Fluch der wilden Jahre von Robert Hültner

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2005 bei btb.
Ort & Zeit der Handlung: , 1990 - 2009.
Folge 2 der Kommissar-Türk-Serie.

  • München: btb, 2005. ISBN: 3-442-73247-6. 224 Seiten.

'Fluch der wilden Jahre' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Ein heruntergekommenes Mietshaus in der Münchner Vorstadt. Im Vordergebäude betreibt der Ex-68er Friedbert Lamm ein kleines Antiquariat, im Rückgebäude renoviert ein junger Mann alten Hausrat und Möbel. Die Mieten sind niedrig. Da stirbt der Besitzer, ein Altmünchner Handwerksmeister. Sein Sohn ist von anderem Schlag. Er entscheidet sich für eine Immobilienfirma und Luxus-Sanierungen. Wenig später wird die Leiche des Immobilen-Haies entdeckt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Joseph Türk kann es nicht lassen.« 75°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Gustl Anetzberger war zu Lebzeiten eine Legende als Wirt. Doch nun ist er im fortgeschrittenen Alter verstorben und prompt gibt es Ärger, da sein Haus durch den Immobilienhai Gerd Losswitz umfangreich saniert werden soll. Joseph Türk, einst bei der Münchner Kripo aktiv und nach einer Degradierung nur noch Streifenpolizist im 29er Revier, kannte Anetzberger und erweist ihm die letzte Ehre. Als unmittelbar nach dessen Beisetzung Friedemann Lamm des Mordes an Losswitz verdächtigt und verhaftet wird, versteht Türk die Welt nicht mehr. Lamm gilt zwar als politisch Linker, ein früherer 68er, aber daneben als ruhiger Zeitgenosse, dessen ganze Hingabe seinem Buchladen gilt. Da er eine Wohnung im Haus von Anetzberger hat und er sich eine Luxussanierung nicht leisten kann, ist zumindest ein Motiv vorhanden. Und noch schlimmer: Unmittelbar vor der Ermordung von Losswitz hat sich Lamm mit diesem getroffen. Unzählige seiner Fingerabdrücke sprechen Bände. Lamms Tochter Patty, die mit Türks Neffen Friedl zusammen ist, glaubt fest an die Unschuld ihres Vaters und bittet Türk um Hilfe. Dieser weigert sich zunächst, doch seine Vergangenheit als Kripobeamter lässt ihn nicht lange ruhen.

»Der Schranz hat dich noch immer im Visier. Warum ist jedem klar – weil er auf dem Posten hockt, der eigentlich der deine gewesen wäre. Was passiert ist, ist aber mal passiert. Halt dich also aus allem raus, was unsere Arbeit angeht, sonst springt er dir ins Kreuz. Wenn du darauf keine Lust hast, tät ich ihm keine Gelegenheit dazu geben. Hast mich verstanden?«
»Hälst mich für blöd?«, fragte Türk.
»"Eigentlich nicht«, meinte Reiter trocken. »Aber hin und wieder kann man’s nicht anders bezeichnen.«

Seit ungefähr einem halben Jahr ist Türk im Streifendienst und hat sich mit der neuen Situation weitgehend arrangiert. Im zweiten Band der Joseph-Türk-Reihe (nach »Das schlafende Grab«) erfährt der Leser endlich, wie es zu dessen Degradierung kam. Doch auch wenn Türk mit seiner neuen Rolle leidlich zufrieden ist, so ganz kann er es eben doch nicht lassen, vor allem wenn ihn sein Neffe beziehungsweise dessen neueste Eroberung um Hilfe bittet. Zudem hat er nicht immer eine hohe Meinung von seinen Kollegen.

Maierhofer winkte matt ab. »Sag mal ehrlich. Wann hast du zuletzt einen Mörder getroffen, der was im Kopf hat? Einen Täter, wo du sagst: Hut ab? Guter Plan, raffinierte Ausführung, und darum nicht zu knacken? Nein, es ist wie in den meisten Fällen. Der normale Mörder ist ein Depp.«
»An dir ist ein genialer Profiler verloren gegangen«, lästerte Türk.

Wie bei Serien üblich, gibt es ein Wiedersehen mit vielen alten Bekannten. Nur einer fehlt: Ausgerechnet Kommissar Schranz, dem Türk seine Degradierung zu verdanken und mit dem er sich zuvor grandiose verbale Gefechte geliefert hat, wird von Kommissar Reiter vertreten. Ansonsten ist es ein bisschen »wie immer« bei Robert Hültner. Trockene, gallige Dialoge mit bayerischer Schnauze und natürlich ein gehöriges Maß an Politik, die im vorliegenden Fall fast alle Nebenfiguren miteinander verbindet.

»Dass der Herr Lamm erwiesenermaßen zum Tatzeitpunkt am Tatort gewesen ist, wirst du ja wissen.«
»Das kann bloß ein Zufall gewesen sein.«
»Zufall.«
»Ja, was denn sonst?«
»Joe! Zufall! Wenn wir bei Gericht mit so was daher kommen, da kriegen wir bestenfalls den Narhalla-Orden dafür!«

Fluch der wilden Jahre kann nicht ganz mit dem Vorgänger mithalten, ist aber dank der Schreibkunst eines zu Recht mehrfach preisgekrönten Autors wie Robert Hültner immer noch deutlich über dem üblichen Mainstream-Einheitsbrei einzuordnen. Wer politisch angehauchte Krimis mit viel Sprachwitz mag, der darf einmal mehr zugreifen.

Jörg Kijanski, Juni 2013

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