Du bist das Böse von Roberto Costantini

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 unter dem Titel Tu sei il male, deutsche Ausgabe erstmals 2012 bei Bertelsmann.
Ort & Zeit der Handlung: Italien / Rom, 2010 - heute.

  • Venedig: Marsilio, 2011 unter dem Titel Tu sei il male. 669 Seiten.
  • München: Bertelsmann, 2012. Übersetzt von Anja Nattefort. ISBN: 978-3-570-10132-2. 574 Seiten.

'Du bist das Böse' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Während ganz Rom 1982 das WM-Endspiel Italien gegen Deutschland verfolgt, wird eine junge Angestellte des Vatikan ermordet. Der draufgängerische Commissario Balistreri nimmt den Fall auf die leichte Schulter. Ein Mörder wird nie gefunden. Über zwanzig Jahre später gibt es erschreckend aktuelle Gründe, um den Fall wieder aufzunehmen. Doch dem Opfer nach so langer Zeit Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, kostet Balistreri einen weit höheren Preis als angenommen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Highlight des Jahres!« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Juli 1982: Ganz Italien fiebert dem WM-Endspiel gegen Deutschland entgegen, die Straßen sind wie ausgestorben. Auch Commissario Michele Balistreri will das Finale nicht verpassen und so stört der verzweifelte Hilferuf eines Elternpaares die Vorfreude auf dem vermeintlichen Titelgewinn erheblich. Die 18-jährige Elisa Sorti kam nicht pünktlich nach Hause und Balistreri vermutet, dass sie sich mit einem Freund oder in einer Bar das Finale ansehen möchte. Also werden die Eltern erst einmal vertröstet, zumal auf den Commissario noch eine schöne Frau wartet. Mehrere Tage später wird die grausam entstellte Leiche von Elisa Sorti gefunden. Die Obduktion ergibt, dass sie am Abend des Finales ermordet wurde. Balistreri macht sich Vorwürfe und stürzt sich in die Ermittlungen, wo er recht bald auf den vermeintlichen Täter trifft. Dieser wird eingesperrt, alle sind recht zufrieden, doch quasi auf der Zielgeraden bricht die gesamte Ermittlungsarbeit in sich zusammen, es kommt zu einem Fiasko. Der Fall bleibt ungelöst…

Juli 2005: Die junge Studentin Samantha Rossi wird brutal misshandelt, vergewaltigt und ermordet. Die Täter scheinen schnell gefasst zu sein. Drei junge Roma gestehen die Misshandlungen, machen für den Mord jedoch eine vierte Person, einen ihnen unbekannten Mann verantwortlich. Antonio Pasquali, oberster Koordinator im römischen Polizeipräsidium, glaubt den Männern nicht und ist froh, den Fall kurzerhand gelöst zu haben. Nicht zuletzt, weil er damit auch der Politik in die Hand spielt, denn eine mitten in der Stadt gelegene Barackensiedlung der Roma stört viele Einwohner schon lange. Allein Balistreri, inzwischen Leiter der »Sondereinheit Ausländer« hat so seine Zweifel, denn der jungen Frau wurde ein Buchstabe in ihre Haut eingeritzt; die drei Roma aber sind Analphabeten…

Dezember 2005: Die junge Rumänin Nadia, die in Rom als Prostituierte arbeitete, wird von ihrer Freundin als vermisst gemeldet. Balistreri und seine Ermittler stoßen schnell auf ein wahres Wespennest, indem erneut einige Rumänen in das Visier der Fahnder geraten. Aber auch die örtliche Polizeiführung macht nicht gerade einen seriösen Eindruck. Als Balistreri entdeckt, dass ein Serienmörder sein Unwesen treibt und womöglich die aktuellen Geschehnisse mit dem ungelösten Fall von 1982 zusammen hängen, überschlagen sich plötzlich die Ereignisse…

Du bist das Böse ist als Auftakt zu einer Trilogie um den Commissario Michele Balistreri geplant und sollten die beiden Folgebände auch nur annähernd das Niveau dieses Debüts halten, so dürfte die Serie ähnlich einschlagen wie zuletzt die Trilogie von Stieg Larsson. Roberto Costantini hat hier ein furioses Feuerwerk abgebrannt, welches einen stundenlang in das jeweils verfügbare Sitzmöbel presst. Dies liegt zunächst einmal an dem eigenwilligen Protagonisten, der zunächst als Ich-Erzähler die Ereignisse des Jahres 1982 erzählt, bevor dann die Geschehnisse in 2005 und 2006 in der dritten Person beschrieben werden. Der junge Balistreri war einst bei den Faschisten sehr aktiv, doch als diese in den »bewaffneten Kampf« zogen, wollte er davon nichts mehr wissen. So landete er beim Geheimdienst, ermittelte Undercover gegen seine ehemaligen Mitstreiter und musste kurz vor seinem Auffliegen Schutz bei seinem Bruder suchen, der es aufgrund hervorragender politischer Kontakte schaffte, ihn bei der Polizei unterzubringen.

