Die Toten von Santa Clara von
Buchvorstellung
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2004
unter dem Titel Silent and the Damned,
deutsche Ausgabe erstmals 2005
bei Page & Turner.
Ort & Zeit der Handlung: Spanien / Andalusien / Sevilla, 1990 - 2009.
Folge 2 der Javier-Falcón-Serie.
- Orlando: Harcourt, 2004 unter dem Titel Silent and the Damned. 358 Seiten.
- London: HarperCollins, 2004. 507 Seiten.
-
München: Page & Turner, 2005.
Übersetzt von Kristian Lutze.
ISBN:
3-442-20294-9. 507 Seiten. -
München: Goldmann, 2007.
Übersetzt von Kristian Lutze.
ISBN:
978-3-442-45928-5. 506 Seiten.
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ISBN 3-442-20294-9, 512 Seiten. Copyright © 2005 Verlagsgruppe Random House
Leseprobe
Aus dem Englischen von Kristian Lutze
RAFAEL
(im Dunkeln blinzelnd)
Habe ich Angst? Wenn ich neben Lucía im Bett liege undmein kleiner Mario nebenan im Schlaf aufschreit, habe
ich eigentlich keinen Grund, mich zu fürchten. Dennoch tue
ich es. Meine Träume haben mich geängstigt, nur dass sie
jetzt keine Träume mehr sind. Sie sind lebendiger. Sie handeln
von Gesichtern, immer nur Gesichter. Sie scheinen mir
unbekannt, und dann erlebe ich seltsame Augenblicke, in
denen ich kurz davor bin, sie zu erkennen, aber es ist, als
wehrten sie sich. Dann wache ich auf, weil …Ich bin wieder
ungenau gewesen. Sie sind nicht aus Fleisch und Blut. Sie
sind eher geisterhaft als real, aber sie haben Gesichtszüge. Sie
haben eine Farbe, aber die ist nicht zu definieren. Sie sind
fast, aber nicht ganz menschlich. Das ist es. Sie sind nur fast,
aber nicht ganz menschlich. Ist das ein Hinweis?
Wenn ich mich vor diesen Gesichtern fürchten würde,
ginge ich nur widerwillig ins Bett, und doch freue ich mich
manchmal auf den Schlaf; und ich merke, dass es daran liegt,
dass ich die Antwort wissen will. Irgendwo in meinem Kopf
gibt es einen Schlüssel, der die Tür öffnen und mir sagen
wird: Warum diese Gesichter? Warum nicht irgendwelche anderen?
Was zeichnet sie aus? Mittlerweile sehe ich sie recht
deutlich, auch tagsüber, wenn meine Gedanken in irgendeiner
Weise abschweifen. Mein Unbewusstes projiziert diese
Phantomgesichter auf lebendige Menschen, nur einen
Augenblick lang, bevor die echten Menschen wieder in den
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Vordergrund treten. Danach fühle ich mich töricht und aufgewühlt
wie ein alter Mann, dem Namen auf der Zunge liegen,
die er nicht hervorbringt.
Ich zittere. Das stellt mein Verstand mit mir an. Ich zeige
erste Risse. Ich bin zum Schlafwandler geworden. Lucía hat
es mir erzählt, als ich unter der Dusche war. Sie sagte, dass ich
um drei Uhr morgens in mein Arbeitszimmer hinuntergegangen
wäre. Später habe ich auf dem Schreibtisch einen
leeren Block gefunden. Darauf den Abdruck einer Handschrift.
Das Original war nirgends zu finden. Ich habe das
oberste Blatt vors Fenster gehalten und sah, dass es etwas war,
was ich selbst geschrieben hatte: »...in der dünnen Luft...«?
EINS
Mittwoch, 24. Juli 2002
Ich will zu meiner Mami. Ich will zu meiner Mami.«
Consuelo Jiménez öffnete die Augen und blickte in ein
Kindergesicht, das nur wenige Zentimeter von ihrem eigenen,
halb im Kissen vergrabenen Kopf entfernt war. Ihre
Wimpern streiften den Bezug. Das Kind packte ihren Oberarm.
