Mordakte Kasino von S. S. van Dine

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1934 unter dem Titel The Casino Murder Case, deutsche Ausgabe erstmals 1935 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: USA / New York, 1930 - 1949.
Folge 8 der Philo-Vance-Serie.

  • New York: Scribner, 1934 unter dem Titel The Casino Murder Case. 283 Seiten.
  • Bern; Leipzig; Wien: Goldmann, 1935 Der Tod im Kasino. Übersetzt von Hans Herdegen. 223 Seiten.
  • München: Goldmann, 1951 Der Tod im Kasino. Übersetzt von Hans Herdegen. 217 Seiten.
  • München: Heyne, 1974. Übersetzt von Leni Sobez. ISBN: 3-453-10194-4. 127 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2009. Übersetzt von Leni Sobez. ISBN: 978-3-596-18467-5. 189 Seiten.

'Mordakte Kasino' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Philo Vance, ein erfolgreicher Amateurdetektiv, der schon viele Fälle gelöst hat, erhält einen Brief, in dem geheimnisvolle Andeutungen gemacht werden. Vance kennt die Schwächen der Menschen so gut, dass er diese Botschaft überaus ernst nimmt. Deshalb begibt er sich auch, wie aufgefordert, in das Kasino. Dort muss er miterleben, wie der junge Lynn Llewellyn zusammenbricht. Offensichtlich ist er vergiftet worden. In derselben Nacht stirbt auch Lynns Frau. Auch sie wurde vergiftet, und der dritte Mord mit Gift rundet eigentlich nur das Bild ab. Philo Vance weiss, dass ein Mörder am Werk ist, der sich alles genau überlegt hat. Und noch etwas ist Vance klar: Er kann diesen Fall nur aufklären, wenn es ihm gelingt, etwas klüger zu sein als der Mörder.

Das meint Krimi-Couch.de: »Rien ne va plus! – Philo Vance lässt die Kugeln rollen« 80°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Der aktuelle Fall des Privatermittlers Philo Vance beginnt mit einem anonymen Brief. Sein unbekannte Verfasser (oder ist es eine Verfasserin?) kündigt düster Mord & Totschlag in einer renommierten Familie aus New York City an: Die Llewellyns gehören zum alten Geldadel der Stadt. Unter der Fuchtel von Mrs. Anthony Llewellyn, der Matriarchin des Clans, residieren feudal aber nicht glücklich in der Familienvilla:

  • Richard Kinkaid, Bruder der Hausherrin; vom Vater wurde er weitgehend enterbt und ist deshalb auf die Einkünfte seines allerdings lukrativen Spielkasinos angewiesen.
  • Lynn Llewellyn, Sohn derselben; seiner Mutter ist er beinahe ödipal ergeben, den Onkel hasst er. Besessen arbeitet er an einem System, mit dessen Hilfe er die Kasinobank sprengen und Kinkaid demütigen will.
  • Amelia Llewellyn, Lynns Schwester; sie dilettiert als Künstlerin und beginnt sich zu einer gelangweilten, zynischen Jungfer zu entwickeln.
  • Virginia Vale, Lynns Gattin; der ehemalige Varieté-Star wird von der Schwiegermutter terrorisiert und fühlt sich auch sonst – und mit Recht – unwillkommen in ihrem ´Heim´.
  • Morgan Bloodgood, Kinkaids Spielaufseher und Chefcroupier, ist ein undurchsichtiger Mann, der Amelia den Hof macht und sich deshalb oft in der Familienvilla aufhält.
  • Dr. Allan Kane plant offenbar Ähnliches und lässt sich deshalb ebenso eifrig dort blicken.

Die Lunte am familiären Pulverfass brennt, und Vance ist gewarnt. Mit seinem Sekretär und John F.-X. Markham, dem Distrikt-Anwalt von New York, betritt er dennoch zu spät die Szene: Als das Trio Kinkaid in seinem Kasino aufsucht, werden sie Zeugen, wie Lynn nach einem hohen Roulette-Gewinn vergiftet zusammenbricht. Während sein Leben knapp gerettet werden kann, stirbt daheim Gattin Virginia durch ein weiteres Gift-Attentat. Sie bleibt nicht das letzte Opfer des unheimlichen Mörders sein, der seine Taten so geschickt plant, dass nicht einmal Vance das Gift identifizieren kann, mit dem getötet wird. Doch der Detektiv holt bald auf – und erregt dadurch die Aufmerksamkeit des Killers, der zu dem Schluss kommt, dass nur ein Dreifachmord ihm (oder ihr) einen endgültigen Sieg bescheren kann …

»The bigger they come ...«

Die 1930er Jahre waren keine gute Zeit für den Kriminalschriftsteller S. S. van Dine. Berühmt war er mit klassischen Whodunits geworden, die dem Genre zwar keine neuen Impulse gaben, es aber auf manchmal geniale Weise ausloteten und interpretierten. Die ersten sechs Philo-Vance-Romane gehören nach Ansicht der Literaturkritik zum Kanon der ewigen Klassiker.

