Der Mordfall Terrier von S.S. van Dine

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1933 unter dem Titel The kennel murder case, deutsche Ausgabe erstmals 1938 bei Tal.
Ort & Zeit der Handlung: USA / New York, 1910 - 1929.
Folge 6 der Philo-Vance-Serie.

  • New York: Charles Scribner´s Sons, 1933 unter dem Titel The kennel murder case. 307 Seiten.
  • Wien; Leipzig: Tal, 1938 Die chinesische Vase. Übersetzt von Anton Zahorsky. 223 Seiten.
  • München: Heyne, 1976 Mordakte Scotchterrier. Übersetzt von Leni Sobez. ISBN: 3-453-10292-4. 156 Seiten.
  • Köln: DuMont, 2002. Übersetzt von Manfred Allié. ISBN: 3832183043. 271 Seiten.

'Der Mordfall Terrier' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Ein als Selbstmord aufwändig getarnter erster Mord in einem hermetisch verschlossenen Raum, ein niedergeschlagener Hund, verschwindende und an falscher Stelle wieder auftauchende Mordwerkzeuge, die zwischendurch für einen zweiten Mord verantwortlich werden – viel Grübelarbeit für Philo Vance, bis sogar sein ausgeprägtes Selbstbewusstsein im Labyrinth der Täuschungen zu leiden beginnt; freilich nur so lange, bis er der Fantasie die Zügel schießen lässt und einem bizarr gescheitertem Mordplan auf die Schliche kommt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Meisterwerk des klassischen Kriminalromans« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

In seinem von innen verriegelten Schlaf- und Arbeitszimmer sitzt Archer Coe, der bekannte Sammler wertvoller chinesischer Keramik – mit einem Loch in der Schläfe, das von dem Revolver rührt, den er noch in der Hand hält. Eine klare Sache also, nur dass sich niemand, der Coe kannte, einen Selbstmord verstellen kann. Der Verstorbene war ein Widerling, der zumindest das eigene Leben liebte. Die sich mit ihm im großen Coe-Haus aufhaltenden Familienangehörigen (Brisbane Coe, der Bruder; Hilda Lake, die Nichte), Gäste (Raymond Wrede, Kunstliebhaber und Verlobter von Hilda; Eduardo Grassi, Fachmann für orientalische Altertümer) und Bediensteten (Butler Gamble; Koch Liang Tsung Wei) schurigelte er mit Behagen, als Sammler war er dafür berüchtigt, andere Porzellanfreunde übers Ohr zu hauen.

Zumindest ein Rätsel löst sich, als Polizeiarzt Doremus die Leiche unter die Lupe nimmt: Coe wurde ermordet – mit einem stumpfen Gegenstand niedergeschlagen und erstochen, erst anschließend 'erschossen'. Wie hat er es trotzdem geschafft, sich in seinem Raum einzuschließen? Ein Fall für Meisterdetektiv Philo Vance, den John F.-X. Markham, sein Studienfreund und nun Bezirksstaatsanwalt des Staates New York, sogleich heranzieht.

Rätsel über Rätsel – und ein erschlagener Hund

Vance sieht sich vor einige Rätsel gestellt, die sich sogleich vermehren. In einem Winkel des Hauses findet sich ein kleiner Scotchterrier, der von unbekannter Hand übel verletzt wurde. Woher kommt der Hund, denn im Coe-Haushalt sind Hunde nicht gestattet? Der Terrier wurde offenbar mit demselben Gegenstand geschlagen wie Archer Coe.

