spannend war, bestenfalls zwischen Faszination und Ödnis angesichts enervierender Geschwätzigkeit schwankte? Dem man gutwillig Anerkennung für die Anhäufung und Anwendung angelesenen Wissens und die eigenwillige Umsetzung desselben spendiert.

Da bleibt kaum etwas, dass "Twin Peaks" nicht schon vor über zwanzig Jahren wusste und wesentlich mitreißender, einprägsamer, nachhaltiger und – natürlich! – unterhaltsamer thematisierte. Das Böse manifestiert sich zu bestimmter Zeit an verschiedenen Orten und beeinflusst alles, was mit ihm in Berührung kommt. Also die gesamte Menschheit. Ob es jetzt die schwarze Hütte ist, die weiße oder jene Wegkreuzung in den verschneiten Alpen, ist dabei völlig egal. Jeder muss selbst entscheiden, ob die Manifestation des ultimativen Grauens das Wirken Satans ist, das des kollektiven schlechten Gewissens der Menschheit oder das eines Gottes, der mit diesem Gegenteil von allem, für das er steht, erst seine Notwendigkeit bewusst macht. Vielleicht ist es auch nur ein dummer Zufall. Ein Unglück. Wie so viele andere.

XY liefert natürlich keine Antwort(en). Die soll sich der Leser schon selbst suchen. Eigentlich eine gute, fast wagemutige Idee. Wenn nur die Umsetzung nicht so penetrant, geschwätzig, zäh und im Hang zur vielfältigen Wiederholung ziemlich einfältig wäre. Gelegentliche kluge Ausbrüche und poetische Höhenflüge exklusive.

Hier lebt man in einem Bergdorf, dachte ich, während man in San Giuda geradezu im Wesen des Gebirges lebte. Das war ein gewaltiger Unterschied.

Böse Zungen mutmaßen indes, XY sei eine hinterhältige Falle. Denn es lockt den gemeinen Thriller-Liebhaber mit einem außergewöhnlich grausamen Blutbad aus seinem geschmacklich immer verschieden und doch so gleichförmig eingerichteten Heim, um ihn dann hinterrücks zu meucheln. Mit etwas, das er nie erwartet hätte: Überhaupt kein Thrill. Nichts. Null. Nirgends.

Wer mehr wissen will, der findet eine Seite im Netz, die einem zumindest das »X« näher bringt; die vorkommenden Personen und diverse Zusatzinfos ebenfalls. Plus ein paar stimmungsvolle Bilder: http://xy-roman.de/

Gebt XY gern eine Chance. Aber sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.

Jochen König, September 2011

Ihre Meinung zu »Sandro Veronesi: XY«

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SimonsMaus zu »Sandro Veronesi: XY« 21.09.2011
Alles in allem beginnt das Buch sehr spannend. Die beiden Hauptfiguren sind von einander unabhängig und strikt getrennt, der Don Emete und die angehende Psychoanalytikerin Giovanno. Anfangs noch flankiert von Alberto und auch StA Errera, auch wenn schnell klar wird, das beide bald das Geschehen verlassen werden. Der Don, einer der drei Entdecker des unglaublichen Blutbades zweifelt an sich, an der Welt und nicht zuletzt auch an seinem Glauben. Wem würde es nicht so gehen, hätte er dies mitansehen müssen? Auf Seite 66 dann unerwartet ein Geständnis, klar und prägnat. Polverone, doch wie glaubwürdig. Folgt der Leser dem Don, der es nich für wahr hält und behält er Zweifel, dass es doch Polverone gewesen sein könnte und der Pfarrer es nur nicht sehen will? Und die ständig gegenwärtige Frage, was ist genau geschehen? Immer nur Andeutungen. bis dann endlich, Seite 84: Die Auflödung des Geschehens. Bis hierhin ist der Leser auch gefesselt, denn er will unbedingt wissen was geschehen ist. Und jetzt? Jetzt geht es um das wie. noch etwa 300 Seiten vor einem, da muss noch mehr kommen. Also liest man voller Erwartungen weiter. Quält sich durch Kettensätze, die über teilweise 14 Zeilen (!) gehen und erwartet den großen Knall, wenigstens eine Andeutung des wie oder warum. Aber nichts... bis auf Seite 105 eine genervte Ärztin alles auf sich selbst projiziert und wer weiß, des Pudels Kern trifft? Errät sie die Motive des Mörders oder der Mörder? Man ist hin und her gerissen und überlegt sich, dass es ja so gesehen wirklich stimmen könnte, dass jede einzelne Leiche, jeder einzelne Tod eine ganz spezielle Bedeutung hat. Nebenfang fangen dann auf Seite 133/134 10 Absätze immer wieder mit "Indessen" an. Absicht?? Wieder zieht es sich unsagbar in die Länge, Alberto und diese Abhängigkeit der Ärztin fangen gerade an, einem auf die Nerven zu gehen, als auf Seite 137 die beiden Hauptpersonen aufeinander treffen. Endlich! Jetzt wird es weiter gehen, die Spannung wird zurückkehren... Teil 2 beginnt.

Aber nichts...Der zweite Teil beschreibt ein abgeschiedenes Dorf, deren Inzucht und (natürlich) die daraus resultierenden Folgen, wie geistige Verwirrung und auch die große Abhängigkeit voneinander. Das war es auch schon. Jeder hat sein Wehwehchen, jeder die ein oder andere Störung, aber helfen kann ihnen niemand. Das Blutband wird, außer als "das große Unglück, das alles geschadest hat" nicht weiter erwähnt, geschweige denn an deren Aufklärung auch nunr gedacht. Buch weglegen oder weiterlesen in der Hoffnung, dass das Ende die Erklärung liefert? Ich habe mich fürs weiterlesen entschieden und gelangte ab Seite 295 in den dritten Teil...

Das große Finale, endlich wird auf den letzten 100 Seiten das Geheimnis enthüllt werden, wie so etwas geschehen konnte, und auch warum und ganz wichtig: WER? Doch auch hier: nichts. Man muss akzeptieren, dass man nicht alles ergründen und verstehen kann. Doch muss ich als Leser das? Ist das alles, was ich von einem Buch mit derart spannendem Einstief erwarten darf? Ich bin wie oben erwähnt sehr enttäuscht. Auch viel es mir schwer, nachdem bereits klar war, dass keine Aufklärung mehr kommt, mich auf die letzten Seiten ab Seite 381 zu konzentrieren. Ohne Punkt und Komma, nicht einmal bei namentlichen Aufzählungen wird ein Komma gesetzt. Schrecklich! Und das ist das enttäuschende Ende eines sehr vielversprechenden Anfangs.
Ihr Kommentar zu XY

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