Mordakte Kasino ist kein ´schlechter´ Roman. Eigentlich setzte van Dine die Vance-Reihe fort, wie er sie begonnen hatte: In abgeschlossenen Räumen – dem Familiensitz der Llewellyns bzw. dem Kinkaidschen Kasino – und in Anwesenheit einer namhaft gemachten Schar potenzieller Verdächtiger geschehen diverse Morde. Dieses Mal kommt Gift zum Einsatz, ein Instrument, das nicht die direkte Anwesenheit des Täters erfordert. Das ist nicht nur heimtückisch (und unsportlich), sondern erschwert auch die Ermittlungen erheblich, zumal das dieses Mal zum Einsatz kommende Mittel sich nicht nachweisen zu lassen scheint.

Van Dine stellt – ´vertreten´ durch Philo Vance – sein einschlägiges Wissen über in Mörderkreisen ´beliebte´ Gifte unter Beweis. Mit dem möglichen Einsatz »Schweren Wassers« wird die Palette um ein bizarres Mittel erweitert. Aber van Dine, der Hintertürchen in einem Krimi verdammte, findet letztlich zu einer logischen und gleichzeitig überzeugenden Auflösung zurück.

Grundsätzlich wird Mordakte Kasino dadurch zum Vance-Krimi, wie wir ihn kennen und schätzen. Die Vorbehalte rühren womöglich aus dem Wissen um die Skepsis der Kritik (s. o.) her, denn die Lektüre ist durchaus unterhaltsam. Nüchtern und sachlich beschreibt van Dine Schauplätze, legt Indizien offen, hält uns an der Leine, wie wir es wünschen, wenn wir miträtseln möchten, wer hinter den Morden steckt. Auch das große Finale lässt an Dramatik nichts zu wünschen übrig. Die letzten Rätsel werden vor dem Lauf des entsicherten Revolvers enthüllt, die der Täter auf den Detektiv richtet.

» …the harder they fall«

So sollte man sich das Vergnügen an diesem alten oder sogar altmodischen Krimi nicht verderben lassen. Dass S. S. van Dine unter die Räder eines sich drastisch verändernden Publikumsgeschmacks geriet, liegt viele Jahrzehnte zurück. Wie Lars Schafft in einem seiner beiden ausführlichen Nachworte beschreibt, wurde van Dine zum prominenten Opfer des Hard-Boiled-Krimis. Harte Jungs mit großkalibrigen Knarren übernahmen in den 1930er Jahren das Ruder. Die neuen Stars des Genres hießen Raymond Chandler oder Dashiell Hammett. Der Ton wurde rau und war (scheinbar) der Wirklichkeit abgelauscht. Die künstliche und isolierte Welt des Philo Vance (der in Mordakte Kasino gerade mit der Abfassung einer wissenschaftlichen Monografie über sumerische Töpferei beschäftigt ist) erschien – zumal angesichts der Weltwirtschaftskrise mit ihren politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Verwerfungen – überkommen und lächerlich.

Lars Schafft beschreibt die für van Dine dramatischen Folgen. Dieser schrieb ausschließlich Philo-Vance-Romane, die sein Auskommen sicherstellten, zumal Hollywood zuverlässig die Filmrechte erwarb. Mit »Mordakte Kasino« begannen die Verkaufszahlen einzubrechen. Van Dine blieb notgedrungen bis zum bitteren Ende seinem Detektiv treu, doch vermutlich ersparte ihm sein relativ früher Tod im Jahre 1939 eine ernsthafte Finanzkrise.

Die Mordakte Kasino in Deutschland

Auch in Deutschland war van Dine mit seinen Vance-Romanen erfolgreich. Sie wurden regelmäßig und schnell übersetzt, bis das Dritte Reich dem in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre einen Riegel vorschob. Mordakte Kasino erschien als Der Mord im Kasino 1935 im Goldmann-Verlag; diese Ausgabe wurde 1951 erneut aufgelegt.

