Der Mordfall Canary von S.S. van Dine

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1927 unter dem Titel The Canary Murder Case, deutsche Ausgabe erstmals 1931 bei Ullstein.
Ort & Zeit der Handlung: USA / New York, 1910 - 1929.
Folge 2 der Philo-Vance-Serie.

  • New York: Scribner, 1927 unter dem Titel The Canary Murder Case. 310 Seiten.
  • Berlin: Ullstein, 1931 Der Fall der Margaret Odell. Übersetzt von Hans Schiebelhuth. 310 Seiten.
  • Berlin: Verlag des Druckhauses Tempelhof, 1949 Der Fall der Margaret Odell. Übersetzt von Hans Schiebelhuth. 255 Seiten.
  • München: Heyne, 1973 Mordakte Kanarienvogel. Übersetzt von Leni Sobez. 127 Seiten.
  • Köln: DuMont, 1996. Übersetzt von Manfred Allié. DuMonts Kriminal-Bibliothek; Bd. 1062. ISBN: 3-7701-3118-5. 276 Seiten.
  • Köln: DuMont, 2000. Übersetzt von Manfred Allié. ISBN: 3-7701-5401-0. 276 Seiten.

'Der Mordfall Canary' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Gentleman-Detektiv Philo Vance hat es wieder einmal mit einem besonders mysteriösen Mord zu tun: Die berühmte Broadway-Tänzerin Margaret Odell, auch »Kanarienvogel« genannt, liegt erdrosselt in ihrer Wohnung – deren Tür fest verschlossen war. Unmöglich, dass ein Mörder hinein- und wieder hinausgelangen konnte. Sergeant Heath als Vertreter der Mordkommission interessiert sich nur für Fakten, Fingerabdrücke und Vorstrafen, während Vance sofort einen »klugen Kopf« hinter den kunstvoll arrangierten Ergebnissen vermutet. Schon bald stößt er bei seinen Ermittlungen auf dunkle Seiten im Leben des »Kanarienvogels« und ihrer Liebhaber …

Das meint Krimi-Couch.de: »Dem Kanarienvogel wird der Hals umgedreht ...« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Auf dem Broadway von New York galt sie als absoluter Bühnenstar, doch nun liegt Margaret Odell, liebevoll »The Canary« (= Kanarienvogel) genannt, brutal erdrosselt in ihrer kleinen aber luxuriösen Wohnung. Für die Presse ist dies ein Fest, für die Polizei jedoch ein Albtraum. Eine rasche Aufklärung des Falls ist geboten, weshalb Bezirksstaatsanwalt John F.-X. Markham persönlich die Ermittlungen leitet.

Wie starb der Kanarienvogel? Die Leiche wurde in einem von vergitterten Fenstern geschützten Raum entdeckt, der nur durch eine einzige, zudem fest von innen verschlossene Tür zu betreten ist. Die Wohnung wurde durchsucht und Schmuck gestohlen, was den etwas beschränkten Sergeant Heath von der Mordkommission fest an einen Raubmord denken lässt. Markham würde sich da gern anschließen, doch wie wurde die Tat begangen?

Zu Markhams Freunden gehört der Kunstsammler Philo Vance, ein kauziger aber hochintelligenter Mann, der dem Staatsanwalt vor einiger Zeit sehr erfolgreich in einem Mordfall beraten hat. Hilfe suchend wendet sich Markham erneut an Vance, der sich tatsächlich anheuern lässt. Den Mord betrachtet er als intellektuelle Herausforderung und sorgfältig geplantes Verbrechen.

Denn der Kanarienvogel sang nicht nur, sondern erpresste gern ihre männlichen Begleiter, die sorgfältig nach gesellschaftlichem Status und Vermögen ausgesucht wurden. Vier Verdächtige gibt es plötzlich – den honorigen Fabrikanten Kenneth Spotswoode, den Pelzhändler Louis Mannix, den Lobbyisten und Nachtclub-Besitzer Charles Cleaver sowie den Modedoktor Ambroise Lindquist. Alle weisen sie hieb- und stichfeste Alibis nach, die Vances Nachforschungen nur bedingt standhalten. Die Lösung des Rätsels scheint indes an der Unmöglichkeit der Tat zu scheitern – bis Philo Vance die losen Fäden eines fast perfekten Verbrechens zu einem Knoten schnürt …

Die trügerische Eindeutigkeit der Indizien

Traue deinen Augen nicht, wenn Menschen in ein Rätsel verwickelt sind, denn entweder lügen sie oder sie irren sich. Dieses Urteil schließt nach Ansicht von Philo Vance sogar eine heilige Kuh der Kriminalistik ein: den Glauben an die Unfehlbarkeit des Indizes. Der Mordfall Canary belegt prompt diese Aussage, die auch den Krimilesern recht provozierend in den Ohren klingt, gilt doch das Indiz seit Auguste Dupin und Sherlock Holmes bis heute vor allem in seiner Inkarnation als versehentlich am Tatort zurückgelassene Spur des Verbrechers im Zweifelsfall als nicht selten alles entscheidender Hinweis.