Er war Katholik und glaubte an das Jüngste Gericht. Ich war ein Zyniker und glaubte an gar nichts.

Eigentlich sollte dies nur für eine Übergangszeit sein, denn für Balistreri war klar, dass er seine Zukunft in Afrika verbringen wollte. Bis dahin ging er zwar engagiert seinem Job nach, jedoch mit einer gewissen Oberflächlichkeit, die seiner rebellischen Einstellung geschuldet ist. Pokern, Whisky, Unmengen an Zigaretten und ungezählte Frauen bestimmten seinen Lebensinhalt. Prompt stürzte er sich im Fall der ermordeten Elisa Sorti auf den erstbesten Verdächtigen und erleidet ein Desaster erster Klasse.

Alte Polizisten waren mir zuwider, ich fand sie einfach fehl am Platze. Diesen Beruf konnte man von dreißig bis fünfzig machen, und dann Feierabend. Und das auch nur, wenn es schlecht lief. Lieber verhungere ich, als mit fünfzig noch diesem Scheißstaat zu dienen.

Über zwanzig Jahre später ist Balistreri nicht in Afrika, sondern – mit Mitte fünfzig – noch immer Polizist in Rom. Ein gealterter, desillusionierter Polizist, ein menschliches Wrack. Psychologische Behandlungen und Antidepressiva gehören längst zu seinem Alltag, Sex gibt es schon lange nicht mehr…

Auch der Plot erfüllt höchste Erwartungen. 1982 gibt es eine Reihe verdächtiger Personen, die jedoch alle über ein Alibi verfügen. Dann folgt eine Mordserie in 2005/2006, bei der der Mörder offenbar ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei treibt, indem er seine Signatur an den Tatorten hinterlässt. Jeder (weiblichen) Leiche wird ein Buchstabe in die Haut geritzt. Minutiös und entsprechend detailverliebt schildert der Autor die mühsame Ermittlungsarbeit, die sich nur allzu oft im Kreis dreht. Immer wieder kommen kleine Details zum Vorschein, die den Stand der Ermittlungen um Nuancen verschieben bis hin zu einer fulminanten Auflösung.

Der Protagonist und der exzellente Plot sind alleine schon Kauf- und Leseanreiz genug, doch Costantini setzt noch einen drauf, in dem er einen tiefen Einblick in das aktuelle Italien gibt.

»Du kannst dir gar nicht vorstellen, was für Auswirkungen der Sieg unserer Nationalmannschaft hat, Mike. Die Mehrwertsteuerbilanz lag Mitte Juli deutlich über der Prognose.«

»Ein Land, in dem die Bürger ihre Steuern mit Blick auf die Fußballergebnisse zahlen, ist nicht gerade der Inbegriff der Zivilisation.«

Das »Casilino 900«, eine Barackensiedlung in der rund tausend Roma unter widrigsten Bedingungen hausen, ist mitten in Rom vielen Bürgern und Politikern ein Dorn im Auge. Ausländerfeindlichkeit und offener Rassismus prägen die zahlreichen Schmierereien an den Hauswänden, einige Rechtspopulisten befeuern die Diskussion zusätzlich.

Im Jahr 2000 wurde er (Pasquali) von der Squadra mobile zur Antimafia-Einheit versetzt, wo unter seiner Leitung einige Mafiabosse, die schon ewig im Untergrund lebten und längst von anderen ersetzt worden waren, in spektakulären Aktionen verhaftet wurden. Dabei gab er gut acht, dass kein ehemaliger oder amtierender Politiker, egal, welcher Couleur, durch seine Ermittlungen in Mitleidenschaft gezogen wurde. Er war der aufrichtigen Überzeugung, den wahren Interessen seines Landes so am besten zu dienen.

Costantini gelingt es eindrucksvoll, vor allem das Ränkespiel hinter den Kulissen eindringlich darzustellen und so wird mancher Leser mehr Angst vor den Zuständen in Italien bekommen als vor dem gesuchten Serienmörder. Wie gesagt, ein kriminalliterarischer Höhepunkt des Jahres!