Die aktuelle Ausgabe basiert indes auf einer neu übersetzten Fassung des Jahres 1974, die nicht nur gekürzt ist, sondern sich auch recht altmodisch liest. Dies wird freilich erst im Vergleich mit den ungekürzten und neu übersetzten Vance-Romanen deutlich, die zwischen 1987 und 2003 in der »Kriminal-Bibliothek« des DuMont-Verlags erschienen. Deren Einstellung machte weiteren Neuausgaben ein Ende, sodass der Leser, der nicht zum Originaltext greifen möchte (der übrigens u. a. hier gratis nachgelesen oder hier – mit den van-Dine-typischen ´wissenschaftlichen´ Fußnoten – gratis heruntergeladen werden kann), zu Recht froh sein darf, auf den Fischer-Crime-Classic-Band zurückgreifen zu können, der als Boni gleich zwei informationsreiche Nachworte des Krimi-Couch-Chefredakteur Lars Schafft enthält, der einerseits über Mordakte Kasino als Wendepunkt im van Dineschen Schaffen schreibt und andererseits einige oft vergessenen Meister des frühen US-amerikanischen Kriminalromans vorstellt.

The Casino Murder Case als Film

Philo Vance gehörte in den frühen 1930er Jahren zu den Detektiven, die nicht nur literarisch, sondern auch im Film zu Ruhm gelangten. Hollywood griff gern auf van Dine zurück, zumal die Umsetzung nicht kostenintensiv war und kalkulierbar blieb: In dieser Ära der Geschichte wurden Filme wie am Fließband produziert. Da die großen Studios selbst Kino-Ketten besaßen, war gewährleistet, dass auch B-Movies ihr Publikum fanden.

The Casino Murder Case wurde 1935 vom Routinier Edwin L. Marin (1899-1951) inszeniert. Seinen Namen wird man in den Hollywood-Annalen höchstens als Fußnote finden; Marin gehörte zum Heer jener Regisseure, die in erster Linie für ihre Fähigkeit bekannt (und von ihrem Arbeitgeber geschätzt) wurden, Filme möglichst rasch, problemfrei und im Budgetrahmen zu realisieren. The Casino Murder Case ist deshalb ein B-Movie reinsten Wassers, das wohl ein wenig zu originalgetreu der Romanvorlage folgte, um erfolgreich zu werden: Es gab keine Romanze, und der Krimi-Plot war keineswegs fesselnd genug, um dies auszugleichen. Da half es wenig, dass Florence Ryerson und Edgar A. Woolf das Drehbuch schrieben; vier Jahre später schrieben sie am Buch zum ewigen Klassiker Der Zauberer von Oz mit Judy Garland in der Hauptrolle mit.

Die Schauspieler gehörten zum Stammpersonal des Metro-Goldwyn-Mayer-Studios. Mit Paul Lukas (1891-1971) war die Hauptrolle trotzdem durchaus ansprechend besetzt; im Verlauf seiner mehr als 50-jährigen Karriere zeigte sich Lukas als gewandter Schauspieler, auch wenn es zu echtem Starruhm nie reichte. Aus der Schar der übrigen Darsteller ragen Rosalind Russell und Leo G. Carroll heraus, die freilich erst später bekannt wurden.

Michael Drewniok, August 2009

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SukRam zu »S. S. van Dine: Mordakte Kasino« 05.07.2009
Solides Handwerk, aber keinesfalls brilliant.
Mal wieder muss der arme Van Dine [Erzählfigur] umherirren, ohne dass je jemand ein Wort mit ihm wechselt. Er und Vance bauschen beide gern auf, nutzen Superlative, um den ,,gerissensten aller Teufel" oder ,,genialsten aller Verbrecher" zu beschreiben.
Mich belustigen immer die dramatisch abgedroschenen Phrasen; sie wirken so vertraut wie der arrogante, aber intelligente Vance (der mal wieder gekünstelt agiert und am Ende als Superman gefeiert wird).
Man muss sich manchmal wirklich fragen, warum Vance in den 20er Jahren so beliebt war! Vielleicht lag es ja an Van Dines komplizierten Plots, doch dieser hier ist eher Durchschnittsware. Schade!

Meine Wertung: 77°
mase zu »S. S. van Dine: Mordakte Kasino« 07.06.2009
„Mordakte Kasino“ werde ich schnell wieder vergessen haben und ist für mich absolute Durchschnittsware. Der Protagonist, der Plot und die Auflösung, alles konnte mich nicht überzeugen, darum kann ich auch keine positiven Eigenschaften aufzählen, ausser vielleicht, dass die 170 Seiten schnell gelesen sind. Für mich bis jetzt das blasseste Werk der Fischer Crime Classic Reihe.

Gestört hat mich, dass van Dine den Leser, oder jedenfalls mich, kaum am Fall teilnehmen liess. Er gibt zu wenig Tipps und Hinweise, um selbst raten zu können, wer der Täter sein könnte, denn Philo Vance erzählt seinem „Watson“ seine Gedankengänge nicht und darum fühlte ich mich irgendwie nie richtig im Buch „drin“.

Mehr gibt es nicht zu sagen, denn mehr gab das Buch für mich nicht her.
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