Bis zur Unkenntlichkeit von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 1997
unter dem Titel Beyond Recognition,
deutsche Ausgabe erstmals 2000
bei Blanvalet.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Washington (State) / Seattle, 1990 - 2009.
- New York: Hyperion, 1997 unter dem Titel Beyond Recognition. 480 Seiten.
-
München: Blanvalet, 2000.
Übersetzt von Rüdiger Hipp.
ISBN:
3-442-35221-5. 511 Seiten.
'Bis zur Unkenntlichkeit' ist erschienen als
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Das meint Krimi-Couch.de: »der zweifelhafte Ruhm des ewigen Geheimtipps«
In der Großstadt Seattle im US-Staat Washington übt ein mörderischer Brandstifter den perfekten Mord: Mit Raketentreibstoff erzeugt er am Tatort ein Feuer, dessen Hitze seine Opfer und sämtliche Tatspuren zu Asche zerfallen lässt. Sergeant Lou Bouldt, alter Kämpe im Morddezernat der örtlichen Kriminalpolizei, muss die wenigen Indizien buchstäblich zusammenscharren. Ein Profil des Täters stellt seine Kollegin, die Polizeipsychologin Daphne Matthews, zusammen. Die Ermittlungen verlaufen dennoch im Sande, bis die Polizisten von einem potenziellen Zeugen hören. Der zwölfjährige Ben, ein Opfer zerrütteter Familienverhältnisse, ist allerdings den Behörden gegenüber, die ihn vor seinem brutalen Stiefvater nie schützen konnten, notorisch misstrauisch. Immer wieder macht er sich aus dem Staub und gibt dem Brandstifter die Chance, den ungebetenen Zaungast zu erwischen und auszuschalten. Zudem wird der Mörder immer gefährlicher, denn der unermüdliche Boldt und sein Team kommen ihm doch auf die Spur.
Die Entdeckung einer perfide ausgeklügelten Mordfalle im Boldtschen Haus stachelt die Polizei weiter an. Der verdiente Erfolg scheint gekommen, als sich der Täter stellt und ein Geständnis ablegt. Boldts Vorgesetzte, die Politik und die Medien sind zufrieden, der Sergeant jedoch nicht. Ihm ist die Auflösung viel zu glatt. Dem Druck von oben ignorierend führt er die Ermittlungen fort, die ihn auf die Fährte eines weiteren Verdächtigen bringen. Dass er richtig liegt stellt sich bald heraus, als ein neues Höllenfeuer lodert …
Zwei Jahre hat er recherchiert, Feuerwehrleute, Forensiker und selbst einen Astronauten befragt. Dann setzte sich Ridley Pearson hin und schrieb einen weiteren seiner glänzenden Thriller, für die man ihn in seinem Heimatland verehrt und feiert, während er sich hierzulande weiterhin mit dem zweifelhaften Ruhm des ewigen »Geheimtipps« bescheiden muss. Was ausgesprochen ungerecht ist, wie die Lektüre von »Bis zur Unkenntlichkeit«, des vierten Lou Boldt/Daphne Matthews-Abenteuers, sehr deutlich zeigt. Die Elemente, aus denen Pearson es zusammenbaut, sind wohl bekannt.
Als Neuerer seines Genres kann man ihn wirklich nicht bezeichnen. Aber Pearson ist ein ausgezeichneter Handwerker, der seine Leser sehr wichtig nimmt. Vor dem spannenden Hintergrund – Feuer wird die Menschen zu allen Zeiten faszinieren und das Fürchten lehren – entwickelt der Verfasser eine schlüssige Handlung, die mit interessanten Figuren und vielen unerwarteten Hakenschlägen fesseln kann. Selten wird die moderne Polizeiarbeit so unaufdringlich in die Geschichte eingebaut – und das unter Wahrung der alten Weisheit, dass trotz oder sogar wegen allen technischen Fortschritts weiterhin schief gehen wird, was schief gehen kann.