»Ich will zu meiner Mami.«
»Schon gut, Mario. Wir suchen deine Mami«, sagte sie und
dachte, dass es dazu noch viel zu früh war. »Du weißt doch,
dass sie direkt gegenüber ist, oder? Du kannst hier bei Matías
bleiben, mit uns frühstücken, noch ein bisschen spielen...«
»Ich will meine Mami.«
Die Finger des Kindes gruben sich fordernd in ihren Arm.
Sie strich ihm über den Kopf und küsste seine Stirn.
Ihr widerstrebte es, im Nachthemd über die Straße zu gehen,
so wie es die Frauen aus der Arbeiterschicht taten, wenn
sie etwas aus dem Laden an der Ecke brauchten, aber das
Kind zerrte quengelnd an ihr. Also streifte sie einen seidenen
Morgenmantel über ihren Pyjama und schlüpfte in ein Paar
goldfarbene Sandalen. Schnell fuhr sie sich noch einmal
durchs Haar, während Mario schon ihren Morgenmantel zuband
und sie dann hinter sich herzerrte.
Sie fasste seine Hand und führte ihn Stufe für Stufe die
Treppe hinunter. Als sie das kühle, klimatisierte Haus verließen,
schlug ihnen eine undurchdringliche, schwüle Hitze ent-
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gegen, die nach einer weiteren drückenden Nacht keinen
Hauch von morgendlicher Frische mehr mit sich trug. Sie
überquerten die leere Straße. Palmwedel hingen ausgedorrt
herab, und man hatte das Gefühl, als hätte das Viertel nur
mühsam aus dem Schlaf gefunden. Das einzige Geräusch war
das Surren der Klimaanlagen, die weitere unerwünschte heiße
Luft in die erstickende Atmosphäre des exklusiven Viertels
Santa Clara am Stadtrand von Sevilla pusteten.
Während sie Mario, der plötzlich störrisch und bockig geworden
war, als hätte er sich das mit seiner Mami anders überlegt,
halb hinter sich herziehen musste, sah Consuelo, dass aus
einem Riss in einem der hohen Balkone am Hause der Vegas
Wasser tropfte. Dick wie Blut platschte es in der mörderischen
Hitze auf die üppige Vegetation. Auf Consuelos Stirn
bildete sich Schweiß, und beim Gedanken an den restlichen
Tag und die sich seit Wochen aufstauende, sengende Hitze
wurde ihr übel. Sie tippte den Zahlenkode in das Ziffernfeld
neben dem Außentor und trat auf die Einfahrt. Mario rannte
zum Haus, drückte gegen die Haustür und stieß sich den Kopf
an dem Holzrahmen. Consuelo klingelte, und der elektrische
Glockenton hallte in der Stille hinter den Doppelfenstern des
Hauses nach wie in einer Kathedrale. Niemand rührte sich.
Schweißtropfen sickerten zwischen ihre Brüste. Mario hämmerte
mit seiner kleinen Faust gegen die Tür; es klang wie ein
dumpfer Schmerz, hartnäckig wie untröstliche Trauer.
Es war kurz nach acht Uhr morgens. Sie leckte den Schweiß
ab, der sich auf ihrer Oberlippe gebildet hatte.
Am Tor war mittlerweile das Hausmädchen aufgetaucht. Sie
hatte keinen Schlüssel. Um diese Uhrzeit sei Señora Vega für
gewöhnlich schon wach, sagte sie. Im Garten neben dem Haus
hörten sie den ukrainischen Gärtner Sergei. Sie gingen zu ihm
hin, und überrascht hielt er seine Hacke wie eine Waffe, als er
die beiden Frauen erblickte. Er trug Shorts, und Schweiß
strömte an seinem muskulösen nackten Oberkörper herab. Er
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hatte seit sechs Uhr in der Früh gearbeitet und nichts gehört.
Soweit er wusste, stand der Wagen noch in der Garage.
Consuelo ließ Mario in der Obhut des Hausmädchens und
ging mit Sergei zur Rückseite des Hauses. Er stieg auf die
Veranda vor dem Wohnzimmer und spähte durch die Jalousien
der Schiebetür. Die war verschlossen. Also kletterte er
über das Geländer und beugte sich vor, um ins Küchenfenster
zu blicken, das zum Garten hinausging. Sein Kopf zuckte
entsetzt zurück.
»Was ist los?«, fragte Consuelo.