Zumindest ein Verdächtiger lässt sich bald ausschließen: In einem Garderobenschrank wird die Leiche von Brisbane Coe entdeckt – erdolcht wie sein Bruder. Die Verwirrung ist damit komplett. Wo sind die Mordinstrumente? Sie tauchen wie aus heiterem Himmel an eigentlich unmöglichen Stellen auf. Wieso ist eine kostbare Vase aus Archers Sammlung zerbrochen? Das Durcheinander macht nicht nur Vance und Markham zu schaffen. Der Detektiv kommt nach Sichtung der Indizien zu dem Schluss, dass ein ausgeklügelter Mordplan schief gegangen ist und der in Panik geratene Mörder seither im Wettlauf mit der Polizei versucht, seine Spuren zu verwischen – ein Katz-und-Maus-Spiel, so dass es nur gerechfertigt scheint, dass die Lösung des Falls ausgerechnet von dem mysteriösen Scotchterrier abhängt …

Das Ying und Yang van Dines Thriller

Der Mord im geschlossenen Raum – heute ein Klischee, das jeder Verfasser von Kriminalromanen tunlichst vermeidet. Als diese Idee erfunden wurde, kam sie freilich rasch in Mode und entwickelte sich zu einer Herausforderung, der sich die meisten Autoren des Genres mindestens einmal stellten. S. S. Van Dine tat es sogar mehrfach, denn er war ein entschlossener Repräsentant des »ehrlichen« Rätselkrimis. Wer war der Täter, wie hat er sein Verbrechen begangen? Dies war Ying und Yang seiner Thriller.

Die Beweggründe des Täters wurden durchaus nicht ausgespart, aber das »Whodunit« stand wie gesagt im Vordergrund, seine gleichzeitig möglichst exotische wie »logische« Auflösung stand im Mittelpunkt des Finales, das von der Handlung vorbereitet wurde. »Mordakte Terrier« bildet keine Ausnahme. Sogar Van Dine hat sich selten freiwillig einer solchen Herausforderung gestellt. Mit beinahe masochistischem Vergnügen verwirrt er die Fäden im Mordfall Coe so stark, dass man als Leser keinen Pfifferling mehr auf ein nachvollziehbares Entwirren setzen will. Nicht nur der unmögliche Mord im besagten Raum fordert Philo Vances Aufmerksamkeit. Auch außerhalb des Todeszimmers türmen sich die mysteriösen Indizien: zerschlagenes Geschirr, ein erstochener Bruder, ein halb toter Hund …

Daran muss der Autor lange getüftelt haben

Aber S. S. Van Dine kriegt im entscheidenden Moment die Kurve, auch wenn er dieses Mal nicht nur die übliche Skizze des Tatorts benötigt, sondern deren zwei, außerdem eine Zeichnung des Mordzimmerschlosses, wie es der Schurke fast zauberhaft von außen schließen konnte. Daran muss Van Dine lange getüftelt haben, aber das Ergebnis überzeugt.

Das gilt auch für die Geschichte selbst. Natürlich spielt sie sich quasi jenseits von Raum und Zeit in einem Märchenland ab, das in sich selbst ruht bzw. in einem Haus wohlhabender Nichtstuer spielt, deren Leben um eine Sammlung chinesischen Porzellans kreist. Die Polizei unterwirft sich dem Diktat eines Amateurs, das Schicksal übernimmt praktischerweise die Bestrafung des Täters – Realismus ist Van Dines Feind, sie sicherte ihm kurioserweise jedoch die Unsterblichkeit des Klassikers, denn heute sind seine Philo Vance-Thriller pure Nostalgie und Zeugen einer Epoche, in der »fair play« im Kriminalroman mehr als eine Phrase war.

Philo Vance Needs a Kick in His Pants

»Philo Vance / Needs a Kick in His Pants« – das ist (wir erfahren es im Nachwort der DuMont-Ausgabe des »Mordfalls Benson« von Herausgeber Volker Neuhaus) ein Spottvers, der in den späteren 1930er Jahren geprägt wurde. Er kündet eindringlich davon, dass Mr. Vance sich keiner ungeteilten Beliebtheit erfreute. Seine auf altem Geld & vornehmer Erziehung beruhende altmodische Lässigkeit wurde ihm zum Vorwurf gemacht. Schlimmer noch: Vance meint seine herablassende 'Freundlichkeit’ Ernst; er hält sich tatsächlich für etwas 'Besseres’ – und womöglich hat er Recht. Das wurde ihm nicht verziehen, als die Weltwirtschaftskrise im Gefolge des »Schwarzen Freitags« von 1929 die USA in einen wirtschaftlichen Abgrund stürzte und handfeste, ehrliche und hart arbeitende Männer auch den Kriminalroman eroberten.

