Ein Akt der Gewalt von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2009
unter dem Titel Acts of violence,
deutsche Ausgabe erstmals 2011
bei Heyne.
Ort & Zeit der Handlung: USA, 1950 - 1969.
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Basingstoke: Macmillan New Writing, 2009 unter dem Titel Acts of violence.
ISBN:
978-0230743595. 280 Seiten. - New York: Penguin, 2011. 269 Seiten.
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München: Heyne, 2011.
Übersetzt von Teja Schwaner.
ISBN:
978-3-453-26679-7. 269 Seiten.
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[Hörbuch] Köln: Random House Audio, 2011.
Gesprochen von David Nathan.
ISBN:
3837108325. 4 CDs.
'Ein Akt der Gewalt' ist erschienen als
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In Kürze:
Es ist vier Uhr früh, als sich Katrina Marino auf den Heimweg macht. Die Straßen sind menschenleer, trotzdem hat Katrina das Gefühl, beobachtet zu werden. Als sie sich wenig später ihrer Haustür nähert, nimmt sie aus dem Augenwinkel eine Gestalt wahr. Noch bevor sie reagieren kann, ist der Angreifer über ihr und sticht mit einem Messer auf sie ein. Katrina fängt an zu schreien. Katrinas Nachbarn hören ihre Schreie. Alle schauen aus ihren Fenstern, doch wer unternimmt etwas?
Man kann es überall erleben, in der U-Bahn ebenso, wie auf der Straße im Supermarkt, im Bus oder wie bei Ryan David Jahn vor dem eigenen Apartment: Es geschieht ein Verbrechen und alle schauen weg. Der Autor von Akt der Gewalt konzentriert sich dabei nicht auf das Verbrechen, er spaltet das Geschehen auf. Der sinnlose Mord direkt vor der Haustür ebbt zu Füßen der anderen Beteiligten aus. Während um vier Uhr früh Katerina Marino um ihr Leben kämpft, sich schwerverletzt vor die Haustür schleppt, ringen die anderen Protagonisten mit ihrem eigenen Glück. Oder Unglück.
Nachts sind die Straßen menschenleer, aber hinter den blinden Fenstern schlafen nicht alle. Katerinas entsetzte Schreie bilden das Bindeglied menschlicher Abgründe, die der Autor entblättert und dabei ein Konstrukt wie bei Short Cuts von Robert Altman oder L.A. Crash von Paul Haggis einwirft. Im Film ist dies durch schnelle Bildwechsel leicht zu erreichen. Im Thriller bedarf es Geschichten, die über den Plot einer Kurzgeschichte hinausreichen.
Es ist die Tristesse, die Jahns Menschen miteinander verbindet. Mag hier ein einzelnes Schicksal noch so absurd, verzweifelt, selbst gemacht aufblitzen, die Lähmung in ihm ist so stark, dass es sich außer Stande fühlt, einzugreifen, einen Mord zu verhindern. Ja in einem Fall geht Jahn sogar soweit, dass nicht zum Telefonhörer gegriffen wird, weil das eigene Problem einem wichtiger erscheint. Man will sich nicht mit etwas belasten, das einen eigentlich nichts angeht. Und sei es , weil man sich den Fragen der Polizisten entziehen, seine Zeit nicht als Zeuge verplempern will.
Wer sich über Schaulustige bei schweren Unfällen oder Zuschauern bei Gewaltakten wundert, für den gibt es den Begriff »Bystander-Effekt« – zu Deutsch: Zuschauereffekt. Er lässt sich auf den Mord an Catherine Genovese zurückführen, der auch im Klappentext des Romans erwähnt wird.
Der Mord an ihr, bei der die Nachbarschaft nicht eingriff, bildet die Vorlage für Ein Akt der Gewalt. Schonungslos seziert Jahn die Gründe. Wer soll demjenigen am Fenster schon nachweisen, dass er etwas gesehen hat? Haben sie nicht alle geschlafen? Haben sie nicht alle nichts gehört?
Es ist ein zutiefst menschlicher Charakterzug, sich wegzuducken, die Augen zu verschließen. Unschuldig ist jeder, solange ihm nicht unterlassene Hilfeleistung nachgewiesen wird. Prozesse, die sich auf den Strafbestand beziehen, gibt es selten.
Auch Genovese wurde am 13. März 1964 in Sichtweite niedergestochen und vergewaltigt. Auch bei ihr kehrte der Mörder ein zweites Mal zurück, folgte der Blutspur und wiederholte seine Tat.
Der in Los Angeles als Drehbuchautor lebende Ryan David Jahn versteht sich auf den schnellen Moment und verzichtet auf die Bloßstellung von Schuld. Er stellt die Teilnahmslosigkeit bloß, indem er sie als etwas Alltägliches darstellt. Hat irgendjemand etwas anderes erwartet? Mein Gott, schlimme Dinge geschehen halt. Da draußen. Die brutale Darstellung des Mordes steht der heimeligen Atmosphäre menschlicher Probleme in den Apartments oder auf der Straße gegenüber.
Für seine Geschichte braucht der Autor gerade mal drei Stunden. Viele Thriller unterliegen Gestalten, deren Psyche so krankhaft gezeichnet werden, dass sie wie ein Alptraum über einen Plot herfallen. Jahns Geschichte einer Nacht wird von Menschen bevölkert, die sich selbst genügen. Sie begegnen einem an der Tankstelle, im Café, sitzen neben einem im Kino und schütteln den Kopf über die Gewalt im Fernsehen, über die Katastrophen in der Welt. Stillschweigend sind sie bereit, sie zu ignorieren, wenn sie in ihrer näheren Umgebung stattfinden.
Wie leicht lässt es sich wegsehen? Davon erzählt Ryan in einem schillernden Blick durch die Fenster eines Apartmentblocks. Jedes Schicksal ist anders. Oder? Sind sie nicht alle gleich? Sind Sie nicht vor allem deswegen so verloren, weil sie feige sind? Patrick, Diane, Thomas, Peter, Frank.
Wer da wohl schreien mag, denkt Kat. Armes Ding.
Wolfgang Franßen, März 2011
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| Buboter zu »Ryan David Jahn: Ein Akt der Gewalt« | 08.03.2011 |
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| Alexi1000 zu »Ryan David Jahn: Ein Akt der Gewalt« | 06.03.2011 |