»Ich weiß nicht«, sagte er. »Señor Vega liegt auf dem
Boden. Er bewegt sich nicht.«
Consuelo nahm das Hausmädchen und Mario mit in ihr
Haus. Der Junge spürte, dass irgendetwas nicht stimmte, und
fing an zu weinen. Das Hausmädchen versuchte vergeblich,
ihn zu trösten, und zappelnd wand er sich aus ihrer Umarmung.
Consuelo wählte die Nummer des Notrufs, zündete
sich eine Zigarette an und versuchte, sich zu konzentrieren,
während sie das hilflose Hausmädchen beobachtete: Die
Frau stand über den Kleinen gebeugt, der sich in einem Wutanfall
tretend und heulend wie ein wildes Tier auf den Boden
geworfen hatte und sich nun langsam zur Ruhe schluchzte.
Consuelo berichtete, was sie gesehen hatte, und nannte Namen,
Adresse und Telefonnummer, bevor sie den Hörer auf
die Gabel knallte, zu dem Kind ging, es ungeachtet der Tritte
und Schläge fest an sich drückte und immer wieder seinen
Namen flüsterte, bis es reglos in ihren Schoß sank.
Sie legte den Jungen in ihr Bett, zog sich an und rief das
Hausmädchen nach oben, damit es ein Auge auf Mario hatte.
Er war eingeschlafen. Consuelo betrachtete ihn eingehend,
während sie sich kämmte. Das Hausmädchen saß auf einer
Ecke des Bettes, unglücklich, nun Teil einer fremden Tragödie
geworden zu sein, die auch ihr eigenes Leben beeinträchtigen
würde.
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Vor dem Haus der Vegas fuhr ein Streifenwagen vor. Consuelo
ging hinaus, um den Polizisten zu begrüßen und führte
ihn zur Rückseite des Hauses, wo er auf die Veranda kletterte.
Er fragte sie, wo der Gärtner war, und sie ging über den Rasen
zu einem kleinen Gebäude am Fuße des Hangs, wo Sergei
sein Quartier hatte. Vergeblich. Der Polizist pochte derweil
an das Küchenfenster und gab per Funk einen kurzen
Lagebericht ans Präsidium, bevor er wieder von der Veranda
stieg.
»Wissen Sie, wo Señora Vega ist?«, fragte er.
»Sie müsste im Haus sein. Da war sie jedenfalls gestern
Abend, als ich sie angerufen habe, um ihr zu sagen, dass ihr
Sohn bei meinen Jungen übernachten würde«, sagte Consuelo.
»Warum haben Sie ans Fenster geklopft?«
»Es hat keinen Sinn, die Tür einzutreten, wenn er bloß betrunken
auf dem Fußboden eingeschlafen ist.«
»Betrunken?«
»Neben ihm liegt eine Flasche auf dem Boden.«
»Ich kenne ihn seit Jahren, und ich habe nie erlebt, dass er
die Kontrolle verliert …nie.«
»Vielleicht ist es anders, wenn er allein ist.«
»Und was haben Sie sonst noch unternommen?«, fragte
Consuelo und versuchte angesichts der Gelassenheit des einheimischen
Polizisten die schrille Reizbarkeit der Madrilenin
in ihrer Stimme zu unterdrücken.
»Sobald Sie uns angerufen haben, wurde ein Krankenwagen
auf den Weg geschickt, und jetzt ist der Inspector Jefe del
Grupo de Homicidios, der Chefinspektor der Mordkommission,
benachrichtigt worden.«
»Im einen Moment ist er nur betrunken, im nächsten
schon ermordet?«
»Auf dem Fußboden liegt ein Mann«, erwiderte der Streifenpolizist
jetzt ärgerlich. »Er bewegt sich nicht und reagiert
nicht auf Geräusche. Ich habe -«
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»Meinen Sie nicht, dass Sie versuchen sollten, ins Haus zu
kommen, um zu sehen, ob er noch lebt? Er reagiert nicht,
aber vielleicht atmet er ja noch.«
Auf der Miene des Streifenpolizisten spiegelte sich Unentschlossenheit,
doch der eintreffende Krankenwagen rettete
ihn. Gemeinsam mit den Notärzten stellte er fest, dass das
Haus auf Vorder- und Rückseite komplett verriegelt war.