Wieso dies nicht so ist bzw. sein muss, erläutert Philo Vance einem ungläubigen John Markham im einleitenden Kapitel von Der Mordfall Canary. 1927 war ein Referat als Auftakt eines Kriminalromans noch möglich; die Leser ließen es sich gefallen und erwarteten sogar, dass ihnen die Regeln des sich anschließenden Spiels erläutert wurden.

Weil S. S. Van Dine zu den Autoren gehörte, die diese Regeln entscheidend mitgestalteten, galt es ihm erst recht zu lauschen. Mit dem ihm eigenen Geschick trat er denn auch umgehend den Beweis an und wählte dafür infam ein Locked-Room-Mystery, d. h. den prinzipiell nicht möglichen Mord in einem fest verschlossenen Raum, der wenige mysteriöse und miteinander vermeintlich unvereinbare Hinweise auf den Täter enthält. In dieser Umgebung müssten sie zum Schlüssel werden.

Zunächst wiegt uns Van Dine auch in dieser Sicherheit und arbeitet brav die Liste der vorhandenen Indizien ab. Bald kommt er jedoch auf seine anfänglich geäußerte These zurück und setzt diese im zweiten Teil des Romans zu immer neuen, zunächst sehr logisch klingenden Szenarien zusammen, die sich wiederholt als Fehlinterpretationen herausstellen.

Weil der Detektiv Philo Vance heißt, reibt er dies dem armen Markham und damit auch uns Lesern allzu gern unter die Nase. Obwohl wir ihn ob seiner Überheblichkeit gern in den Hintern treten möchten, müssen wir zugeben, dass im Recht ist. Als Vance das Rätsel schließlich (und selbstverständlich im Rahmen eines großen Finales, das alle Verdächtigen an einem Ort versammelt) lüftet, erweist es sich als nicht einmal besonders kompliziert, sofern man sich nicht gar zu fest in die vorgeblichen 'Beweise’ verbissen hat.

Ein schwer erträgliches Superhirn

Eine interessante Lektion lernen wir Krimifreunde auf diese Weise – und ein Lehrstück ist Der Mordfall Canary tatsächlich; dafür sorgt S. S. Van Dine, der nie ein Problem damit hatte, auf sein einschlägiges Fachwissen zu pochen. Als Leser zahlt man dafür seinen Preis: Van-Dine-Krimis sind klar konstruierte Geschichten, die mit der Präzision eines Uhrwerks ablaufen. Gefühle sind Elemente des Puzzles, das mit reiner, emotionsfreier Geisteskraft zusammengesetzt wird. Keine Person in diesem Roman ist sympathisch – am wenigsten der ermittelnde Detektiv – oder weckt unser Mitgefühl. Wo Sherlock Holmes trotz seiner intellektuellen Kühle immer noch einnehmend wirkt, ist Philo Vance schier unerträglich.

Ein Snob sei er nicht, obwohl ihm genau dies oft vorgeworfen werde, argumentiert Anwalt Van Dine (der als fiktiver Chronist Vances Taten dokumentiert und kommentiert); Vance stehe aufgrund seiner geistigen Fähigkeiten und seines Wissens einfach auf einer höheren Stufe als die Mehrheit seiner Zeitgenossen, denen dieser Weg nach oben durch Herkunft und die Verpflichtung zu alltäglicher Brotarbeit verschlossen bleibt. So 'begründet’ ist es nicht Arroganz, die Vance von der Masse trennt, sondern seine eingeschränkte Möglichkeit, mit dieser zu kommunizieren.

Wenn man weiß, dass Willard Huntington Wright, der unter dem Pseudonym S. S. Van Dine schrieb, hier seiner eigenen Überzeugung Ausdruck verlieh (die er realiter auch lebte), wirkt diese Interpretation nicht gar zu verlogen. Für ein vom Alltagsschmutz nicht beflecktes Superhirn wie Philo Vance mögen seine Mitmenschen in der Tat nichts als Schachfiguren sein. Das schließt Vertraute wie Van Dine und 'Freunde’ wie Markham ausdrücklich ein. Selbst sie können Vance nur ein kleines Stück auf dessen geistigen Höhenflügen begleiten.

