Jahrmarkt der Begierde von Robert Edmond Alter

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1966 unter dem Titel Carny Kill, deutsche Ausgabe erstmals 1992 bei Bastei Lübbe.

  • New York: Fawcett, 1966 unter dem Titel Carny Kill. 190 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 1992. Übersetzt von André Simonoviecz. Schwarze Serie; Nr. 19. ISBN: 3-404-19163-3. 190 Seiten.

'Jahrmarkt der Begierde' ist erschienen als Taschenbuch

Das meint Krimi-Couch.de: »Tödliche Touristenfalle« 83°

Krimi-Rezension von Bernd Neumann

Robert Edmond Alter – ein Verschollener aus Amerikas zweiter Reihe. Robert Edmond Alter war ein vielseitiger Vielschreiber. Neben seinen Kinderbüchern (!) haben ihn besonders seine zwei Kriminalromane überlebt, die typische Vertreter des amerikanischen »roman noir« darstellen.
R.E. Alter selbst ist – völlig zu Unrecht – in Vergessenheit geraten; er starb mit 40 Lebensjahren, hätte mit dem Nimbus seiner Vielseitigkeit damit eigentlich beste Voraussetzungen zum Kultautor.
Bastei-Lübbe und seiner legendären »Schwarzen SERIE« haben wir es zu verdanken, dass Alters »Sumpfschwester« und »Jahrmarkt der Begierde« 1991/92 verlegt wurden und heutzutage wenigstens noch antiquarisch aufzuspüren sind.

Tatort: Ein sumpfiger Freizeitpark am Wattenmeer von Florida

»Jahrmarkt der Begierde« hat den Untertitel »Im Sumpf der Leidenschaft«. Nach 190 Seiten muss die exzellente Doppeldeutigkeit als kleiner Geniestreich anerkannt werden!
Auf einer bunten Spielwiese geht es um Begehrlichkeiten von Liebe, Geld und Macht, die Leidenschaft führt zu Erpressung und treibt zum Mord.
Das ganze Szenario spielt sich ab auf dem kleinen und zugleich so unübersichtlich-wuseligen Terrain vom Traumland »Neverland«.

In Anlehnung an Peter Pans Insel der Abenteuer ist das ernannte Neverland eine Touristenattraktion, ein eigenwilliger Erlebnispark direkt am Wattenmeer der Küste Floridas, dort, wo die Grundstückspreise relativ billig sind.
Hier hat in etwas schmuddeliger Atmosphäre der alte Jahrmarkts-Routinier Robert Cochran, ein gerissenes und mit allen Wassern gewaschenes irisches Schlitzohr, eine billige Kopie des glamourösen Disneyland von Süd-Kalifornien aus dem Sumpf gestampft.

Cochran hat seiner Phantasie freien Lauf gelassen und bei der Gestaltung seines Erlebnisparks scheinbar etwas planlos kunterbunte Attraktionen aneinandergereiht:
Hinter der monströsen Fassade vom »Dracula-Schloß« befindet sich die Geisterbahn, es gibt die Magiershow, die Schießbude und weitere Attraktionen, die lauthals von den zahlreichen Ausrufern angepriesen wurden.
Die mit dem Boot befahrbare Sumpfbahn ist gespickt mit abgewrackten, zahnlosen Alligatoren, welche den mutigen Ruderern Angstschauer über den Rücken jagen sollten.
Die Schatzinsel ist eine plumpe Kopie nach Stevensons gleichnamigem Abenteuerroman, das Baumhaus soll Tarzans Bleibe vorgaukeln. Zur Perfektionierung hat Jahrmarktchef Cochran dafür extra einen Liliputaner engagiert, der sich im Cheeta-Kostüm unablässig durch die Bäume hangelt und allerhand mitbekommt, was vielen ebenerdig verborgen bleibt.

Natürlich darf auch eine Striptease-Show nicht fehlen, welche schon am hellerlichten Tag bestens besucht wird.
Wenn dann die Männer nach dem Ende der Vorstellung mit glasigem Tunnelblick wieder ins grelle Sonnenlicht eintorkeln, beschleicht den Beobachter schon die Befürchtung, ob die aufgestaute Lüsternheit gegen Abend im Schutz der Dämmerung nicht in Triebtaten mutieren könnte.