Weitere Wagen hielten vor dem Haus.
Inspector Jefe Javier Falcón hatte das Frühstück beendet und
saß im Arbeitszimmer seines riesigen Hauses aus dem 18. Jahrhundert
in der Altstadt von Sevilla. Er trank den Rest seines
Kaffees und studierte die Bedienungsanleitung einer Digitalkamera,
die er vor einer Woche gekauft hatte. Wegen der
dicken Mauern und der traditionellen Bauweise des Hauses
musste er die Klimaanlage nur selten einschalten. In dem
Marmorbrunnen plätscherte Wasser, ohne dass es ihn störte.
Nach einem für ihn persönlich sehr turbulenten Jahr hatte
er nun seine Konzentrationsfähigkeit wiedergefunden. Sein
Handy auf dem Schreibtisch vibrierte. Seufzend griff er danach.
Dies war die Tageszeit, zu der üblicherweise die Leichen
gefunden wurden. Er ging hinaus in den Kreuzgang um
den Innenhof und lehnte sich an eine der Säulen, die die
Galerie trugen. Dort hörte er sich die Fakten an, nackt und
bar jeder Tragödie. Zurück in seinem Arbeitszimmer notierte
er die Adresse: Santa Clara. Es klang nicht wie ein Ort, an
dem irgendetwas Schlimmes passieren konnte.
Er schob das Handy in die Hosentasche, nahm seine
Wagenschlüssel und öffnete das gewaltige Holztor vor dem
Haus. Dann ließ er seinen Seat zwischen die Orangenbäume
rollen, die den Eingang flankierten, und ging zurück, um das
Tor zu schließen.
Die Klimaanlage blies kalte Luft gegen seine Brust, als er
über die engen Kopfsteinpflasterstraßen auf die von hohen
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Bäumen gesäumte Plaza del Museo de Bellas Artes fuhr. Er
verließ die Altstadt Richtung Fluss und bog rechts in die Calle
del Torneo. Im morgendlichen Dunst waren in der Ferne die
verschwommenen Umrisse der »Harfe« zu sehen, der gewaltigen
Puente del Alamillo, die der Architekt Calatrava über
den Fluss gespannt hatte. Er entfernte sich vom Flussufer in
Richtung Neustadt und kämpfte sich durch die Straßen um
den Bahnhof Santa Justa, bevor er an endlosen Hochhäusern
vorbei der Avenida de Kansas City folgte, während er an das
exklusive Barrio, das Viereck, dachte, in das er fuhr.
Die Gartenstadt von Santa Clara war von den Amerikanern
geplant worden, um den eigenen Offizieren Unterkünfte zu
bieten, nachdem nach Unterzeichnung des Verteidigungsund
Wirtschaftsabkommens 1953 in der Nähe von Sevilla das
Strategic Air Command eingerichtet worden war. Einige der
Bungalows sahen immer noch aus wie in den 50er Jahren,
andere hatte man an die spanische Architektur angepasst, und
wieder andere waren von ihren wohlhabenden Besitzern
komplett abgerissen und durch Neubauten palastartiger Villen
ersetzt worden. Soweit sich Falcón erinnerte, hatte keine
dieser Veränderungen es geschafft, das Viertel von seiner allgegenwärtigen
Unwirklichkeit zu befreien. Es hatte etwas
damit zu tun, dass die Häuser einzeln auf eigenen Grundstücken
standen, zusammen, aber isoliert, was völlig unspanisch
war und eher an eine amerikanische Vorstadt erinnerte.
Außerdem war es im Gegensatz zum Rest von Sevilla hier geradezu
unheimlich still.
Falcón parkte im Schatten einiger Büsche und Bäume vor
einem modernen Haus in der Calle Frey Francisco de Pareja,
das trotz seiner Backsteinfassade und einiger Ornamente wie
eine massive Festung wirkte. Beim Anblick des ersten Menschen,
den er nach Betreten des Grundstücks sah, musste er
sich zwingen, entschlossen weiterzugehen: Juez de Guardia
Esteban Calderón, der zuständige Staatsanwalt. Er hatte seit
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mehr als einem Jahr nicht mehr mit Calderón zusammengearbeitet,
doch die Erinnerung an ihren letzten Fall war noch
frisch. Sie gaben sich die Hand und klopften sich auf die
Schulter. Falcón war überrascht, neben dem Staatsanwalt
Consuelo Jiménez stehen zu sehen, eine Frau, die ebenfalls
eine wichtige Rolle bei diesem einen Fall gespielt hatte. Aber
nur noch wenig erinnerte an die gutbürgerliche Ehefrau, die
er vor einem Jahr bei den Ermittlungen im Zusammenhang
mit der Ermordung ihres Mannes kennen gelernt hatte.
