Falsche Freundin von Rosa Ribas

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 unter dem Titel En caída libre, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei Suhrkamp.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Frankfurt am Main, 2010 - heute.
Folge 3 der Cornelia-Weber-Tejedor-Serie.

  • Barcelona: Viceversa, 2011 unter dem Titel En caída libre. 350 Seiten.
  • Berlin: Suhrkamp, 2011. Übersetzt von Schwaar, Peter. ISBN: 978-3518463024. 300 Seiten.

'Falsche Freundin' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Ein tragischer Todesfall am Frankfurter Flughafen kommt Cornelia Weber-Tejedor gerade recht. Inkognito mischt sich die Kommissarin unter das Reinigungspersonal des Flughafens und flieht so aus ihrem verzwickten Privatleben. Mit Hilfe ihrer neuen Kollegin Elin, in der Cornelia eine Freundin gefunden hat, stößt sie schon bald auf den Chef eines Drogenhändlerrings. Als Elin plötzlich bedroht wird, begeht Cornelia einen fatalen Fehler.

Das meint Krimi-Couch.de: »Undercover in der eigenen Stadt!« 45°

Krimi-Rezension von Matthias Kühn

Eigentlich könnten die Krimis von Rosa Ribas Glücksfälle sein: Eine spanische Autorin schreibt hessische Krimis! Wer sich aber auf eine ungewöhnliche Mischung aus Lokalkolorit und fremden Sichtweisen auf die Eigenarten der Frankfurter Spezies freut, wird von Falsche Freundin ziemlich enttäuscht. Leider aber auch alle, die einfach nur einen guten Krimi lesen wollen.

Hauptkommissarin Cornelia Weber-Tejedor, eine deutsch/spanische Gemeinschaftsproduktion, ermittelt in einem breit angelegten Fall. Zuerst stürzt eine Reinigungskraft (dieses unschöne Wort wird ständig verwendet) unglücklich die Gangway herunter und stirbt; eine Kollegin holt ihr etwas aus der Kitteltasche, was wiederum beobachtet wird. Dann wird eine Leiche aus dem Main gezogen, armlos und mit aufgeschlitztem Bauch. Es dauert nicht lange, bis klar ist: Die beiden Fälle hängen zusammen, zumal in der Kitteltasche der ersten Toten Spuren von Drogen entdeckt werden. Die Frau ohne Arme war nämlich eine »Körperschmugglerin«, hatte also Kokainpäckchen verschluckt, die normalerweise nach der Landung in langen Sitzungen mühsam wieder ausgeschieden werden. Aber ein Päckchen platzte, die Kurierin starb. Um aber die heiße Ware zu retten, wurden der Toten die Drogen auf rustikale Art entnommen, die aufgeschlitzte Leiche schließlich in den Main geworfen.

Nun wird also ermittelt. Offenbar verdienen sich am Flughafen manche der Putzfrauen etwas hinzu, indem sie dabei helfen, in Flugzeugen versteckte Drogenpäckchen an den Kontrollen vorbeizuschmuggeln. Die Todessturz-Maschine kam aus Südamerika, Drogen sowieso; der Nachwuchs für solche Kurierdienste wird natürlich in Salsakneipen rekrutiert  wo auch sonst. So findet das Team praktisch auf Anhieb den Latino, der die inzwischen armlose Dame herangezogen hat. So einfach kann Polizeiarbeit sein!

Der größte Klops aber folgt direkt: Wie kann eine Frankfurter Kriminalkommissarin am örtlichen Flughafen in einer äußerst gefährlichen Aktion undercover eingesetzt werden? Das ist völlig ausgeschlossen.

Wer bei einem solchen Schnitzer das Ding nicht weglegt, will vielleicht mehr wissen: Die Kommissarin mit dem Doppelnamen heißt jetzt Cornelia Lenz, bekommt eine eigene Vita zusammengeschustert und zieht in eine kleine Wohnung in Flughafennähe. Sie beginnt als Putzfrau am Flughafen zu arbeiten, wo sie nach und nach das Vertrauen einiger Kolleginnen gewinnt.