Les Thaxton, der Meister der Nussschalen

In dieses bunte Treiben platzt Les Thaxton, »den Jahrmarkt ansteuernd wie eine Taube ihren Schlag« (S. 5).

Les Thaxton stellt sich beim Chef Cochran vor.
Dieser ist von seiner Demonstration als Ausrufer und Hütchenspieler begeistert und stellt ihn ein (vgl. S. 48: »Ich gab eine kostenlose Vorstellung und bewegte die Schalen so schnell, dass selbst ein geübter Raketenbeobachter keine Chance gehabt hätte herauszufinden, unter welcher Schale die Erbse war.«).

Auch Thaxton ist ein alter Jahrmarktshaudegen. Gemeinsam mit seiner ehemaligen Frau, die mit einer Messerwerferschau das Publikum begeisterte, kennt er das bunte Treiben aus dem Effeff.
Und Thaxton ist auch alles andere als ein monogamer Kostverächter:

»Ich mag es, im Bett zu liegen, ich bete weibliche Körper an, ich bin eben verrückt nach Frauen – im Bett, auf dem Fußboden, einfach überall.« (S.93).

Von seinem alten Jahrmarkt wurde er verwiesen, weil er es mit einer Minderjährigen getrieben hatte, worauf auch seine Frau entsetzt von ihm türmte. Aber hier im Neverland will er wieder richtig loslegen, zeigen, dass er Touristen begeistern kann.

Jedoch exakt mit seiner Ankunft verbreitet sich plötzlich Angst und Schrecken auf dem »Jahrmarkt der Begierde« namens Neverland.

Am nächsten Morgen findet man den Chef Robert Cochran leblos in der Sumpfbahn, gefällt mit einem Flugmesser aus der Show von Thaxtons ehemaliger Frau.
Tags darauf liegt der als Affe verkleidete Liliputaner zerschmettert am Boden unterhalb des Baumhauses, welches Thaxtons vorübergehende Bleibe war.
So gerät er in schweren Tatverdacht und muss möglichst schnell seine Unschuld beweisen, bevor Hauptermittler Ferris in einlocht.

Stripteasetänzerin Billie scheint die einzige auf Neverland zu sein, auf die er sich noch verlassen kann. Billies Show hat ihn, dem der körperlichen Spontanliebe nicht Abgeneigten, schon am ersten Abend fasziniert:

»Sie trug einige durchsichtige, türkisfarbene Schleier, die sämtliche staatlichen Gesetze brachen …Eine der Trommeln machte bumm, und dann schlug Billie die Hände zusammen, und ihr Hüftschwung riss ein riesiges Loch in die abendländische Kulturvorstellung – so groß, dass ein Jahrzehnt Bibelstunden nicht ausreichen würde, es zu stopfen« (S.16).


Der »Jahrmarkt der Begierde« lebt von Charme den großartigen Milieu- und Personenschilderungen dieser Glamourwelt an einem scheinbar völlig unpassenden Ort. Selbst die kleinen Nebenfiguren werden in wenigen, aber dafür umso markanteren Sätzen sehr plastisch beschrieben. Alters Sprache hat die Wucht, Härte und Bitterkeit, die man von einem amerikanischen hard-boiled erwartet.

Aber R.E. Alter nimmt den Leser auch mit auf den Weg und schildert zwei Verbrechen und deren Aufklärung, und das auf schlüssig nachvollziehbare Art und Weise, noch dazu mit einem kaum zu erwartenden Finale.
Spannend ist dabei die seltsam kooperative Indizien- und Beweisfindung von Chefermittler Ferris und dem Hauptverdächtigen Les »Thax« Thaxton.
Ferris ist kein Schnellschießer, ihm geht es um die absolute Wahrheit, nicht um das Wegschließen eines möglichen Verdächtigen, um anschließend wieder schnellstens seine Ruhe zu haben:

»Ein guter Bulle verhaftet nicht sofort. Er wartet, bis er alle Beweise auf dem Tisch hat« (S.178).