Doch Philo Vance blieb sich treu – und schwer erträglich selbst heute noch. Er ist von fast unerträglicher Gelehrsamkeit auch in den seltsamsten Fachgebieten, ein Dilettant in der positiven Bedeutung des Wortes, d. h. ein Mann, der sich viel Wissen erworben hat, ohne davon leben zu müssen. Deshalb hatte Vance es niemals nötig, sich diplomatisch zu verhalten. Weniger kultivierte und 'dumme’ Menschen haben deshalb wenig zu lachen, aber viel zu springen, wenn der Meister die Szene betritt.

Ein meisterhaftes Spiel der Selbstverherrlichung

Vance spielt meisterhaft auf dem Instrumentarium der Selbstverherrlichung. Ständig ergeht er sich bei den Ermittlungen in bedeutungsvollen Anspielungen, weigert sich aber diese auszuführen, bevor er sich »seiner Sache wirklich sicher« ist. Dabei merken wir genau, dass er schon deutlicher früher weiß, wie der Hase läuft, er aber abwartet, bis er ihn publikumswirksam aus seinem Hut ziehen kann. An solche Arroganz sollte sich der Leser also gewöhnen.

Die dummen Fragen stellt nicht Vances stummer Chronist S. S. Van Dine, der Verfasser, der angeblich auch der Chronist dieses Falles ist, sondern Staatsanwalt Markham, der sich zwar skeptisch gibt, aber nur geringfügig wenig selbstherrlich agiert als sein Freund und Berater. Da Männer wie Sergeant Heath die Polizei vertreten, bringen wir dafür freilich Verständnis auf: Hier arbeiten wahrlich nicht die fähigsten Vertreter der Gattung Mensch für die Justiz des Staates New York.

Für Nostalgie gilt es manchmal einen Preis zu zahlen

Was wiederum gar nicht so weit entfernt ist von der historischen Realität. Um 1930 konnte man ganze Polizeireviere als Brutnester korrupter Haudraufs bezeichnen, die einer komplexen Ermittlung nicht gewachsen waren. Insofern wirkt Heath überzeugend, wenn er sogleich den »messerstechenden Ithaker« oder das »schleichende Schlitzauge« verhaften und mit Hilfe des Gummischlauches 'verhören’ will – Rassismus und Diskriminierung sind an diesem Ort und zu dieser Zeit hässliche Alltags-Realität. Van Dine (dieses Mal ist der 'richtige’ Verfasser gemeint) kann sich ihrer politisch völlig korrekt bedienen; die (neue) Übersetzung hat dies erfreulicherweise nicht vertuscht: Für Nostalgie gilt es manchmal einen Preis zu zahlen!

Andererseits hat sich Van Dine nicht dazu herabgelassen, die zeitgenössischen Klischees tatsächlich zu bedienen. Sein Liang Tsung Wei ist kein radebrechender »Chink«, sondern ein belesener, kultivierter Mann, den gut nachvollziehbare Vorsicht zu seiner Zurückhaltung in einem Land veranlasst, das Fremde nur als Dienstboten schätzt. Auch Eduardo Grassi ist kein grimassierender, schleimiger italienischer Frauenhandküsser, wie ihn die US-Amerikaner noch heute gern (gutmütig?) belachen, sondern ein Gentleman mit nicht ganz kompatiblen, aber ausgeprägten Manieren, der unschuldig ist und schließlich sogar eine gute amerikanische Maid heiraten darf.

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