Falsche Freundin soll durch Nebenlinien aufgelockert werden, die höchstens die Zielgruppe von Gaby Hauptmann oder Susanne Fröhlich ansprechen. Das ganze Beziehungsgemauschel, allem voran das Verhältnis zum noch recht neuen Kollegen Leopold, das die Ermittlerin dazu veranlasst, Distanz zur eigenen Abteilung zu bekommen, weshalb sie den Undercover-Einsatz forciert  das stört in dieser Breite gewaltig. Diese Nebenlinien legen gleichermaßen den Fortgang der Story und die Spannung lahm; manche Stränge und wiederkehrende Motive sind kaum zu ertragen: Etwa wenn Cornelia morgens das Radio einschaltet und in ihrer kleinen Undercover-Wohnung auf die Rhythmen alter Songs herumhüpft. Oder wenn sie von einem Privatkampf gegen einen konkurrierenden Ebay-Anbieter erzählt, der ihr die Bettwäsche streitig machen wollte. Abgesehen davon, dass man bei Ebay die Namen der Konkurrenten nicht sieht: Solche Sachen sollte Ribas wirklich den Autorinnen trivialer Frauenromane überlassen.

Zudem versammelt Falsche Freundin etliche sprachliche Pannen, die in einen Kurs über kreatives Schreiben als Negativbeispiele genutzt werden können. Kann man ohrenbetäubenden Lärm nutzen, um sich auf Bewegungen und Augen zu konzentrieren? Kann man ein Ritual wiederaufnehmen, »das es eigentlich nie gegeben hatte«? Sätze wie »Die Situation wurde immer unerträglicher« haben gute Autoren (oder Autorinnen) nicht nötig: Abgesehen von dem heute leider üblichen, dennoch falschen Komparativ  so etwas sollte durch Beschreibung von selbst klar werden.

Allerdings: Kaum hat das Buch, nach immerhin gut 180 Seiten, Fahrt aufgenommen, funktionieren ein paar Gags und Bilder tatsächlich, dann entwickelt Ribas auch etwas Wärme  und Spannung. Denn als falsche Freundin ihrer neuen Kolleginnen, also als Teil der kriminellen Bande, zeigt sich Cornelia überengagiert und macht Fehler. Die fatale Neigung zur Emotionalität lässt die Erzählung allerdings die Grenzen zum Trivialen überschreiten.

Aber dennoch fesselt jetzt die Erzählung durchaus, plötzlich wirkt die Dramaturgie besser motiviert und lebendig, meistens passt die logische Struktur, nun fließt der Text halbwegs. Kolleginnen, Vorgesetzte, Aufpasser, Schlägertypen  die Geschichte läuft und wird gegen Ende klug und spannend. Reicht das? Blöde Frage: nein.

Flughafen, Drogenschmuggel, Undercover  das erinnert an das glänzende Schieber-City von Dan Kavanagh alias Julian Barnes, in dem die Drogen auch schon mal in ausgenommenen Babys transportiert werden. Falsche Freundin hält dem (unfairen) Vergleich auf keiner Seite stand. Zudem nervt das zwanghafte Erwähnen Frankfurter Plätze und Straßen, weil es aufdringlich auf eine regionale Käuferschaft schielt; so entsteht kein Stimmungsbild, wie es den Londoner Flughafenroman Schieber-City so atmosphärisch macht.

Normalerweise darf man sprachliche Mängel einer Übersetzung vorbehaltlos dem Übersetzer ankreiden. Aber hier nicht! Die Übersetzung stammt von Peter Schwaar, der beispielsweise Die Stadt der Wunder von Eduardo Mendoza dermaßen leuchtend und klar ins Deutsche gebracht hat, dass mich jetzt ein Verdacht beschlich: Irgendjemand, vielleicht die Autorin selbst, hat an der Übersetzung rumgepfuscht. Ich glaube nicht, dass Peter Schwaar eine Formulierung wie »dank ihrem guten Gedächtnis« abgeliefert hat.

Ein Schlusswort gehört der Autorin. Bevor der eigentliche Showdown beginnt, betritt sie eine Buchhandlung und sagt dort, was sie sucht:

»Ich wollte etwas Unterhaltsames, aber ehrlich gesagt mag ich nicht unbedingt Bücher, die mehr als vierhundert Seiten brauchen, um etwas zu erzählen.«

Dieses Buch hätte sie dann bestimmt nicht empfohlen bekommen.

Matthias Kühn, März 2012

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