Mittlerweile trug sie ihr Haar in einer modernen Frisur und
offen, dazu weniger Make-up und Schmuck. Er verstand
nicht, was sie hier machte.
Die Notärzte gingen zu ihrem Krankenwagen zurück und
holten eine fahrbare Trage heraus. Falcón begrüßte den
Médico Forense, den Gerichtsmediziner, und die Sekretärin
des Staatsanwalts per Handschlag, während Calderón den
Streifenpolizisten fragte, ob er irgendwelche Spuren für ein
gewaltsames Eindringen ins Haus festgestellt hatte, worauf
der Polizist Bericht erstattete.
Consuelo Jiménez war von dem neuen Javier Falcón fasziniert.
Der Inspector Jefe trug nicht seinen obligatorischen
Anzug, sondern Chinos und ein weißes Hemd, die Ärmel bis
zu den Ellenbogen hoch gekrempelt. Mit seinem sehr kurz
geschnittenem grauem Haar wirkte er jünger. Falcón spürte
ihr Interesse und überspielte seine Befangenheit, indem er
einen weiteren seiner Beamten, Sub-Inspector Pérez, vorstellte.
Es entstand ein Moment nervöser Verwirrung, in dem
Pérez sich verdrückte.
»Sie fragen sich, was ich hier mache«, sagte sie. »Ich wohne
gegenüber. Ich habe die …Ich war bei dem Gärtner, als er
Señor Vega auf dem Boden liegend entdeckt hat.«
»Ich dachte, Sie hätten ein Haus in Heliopolis gekauft?«
»Nun, genau genommen war es Raúl, der das Haus in Heliopolis
gekauft hat …vor seinem Tod«, sagte sie. »Er wollte
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in der Nähe seines geliebten Bétis-Stadions sein, und ich interessiere
mich nicht für Fußball.«
»Und wie lange wohnen Sie schon hier?«
»Seit beinahe einem Jahr.«
»Und Sie haben die Leiche entdeckt.«
»Der Gärtner, und wir wissen noch nicht, ob er wirklich tot
ist.«
»Hat irgendjemand einen Ersatzschlüssel?«
»Das bezweifle ich«, sagte sie.
»Ich sollte mir das besser mal ansehen«, meinte Falcón.
Señor Vega lag auf dem Rücken. Morgenmantel und Schlafanzug
waren von seinen Schultern gerutscht und schnürten
seine Arme ein. Sein Brustkorb war nackt, und es sah aus, als
hätte er Hautabschürfungen an Brust und Bauch und Kratzspuren
am Hals. Das Gesicht des Mannes wirkte blass und
hart, seine Lippen waren gelblich-grau.
Falcón kehrte zu Juez Calderón und dem Médico Forense
zurück.
»Meines Erachtens ist er tot, aber vielleicht wollen Sie
noch einen Blick auf ihn werfen, bevor wir die Tür aufbrechen
«, sagte er. »Wissen wir, wo seine Frau ist?«
Consuelo erklärte die Situation noch einmal.
»Ich denke, wir müssen reingehen«, sagte Falcón.
»Das könnte möglicherweise schwierig werden«, vermutete
Señora Jiménez. »Lucía hat vor dem letzten Winter neue
Fenster mit Doppelscheiben aus kugelsicherem Glas einbauen
lassen. Und wenn die Haustür ordnungsgemäß verriegelt
ist, sollten Sie vielleicht lieber versuchen, durch die
Mauer reinzukommen.«
»Sie kennen das Haus?«
In der Einfahrt tauchte eine Frau auf, eine beeindruckende
Erscheinung mit roten Haaren, grünen Augen und einer
so weißen Haut, dass ihr Anblick im Sonnenlicht beinahe
schmerzte.