Jörg Kijanski, Oktober 2012

Ihre Meinung zu »Roberto Costantini: Du bist das Böse«

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Kicky zu »Roberto Costantini: Du bist das Böse« 17.06.2014
Der beste Krimi den ich in letzter Zeit gelesen habe. packend, spannend und verwirrend. Manchmal kommt man mit den Namen der Charaktere schon durcheinander. Aber man ist von Anfang bis zum Ende gefesselt von Spannung. Man könnte denken, dass die Story, der Länge des Buches geschuldet, langatmig wird. Aber weit gefehlt. Sollte mal der Gedanke aufkommen, jetzt geht die Luft aus, wird man sofort eines besseren belehrt. Unbedingt empfehlenswert. Ich warte auf die Fortsetzung.
Oldman zu »Roberto Costantini: Du bist das Böse« 21.08.2013
Ein erstaunlich guter Krimi aus Italien. Er kommt ohne die stets gern genommene Mafia, nicht jedoch ohne Kirche und Korruption aus. Der Plot ist spannend geschrieben, die Charakterisierung der Protagonisten weitgehend stimmig. Die Ambition des Autors ist scheinbar die,ein möglich episches Werk zu schaffen, und hier wird es dann doch schwierig. Zu viele Personen werden in vielen Querverbindungen in Szene gesetzt, so daß einem der Überblick abhanden kommt, wenn man aus Zeitgründen eine Lesepause von einigen Tagen einlegen mußte. Das Ende gerät zu lang und ist teilweise nicht mehr ganz glaubwürdig.Dennoch ein recht guter Krimi, wenn man dann noch bedenkt, daß dies ein Erstlingswerk ist. Die Fortsetzung werde ich sicherlich lesen !
Albert43 zu »Roberto Costantini: Du bist das Böse« 04.03.2013
Ich hatte mich auf dieses so hoch gelobte Buch gefreut, bin aber leider enttäuscht.
Vielleicht das interessanteste noch, die Veränderung in Michele Balisteri vom sexgierigen und gelangweilten Polizisten zu einem depressiven und kränkelnden Commissario, der selbst mit Fußball nichts mehr anzufangen weiß.
Leider baut sich aber kaum Spannung auf. Die Auflösung ist eher auch seltsam und die Ausländerproblematik ein bisschen aufgesetzt.
Kein völlig missratener Krimi, aber gekonnter depressiv sind dann doch Autoren wie Nesbö.
Bio-Fan zu »Roberto Costantini: Du bist das Böse« 06.11.2012
Zu Recht der Volltreffer des Monats und ganz bestimmt eines der Krimi-Highlights des Jahres, auch wenn Costantini wie viele Autoren seines Altern allzu sehr in Männerphantasien schwelgt. Der Held Michele Balistreri als Schablone des unwiderstehlichen Latin Lover ist schon etwas überzogen dargestellt und all die Frauen, die ihn umschwirren wie Motten das Licht, sind viel zu schön um wahr zu sein. Das ist aber kein Grund, das Buch nach 150 Seiten in die Ecke zu schmeißen.;-)

Des Helden Zügellosigkeit in amourösen Dingen unterstreicht nur seine Oberflächlichkeit, die er als junger, unerfahrener Polizist an den Tag legt. Sein erster Mordfall, der zur Zeit des Fußball-WM-Finales 1982 stattfindet, übersteigt nicht nur seine damaligen Fähigkeiten, aus einem Gespinst falscher Aussagen und wackliger Alibis die Wahrheit herauszufiltern, sondern verdeutlicht auch mangelnde Empathie und fehlendes Engagement.

Die Zeit heilt nicht immer alle Wunden. Je älter Michele wird, desto schwerer lasten die Schuldgefühle. 24 Jahre später, wieder zu Fußball-WM-Zeiten, führen diverse Mordfälle, die möglicherweise mit dem damaligen Fall in Verbindung stehen, zu seiner Katharsis.

Virtuos verknüpft Costantini individuelle Schicksale mit der Befindlichkeit einer ganzen Nation. Italien, ein Land im Freudentaumel, wenn die "Azzurri" sich anschicken, Fußballgeschichte zu schreiben, aber auch ein Land, dessen politische Strukturen durchdrungen sind von Geheimdienst-Machenschaften, Mafia-Einfluss und Ränkespielen von Faschisten und Kommunisten. Selbst Michele, der in jungen Jahren den faschistischen Untergrund kennenlernte und dann für den Geheimdienst arbeitete, ist unfähig, das Machtpokerspiel zu durchschauen.

Zug um Zug deckt der Autor die verdeckten Karten des Spiels auf - das bedeutet Verwirrung und Spannung bis zum Schluss, der mir ein bisschen zu harmonisch ausfällt und zu wenig offen lässt für die Fortsetzung, die schon in der Arbeit ist. Sehr gute 88° von mir.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
schlupp zu »Roberto Costantini: Du bist das Böse« 31.10.2012
Ich habe dieses Buch nach 150 Seiten in die Ecke geschmissen. Ein Ich -Erzähler, der nicht nur alles kann, dem auch alle Frauen zu Füssen liegen, wieviel Komplexe muss der Autor wohl haben?
in jedem zweiten Satz wird das Lieblingswort "vögeln" benutzt, ist der Autor wirklich noch nicht erwachsen? Selten so etwas armseliges gelesen!
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