Gespickt hat R.E. Alter seinen Krimi dabei mit feinem Humor (Beispiel S.8: »Wenn man eine Frau wie sie trifft, die aussieht, als käme sie direkt aus den Mittelseiten des Playboy – in diesem Fall bekleidet -, kann man die Falten seines billigen 50-Dollar-Anzugs regelrecht spüre, und man wünscht sich, dass man sich später am Tag rasiert hätte, nicht am frühen Morgen.«) und Lebensweisheiten (ebenso S.8: »Es macht keinen Spaß, etwas zu beweisen, wovon man selbst überzeugt ist«, oder S. 140: »Ein Mann, der dir einfach vertraut, ist heutzutage sehr rar«, oder z.B. S. 163: »Na ja, Bill, jedermanns Meinung hat einen gewissen Wert. Selbst eine Uhr, die stehengeblieben ist, gibt zweimal am Tag die richtige Zeit an. Also, was willst du mir anvertrauen?«).

Zitate aus Stevensons »Schatzinsel« und A.de S-Exuperiers »Nachtflug« machen den Krimi für Belletristikfreunde ebenso unterhaltsam wie die vielen Hinweise und Querverbindungen auf Kunst und Literatur.

Das einzig gravierend störende ist die Bezeichnung von Chefermittler Ferris’ grobschlächtigen Mitarbeitern als »SS-Typen«. Ein äußerst unpassender Vergleich, der mich – da auf nur 190 Seiten auch noch mehrfach erwähnt – sehr unangenehm berührt hat.

»Jahrmarkt der Begierde« ist ein kurzweiliger, unterhaltsamer und vor allen Dingen spannender Klassiker des zu Unrecht in Vergessenheit geratenen längst vergessenen Robert Edmond Alter, einem brillanten Schilderer grotesker Situationen und Menschen. Es lohnt sich, ihn wieder zu entdecken!

Bernd Neumann, März 2008

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Bartensen zu »Robert Edmond Alter: Jahrmarkt der Begierde« 04.08.2008
Ein düsterer Pulp-Noir vor der bröckelnden Fassade der glitzernden Jahrmarkts-Welt. Einen idealeren Schauplatz als das in den Sümpfen Floridas gelegene "Neverland" kann ich mir für Robert Edmond Alters fesselnden Roman kaum vorstellen.
Les Thaxton, selbst ein Krimineller wird hier zum Spielball eines Komplottes zwischen Liebe, Gier und Mord. Da Freunde rar sind und Vertrauen keine Option ist, wird er selbst zum Ermittler und verleiht dem Roman dadurch einen Hang zum klassischen Whodunnit.
Der moralische Verfall der vielen gut gezeichneten aber auch typischen Jahrmarkts-Charaktere ist allgegenwärtig, alle in der Hoffnung dem ausfransendem amerikanischen Traum noch den letzten Dollar abzuknöpfen.
Auch wenn die Zutaten allzu typisch (eine femme fatale, alte Liebschaften, damit verbundene Feinschaften) und auch die Auflösung schon fast zu logisch sind, bietet dieser Roman einen äußerst kurzweiligen Lesespaß.
Einen großen Dank an Bernd , das er diesen alten Klassiker für uns ausgebuddelt hat !
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
billabong zu »Robert Edmond Alter: Jahrmarkt der Begierde« 07.03.2008
Interessanter "swamp-noir".
Das Kleinod aus Alters Feder bleibt für mich aber sein zweiter Krimi "Sumpfschwester", eine tiefschwarze Story über Hoffnung und Gier in einem vergessenen Winkel Amerikas, in einer grünen Hölle, die ein fiebriges Eigenleben entfaltet...faszinierend schräg,
eine vergessene Perle.
Jochen zu »Robert Edmond Alter: Jahrmarkt der Begierde« 04.03.2008
Feines Buch, das Bernd da ausgegraben hat. Lohnt sich in den üblichen Antiquariaten nach zu forschen! Auch "Sumpfschwester" des gleichen Autors ist mehr als einen Blick wert für jeden, der auch mit Jim Thompson was anfangen kann.
War insgesamt eine gute Reihe, die "Schwarze Serie" von Bastei!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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