Pearson ist bekannt für sein Talent, hochkomplexe Fahndungen, Polizeieinsätze und Verfolgungsjagden zu inszenieren, die spektakulär scheitern. Man verlasse sich niemals auf ausgetüftelte Pläne oder technische Wunderwaffen, so lange sie von Menschen entworfen und eingesetzt werden, so sein Credo. Dem Fehlschlag liegen verhängnisvolle Mechanismen zu Grunde, die quasi automatisch ablaufen. Wieso dies so ist, macht Pearson auch in »Bis zur Unkenntlichkeit« deutlich: Menschen sind unberechenbar, und selbst der perfekte Plan kann durch Kompetenzrangeleien in den eigenen Reihen, politische Winkelzüge, juristische Fuäangeln, Karriereehrgeiz und natürlich fehlgeleitete Pressefreiheit torpediert werden.
Glücklicherweise gilt dies für die Guten ebenso wie die Bösen. Letztere bekommen zwar einen Vorsprung, weil sie sich nicht um Gesetze und Regeln kümmern müssen. Doch sie können nicht gewinnen – nicht weil sie übermächtig sind, sondern weil auch sie Fehler machen, selbst wenn dies bedeutet – ein Kollege Boldts fasst es sarkastisch in Worte -, dass die Chance einen Mörder zu schnappen mit der Zahl seiner Opfer wächst. Selten geschieht es, dass ein Serienkrimi seine Qualität nicht nur halten, sondern über die Jahre sogar steigern kann.
Vielleicht liegt es an Pearsons klugem Entschluss, es mit den Fortsetzungen nicht zu überstürzen, sondern erst dann zu schreiben, wenn ihm wirklich etwas eingefallen ist. Das führt dann zu dem angenehmen Erlebnis, dass nicht nur die Handlung in ihren Bann zieht, sondern auch die Protagonisten für sich einnehmen können. Pearson lässt ihr Leben nicht auf jenen eingefahrenen Geleisen laufen, die das Gewohnheitstier Leser angeblich so schätzt. Immer stöät ihnen etwas Neues zu, kontinuierlich entwickeln sie sich weiter.
Lou Bouldt ist – zumal für einen Cop – eine ungewöhnliche Hauptfigur. Er trinkt nicht, ist kein dekorativ ausgebrannter Zyniker, liebt gute Musik, ist Ehemann und Vater. Schon typischer ist sein allzu ausgeprägter Hang zum Job, von dem er nicht einmal lassen kann, wenn es privat um Leben und Tod geht.
Alle mögen Lou (außer seine Vorgesetzten – auch das ein bekanntes Copkrimi-Klischee), die Frauen lieben ihn sogar. Hier sind es zwei: die angetraute Gattin und die schöne Kollegin. Aus dem altbekannten Dreieck weiß Pearson viel Seifenschaum zu pressen – und baut einen zweiten Handlungsstrang auf, der mit dem Kriminalfall nur am Rande zu tun hat und mindestens genauso ergreifend ist.
Daphne Matthews ist weder demonstrativ tüchtiges Flintenweib noch Boldt-schmückendes Beiwerk, sondern eine echte zweite Hauptperson mit eigenen Ecken und Kanten. Im Job geht es ihr auch nicht anders als den Kollegen: Irrtümer und falsche Entscheidungen kommen vor und schaffen das Chaos. Privat ist Matthews aggressiver als Boldt, den sie nicht als Freund, sondern als Partner fordert und nichts dagegen hätte, wenn sich die ahnungslose Gattin in Luft auflöste.
Der »Gelehrte« mit dem Feuertick ist der Übeltäter aus Thriller-Bastelhölle Nr. 666. Das Problem mit literarischen Serienmördern (sie teilen es mit ihren Kumpanen aus Film und Fernsehen) ist ihr allzu gehäuftes Auftreten. Seit Hannibal L. ist der Krimifan zudem dank der Medien zum ausgewiesenen Fachmann für diese Verbrecherspezies geworden. Sie kann uns daher nicht mehr wirklich überraschen.
Glücklicherweise hält sich Pearson in Sachen Serienmord an die (ohnehin deprimierenden) Fakten, d. h. er versucht nicht seine Schriftsteller-Kollegen zu übertrumpfen, indem er dem »Gelehrten« ganz besonders bizarre und scheußliche Verrücktheiten andichtet. Er stellt den ihn außerdem nicht in den Vordergrund, sondern bindet ihn in das Geschehen ein, dem er eher als Katalysator dient. Für die übrigen Figuren gilt dasselbe wie für die hier vorgestellten: Sie wirken lebensecht, sind stets mehr als Kanonenfutter, das es zu beklagen gilt, wenn der Mörder wieder zuschlägt, und runden das Lesevergnügen zuverlässig ab.
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