Vance ist als Masterhirn eine singuläre Erscheinung. Darüber hinaus ist er von Geburt Angehöriger der (New Yorker) Oberschicht, die in den Mordfall Canary verwickelt ist. Der gemeine Polizeibeamte hat in diesem Jahr 1927 nicht das Recht, gegen Männer von Stand und Einfluss zu ermitteln. Was das bedeutet, zeigt sich im Vernehmungsstil: Markham und Vance empfangen potenzielle Verdächtige in vornehmen Clubs und fassen sie mit Glacéhandschuhen an. Berufsdieb Skeel wird hinter den dicken Mauern einer Polizeiwache 'vernommen', d. h. in die Mangel genommen, bedroht und geprügelt – eine Selbstverständlichkeit, die nicht einmal das Opfer in Frage stellt.

Selbstverständlich sorgt der Bezirksstaatsanwalt für den guten Ruf der prominenten Verdächtigen. Sie haben sich zwar mit dem Kanarienvogel vergnügt und sich im Urteil ihrer Klasse damit in die Gosse begeben. Deren Verdammung trifft sie jedoch nur, wenn diese Verfehlung an die Öffentlichkeit gerät; ansonsten wird stillschweigend gebilligt, dass auch feine Männer sich ihre Hörner abstoßen müssen – eine Heuchelei, für deren Ende wir den modernen Medien endlich einmal dankbar sein können.

Die Welt des Philo Vance ist in diesem Jahr 1927 bereits vom Untergang bedroht. Der 'plebs’ beginnt die Oberschicht zu infiltrieren. 'Altes Geld’ wird in den Strudel der Weltwirtschaftskrise von 1929 geraten, was aber nur Teil einer Entwicklung ist, die zum grundlegenden Wandel der Gesellschaftsordnung führt. Van Dine geht selbst darauf ein, als er einfließen lässt, dass wenige Jahre nach dem Mordfall Canary der Stuyvesant-Club, in dem Vance und der New Yorker 'Adel’ unter sich bleiben können, ersatzlos einem Wolkenkratzer weichen musste; Vance verlässt die USA und geht nach Europa, wo sich sein Lebensstil noch einige Zeit länger konservieren lässt.

Der Film zum Buch

The Canary Murder Case wurde schon 1928 unter der Regie von Malcolm St. Clair mit der Starbesetzung William Powell (in der Rolle des Philo Vance), Luise Brooks (Margaret Odell) und Jean Arthur (Alys La Fosse) als einer der letzten Hollywood-Stummfilme gedreht und 1929 von Frank Tuttle zu einem Tonfilm 'umgearbeitet'. Trotz der daraus resultierenden technischen Probleme wurde der kuriose Filmhybrid zu einem großen Kinoerfolg, was auch die Popularität der Van-Dine-Romane unterstreicht.

Michael Drewniok, November 2007

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Elmar zu »S.S. van Dine: Der Mordfall Canary« 17.08.2004
Mit Wimsey hat Vance nichts zu tun, und im Gegenteil zu Dorothy Sayers kann Van Dine sich gute Kriminalplots ausdenken. Der Schreibstil ist, verglichen mit Sayers, von atemberaubender Spannung, und außerdem belästigt Van Dine seine Leser nicht mit der Sayers-typischen Vulgärpsychologie. Der Trick, mit dem sich der Täter im "Canary" sein Alibi verschafft, wurde allerdings ein Jahr früher von Christie in "The Murder of Roger Ackroyd" sehr viel raffinierter angewendet.
Marion zu »S.S. van Dine: Der Mordfall Canary« 03.11.2003
der "canary", ein gefeierter bühnenstar wird tot in ihrer wohnung aufgefunden. die leiche gibt es, aber den herbeigerufenen kriminalisten ist absolut unklar, WIE der mord durchgeführt werden konnte: alle türen sind verschlossen; niemand konnte unbemerkt die wohnung betreten - ein rätsel, das der reiche müssiggänger philo vance lösen möchte.
ein bisschen erinnert van dines philo vance an lord peter wimsey, aber ich habe mir von anfang an mühe gegeben, die beiden nicht zu vergleichen (bin ein absoluter fan von wimsey - da kann philo im direkten vergleich nur verlieren). auf jeden fall aber zahlt es sich aus, philo in seinem bücherregal unterzubringen - nur neben lord peter sollte er nicht stehen.
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