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»Hola, Consuelo«, wandte sie sich an das einzig vertraute
Gesicht in der Runde.
»Hola, Maddy«, sagte Consuelo und stellte sie allen anderen
als Madeleine Krugman vor, die Nachbarin von Señora
Vega.
»Ist Lucía oder Rafael irgendetwas zugestoßen? Ich habe
den Krankenwagen gesehen. Kann ich irgendetwas tun?«
Nicht nur wegen ihres amerikanischen Akzents, zog Madeleine
Krugman alle Blicke auf sich. Sie war groß und schlank
mit vollem Busen, üppigem Hintern und der angeborenen
Fähigkeit, selbst langweilige Männer zu extravaganten Fantasien
zu inspirieren. Lediglich Falcón und Calderón hatten
ihre Hormone so weit im Griff, dass sie genug Selbstbeherrschung
aufbrachten, ihr in die Augen zu sehen.
»Wir müssen dringend ins Haus gelangen, Señora Krugman
«, sagte Calderón. »Haben Sie einen Ersatzschlüssel?«
»Nein, habe ich nicht …was ist denn mit Rafael und Lucía?«
»Rafael liegt reglos auf dem Küchenfußboden«, sagte Consuelo,
»und was mit Lucía ist, wissen wir nicht.«
Madeleine Krugman schnappte schockiert nach Luft. »Ich
habe die Telefonnummer seines Anwalts. Rafael hat sie mir
für den Fall gegeben, dass es während ihres Urlaubs ein
Problem mit dem Haus gibt«, sagte sie. »Ich müsste rasch zurück
ins Haus...«
Sie machte ein paar Schritte rückwärts und wandte sich
zum Tor. Alle Blicke hefteten sich auf ihren Hintern, der sich
unter dem weißen Leinen ihrer Schlaghose deutlich abzeichnete.
Ein schmaler roter Gürtel lag um ihre Hüften wie eine
Blutspur. Erst als sie hinter der Mauer verschwunden war, ließen
sich auch wieder männliche Stimmen vernehmen, die
während ihres strahlenden Auftritts verstummt waren.
»Sie ist sehr schön, nicht wahr?«, fragte Consuelo Jiménez
und ärgerte sich über ihr Bedürfnis, die Aufmerksamkeit wieder
auf sich zu lenken.
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»Ja«, sagte Falcón, »und ganz anders als die Schönheit, die
wir in dieser Gegend gewöhnt sind. Weiß. Durchscheinend.«
»Ja«, sagte Consuelo. »Sie ist sehr weiß.«
»Wissen wir, wo der Gärtner ist?«, wechselte Falcón das
Thema.
»Er ist verschwunden.«
»Was wissen wir über ihn?«
»Sein Name ist Sergei«, sagte sie. »Er ist Russe oder
Ukrainer. Wir teilen ihn uns, die Vegas, die Krugmans, Pablo
Ortega und ich.«
»Pablo Ortega …der Schauspieler?«, fragte Calderón.
»Ja, er ist erst vor kurzem hergezogen«, sagte sie. »Er ist
nicht besonders glücklich.«
»Das überrascht mich nicht.«
»Natürlich. Waren Sie es nicht, Juez Calderón, der seinen
Sohn für zwölf Jahre ins Gefängnis gebracht hat?«, fragte
Consuelo. »Schreckliche Geschichte, wirklich schrecklich.
Aber das meinte ich nicht, als ich sagte …Obwohl das natürlich
auch ein Faktor ist. Es gibt Probleme mit dem Haus, und
nachdem er jahrelang im Zentrum gelebt hat, findet er die
Gegend ein wenig …tot.«
»Warum ist er umgezogen?«, fragte Falcón.
»Weil in seinem Barrio keiner mehr mit ihm sprechen
wollte.«
»Wegen seines Sohnes?«, fragte Falcón. »Ich erinnere mich
nicht an den Fall...«
»Ortegas Sohn hat einen achtjährigen Jungen entführt«,
sagte Calderón. »Er hat ihn gefesselt und mehrere Tage lang
missbraucht.«
»Aber er hat ihn nicht getötet?«, fragte Falcón.
»Der Junge konnte entkommen«, sagte Calderón.
»Genau genommen war es noch ein wenig seltsamer«, korrigierte
Consuelo ihn.
