Kaputt in El Paso von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2003 unter dem Titel Sky Full of Sand, deutsche Ausgabe erstmals 2007 bei Pulp Master.
- Tucson: Dennis McMillan, 2003 unter dem Titel Sky Full of Sand. 342 Seiten.
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Berlin: Pulp Master, 2007.
Übersetzt von Frank Nowatzki und Angelika Müller.
ISBN:
978-3927734364. 342 Seiten.
'Kaputt in El Paso' ist erschienen als
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In Kürze:
Uriah Walkinghorse wähnt sich mit Midlife-Crisis in der Sackgasse. Einst als Bodybuilder noch als Mister West Texas erfolgreich, tritt er nunmehr als Hausmeister eines heruntergekommenen Apartmentkomplexes in El Paso nur noch gegen verstopfte Toilettenschüsseln an. Um dem Alltagstrott zu entrinnen, lässt er sich von einem Dominastudio als maskierter Henker anheuern. Doch als der VIP-Banker Clive Renseller bei einer S/M-Session einem Herzinfarkt erliegt und Uriah von Narcotraficantes über die Grenze nach Mexiko verschleppt wird, um dort exekutiert zu werden, wird ihm klar, dass es im Leben immer noch schlimmer kommen kann …Sollte unsere Zivilisation eines Tages in die Höhlen zurückkehren müssen, kann sich niemand beklagen, man hätte uns nicht gewarnt. Rick DeMarinis hat es mit diesem Noir-Thriller, der den alltäglichen Wahnsinn thematisiert, der uns schon längst zur Gewohnheit geworden ist, zumindest versucht.
Uriah Walkinghorse war mal Mister Westside, doch das ist fast 20 Jahre her. Der passionierte Bodybuilder steckt tief drin im Schlamassel, denn außer seinem wohlgeformten Körper hat er mit 42 Jahren nichts mehr. Geschieden von seiner Frau, die mit einem Rennfahrer durchgebrannt ist, hat er seinen gut bezahlten Job als Gabelstaplerfahrer geschmissen, da er nicht einsieht, dem verlogenen Stück 30% seiner Einkünfte in den gierigen Rachen zu stecken. Nun ist er Hausmeister in einem herunter gekommenen Appartementkomplex in El Paso und ein Großteil seines Arbeitstages besteht darin, das marode Abwassersystem des Gebäudes von Verstopfungen zu befreien. Einziger Lohn ist freie Logis in einem der Appartements.
Kann es schlimmer kommen? Ja! Autor Rick DeMarinis lässt seinen Helden Uri einen amerikanischen Alptraum durchleiden. Komparse bei perversen Sexspielchen, Helfer bei der Beseitigung einer Leiche, fettreiches Essen, Erpressungsopfer, Schlägereien, Entführungsopfer, verstopfte Klos, mexikanischer Guerillakrieg, schlechte Cocktails, ein im Sterben liegender Vater, ein schwerstsüchtiger Bruder, Verwahrlosung der Sprache, violett gefärbte Schamhaare, Wirtschaftskriminalität, Drogenhandel, überzogene Unterhaltsforderungen und ein paar mehr oder weniger blutige Morde. Wohlgemerkt, wir sprechen über einen Roman von gerade mal 350 Seiten Länge.
Ein unbeschriebenes Blatt
Großer Bekanntheit erfreut sich Autor DeMarinis weder in Deutschland noch in den USA. Umso lobenswerter ist es da, dass wieder einmal der Maass Verlag ein Juwel des Pulp aus der sprichwörtlichen Scheiße gezogen hat. Im Nachwort erzählt uns Ekkehard Knörer ein paar Takte zum Autor, der in einer griffigen Kurzgeschichte eine größere schriftstellerische Herausforderung sieht als in einem herkömmlichen Roman. Ein klassischer Krimiautor ist DeMarinis demnach nicht. Tatsächlich ist Kaputt in El Paso sein erster reiner Kriminalroman.
DeMarinis zieht alle Register des Pulp. Da wird gemordet und gemeuchelt nach Lust und Laune, Killer mit Herz, bisexuelle Leibwächter, hirnlose Schläger und all die anderen schrägen Gestalten, die in diesem Subgenre des Kriminalromans erwartet werden dürfen. Was den Autor jedoch auszeichnet, ist sein Talent, sich bei keiner seiner Figuren mit einem plumpen Charakterisierung zu begnügen. Nicht nur Uriah ist ein sehr facettenreicher Protagonist (seine Reflektionen über die Liebe sind ein Genuss), auch alle Nebenrollen werden dem Leser aus mindestens zwei Perspektiven präsentiert. Besonders liebenswert dabei ist die stinknormale amerikanische Durchschnittsfamilie, die nebenbei ein florierendes S/M-Studio betreibt.
Amerika und die ganze Welt
Apropos Familie: Die Familie Walkinghorse verleitet jeden Kritiker unverzüglich zu einer genaueren Analyse. Da ist ein alter Viertelindianer, der einst als Familienoberhaupt die Obhut über 5 Adoptivkinder übernommen hat. Schwarz, weiß, gelb, jede Hautfarbe ist vertreten. Und weil der Alte sehr religiös ist, nennt er jedes seiner Kinder nach einer anderen biblischen Gestalt. Nun allerdings ist Vater Walkinghorse schwer erkrankt und führt Zwiegespräche mit Jesus. Hier bekommt »religiöser Wahn« eine vollkommen neue Bedeutung. Und nicht nur das, nicht nur die bunte Regenbogenfamilie Walkinghorse oder die Abwasserleitungen in Uriahs Wohnhaus sind kaputt in El Paso, die ganze Welt, für die diese Familie steht, ist kaputt. Den Geschwistern fehlt der Familiensinn, sogar Spuren von Rassismus und Konkurrenz und Ausbeutung – schlicht: den Wahnsinn, der die Welt regiert – flechtet der Autor in diese Familie, in diese Nebengeschichte ein. Schon heute dürfen wir also Madonna oder Brad Pitt und Angelina Jolie viel Spaß mit ihren Adoptivkindern wünschen.
Kaputt in El Paso hat Zündstoff. Der Autor versteht es, diesen in einem Feuerwerk des Pulp nacheinander abzufackeln. Ohne dabei den Eindruck zu erwecken, jemals die Kontrolle über die explosive Komposition zu verlieren. Seine Figuren harmonieren wie die Instrumente eines Orchesters – und sind dabei genauso unterschiedlich. Man mag den Roman als eine Krimi-Oper bezeichnen. Oder einfach als echten Hammer!
Thomas Kürten, November 2007
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